Die skandinavischen Länder werden in Deutschland häufig pauschal als Vorbild hingestellt: Sozialstaat und Bildungswesen sind dort so gut ausgebaut wie kaum wo anders und dennoch scheint es den Ländern zu gelingen notwendige Reformen durchzuführen und produktiv zu bleiben. Das alleine sollte schon Grund genug sein einmal einen genaueren Blick auf die so gelobten Systeme zu werfen, wie beispielsweise im Folgenden auf das schwedische Hochschulsystem. Als Diskussionsfolie soll dazu - auch im Hinblick auf die aktuelle deutsche Diskussion - der Gegensatz von Eliten- und Massen-Universität dienen. Nimmt man die beiden (in der Praxis nicht unbedingt so vorhandenen) Pole Eliten-Universität bzw. Massen-Universität als Maßstab zur Einordnung des schwedischen Hochschulsystems, so ist es wohl unerlässlich zu erst einmal zu definieren, was man unter beiden Idealtypen eigentlich verstehen will.
Eine Elite ist eine kleine, sich hervortuende Gruppe, laut Duden die ‚Auslese der Besten’. Konstitutiv für das (Selbst-) Verständnis einer Elite ist also der Ausschluss des Restes, der Nicht-Elite, wie schon der Wortstamm ‚eligere’ (lat. für ‚auswählen’) nahe legt. Zu einer ‚Elite-Hochschule’ hätten also nur wenige - oder zu mindestens weniger - Zugang, wenn nicht die Hochschule selbst der Ort der Auswahl und Selektion von Eliten ist. Es ist wichtig in diesem Zusammenhang zwischen Leistungs- und Finanzelite zu unterscheiden, sowie zwischen intellektuellen und finanziellen Selektionsmechanismen. Gemeinsam ist beiden Elite-Konzepten jedoch, dass sie von einer hierarchischen Differenzierung der Gesellschaft ausgehen. Im Gegensatz zu ‚Elite’ steht ‚Masse’ für ‚große Menge’ oder ‚Mehrheit’. Redet man im alltäglichen Sprachgebrauch von ‚die Masse’, dann hat dies häufig eine abwertende Konnotation im Sinne von ‚weniger gut’, ‚mittelmäßig’. In einem positiveren Sinne verwendet, steht der Begriff für ein eher egalitäres Gesellschaftskonzept und enthält eine stark demokratische Programmatik, was auf den Hochschulbereich übertragen ein anderes Bildungskonzept bedeutet, das zum Ziel hat möglichst vielen den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen und weniger selektiv ist.
Für eine eindeutige Einordnung des Hochschulsystems in das Kontinuum zwischen Eliten-und Massenausbildung, sollen im Folgenden kurz einige sinnvolle Indikatoren entwickelt werden. Ein denkbarer und leicht zu messender Unterschied könnte der sein, dass man an einer Elite-Universität wohl eher eine kleine, gut betreute Gruppe von Studierenden finden wird, während an einer Massen-Uni der Anzahl der Lehrenden ein ungleich größere Menge an Studenten gegenübersteht. Schlüssig ist auch anzunehmen, dass die Zugangshürden finanzieller und intellektueller Art an einer Massen-Universität niedriger sein dürften als an einer Elite-Hochschule. Ein Indiz für ein eher elitär organisiertes Bildungssystem könnte
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ebenso eine starke Differenzierung im Bereich der Hochschulbildung sein, was an einer großen Anzahl (aufeinander aufbauender) akademischer Grade zu erkennen wäre. Die Menge der Studenten/Akademiker im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ist sicherlich auch ein Hinweis darauf, wie sehr Hochschulbildung in dem betreffenden Land als Privileg anzusehen ist. Zum Schluss möchte ich noch die These aufstellen, dass an einer elitären Hochschule die Forschung einen höheren Stellenwert genießt, während sich die Massen-Universität zwangsläufig auf die Wissensvermittlung (Lehre) beschränken muss. Wie lässt sich nun das schwedische Hochschulsystem zwischen beiden Idealtypen einordnen? Was hat sich an dieser Einordnung im Laufe der Zeit geändert? D ie Forderung das Hochschulsystem stärker in Richtung Eliten-Universität oder Massen-Universität zu lenken, gehört zur Hochschulpolitik der Parteien - je nachdem ob diese Gleichheit bzw. Ungleichheit prinzipiell für eine eher wünschenswerte Sache halten oder eben nicht. Es ist daher notwendig einen Blick auf die Hochschulpolitiken der letzten Jahrzehnte zu werfen. Darüber hinaus haben sich in einzelnen Ländern ganz eigene, spezifische Hochschulsysteme herausgebildet, die von den jeweiligen Traditionen des Landes geprägt sind und sich beispielsweise stärker zentralistisch oder stärker föderal entwickelt haben. Um die nationalen Besonderheiten entsprechend zu würdigen, ist es also auch nötig die Geschichte des schwedischen Hochschulsystems, des ‚Högskolan’ zu betrachten. Fehlt noch das gegenwärtige Bildungssystem Schwedens vorzustellen, vor dessen Hintergrund schwedische Hochschulpolitik betrachtet werden muss: Grund- und Sekundarschule, sowie die verschiedenen Arten von akademischen Abschlüssen, die im Bereich der Hochschule zu erwerben sind. Nach einer Bestandsaufnahme der bestehenden Strukturen und Regelungen sollte es möglich sein ein Urteil über ‚Eliten-’ und ‚Massen- Elemente’ im System zu treffen, sowie im allgemeinen Vorzüge und etwaige Nachteile des schwedischen Hochschulsystem gegenüberzustellen, um nicht zuletzt zu überlegen, ob das schwedische System ein Vorbild für Deutschland sein könnte.
Die schwedische Geschichte kann auf eine lange Hochschultradition verweisen: die erste Universität wurde bereits 1477 in Uppsala gegründet, in den nächsten 200 Jahren erfolgte die Gründung weiterer Universitäten in der Provinz des Reiches. Dabei bildete sich schon im 19. Jahrhundert ein Zweiteilung des schwedischen Hochschulsystems heraus, wie ein Querschnitt von 1940 verdeutlicht : Neben den Universitäten in Uppsala und Lund und zwei Universitäts-Kollegien in Stockholm und Göteborg dominierten vor allem Fachhochschulen die schwedische Hochschullandschaft. Fachhochschulen gab es unter anderem für Medizin,
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Wirtschaft und Technik. Auch heute spielen die Fachhochschulen im s chwedischen Bildungssystem noch eine wichtige Rolle. Die wichtigste Veränderung im Hochschulbereich, die sich seit dem ereignete, ist die Bildungsexpansion i n der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gab es 1950 noch gerade einmal 16.000 Studenten, so stieg diese Zahl bis 1990 auf 330.000 Studenten, was bei ca. 9 Millionen Einwohner einem Anteil von 3,6 Prozent Studierender in der Bevölkerung entspricht - ein erstes Indiz für die Möglichkeit des ‚massenhaften’ Zugangs zur Hochschule. Die größte Ausdehnung der Studentenzahlen erfolgte dabei in den 1960er Jahren, während dieser Dekade verdreifachte sich die Anzahl Studierender in Schweden. Allein die schiere Größe des Hochschulsektors machte nun eine ausformulierte Hochschulpolitik von Seiten der Parteien nötig. Auf die Veränderungen versuchte man politisch mit der ‚Ersten Hochschulreform’ von 1977 zu reagieren, die sich wohl am besten auf den gemeinsamen Nenner ‚Vereinheitlichung’ bringen lässt. Eine stärker zentralistische Ausrichtung und die Einführung einheitlicher Standards fallen hierunter, der Bereich der Hochschule wird durch die Eingliederung von Fachschulen ausgeweitet und es erfolgt eine Aufteilung der Studienplätze auf Fächer und Universitäten. Die ‚Zweite Hochschulreform’ geht auf das Jahr 1993 zurück und wird mit entgegengesetzten Vorzeichen durchgeführt, sie lässt sich wohl am ehesten mit dem Stichwort ‚Liberalisierung’ beschreiben. Ihre wichtigsten Elemente sind Dezentralisierung und mehr Hochschulautonomie, sowie die Möglichkeit freie r Fächerkombination für Stud ierende. Allerdings hat die schwedische Regierung damit keineswegs auf zentralistische Steuerungselemente verzichtet: Sie erlässt nun Richtlinien, an welche die Vergabe von Fördermitteln geknüpft ist.
Heute stellt sich die schwedische Hochschullandschaft wie folgt dar: es gibt insgesamt ca. 50 Hochschulen, davon sind 36 in staatlicher (Universities und University Colleges) und die anderen in privater Trägerschaft. Neben sechs Volluniversitäten (die größte davon in Lund mit 22.000 Undergraduate-Studenten und acht Fakultäten) gibt es eine Universität für Land-und Forstwirtschaft und Veterinärmedizin, fünf wissenschaftliche Fachschulen mit dem Schwerpunkt Forschung, acht Kunsthochschulen und 16 lokale wissenschaftliche Hochschulen mit geringen oder gar keinen Forschungstätigkeiten. Zusätzlich gibt es private Hochschulen, beispielsweise für Handel und BWL und kleinere kirchliche Hochschulen mit unterschiedlicher konfessioneller Ausrichtung. In allen Hochschultypen gibt es dieselben Studiengänge und Programme, Unterschiede bestehen oft nur darin ob Forschung betrieben wird oder nicht.
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Arbeit zitieren:
Peter Neitzsch, 2004, Hochschule in Schweden, München, GRIN Verlag GmbH
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