Nicht zu vergessen: ich habe doch etwas gehört - drei Sachen von Offenbach
(La Périchole, La Fille du Tambour-Major, La Grande-Duchesse de Gérolstein) - und war entzückt. Vier, fünfmal in jedem Werk erreicht er einen Zustand übermütigster Buffonerie, aber in der Form des klassischen Geschmacks, absolut logisch - und dabei noch wunderbar Pariserisch! … Dabei hat dieses verwöhnte Menschenkind das Glück gehabt, die
geistreichsten Franzosen zu Librettisten zu haben: Halévy (der eben wegen dieser Geniestreiche la Belle Hélène etc. in die Akademie aufgenommen worden ist), Meilhac und Andere. Die Texte Offenbachs haben etwas Bezauberndes und sind wahrscheinlich das einzige, was die Oper zugunsten
1. Einführung. 5
2. La Grande-Duchesse de Gérolstein. 6
2.1 Entstehung und Aufführungsgeschichte. 6
2.2 Fassungen 7
2.3 Die Situation im Frankreich des Second Empire und während der
Weltausstellung 1867 10
2.4 Militär auf dem Theater. 12
2.5 Militarismus. 14
2.5.1 Begriffsbestimmung. 14
2.5.2 Militarismus in La Grande-Duchesse de Gérolstein. 16
2.5.3 Militär in anderen Werken Offenbachs. 22
3. La Périchole. 22
3.1 Entstehung. 22
3.2 Fassungen 23
3.3 La Périchole eine opéra bouffe mit Tendenz zur opéra comique. 25
3.4 Exotismus. 27
3.4.1 Begriffsbestimmung. 27
3.4.2 Exotismus in Offenbachs Werk. 29
3.4.3 Exotismus in La Périchole 29
4. Zusammenfasssung. 33
5. Literaturverzeichnis. 35
6. Diskographie. 36
4
1. Einführung
Bei Werken Offenbachs stößt man während der Recherchen, die sich nicht mit den relativ häufig in Deutschland rezipierten Stücken wie La Belle H élène oder La Vie parisienne beschäftigen, schnell an die Grenzen der zugänglichen Quellen. Die Literaturlage ist - noch dazu in deutscher Sprache - abgesehen vom Standardwerk Siegfried Kracauers Offenbach und das Paris seiner Zeit im Vergleich zu anderen Komponisten sehr dürftig, vor allem eine gründliche theaterwissenschaftliche, ebenso wie eine musikwissenschaftliche Beschäftigung mit seinem Werk fehlen. In den letzten Jahren setzt sich Jean-Christophe Keck zumindest intensiv mit Fassungsfragen der Offenbachschen Werke auseinander und wird in Zusammenarbeit mit dem Verlag Boosey & Hawkes kritische Ausgaben von etwa vierzig Werken herausgeben. Sowohl La Grande-Duchesse de Gérolstein wie auch La Périchole sind in dieser Edition erschienen, allerdings nur als Aufführungsmaterial über den Verlag erhältlich. Klavierauszüge sind in Vorbereitung, erscheinen aber voraussichtlich nicht mehr vor 2005 1 .
So ist das Erlangen von Notenmaterial, oder der sogar kritisch herausgebrachter Fassungen im Rahmen einer Hausarbeit aus ersichtlichen Gründen schier unmöglich. Zusätzlich wird die Wahl einer Ausgabe durch die komplizierte Fassungsfrage, die Offenbach selbst verursacht hat, erschwert. Dieser Arbeit liegen für La Grande-Duchesse de Gérolstein zwei CD-Aufnahmen 2 verschiedener Fassungen und für La Périchole eine Aufnahme 3 , ein Klavierauszug 4 und das Libretto der Krausfassung 5 zugrunde.
1 Angaben nach einer telefonischen Auskunft des Verlags Boosey & Hawkes in Berlin
2 La Grande-Duchesse de Gérolstein. Emmanuel Villaume, Orchestra internazionale d’Italia, Bratislava Chamber Chor. Dynamic, 1996; eine Gesamtaufnahme in französischer Sprache, die besonders auf ihren Anspruch, die erste Fassung vollständig wiederzugeben, hinweist. Alle Angaben in dieser Arbeit zu Akten und Nummern in der La Grande-Duchesse de Gérolstein beziehen sich auf diese Aufnahme.
La Grande-Duchesse de Gérolstein. Pinchas Steinberg, Kölner Rundfunkorchester, Kölner Rundfunkchor, Emi Classics, 1984; Gesamtaufnahme in deutscher Sprache in der Übersetzung von Julius Hopp, also in der von Offenbach autorisierten Wiener Fassung, die bezüglich der musikalischen Striche der zweiten Pariser Fassung ähnelt.
3 La Périchole. Alain Lombard, Orchestre Philharmonique de Strasbourg, Choeurs de L’Opera du Rhin. Erato disques 1991, Aufnahme von 1976; Produktion in französischer Sprache, die auf Dialoge verzic htet und dafür die einzelnen Nummern durch zusammenfassende Texte verbindet.
4 Offenbach, Jacques: Perichole. Neuer Text nach zwei Fassungen von Henry Meilhac und Ludovic Halévy von Karl Kraus. Wien 1958; Klavierauszug ohne Dialoge
5
2. La Grande-Duchesse de Gérolstein
2.1 Entstehung und Aufführungsgeschichte
Jacques Offenbach komponierte La Grande-Duchesse de Gérolstein teils zeitgleich zu La Vie parisienne im Jahr 1866. Beide Libretti stammen von dem sich bereits mehrfach bewährten Autorenteam 6 Henri Meilhac (1831-1897) und Ludovic Halévy (1834-1908).
Die Uraufführung der opéra bouffe in drei Akten La Grande-Duchesse de Gérolstein fand am 12. April 1867 im Théâtre des Variétés in Paris während der zweiten Pariser Weltausstellung statt. Die äußeren Umstände waren sehr glücklich, denn das zweite Pariser Weltausstellungsjahr 1867 brachte zahlreiche gekrönte Häupter und Staatsmänner nach Paris, die nach dem Vorbild von Napoleon III. (1808-1873) allesamt die Vorstellung im Théâtre des Variétés besuchten. Noch ein Glücksfall war Catherine-Jeanne-Hortense Schneider (1833-1920), die in ihrer Rolle als Großherzogin völlig aufging. Um ihr geradezu königliches Verhalten, und darüber dass sie Realität und die Fiktion anscheinend kaum mehr trennen konnte und wollte, ranken sich zahlreiche Anekdoten; außerdem ist Bildmaterial, das sie in voller Kostümierung zeigt, in beachtlicher Menge vorhanden. Ihr Erfolg in dieser Rolle war für die Zeit auf jeden Fall neuartig und kann als eines der ersten Beispiele dafür gelten, dass Künstler in der Identifikation mit ihrer Rolle eben deren Status in der Realität erlangen können.
Bereits im Mai des gleichen Jahres hatte die opéra bouffe unter der Mitwirkung des Komponisten selbst in Wien ihre erste Aufführung in deutscher Sprache und schuf sich auch dort sehr beachtlichen Erfolg. In England (1867) und den Vereinigten Staaten 7 (1867) löste La Grande-
5 Kraus,Karl: Theater d er Dichtung. Frankfurt am Main 1994; darin das Libretto der Périchole mit einer Beilage der französischen Verse, S. 119 ff.
6 Der Verbindung Meilhac -Halévy-Offenbach erwuchsen zahlreiche Werke: Le Brésilien 1863, Belle Hélène 1864, Barbe-bleu 1866, La Grande-Duchesse de Gérolstein 1867, Le Château à Toto 1868, La Périchole 1868, La Diva 1869, Les Brigands 1869, La Boulangère a des ècus 1875)
7 Hans von Bülow (1830-1894) hatte eine Amerikanische Vorstellung der Grande-Duchesse de Gérolstein besucht und schrieb 1890 aus New York: „In einigen Theatern habe ich fest
6
Duchesse de Gérolstein geradezu eine Offenbach-Manie aus. Da aber mit Blick auf Preußen und Napoleon III. die Grundzüge des Librettos nicht ganz aus der Luft gegriffen waren und außerdem die Sensibilität gegenüber der Brisanz des Stoffs zunehmend wuchs, wurde das Stück Ende der 1860er Jahre immer häufiger vom Spielplan genommen. Glaubt man den Zeilen Otto Schneidereits wurde La Grande-Duchesse de Gérolstein nach der Niederlage der Franzosen gegen die Deutschen 1871 gar „ wegen Wehrkraftszersetzung des französischen Volks vom Ministerium für Kultur und Unterricht verboten“ 8 . Äußerungen Offenbachs zu diesem Schritt der Behörde, falls es ihn denn gegeben hat, sind in der Sekundärliteratur nicht aufzufinden. Schon ein halbes Jahrhundert später galt die opéra bouffe nur mehr als historischer Militärschwank, wurde vom Berliner Metropol-Theater unbesorgt mitten im ersten Weltkrieg herausgebracht und verursachte keinerlei empörte Reaktionen. Das noch immer enthaltene brisante Potential war einmal mehr verkannt worden.
La Grande-Duchesse de Gérolstein gehört auf jeden Fall auch heute noch zu den fünf meist aufgeführten Bühnenwerken Offenbachs, hat aber im Lauf der Aufführungsgeschichte bis heute zahlreiche textliche und musikalische Bearbeitungen über sich ergehen lassen müssen.
2.2 Fassungen
Offenbach hat wie so oft auch bei der Arbeit zu La Grande-Duchesse de Gérolstein das Libretto von Meilhac und Halévy nicht im Original übernommen. Er ließ Verse aus, fügte bei Bedarf auch selbst Textzeilen hinzu und dichtete ganze Strophen. Während der Endproben brachte er dann seine berühmten „bedides goupures“ 9 an. Außerdem gab es Veränderungen, deren
geschlafen. Halt: eine Ausnahme - Mustervorstellung, wie sonst nur im Schauspiel erlebt, gesehen und gehört von Offenbachs Großherzogin, die ich mit höchstem plaisir geschlürft.“
8 Schneidereit, Otto: Die Operette A-Z. Berlin, 1978, S. 269; Diese Tatsachenbehauptung wird allerdings nicht belegt und ist so in ihrem Wahrheitsgehalt mit großer Vorsicht zu behandeln.
9 „Bedides goupures“ bedeutet ins Deutsche übertragen „kleine Schnitte“. Mit der falschen Orthographie ist dieses Zitat ein ironischer Hinweis auf Offenbachs Französisch mit kölnischem Einschlag.
7
Veranlassung zensurbedingt war 10 . So musste der Titel La Grande-Duchesse auf La Grande-Duchesse de Gérolstein erweitert werden, denn die Pariser Zensurbehörde befürchtete, dass man den allgemein gehaltenen Titel zu leicht mit dem russischen Hof den Amouren der Zarin Katharina II. 11 in Verbindung bringen könnte und dies wegen der international anwesenden Gäste zu politischen Spannungen führen könnte. Abgesehen davon wurde auf das Drängen der Behörde hin die Handlung bereits vom 19. in das 18. Jahrhundert zurückversetzt. Dennoch erschien das Libretto dem Zensurbüro immer noch teilweise zu tendenziös und so musste - nur um ein weiteres Beispiel für die Empfindlichkeit der Zensurbehörde zu nennen - Fritz‘ Antwort zu Beginn des zweiten Akts „Madame! En dizhuit jours j’ai terminé la guerre“ durch „Madame! En quatre jours j’ai terminé la guerre“ (2. Akt, Nr.18) ersetzt werden. In genau 18 Tagen besiegte Preußen nämlich Österreich 1866 mit der Schlacht bei Königgrätz und so schien die Anspielung auf deutschfranzösische Spannungen zu deutlich. Die Zensurbestimmung aber, die beinahe die Premiere gefährdet hatte, war ein Kritikpunkt, der eigentlich leicht beseitigt hätte werden können, wenn er nicht Hortense Schneider persönlich betroffen hätte. Sie hatte während der Proben zu ihrem Kostüm ein prächtiges Ordensband getragen, welches von der Zensurbehörde beanstandet wurde. Zu leicht hätte ein Besucher hohen Ranges auf einen seiner eigenen Orden schließen können. Die Sängerin weigerte sich, dem Verbot zu entsprechen und gefährdete im Stil einer großen Operndiva damit fast die Premiere. Zum entscheidenden Abend schließlich erschien sie doch ohne Ordensband auf der Bühne.
Nach der vier Stunden dauernden Premiere, die zwar großen, wegen des langatmigen 3. Aktes aber keinen durchschlagenden Erfolg hatte, brachte Offenbach noch bis zur dritten Aufführung Ergänzungen, Transpositionen und Striche an. Das Ergebnis dieser Veränderungen ist die zweite Pariser Fassung 12 . Am auffälligsten ist hierbei der Strich der Chorszene der
10 Vgl. Kracauer Siegfried: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. Frankfurt am Main 1976, S. 265 ff.; siehe auch Wehmeyer, Grete: Höllengalopp und Götterdämmerung. Lachkultur bei Jacques Offenbach und Richard Wagner. Köln 1997, S. 117 ff.
11 Katharina II., die Große (1729-1796)
12 Vgl. hierzu www.offenbach-edition.de und www.boosey.com.
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Arbeit zitieren:
M.A. Georgine Maria-Magdalena Balk, 2004, Militarismus in "La Grande-Duchesse de Gerolstein" und Exotismus in "La Perichole" von Jacques Offenbach, München, GRIN Verlag GmbH
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