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Helmut Krausser - Tagebücher: Exhibitionismus für Voyeure? Zum Anteil des Anstößigen in Zeiten totaler Öffentlichkeit

Hauptseminararbeit,  2000, 32 Seiten
Preis: 8,99 EUR (E-Book)
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Details zum Text

Beschreibung

Veranstaltung:
Hauptseminar: Das Tagebuch zwischen Arbeitsbuch und Homepage
Institution / Hochschule:
Autor:
Archivnummer:
V27300
ISBN (E-Book):
978-3-638-29385-3
DOI:
10.3239/9783638293853
Dateigröße:
576 KB

Kategorie:
Hauptseminararbeit
Jahr:
2000
Seiten:
32
Note:
2,3
Sprache:
Deutsch

Anmerkungen :
Inkl. 4 Seiten Handout.
Schlagworte:

Zusammenfassung / Abstract

Keine Zusammenfassung vorhanden

Textauszug (computergeneriert)

Universität Augsburg
Lehrstuhl Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Hauptseminar: Das Tagebuch zwischen Arbeitsbuch und Homepage

Helmut Krausser - Tagebücher: Exhibitionismus für Voyeure?
Zum Anteil des Anstößigen in Zeiten totaler Öffentlichkeit

von: Katrin Miller

 


Gliederung

1. Vorbemerkung 3

2. Exhibitionismus und der Anteil des Anstößigen in Kraussers Tagebüchern  4

2.1 Privatleben 5

2.1.1 Alltagsexhibitionismus  5
2.1.2 Beziehung zu Beatrice  6

2.2 Erotik und Sexualität  9

2.2.1 Voyeuristisch-distanzierte Beobachtungshaltungen 9
2.2.2 Sexuelle Darstellungen/Aussagen  10

2.3 Freunde  12

2.3.1 Verallgemeinerte Aussagen 12
2.3.2 Aussagen über Einzelpersonen 14
2.3.3 „Spezialfreund“ Dirk  15

2.4 Personen des öffentlichen Lebens  18

2.4.1 Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller etc.  19
2.4.2 Feuilleton 20

2.5 Gesellschaftskritische Darstellungen 22

2.5.1 Amerikanisierung und Kulturverfall  22
2.5.2 Antisemitismus und Holocaust  23

3. Zum Anteil des Anstößigen in Zeiten totaler Öffentlichkeit  25

4. Schlußbetrachtung  26

Literaturverzeichnis  28

Handout / Zusammenfassung  29


 

 

1. Vorbemerkung

Im Mai 1992 beginnt Helmut Krausser jeweils einen Monat pro Jahr Tagebuch zu führen. „Anlaß der Niederschrift war, wie man hört, eine momentane Eingebung, die Lust so etwas zu versuchen.“1 Dieses „Experiment“ beabsichtigt er bis 2003 weiterzuführen. Jährlich soll ein neuer Tagebuchband erscheinen, der an den Monat des vorhergehenden Bandes unmittelbar angrenzt, bis die Reihe schließlich alle zwölf Monate umfaßt und insgesamt eine zwölfjährige Periode gleichsam zu einem „Kunstjahr“ amalgamiert ist.

Tagebuchschreiben – für viele eine Notwendigkeit, eine Art Ventil ihrer Impulsivität, das Beruhigung herbeiführt, oder ein „grausamer Partner“2, den man nicht belügen kann, da man letztendlich nur sich selbst gegenüber untreu werden würde. Tagebücher haben viele Rollen: sie sind zumeist eine Art Selbstgespräch und dienen ihren Schreibern zur Auseinandersetzungen mit sich selbst und mit anderen, zur Gewissenserforschung und zur Reflexion, können also Orte der Bekenntnis, Spiegel der eigenen Seele oder der Welt sein.3 Nicht selten besitzen Tagebücher die Funktion eines Erlebnisreservoirs oder werden zum Übungsfeld schriftstellerischer Versuche. „Im Ansehen des breiten Publikums, aber auch bei einigen seiner Interpreten, gilt das Tagebuch als eine ausgesprochen intime Form literarischer Gestaltung. Vielfach wird der Wert eines einzelnen Tagebuchs sogar ausdrücklich nach seinem mehr oder weniger ‚privaten‘ Charakter beurteilt.“4 Kraussers Tagebücher überschreiten die Grenze vom Privaten zum Öffentlichen, denn sie sind von vornherein auf ihre Veröffentlichung hin konzipiert. Schreiben wird zur beabsichtigten literarischen Produktion und tritt in Kontrast zum eher spontan-beiläufigen, zufälligen und v.a. auch intimen Charakter eines privaten Tagebuchs. Krausser schreibt somit im Hinblick auf eine implizite, möglicherweise auch bewußt intendierte Leserschaft. Indem er Gefühle, Einstellungen und Privates preisgibt, betreibt er eine Form von Exhibitionismus und setzt sich dadurch freiwillig der Kritik aus. Die Neigung Kraussers zur eigenen Zurschaustellung ist nicht zu übersehen. Dennoch setzt er innerhalb seines Exhibitionismus „Öffentlichkeitsgrenzen“ und be- bzw. überarbeitet seine Tagebücher in dementsprechender Weise: Das Bewußtsein der Publikation führt ihn zu einer Redigierung, einer Art Selbstzensur. Er streicht „einige allzu intime Stellen, einige tagespolitische Kommentare, literarische Einfälle, die den Weg in die Melodien oder ein anderes Werk gefunden haben, sowie Stellen, die den strafrechtlichen Bestand der Beleidigung erfüllt hätten“ 5 Es ist daher davon auszugehen, daß Krausser alle Inhalte bzw. Aspekte, die er in seine Aufzeichnungen aufnimmt, sehr bewußt ausgewählt hat, sehr wohl in dem Wissen, stets an der Schwelle des Provokanten zu schreiben.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu hinterfragen, ob Krausser mit/in seinen Tagebüchern „Exhibitionismus für Voyeure“ betreibt. Ein Hauptaugenmerk liegt darauf, herauszustellen, in welchem Grad der Autor seinen Exhibitionismus auslebt und somit für sich selbst definiert. Wo liegen die Grenzen seines Exhibitionismus? Mit welchen Ausführungen bewegt er sich bereits im Bereich des Anstößigen? Inwiefern dienen die exhibitionistischen Einblicke der Tagebücher dem Leser zur Befriedigung seiner (falls überhaupt vorhandenen) voyeuristischen Interessen? Zunächst ist herauszuarbeiten, in welchen Bereichen Krausser als Exhibitionist tätig wird und wo er sich dem Bereich des Anstößigen nähert. Hauptsächlich herangezogen werden die Tagebücher „Juli“ 1994, „August“ 1995 und „September“ 1996; an einigen Stellen sind auch die Tagebücher „Mai“ 1992 und „Juni“ 1993 mitheranzuziehen, um der Darstellung eines Gesamtbildes gerecht zu werden. Außerdem tragen Zeitungsartikel, Rezensionen und Interviews mit dem Autor zur Verdeutlichung und zum besseren Verständnis einiger Tagebuchpassagen bei. Abschließend ist der Frage nachzugehen, ob ein Autor – in Zeiten (scheinbar) totaler Öffentlichkeit – durch Exhib itionismus überhaupt noch anstößig sein bzw. wirken kann!

2. Exhibitionismus und der Anteil des Anstößigen in Kraussers Tagebüchern

Das Wort „Exhibitionismus“ – vom lateinischen „exhibere“ abgeleitet - bezeichnet zum einen die schlichte Darbietung oder Vorführung im Sinne von (vor)zeigen, erscheinen oder sehen lassen, beinhaltet aber auch den Aspekt, daß etwas Verstecktes, Unbekanntes, Ungeahntes zum Vorschein gebracht wird. Desweiteren charakterisiert „exhibere“ die Tätigkeit des Herausholens, des Herbeibringens, insbesondere eine Person(zum Verhör, zur Bestrafung u.a.) herschaffen.6 Vor allem die zuletzt erwähnte Bedeutung gewinnt hinsichtlich Kraussers Tagebüchern eine besondere Bewandtnis. Unternimmt man nämlich den Versuch, die Tagebucheintragungen in verschiedene Kategorien von Exhibitionismus einzuteilen, kommt man zu folgendem Ergebnis: Auf der einen Seite betreibt Krausser eine Art Seelenexhibitionismus , indem er sich selbst, seine Meinungen und Einstellungen zu verschiedenen Bereichen offen darlegt und seine Leser an nahezu jedem „Denk- und Wahrnehmungsprozeß“7 detailliert teilnehmen läßt; andererseits exhibitioniert er andere Personen, indem er deren Charaktere der Öffentlichkeit ausliefert und private Detailsüber diese Personen preisgibt. Bei Kraussers dargestellten subjektiven Sichtweisen, die zumeist einen provokativen Beigeschmack besitzen, bleiben Beleidigungen und Angriffe auf die Menschenwürde nicht aus, wodurch die betreffenden Personen bloßgestellt, kritisiert und nahezu angeklagt werden. Wenn man bedenkt, daß der Autor diese Aussagen durchaus bewußt in sein Tagebuch aufnimmt, wie oben bereits erwähnt, kann ein gewisser Grad an Anstößigem nicht ganz zurückgewiesen werden. Der Autor äußert sich selbst zum Thema „Anstößigkeit“ und bringt damit seine persönliche Einstellung zum Ausdruck:

„Alles was in Sachen Ästhetik über leichte Anstöße hinausgeht, gilt als primär anstößig. Warum so verurteilenswert vorsichtig sein?“8 Daraus geht hervor, daß Krausser nicht die Absicht hat, vorsichtig zu sein und auf irgendetwas/irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Er legt bei seinen Ausführungen keinen gesteigerten Wert auf Harmonie, die der Ästhetik eindeutig zuzuordnen ist. Und tatsächlich geizt er innerhalb seiner Tagebücher nicht mit Kühnheiten und Wagnissen9 und verhält sich „in seinen Formulierungen oft wenig wählerisch, ja geradezu flegelhaft“. 10 Im folgenden soll nun der in den Tagebüchern aufzufindende Exhibitionismus – unter besonderer Berücksichtigung des Anteil des Anstößigen - näher beleuchtet werden

2.1 Privatleben

2.1.1 Alltagsexhibitionismus

[...]


1 Falcke, E.,S.22

2 vgl. Canetti, E., Dialog mit dem grausamen Partner

3 siehe auch: Boerner, P.,S.17

4 Boerner, P.,S.25

5 Krausser, H.(1995), S.6

6 Menge, Hermann, S.16

7 Behrendt, Eva, S.14

8 Krausser, H., S.44

9vgl. Falcke, E., S.22

10 Hagestedt, L., „Der würdige Greis und der junge Flegel“

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