Inhalt:
1) Einleitung 3
2) Sprache und Identität 4
3) Familie 7
3.1) Die Konstitution der Dyade 7
3.2) Die Erweiterung der Dyade zur Triade 10
3.3) Der menschliche Bildungsprozess in der Triade 11
4) Die Sozialisatorische Interaktion 13
4.1) Theoretische Überlegungen 13
4.1.1) Verortung der Sozialisationsforschung in der Soziologie 13
4.1.2) Erläuterung der These 14
4.1.3) Die Struktur der sozialisatorischen Interaktion 14
4.1.4) Latente Sinnstruktur 15
4.1.5) Methodologisches Vorgehen 16
4.2) Empirisches Beispiel 17
5) Schlussbetrachtung 19
6) Bibliographie 20
2 NA
1)Einleitung
Die Liebe zwischen zwei Menschen krönt sich durch die Zeugung eines Kindes, die Dyade öffnet sich und erweitert sich zur Triade. Das Kind wächst zwischen diffusen Rollenbeziehungen auf, an denen es die Möglichkeit hat die Gesellschaft im Kleinen kennen zu lernen. Wachsende kognitive Fähigkeiten und sprachliche Kompetenz befähigen das Kind an Dialogen teilzunehmen und mit zu konstituieren. Darin sind auch die Voraussetzungen für die Bildung einer Identität zu sehen. Die verschiedenen Konstellationen innerhalb der Familie, die auch triebdynamische Motive beinhalten, eröffnen ein weites Spektrum möglicher Rollen und Interaktionen, an denen sich das Kind ausprobieren kann und Verhaltens- als auch Interaktionsregeln lernen kann. Dabei ist entscheidend, was dem Kind durch die Eltern vorgegeben wird bzw. welche situativen Rahmen durch sie vorgegeben werden, denn nach diesem Muster werden auch Situationen im Erwachsenalter erschlossen und interpretiert.
Die latente Sinnstruktur der sozialisatorischen Interaktion, die von den Beteiligten selbst meist nicht erschlossen wird, gibt Auskunft über das Spezifische der Beziehung und lässt Deutungen zu. Der Gedanke, dass alle Eltern auch selbst einmal Kind gewesen sind und somit Situationen nach spezifischen Mustern bzw. Kategorien interpretieren, ist dabei gerade in Hinblick auf die Arbeit mit Genogrammanalysen, anregend. Die Interpretationsweise der Eltern wird vom Kind miterlebt und gestaltet in entscheidendem Maß, wie das Kind selbst Situationen erlebt.
Dass sich diese Prozesse und Zusammenhänge von den Beteiligten nicht oder nur selten bewusst gemacht werden, lässt einen spekulativen Beigeschmack der qualititativen Sozialforschung aufkommen, der den Appetit auf die Arbeit jedoch nicht verderben soll. Im folgenden sollen die Familie sowie ihre Konstitution als auch ihre Strukturmerkmale betrachtet werden, um die sozialisatorische Interaktion vor diesem Hintergrund in den Fokus der Aufmerksamkeit zu lenken, mit dem Ziel eine möglichst unfassende bzw. vollständige Arbeit anzufertigen, die beantwortet, welche Rolle die Familie bei der Bildung der Identität spielt.
2)Sprache und Identität
Ein wesentlicher Teil der persönlichen Identität wird in der Kindheit entwickelt, die Sprache der sozialisierenden Erwachsenen wird an das Kind herangetragen, so dass es mit Erwerb dieser Sprache und Nutzung ihrer Kategorien über sich selbst und die Welt nachdenken kann. Das Kind lernt dabei je nach Umgebung bestimmte Kommunikationsmuster, die von den unterschiedlichen Erfahrungen innerhalb der einzelnen Lebensfelder geprägt sind 1 . Die Sprache dient jedoch nicht nur der Benennung dessen, was man von der Welt weiß und kennt, sie ist auch die Vorraussetzung für K ommunikation. Das Kind erwirbt mit dem Heranwachsen die Fähigkeiten, die zur Teilnahme an einer intersubjektiv verständlichen Kommunikation befähigen. Es lernt Objekte und ihre Eigenschaften zu identifizieren und in Kategorien zu ordnen: ein Vogel zwitschert und ist ein Tier. Klassifizierungen und damit auch die Art und Weise in der klassifiziert wird „offenbart, sowohl anschaulich als auch symbolisch, die Perspektive des Klassifizierenden. 2 “ Der „Blick auf die Dinge“ kann also unterschiedlich sein und hängt davon ab, wie er dem Kind in der Sozialisation vermittelt worden ist. Dabei gilt zu beachten, dass dieser Vorgang der Vergesellschaftung als auch der Individuierung dient. Vergesellschaftung meint, dass das Kind Normen, Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen der jeweiligen Kultur übernimmt und Individuierung die Ausbildung einer einmaligen Identität. Der Sozialisationsvorgang, der aus Interaktionen, vorwiegend sprachlicher Kommunikation, besteht, ist die Vorraussetzung für die Entwicklung einer Identität 3 .
Dennoch stellt sich die Frage, wie das Kind in der sozialisatorischen Interaktion die Grundlagen für die Durchführung einer Kommunikation erwirbt, d.h. eine kommunikative Kompetenz, die mehr als ein bloßes Benennen von Objekten ist. Die Dialog-konstituierenden Universalien, die diese Kompetenz ausmachen „befähigen nicht nur zur Teilnahme am Dialog, sie erzeugen diesen erst. 4 “ Wie werden diese Universalien erworben, wie entfaltet sich diese Kompetenz? Wir wissen bereits, dass sie eine notwendige Bedingung für die Herstellung intersubjektiv verständlicher Kommunikation ist, doch durch den Umstand, dass das Kind über diese Kompetenz jedoch noch nicht verfügt, kann es sie nur über die Teilnahme am intersubjektiv verständlichen Dialog erwerben 5 . Oevermann sieht die Auflösung dieses
1
Vgl. Haeberlin Urs; Niklaus Eva: Identitätskrisen – Theorie und Anwendung am Beispiel des sozialen Aufstiegs durch Bildung, UTB 1978, S 111
2
Strauß, Anselm: Spiegel und Masken – Die Suche nach Identität. Frankfurt am Main, 1969, S. 18
3
Vgl. Haeberlin, Niklaus, S. 111
4
Oevermann, Ulrich u.a.: Beobachtungen zur Struktur der sozialisatorischen Interaktion; in: M. Auwärter u.a. (Hrsg.): Seminar: Kommunikation, Interaktion, Identität, Frankfurt a.M., 1976, S. 379
5
Vgl. Oevermann, S. 397
Dilemmas im Finden funktionaler Äquivalente für die noch fehlende kommunikative Kompetenz des Kindes, „die sichern, dass [sich] gleichwohl die Struktur von Intersubjektivität als objektive Struktur von Interaktionen [...] herstellen lässt. 6 “ Was können wir uns unter solchen funktionalen Äquivalenten vorstellen? Oevermann schlägt vor, sie in Gestalt der partikularistisch-konkreten Eltern-Kind-Beziehung zu sehen, d.h. „außerhalb des sich bildenden Subjekts in den spezifischen Strukturbedingungen der sozialisatorischen Interaktion. 7 “ Voraussetzung für die soziale Konstitution des Subjekts kann demzufolge nur bzw. erst auf der Grundlage einer persönlichen Pflegebeziehung entstehen. 8 Diese Pflegebeziehung, gehen wir von einer normalen Familie, d.h. Mutter, Vater, Kind, aus, birgt ein dynamisches Potential in sich, welches es im Verlauf der Arbeit noch näher zu betrachten gilt. Mit dem Erwerb der linguistischen Kompetenz ist eine entscheidende Strukturbedingung der sozialisatorischen Interaktion erfüllt 9 . Oevermann schreibt dem frühen Sprachgebrauch die Funktion eines „sozialen Bindemittels“ zu, „das objektiv die sozialisatorische Interaktion über die Sinninterpretationskapazität des Kindes hinaus strukturiert. 10 “ Das sichert die „Konstitution einer Interaktionsstruktur, die objektiv der Struktur einer intersubjektiv verständlichen Kommunikation entspricht 11 “, was zu einer Teilnahme an Kommunikationen auch außerhalb der Familie befähigt 12 . Es kann also gesagt werden, dass das Kind Sprachsymbole sowie deren Bedeutung in Interaktionen lernt, an denen es beteiligt ist. Die erlernten Sprachsymbole ermöglichen dem Kind erlebte Situationen wieder ins Bewusstsein zu rufen, ohne dass die genaue Konstellation dieser Situation wieder real gegeben sein muss. Diese Möglichkeit, das Benennen von Interaktionen und Situationen, bildet die Grundlage für die Distanzierung von realen Situationen und für die Reflexion 13 . Interessant scheint es darauf hinzuweisen, dass jede menschliche Gruppe mit einer gewissen Lebensdauer eine Art „Spezialsprache“ entwickelt, die zeigt in welcher Art und Weise, die für das Gruppenhandeln wichtigen Objekte identifiziert werden 14 . Die spezielle „Familiensprache“ formt demzufolge auch die kindliche Auffassung und Wahrnahme der Welt. Die soziale Umwelt, in der das Kind die Erfahrungen macht, kann aber auch eine
6
Oevermann, S. 397
7
Ebd. S. 397
8
Ebd. S. 398
9
Vgl. ebd. S. 398
10
Ebd. S. 398
11
Ebd. S. 399
12
Vgl. ebd. S. 399
13
Vgl. Haeberlin, Niklaus, S.113
14
Vgl. Strauss, Anselm: Spiegel und Masken – Die Suche nach Identität, Frankfurt a.M. 1968, S: 19
Sprache anbieten, die nur ein begrenztes Nachdenken über soziale Erfahrungen zulässt 15 . Anregend scheint dieser Ansatz hinsichtlich der Genogrammanalyse, beispielsweise bei der Betrachtung pathogener Denkmuster, die sich jeweils auf die folgende Generation übertragen. Der Sprachgebrauch und damit die Benennung von Objekten befähigen das Kind Richtlinien für richtiges Handeln zu finden. Doch lenkt der Klassifikationsakt nicht nur das äußere Handeln, er weckt auch Erwartungen gegenüber dem klassifizierten Objekt. Diese Erwartungen gründen sich auf früheren Erfahrungen, die mit dem Objekt gemacht worden sind 16 . Ähnlich verhält es sich auch mit der Familienkommunikation. Hier werden die grundlegenden Interaktionsmuster erlebt, an denen spätere Interaktionen bewertet werden 17 . Die Bewertung wird dabei um so differenzierter, je größer die Sinninterpretationskapazität ist, so dass manche Kindheitserfahrungen erst viel später erschlossen werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich an die Sprache nicht nur die Teilnahme an Kommunikation knüpft, sondern auch die Fähigkeit über Ereignisse zu reflektieren. Die Sprache hat dabei die Funktion eines Bezugsystems, das dem Subjekt zum eine n ermöglicht, sich von den Informationen der unmittelbaren Wahrnehmung zu distanzieren und diese Erfahrungen als Erkenntnis zu systematisieren und andererseits veranlasst sie aber auch die Wahrnehmungsdaten so zu systematisieren, wie es in der sozialisierenden Umwelt geschieht. Es stehen sich also eine befreiende, als auch eine bindende Funktion von Sprache gegenüber 18 .
15
Vgl. Haeberlin, Niklaus, S. 113
16
Vgl. Strauss, S. 20 - 21
17
Vgl. Oevermann, S. 380, 386
18
Vgl. Haeberlin, Niklaus, S. 114
Arbeit zitieren:
Christiane Reimann, 2004, Identität und sozialisatorische Interaktion, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Grenzen der Chancengleichheit nach Bourdieu
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit, 10 Seiten
Qualitätsmanagement und Controlling in der sozialen Arbeit
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 32 Seiten
Erwachsenenbildung in der DDR: Rechtsgrundlagen, Funktion, Entwicklung
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Seminararbeit, 19 Seiten
Sozialisation bei Talcott Parsons
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hauptseminararbeit, 27 Seiten
Pädagogische Arbeit gegen Rechtsextremismus in der Schule
Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden
Hausarbeit, 23 Seiten
Die Theorie der vier Selbstempfindungen nach Daniel Stern
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit, 16 Seiten
Sozialpädagogisch relevante Perspektien der Heimunterbringung von Juge...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Vordiplomarbeit, 38 Seiten
Pflegefamilie oder Heim? Die Identitätsentwicklung von Kindern und Jug...
Hausarbeit, 20 Seiten
Paul Tillichs Begriff des religiösen Symbols
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit, 14 Seiten
Grammatikerwerb des Deutschen im Kleinkindalter
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 16 Seiten
Sozialisation in der Jugendphase - der Beitrag der Peer-Group zur Iden...
Soziologie - Kinder und Jugend
Hausarbeit, 22 Seiten
Unterrichtseinheit: Satzglieder - Sätze durch Umstellen verändern
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 24 Seiten
Christiane Reimann's Text Identität und sozialisatorische Interaktion ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christiane Reimann hat den Text Identität und sozialisatorische Interaktion veröffentlicht
Christiane Reimann hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare