Gliederung
1. Einleitung 03
2. De duodecim abusivis saeculi 04
2.1 Inhalt 04
2.2 Geografische Herkunft 05
2.3 Problem der Datierung 06
3. Besonderheiten der irischen Tradition 07
4. Nonus abusionis gradus: rex iniquus 11
4.1 Die Bedeutung des Terminus iniquus 11
4.2 Das Fehlverhalten des Königs und das Volkswohl 12
5. Einfluss auf die Karolinger 13
5.1 Der Weg der abusiva auf den Kontinent 13
5.2 Die abusiva in den Fürstenspiegeln 15
6. Zusammenfassung 19
7. Literatur Quellen 21
7.1 Literatur 21
7.2 Quellen 21
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1. Einleitung.
„De duodecim abusivis saeculi“ ist ein kleiner gesamtgesellschaftlich angelegter Moraltraktat, der vermutlich in der Mitte des 7. Jahrhunderts in Irland entstand. In zwölf Kapiteln legt er knapp die Grundübel der Welt dar, wobei sich frühchristliche mit heidnischen Einflüssen mischen.
In einem Kapitel über den „ungerechten König“ legt der unbekannte Verfasser des Traktats allerlei Folgen der guten und der schlechten Herrschaft dar, wobei die schlechte Herrschaft mächtige Naturgewalten zu entfesseln im Stande ist.
Dieses Werk erfuhr durch das ganze Mittelalter hindurch hohe Beachtung und war in ganz West- und Mitteleuropa außerordentlich weit verbreitet. Seit Beginn der Entwicklung der stark christlich geprägten Fürstenspiegel am Anfang des 9. Jahrhunderts, war die Königsethik dieses halb heidnischen Werkes eine Art „Standardquelle“ für die Geistlichen des Kontinents, um unter dem großen Namen des heiligen Cyprianus die Folgen vor allem der schlechten Herrschaft drohend an die Wand zu malen.
Die vorliegende Arbeit befasst sich im Folgenden mit der Frage, wieso ausgerechnet ein noch stark von Mythen und Aberglauben geprägtes Schriftstück vom Rande der Christenheit so schnell und unverrückbar ins Zentrum einer neu entstehenden völlig religiös ausgerichteten Herrschaftsethik geraten konnte.
Dazu sollen zunächst (2) Inhalt, Herkunft und Datierung der Quelle dargestellt werden. Danach geht es (3) um die Besonderheiten des Irisch-Angelsächsischen, das sich in dem Text findet und konkreter um (4) die in dem Traktat befindliche Königsethik. Schließlich soll im zweiten Teil der Arbeit (5) auf den Einfluss eingegangen werden, den „De duodecim abusivis Saeculi“ auf dem europäischen Festland verzeichnen konnten. Abschließend (6) wird der Versuch einer Antwort über die Ursachen dieses starken Eindrucks auf die Karolinger unternommen.
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2. De duodecim abusivis saeculi.
2.1 Inhalt.
Der mit zwischen 50 (Kenney) und „weit über ein halbes Hundert“ (Hellmann) Handschriften 1 äußerst umfangreich überlieferte und über fast ganz Mitteleuropa verteilte Moraltraktat wird in der Forschung nach den Anfangsworten seiner Präambel „De duodecim abusivis saeculi“ genannt. Ob das auch sein ursprünglicher Titel war, ist nicht überliefert.
Der Traktat hat im Gegensatz zu fragmentarischen Vorformen des späteren Fürstenspiegels [paraenesis] und zur Form der Mönchsregel, die das Zusammenleben im Kloster ordnete, keinen bestimmten Adressaten. Vielmehr richtet sich das Schriftstück an die Öffentlichkeit insgesamt, in einer discussion oft public morals 2 hebt es deren Fehler hervor und zeigt als Konsequenzen Strafszenarien sowohl christlichen als auch heidnischen Charakters auf.
In der knapp gehaltenen Vorrede machen der oder die Autor/en zwölf gradus abusionis der Welt aus. Es sind dies: sapiens sine operibus, senex sine religione, adolescens sine oboedienta, dives sine elemosya, femina sine pudicitia, dominus sine virtute, christianus contentiosus, pauper superbus, rex iniquus, episcopus neglegens, plebs sine disciplina und populus sine lege 3 .
Wie ersichtlich wird, sind die Hauptübel der Welt jedoch keineswegs Abstufungen ein und desselben Missstandes. Sie decken vielmehr die gesamte Bandbreite der aus der Sicht des Autors zu korrigierenden gesellschaftlichen Lebensumstände ab. Anton macht drei Ziele und Bereiche aus, dem der Traktat seine Sorge widmet: rectus ordo rationis, correctio morum und lex Dei. 4 Stilistisch nutzt der Traktat die Form der Contradictio in adiecto 5 , eine besonders knappen Form des Oxymorons, bei der der Widerspruch bereits im Beiwort steckt. Die Verwendung dieses Stilmittels ist aufschlussreich. Sind einzelnen abusiones aus Sicht des Urhebers nämlich allesamt Paradoxien genügt ihre Umkehr, um ein Gesamtbild des vom Verfasser angestrebten Idealzustandes der Welt zu erhalten.
Andererseits lässt die Frage, nach dem was fehlt, Rückschlüsse zu. Unter allen „gesellschaftlichen Gruppen“, die weder den rex noch die hohe Geistlichkeit in Form des
1 Hellmann: S. 26; Kenney: S. 281
2 Kenney: S. 281 3 Hellmann: S. 32 Z. 2ff.
4 Anton: Pseudo-Cyprian. S. 569 5 Anton: ebd. S. 568
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episcopus aussparen, lässt sich ein Stand nicht finden: der monac(h)us oder allgemein monachatus. Es ist dies ein weiteres Indiz für die einhellige Forschungsmeinung, dass, obwohl der Ursprung des Traktats letztlich ungeklärt bleiben wird, er mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Kloster entstanden sein muss.
2.2 Geografische Herkunft.
Von den drei hervorragenden geografisch-kulturellen Gebieten Europas, in denen frühchristliche Literatur entstand, dem spanischen-, dem gallischen- und dem irisch- angelsächsischen-, ordnet die Forschung „De duodecim abusivis saeculi“ übereinstimmend dem letzten Kulturkreis zu. Es gibt viele Argumente, die diese Annahme stützen. Überlieferungsgeschichtlich-pragmatisch betrachtet ist eines der gewichtigsten Indizien für die irische Herkunft des Schriftstücks seine erste Erwähnung in der irischen Collectio Canonum Hibernensis 6 . In dieser umfassenden Sammlung sowohl biblischer Extrakte und insularer sowie gallischer und afrikanischer Synodalbeschlüsse wie auch nationaler Geschichtswerke ist der eigentlich anonyme Traktat unter dem Namen des irischen Nationalheiligen Patrick erstmals zitiert.
Kenney stellt über den Traktat fest: „In both the turn of thought and the form it is characteristically Irish (…)” und attestiert dem Text eine enge Verwandschaft mit der secular gnomic literature of the Irish language. 7 Auch Hellmann und Anton vermuten als Vorbilder der im Traktat angeführten Prototypen falschen Verhaltens zum Teil Figuren der irischen Nationalliteratur, bzw. des tecosca-Schrifttums, einer heidnischen Vorform des Fürstenspiegels. 8 Im vergleichbaren Schrifttum des Kontinents finden sich solche Analogien nicht.
Hellmann bemerkt außerdem ein für die Zeit (Vermutlich entstand der Traktat in der Mitte des siebenten Jahrhunderts.) außergewöhnlich klassisches Latein. „Pseudo-Cyprian hat ein richtiges Gefühl für den Wert der Endungen und verwendet die einzelnen Kasus ihrer Bedeutung entsprechend, im Gegensatz z.B. zur merovingischen Literatur, die auf diesem Gebiete die stärkste Verwilderung zeigt.“ 9 Mutmaßlich entstand der Traktat demnach in einem Land, in dem - im Gegensatz zum Reich der Merowinger - Latein nie als gesprochene Sprache in Gebrauch war. Das führt erneut auf die isolierten insularen Verhältnisse Irlands hin.
6 Hellmann: S. 3
7 Kenney: S. 282
8 Hellmann: S. 15; Anton: Pseudo-Cyprian S. 572f.
9 Hellmann: S. 4
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2.3 Problem der Datierung.
Anhand von Vergleichen mit ähnlichen Texten, Vorbildern und anhand des nachweisbaren Einflusses oder Vorkommens des „De duodecim abusivis saeculi“ in späteren Schriften kann nur der etwaige Schöpfungszeitraum geschlussfolgert werden. Da offenbar die Etymologiae des Isidor von Sevilla verwendet wurden 10 , ergibt sich abgeleitet aus deren Entstehungszeitraum ein terminus post quem, der wohl nicht vor dem Jahr 630 liegen kann, da das Werk Isidors von Sevilla erst um diese Zeit beendet war. Dieser Lesart Hellmanns schloss sich die Forschung an, auch wenn Kenney eine noch frühere Entstehung ab 600 für möglich hält. 11 Für den terminus ante quem lässt sich analog zu oben gesagtem die Entstehung der Hibernensis, in welcher er zuerst zitiert ist, festmachen. Die Zusammenstellung dieser Kanonensammlung wird auf um 725 datiert. 12 Kenney gibt zudem zu bedenken, da das auch nach Ansicht Hellmanns offenbar zunächst anonym in Umlauf gebrachte Werk sich hier unter dem Namen des Patricius wieder findet, „… we may conclude that the work was then of considerable antiquity.“ Und fügt an, es sei wahrscheinlich schon vor oder bis 650 vollendet worden. 13 Das eröffnet einerseits ein relativ kleines Zeitfenster von rund 20 Jahren, ist es aber andererseits denkbar, dass bereits 75 Jahre ausreichten, um die Provenienz des Traktats vergessen zu machen? Anton stellt sogar die Frage, ob man mangels anderer Quellenfunde quasi automatisch davon ausgehen dürfe, dass die abusiva zuerst unter dem Namen des Patricius in der Hibernensis zitiert wurden? 14 Er begründet seine Zweifel mit Abweichungen der in den canones zitierten Fassung von den vor allem aus dem neunten Jahrhundert bekannten späteren Handschriften. Er erwähnt die Vermutung Hellmanns, dass aufgrund der großen Übereinstimmungen zwischen Hibernensis und abusiva die Kompilatoren und Pseudo-Cyprian vielleicht auf eine unbekannte gemeinsame Quelle, eine große Sentenzensammlung, zurückgegriffen haben. Und fordert „schon rein methodisch die Möglichkeit zu bedenken, daß die
10 Hellmann: S. 2. Hellmann bedient sich einer einzigen Textstelle aus der 10. abusio (episcopus neglegens) im Vergleich mit Isidor von Sevilla, um die Verwandtschaft beider Werke nachzuweisen: Pseudo-Cyprianus (Hellmann S. 53, Z. 20) episcopus cum Grecum nomen sit, speculator interpretatur. Aus Isidor von Sevilla zitiert er: Isid. Etym. VII 12,12 (Migne LXXXII, 291): „episcopi autem Graece, Latine speculatores interpretantur.“ Aus dem „gemeinsamen Gebrauch von speculator und interpretari“ folgert Hellmann, dass der Verfasser der Abusiva die Etymologie vor sich gehabt hat. Hellmann räumt allerdings ein: Es lasse sich nicht in allen Fällen ausmachen, ob Ps.-Cyprian Isidor selbst oder nur seine Vorlagen ausgeschrieben habe. 11 Kenney: S. 282 12 Anton: Pseudo-Cyprian S. 576 13 Kenney, S. 282 14 Anton: Pseudo-Cyprian S. 576
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Arbeit zitieren:
Diplom Katja Nündel, 2003, "De duodecim abusivis saeculi" und die "iniustitia des Königs - ein irischer Moraltraktat beeinflusst die karolingische Königsethik, München, GRIN Verlag GmbH
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