Einleitung
Ehrenamt hat zur Zeit Konjunktur. Alle reden davon, wer sich wo engagiert und wie man noch mehr Menschen dazu bewegen könnte, einen Teil ihrer Zeit für gesellschaftliche Belange zu investieren.
Durch die Krise des Sozialstaats wurde und wird deutlich, dass der Staat nicht unbegrenzt fähig ist, notleidenden Bürgern zu helfen. Das führt dazu, dass sich die Politiker wieder stärker auf Werte des Gemeinsinns und der Subsidiarität besinnen und die Bürger zu Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe aufrufen. Es ist nicht zu erwarten, dass sich die finanzielle Situation ändert und es Zuschüsse geben wird, eher sind weitere Kürzungen zu erwarten. Aufgrund dessen wird dem freiwilligen Engagement der Bürger ein sehr hoher Stellenwert zugesprochen und es wird auch in Zukunft notwendig sein, wenn der jetzige Standard sozialer Versorgung aufrecht erhalten bleiben soll. In der Konsequenz heißt das für die berufliche Sozialarbeit, dass sie eng und wirkungsvoll mit Ehrenamtlichen kooperieren muss.
Dies habe ich während meines studienbegleitenden Praktikums in der Bahnhofsmission Freiburg in der Praxis erfahren. Die Bahnhofsmisson wird vorwiegend durch Ehrenamtliche am Leben erhalten (es gibt 2 hauptamtliche Kräfte, 2 Zivis, 15-20 Ehrenamtliche und eine wechselnde Anzahl von Praktikanten). Dort wurde ich mit verschiedenen Problemen der Zusammenarbeit von professionellen Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen konfrontiert und kam zu der Erkenntnis, dass ich mich als angehende professionelle Kraft mit dem Verhältnis von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen auseinandersetzen sollte. Es stellt sich mir die Frage, was denn eigentlich die Professionalität von Sozialer Arbeit ausmacht: Welche Kompetenzen besitzen wir, die Ehrenamtliche nicht h aben? Was rechtfertigt das Gehalt eines Sozialarbeiters? Was sind die gegenseitigen Erwartungen, Ängste und Konfliktfelder im Umgang miteinander? Welche Erwartungen und Wünsche haben Ehrenamtliche? Wie können sie qualifiziert werden? Machen sie Sozialarbeit dann überflüssig (vorausgesetzt es gäbe genug Ehrenamtliche)? Wo und in welcher Form werden Sozialarbeiter/-pädagogen dann noch gebraucht? Qualifiziert sie ihr Studium dafür?
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Das sind sehr viele Fragen, die im Rahmen einer Hausarbeit nicht alle bearbeitet werden können.
Speziellere Fragen in Bezug auf das Ehrenamt, wie die Diskussion um die Begrifflichkeit und das tatsächliche Engagement der deutschen Bundesbürger, werden nicht bearbeitet. Zudem beschränke mich auf das soziale Ehrenamt.
In Bezug auf die Hauptamtlichen wird die Frage nach gelungener oder defizitärer Professionalisierung nur in so fern bearbeitet, wie dies Auswirkungen auf den Umgang mit Ehrenamtlichen hat, ebenso die Frage nach den im Studium vermittelten Qualifikationen. Es soll also der Frage nachgegangen werden, welche Probleme und welche Lösungen es in Bezug auf eine produktive Zusammenarbeit gibt. Dazu werden zuerst Profile ehrenamtlicher (Kapitel 3) bzw. professioneller (Kapitel 4) Sozialarbeit entwickelt, um dann Konfliktfelder zu beschreiben (Kapitel 5). Am Ende soll ein Überblick über Voraussetzungen für ein produktives Zusammenwirken von haupt- und ehrenamtlichen Kräften stehen (Kapitel 6). Da sich ehrenamtliche und berufliche Sozialarbeit parallel entwickeln, wird zunächst die Geschichte dieses stets konfliktträchtigen Nebeneinanders beschrieben (Kapitel 2).
1. Ehrenamt und professionelle Sozialarbeit im Rückblick
Bei den folgenden Ausführungen halte ich mich an den von Christiane Wessels gegeben Überblick (Wessels 1994, S. 16-21 und 26-36).
Von ehrenamtlichem Engagement wird bereits im 19. Jahrhundert gesprochen. Damals ist es gleichbedeutend mit Armenpflege, die im Elberfelder System konsequent ehrenamtlich organisiert war. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts ergaben sich immer häufiger juristische und bürokratische Probleme, z.B. in Bezug auf die Sozialversicherung.
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Zunehmend wurden Fachkenntnisse erforderlich. Die 1906 in Straßburg erfolgte Revidierung der Armenpflege wurde auch in Deutschland immer mehr übernommen. Das bedeutete eine stärkere Betonung fachlicher Kenntnisse, eine Zentralisierung von Entscheidungsbefugnissen und ein verstärkter Einsatz beruflicher Kräfte. Es entstand die Trennung zwischen beruflichem Armenamt, dem die Entscheidungsgewalt inne wohnte, und ehrenamtlicher pädagogisch-betreuender Pflege. Somit war der Grundstock eines hierarchischen Verhältnisses gelegt.
Die stärker werdende Forderung nach einer Professionalisierung der Arbeit hing weniger mit der Forderung nach Verberuflichung zusammen, sondern entsprang der Notwendigkeit, soziale Arbeit rationaler und effektiver zu gestalten. Verstärkend wirkte sich der „chronische Bildungshunger“ (zit. nach Notz 1986: S. 300) der bürgerlichen Frauen, die ja hauptsächlich in der Armenpflege tätig waren, aus. So wurde 1908 von Alice Salomon die erste soziale Frauenschule in Berlin gegründet, nicht mit der Intention, ehrenamtliches Engagement durch professionelle Arbeit zu ersetzen, sondern um beide Formen besser zu qualifizieren. Damit sollte auch dem zunehmenden Bedarf der staatlichen Sozialbürokratie nach geschultem Personal Rechnung getragen werden.
Die nie klar geklärten Zuständigkeitsbereiche für ehrenamtliche und professionelle soziale Arbeit und die sehr ähnlichen Inhalte und Ziele sorgten von Anfang a n für ein Spannungsverhältnis.
Bereits 1916 forderte Marie Bernays eine präzise Funktionsbestimmung und klar voneinander getrennte Arbeitsbereiche. Ihrem Ruf wurde jedoch nicht Folge geleistet. Statt dessen entwickelte sich eine Hierarchie und wechselseitige Konkurrenz. Vor Beginn des 1.Weltkrieges erlebte das unentgeltliche Engagement der Frauen einen Boom durch staatliche Aufrufe zu Opferbereitschaft und Vaterlandsliebe. Mit dem Andauern des Krieges wurden die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Ehrenamts erreicht. Neuartige und komplexe Problemlagen wurden sichtbar. Zusätzlich verarmten durch Wirtschaftskrisen große Teile des Bürgertums, aus dem die ehrenamtlich Tätigen stammten. Die Frauen waren zur Erwerbstätigkeit oder zumindest zur Hausarbeit (ohne
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Dienstmädchen) gezwungen, wenn sie nicht sogar selbst in Abhängigkeit von sozialer Fürsorge gerieten. Eine Folge des 1. Weltkrieges waren also weniger Ehrenamtliche und veränderte Notlagen, was zu einer verstärkten Professionalisierung und Etablierung professioneller sozialer Arbeit führte.
Ehrenamtliche soziale Arbeit wurde erst wieder während der Weltwirtschaftskrise gefordert, wo sie die staatlichen Lücken füllen sollte. Auch im Nationalsozialismus wurde freiwillige Arbeit durch den Staat vereinnahmt. Berufliches Fortkommen und gesellschaftliches Ansehen wurden daran gekoppelt. Nach dem Krieg und dem Wiederaufbau erfolgte wieder ein Wandel:
Die 50er Jahre waren geprägt von Desinteresse an ehrenamtlicher Tätigkeit, teils durch den erlebten Missbrauch sozialen Engagements im Dritten Reich, aber auch durch einen Rückzug in die heile Welt der eigenen Familie. Mit steigender Konjunktur und dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates ergaben sich immer mehr Möglichkeiten, soziales Engagement auch als Beruf auszuüben und so stieg die Zahl der professionellen Mitarbeiter. Dadurch erfuhr auch das Selbstverständnis professioneller sozialer Arbeit eine Aufwertung und das Verhältnis gegenüber Ehrenamtlichen war in der Folgezeit von Skepsis und Ablehnung geprägt. Es entwickelte sich eine „Expertenkultur“ (Wessels, S.33), die aber auch als Entmündigung der Bürger kritisiert wurde. Mitte der siebziger Jahre erfuhr diese Abwertung des Ehrenamtes durch die Wirtschaftskrise einen Wandel. Plötzlich wurden die Grenzen des Sozialstaates deutlich und die Forderung nach Eigenverantwortlichkeit und Verantwortung für andere wurde laut - da stehen wir auch heute noch.
Es lässt sich während der ganzen Zeit ein Zusammenhang der jeweiligen wirtschaftlichen Lage und dem Ruf nach ehrenamtlichem Engagement feststellen. Da auch heute eine angespannte finanzielle Lage herrscht, ist es verständlich, dass freiwilliges und unentgeltliches Engagement von allen Seiten eingefordert wird.
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Mittlerweile hat jedoch ein Wandel im Selbstverständnis und in der M otivation Ehrenamtlicher stattgefunden, was es nötig macht, in Kapitel 3 ein genaueres Bild des heutigen Ehrenamts zu skizzieren.
2. Profil des Ehrenamtes
Dieses Profil soll dazu dienen, sich dem heutigen Verständnis von ehrenamtlichem Engagement anzunähern. Zuerst soll der Versuch einer Definition unternommen werden (3.1.), die dann durch verschiedene Kennzeichen ehrenamtlicher Arbeit weiter differenziert wird (3.2.). Anschließend soll es um die Frage des Ausmaßes ehrenamtlichen Engagements in unserer Gesellschaft gehen (3.3.). Wichtig für das Erkennen von Problemfeldern sind außerdem die Motivationen (3.4.) und Erwartungen (3.5.) Ehrenamtlicher.
3.1. Definition
Eine klare Definition ist nicht möglich, da es eine Vielzahl an möglichen Begriffserklärungen gibt.
Mit dem Begriff „Ehrenamt” wird das traditionelle Ehrenamt innerhalb von Verbänden und sozialmoralischen Milieus gemeint. Daneben gibt es neuere Formen des Ehrenamts, die weniger mit „Ehre” und „Amt” zu tun haben, als mit Selbstverwirklichung, Sinnfindung oder ähnlichen persönlichen Aspekten. Man spricht vom „neuen Ehrenamt”, von „Bürgerschaftlichem Engagement” oder von „Freiwilligenarbeit”. Im Rahmen dieser Hausarbeit sollen die Begriffe ehrenamtliche bzw. freiwillige Tätigkeit verwendet werden, da sich bisher kein einheitlicher Begriff durchsetzen konnte und im sozialen Bereich immer noch vorwiegend vom „Ehrenamt“ gesprochen wird.
Auf Grund einer fehlenden allgemein gültigen Definition werden die relevanten Aspekte im nachfolgenden Abschnitt näher erläutert. Dabei finden v.a. jene Beachtung, die der Abgrenzung gegenüber professioneller sozialer Arbeit dienen.
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Arbeit zitieren:
Melanie Sieber, 2000, Ehrenamtliche und Hauptamtliche in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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