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Inhaltsverzeichnis
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Vorwort 6 NA
1 Einleitung und Fragestellung 7
2 Klärung der zentralen Begriffe sizilianische Mafia
Familie und Mafiaerziehung 10
2.1 Die sizilianische Mafia 10
2.2 Die Familie 15
2.2.1 Familismus 16
2.2.2 Die Mafiafamilie 18
2.2.3 Die rituelle Verwandtschaft....................................................19
2.3 Mafiaerziehung 21
3 Die idealtypische sizilianische Familie: geschlechts-
spezifische Rollenteilung und Sozialisation 23
3.1 Die Aufgaben und die Rolle des Vaters......................................24
3.2 Die Aufgaben und die Rolle der Mutter 25
3.3 Geschlechtsspezifische Sozialisation 25
4 Die geschlechtsspezifische Rollenaufteilung und Sozialisati-
on in der mafiosen Familie 26
4.1 Die Aufgaben und die Rolle des mafiosen Vaters.................27
4.2 Die Aufgaben und die Rolle der mafiosen Mutter 31
4.3 Die Sozialisation der Kinder zu mafiosi und mafio-
se 36 NA
4.4 Exkurs: Die Ehre 42
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5 Die Erziehung innerhalb der „ehrenwerten Gesell-
schaft“..................................................................................................................46 5.1 Warum ist es überhaupt notwendig, über Mafiaer-
ziehung zu sprechen?....................................................................................47 5.2 Subkulturelles Milieu und die Ausbildung mafioser
Werte......................................................................................................................48 5.3 Die Erziehungsziele der Cosa Nostra..........................................50
5.4 Geschlechtsspezifische Erziehung...............................................52
6 Antimafia difficile: Der Kampf gegen die Cosa Nostra......54
6.1 Definition des Begriffes „Antimafia“.............................................54
6.2 Die Entstehung und der Verlauf der Antimafiabewe-
gung in Sizilien.................................................................................................55 6.3 Die Trägergruppen der Antimafiabewegung............................67
7 „Wehret den Anfängen” - Kinder- und Jugendarbeit
der Antimafiabewegung.................................................................................76 7.1 Aufklärungsarbeit in den Schulen...............................................76
7.1.1 Cartello Palermo Anno Uno......................................................78
7.1.2 Associazione donne siciliane per la lotta contro la ma-
fia............................................................................................................81 7.1.3 Centro Siciliano di Documentazione „Giuseppe Impasta-
to“.......................................................................................................84 7.2 Stadtteilarbeit..........................................................................................87
7.2.1 Dipingi la Pace................................................................................88
7.2.2 Centro Diaconale „La Noce” Instituto Valdese................92
7.2.3 Centro Padre Nostro.....................................................................99
7.3 Zusammenfassung von Punkt 7.................................................105
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8 Zusammenfassung und abschließende Stellungnahme 107
8.1 Zusammenfassung 107
8.2 Abschließende Stellungnahme 110
Literaturverzeichnis 112 NA
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Abbildung 1: Spielende Kinder auf den Straßen Palermos 2
2 QUELLE: CITY OF PALERMO & TUSCAN REGION 1999
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Vorwort
In erster Linie gilt mein Dank Herrn Prof. Dr. Ernst Prokop, der trotz seiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen freundlicherweise diese Diplomarbeit betreut hat.
Ein großer Teil dieser Arbeit konnte nur geschrieben werden, weil die Soziologin Frau Dr. Anita Bestler viel Zeit und Mühe in die Vor- bereitungen und Literaturrecherchen zu dieser Arbeit investiert hat. Sie hat auch die Kontakte in Palermo zu den Institutionen Di- pingi la pace und Centro Diaconale „La Noce“ Instituto Valdese her- gestellt und meine Fragen stets mit sehr viel Geduld beantwortet. Für ihr Engagement möchte ich mich ganz herzlich bei ihr bedan- ken.
Ebenfalls Dank sagen möchte ich Herrn Gerhard Nölle vom Centro Diaconale „La Noce“ Instituto Valdese. Er hat trotz seiner vielen Ar- beit stets Zeit für ein Gespräch gefunden.
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1 Einleitung und Fragestellung
Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’ anni ’mpaci ist ein sizilianisches Sprichwort und heißt auf deutsch „Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden“. 3 Hier werden drei Grundprinzipien der Cosa Nostra 4 vereinigt. Wer taub ist hört keine Schüsse bei ei- nem Mord. Ein Blinder sieht nicht wie von einem Geschäftsmann der pizzo, das Schutzgeld, verlangt wird. Wer stumm ist hält die omertá 5 ein und geht somit nicht zur Polizei, um zu reden.
Die Mafia kann nur fortbestehen, indem diese Regeln von einer Ge- neration zur nächsten weitergegeben werden. Welche Eltern geben diese Werte an ihre Kinder weiter? Wie werden diese Kinder erzogen und welche Möglichkeiten gibt es außerhalb der Familie, „hörende“, „sehende“ und „sprechende“ Menschen aus ihnen zu machen?
Diese Diplomarbeit beschäftigt sich in erster Linie mit der blutsver- wandten famiglia 6 und mit der Mafiafamilie, ohne welche die sizili- anische Mafia nicht existieren kann. Sie versucht, anhand der Rol- lenaufteilung innerhalb der Familie und der Aufgaben der einzelnen Mitglieder, die Erziehung der Söhne zu mafiosi und die der Töchter zu „schweigsamen duldenden Frauen“ zu erklären.
Doch auf die Kinder wirken nicht nur die Herkunftsfamilien und die Cosa Nostra ein. Die Antimafia versucht, sowohl auf institutio- neller Ebene als auch durch Kinder- und Jugendarbeit, der Erzie- hung der mafiosi entgegenzuwirken.
Am Anfang steht die Klärung der Begriffe „sizilianische Mafia“, „Familie“ und „Erziehung“, wie sie in dieser Arbeit verwendet wer- den. Es folgt die Beschreibung der geschlechtsspezifischen Rollen- verteilung und Sozialisation innerhalb der blutsverwandten fa- miglia. Dabei wird zunächst die geschlechtsspezifische Rollenauftei-
3
BONAVITA 1993: S. 106
4
„Cosa Nostra“ bedeutet übersetzt „Unsere Sache“
5
Italienisch: Schweigepflicht, Schweigegebot
6
Italienisch: Familie
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lung und Sozialisation der „idealtypischen“ sizilianischen Familie angesprochen, um sie von der Mafiafamilie abgrenzen zu können. Im ersten Teil wird außerdem auf die Erziehung der Kinder und Jugendlichen der sizilianischen Mafia eingegangen. Hier werden zunächst die Erziehungsziele der sizilianischen Mafia vorgestellt und danach wird die Erziehung der Jungen zu mafiosi und die Er- ziehung der Mädchen zu „schweigsamen Frauen“ unter Berücksich- tigung subkultureller Aspekte beschrieben.
Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit Antima- fia. Zunächst wird der Begriff „Antimafia“ definiert und dann kurz der Verlauf der Antimafiabewegung in Sizilien geschildert. Hier werden außerdem zentrale Antimafiaaktivitäten auf institutioneller Ebene (Antimafiagesetz, -richter und –politik) exemplarisch vorge- stellt, bevor kurz auf die wichtigsten Trägergruppen eingegangen wird.
Danach folgt eine Beschreibung der Kinder- und Jugendarbeit der Antimafia, die hauptsächlich in Form von Aufklärungsarbeit in den Schulen und Stadtteilarbeit abläuft. Aufklärungsarbeit in den Schulen wird anhand der Arbeit des Antimafiadachverbandes Cartello Palermo Anno Uno mit seiner Initiative Palermo apre le por- te, der Frauenvereinigung Associazione donne siciliane per la lotta contro la mafia und des sizilianischen Forschungs- und Dokumen- tationszentrums Centro Siciliano di Documentazione „Giuseppe Im- pastato“ beschrieben. Stadtteilarbeit betreiben in erster Linie die Sozialzentren in Palermo. Hier werden die Projekte Dipingi la Pace von Pater Paolo Turturro, die Einrichtungen der evangelischen Kir- chengemeinde der Waldenser im Centro Diaconale „La Noce“ Institu- to Valdese und das Sozialzentrum Centro Padre Nostro vorgestellt. Meine Recherchetätigkeit in Palermo konzentrierte sich auf das Centro Diaconale „La Noce“ Instituto Valdese und auf das Projekt Dipingi la Pace. Aufgrund des in Sizilien vorherrschenden Mißtrau- ens gegenüber Fremden und wegen des „heiklen“ Themas „Mafia“ konnten die in den Einrichtungen geführten Gespräche weder auf- gezeichnet noch mitgeschrieben werden. Die Befragung der Vertre-
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ter der einzelnen Institutionen fand in Form eines Expertengesprä- ches statt.
Eine Zusammenfassung und abschließende Stellungnahme been- den diese Arbeit.
Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen die Gegebenheiten der Familienerziehung in der sizilianischen Mafia und deren pädagogi- sche Gegenwirkung.
Dabei standen folgende Fragen im Vordergrund:
• Wie ist eine Mafiafamilie aufgebaut und wie verteilen sich im Gegensatz dazu die Rollen innerhalb einer mafiosen Familie in der sizilianischen Mafia?
• Nach welchen Idealen werden Kinder erzogen, damit sie ein anerkanntes Mitglied in der „ehrenwerten Gesellschaft“ sein können?
• Mit welchen Mitteln und Maßnahmen will die Antimafia die „ehrenwerte Gesellschaft“ bekämpfen?
• Welche Erziehungsziele haben Einrichtungen, die versuchen, die Kinder und Jugendlichen vor den Fängen der sizilianischen Mafia zu bewahren?
Es werden außerdem bedeutende Persönlichkeiten und ihre jeweili- gen Ziele vorgestellt sowie die Erfolge und Niederlagen im Kampf gegen die sizilianische Mafia angesprochen.
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2 Klärung der zentralen Begriffe „sizilianische Mafia“,
„Familie“ und „Mafiaerziehung“
Um über die sizilianische Mafia, die Cosa Nostra, sprechen zu kön- nen, müssen zunächst die zentralen Begriffe „sizilianische Mafia“, „Familie“ und „Erziehung“, wie sie in der vorliegenden Arbeit ver- standen werden, geklärt werden:
a) Wie ist der Begriff „Mafia“ entstanden? Was ist die sizilianische Mafia und was macht sie überhaupt?
b) Was versteht die Cosa Nostra unter einer Familie und wie ist die- se aufgebaut? Welches Phänomen ist der Familismus? Und wie kommt es innerhalb der Mafiafamilie zur rituellen Verwandtschaft?
c) Was ist kennzeichnend für die Mafiaerziehung?
2.1 Die sizilianische Mafia
„Die Mafia? Ich weiß nicht, ob es sie gibt. Ich kann mit Sicherheit nichts über sie sagen“, äußerte der mutmaßliche neue Mafiaboß von San Giuseppe Jato, Salvatore Genovese, nach seiner Festnah- me im Oktober 2000. 7 Ähnlich antwortete auch Palermos ehemali- ger, mafioser Bürgermeister Vito Ciancimin, als er während eines Interview gebeten wurde, den Begriff „Mafia“ zu definieren. Er be- hauptete, nicht zu wissen, um was es sich bei der Mafia handeln könne. 8 Wenn mafiosi bei polizeilichen Vernehmungen erklären, sie wüßten nicht, um was es bei der Mafia ginge, dann ist das durchaus nicht nur Polemik. Sie sagen insofern die Wahrheit, als der Terminus „Mafia“ nie zur Eigenbezeichnung der Organisation verwendet wur- de und es in diesem Sinne die Mafia tatsächlich nie gab. Wie konn-
7
GIORNALE DI SICILIA vom 17.Oktober.2000, S. 26
8
vgl. CORRENTI 1987: S. 14f
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te nun dieser Begriff zum „Label“ der sizilianischen und später auch anderer Formen von organisierter Kriminalität avancieren?
Ethymologie:
Es wurden im Laufe der Geschichte viele Erklärungsversuche über die Herkunft des Wortes „Mafia“ gemacht. Tatsächlich ist die Her- kunft nach wie vor unklar. Vielfach wird vermutet, „Mafia“ ent- stamme dem Arabischen und leite sich aus
mahias
oder
mahyias
ab, was Prahlerei oder Dreistigkeit bedeutet. Es könnte sich aber auch von
ma’afir,
dem Namen eines einstmals Palermo beherr- schenden arabischen beziehungsweise berberischen Stammes ab- leiten. Einige Autoren halten es für möglich, daß „Mafia“ auf das arabische
maha,
also Grotte oder Steinhöhle, zurückgeht. Es gab tatsächlich in der Gegend von Trapani und Marsala Höhlen, die als
mafie
bezeichnet wurden.
9
Weitere Möglichkeiten sind die arabi- schen Wörter
mahfil,
was Versammlung oder Versammlungsort heißt oder
múafa,
was Verborgenheit oder Schutz bedeutet. „Mafia“ könnte sich aber auch von
marfid,
der Vergangenheitsform des a- rabischen Verbs „verweigern“, ableiten.
10
Gelegentlich wird der Beg- riff auch auf das piemontesische
mafi, mafio
oder
mafiun
zurückge- führt, wo sich besagte Wörter in der Bedeutung von „unzivilisierter Mensch, der nicht redet und antwortet“, schon seit 1815 nachwei- sen lassen.
11
„Mafia“ könnte aber auch dem toskanischen Dialekt entstammen. Dort war das vom arabischen
marfid
abgeleitete Wort
malfusso
schon im 15. Jahrhundert gebräuchlich und bedeutete „untreu“, „ungläubig“, aber auch „Schurke“ und „Verbrecher“.
12
Im Florentiner Dialekt bezeichnete
malfusso
darüber hinaus Armut.
13
Es gibt im sizilianischen Dialekt eine Reihe Wörter, die ähnlich wie „Mafia“ klingen und „Kühnheit“, „Anmaßung“, oder auch „schönes Mädchen“ bedeuten. 14
9
vgl. CORRENTI 1987: S. 31; GAMBETTA 1992: S. 363; HESS 1970: S. 2
10
vgl. CORRENTI 1987: S. 32; GAMBETTA 1992: S. 363f
11
vgl. GAMBETTA 1992: S. 363f; MESSINA 1990: S. 29; RENDA 1998: S. 45
12
vgl. GAMBETTA 1992: S. 364; MESSINA 1990: S. 20
13
vgl. GAMBETTA 1992: S. 363f; MESSINA 1990: S. 29
14
vgl. HESS 1970: S. 1
_______________________________________________________________________________ 12
Im Jahre 1862 wurden in der sizilianischen Dialektkomödie „I ma- fiusi della Vicaria“ 15 besonders angesehene Häftlinge mafiusi ge- nannt. Drei Jahre später fand das Wort „Mafia“ Eingang in die Sprache der italienischen Strafverfolgungsbehörde. Inzwischen ist der Begriff „Mafia“ international und wird mit Gefängnisaufständen, Polizistenmorden oder Bildung von Banden in Verbindung ge- bracht. Mit „Mafia“ bezeichnen die italienischen Juristen mittler- weile fast ausschließlich kriminelle Vereinigungen beziehungsweise allumfassende Geheimorganisationen. 16
Aktivitäten:
Das Ziel der Cosa Nostra besteht vornehmlich in der ökonomischen Bereicherung ihrer Mitglieder. Daneben streben die
uomini d’onore,
wie sie sich selbst nennen, auch Ehre, also persönliches Ansehen, an. Zentral ist aber ohne Zweifel die wirtschaftliche Bereicherung, weshalb der Soziologe Diego Gambetta
17
die „ehrenwerte Firma“ auch als „(...) eine Industrie, die privaten Schutz schafft, fördert und verkauft“ definiert.
Zu den traditionellen Aktivitäten der Mafia, die seit etwa 150 Jah- ren in Sizilien existiert und sich von den westlichen Provinzen (Pa- lermo, Trapani, Agrigent) inzwischen auf fast der gesamten Insel ausgebreitet hat, zählen Viehraub, illegales Schlachten und Ver- kaufen von Vieh, die Kontrolle von Wasserstellen und Märkten (Obst-, Gemüse-, Fleisch- und Fischmärkte), Entführungen und schließlich Schutzgelderpressungen. Eine Verlagerung des Akzents der ökonomischen Tätigkeiten der Onorata Societa 18 setzte erst in den 50er und 60er Jahren ein, als sich die „ehrenwerte Gesell- schaft“ von einer „ruralen“ zur „urbanen“ Mafia entwickelte. Zwei Gründe waren dafür ausschlaggebend: Einmal die Landflucht vieler Sizilianer vor allem in die Hauptstadt Palermo, wodurch dort ein ungeheurer Bedarf nach Wohnungen entstand, der durch die Akti- vitäten mafioser Baufirmen gedeckt wurde, und zum anderen die
15
Sizilianisch: Die Mafiosi der Vicaria; vgl. MESSINA 1990: S. 18f
16
vgl. RAITH 1986: S. 54
17
GAMBETTA 1994: S. 9
18
Italienisch: Ehrenwerte Gesellschaft; präziser wäre jedoch die Übersetzung „Geehrte Gesellschaft“
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Entscheidung der italienischen Regierung, die unterentwickelten Regionen des Südens durch große Infrastrukturprojekte ökono- misch zu fördern. Zu diesem Zweck wurde Ende der 50er Jahre die „Südkasse“, die sogenannte Cassa per il mezzogiorno gegründet, durch die enorme Geldbeträge nach Sizilien flossen, mit deren Hilfe viele öffentliche Bauprojekte realisiert wurden (zum Beispiel Auto- bahnen, Straßen, Schulen, Krankenhäuser etc.). Die Mafia hatte natürlich größtes Interesse daran, sich diese Gelder anzueignen, was ihr mit Hilfe ihr nahestehender Politiker auch gelang. Die Mafia hatte zwar ihre traditionellen Aktivitäten nicht aufgegeben, war a- ber jetzt stark in die Bauindustrie eingestiegen. Ab den 70er Jahren eröffneten sich der ehrenwerten Gesellschaft mit dem internationa- len Drogenhandel neue ökonomische Perspektiven, die sie nicht ungenutzt ließ. Der Drogenhandel machte die mafiosi reich wie nie zuvor und bildet bis heute ihre Haupteinnahmequelle. Später ka- men dann noch der illegale Waffenhandel und in jüngster Zeit das lukrative Geschäft mit Giftmüll hinzu. Des weiteren bereichert sich die Mafia durch Drogen- und Waffengeschäfte, oft in Kooperation mit der amerikanischen Cosa Nostra. Vor allem wird mit Heroin ge- handelt und Handfeuerwaffen oder Plutonium verschoben, was zur zunehmenden Illegalisierung der Mafia führt. Ein weiterer Ge- schäftsbereich der „ehrenwerten Firma“ ist der Handel mit gefälsch- ten Markenartikeln und die Schutzgelderpressung. Die ambulanten Händler oder Geschäftsleute sind in der Regel nicht Mitglied der Mafia, sondern bezahlen den pizzo, um Schutz zu erhalten. Lange Zeit waren Entführungen die Haupteinnahmequelle der Mafia, bei denen sie sich durch Lösegelderpressungen bereichern konnte. Die Zahl der Entführungen hat in den letzten Jahren abgenommen, da die Mafia mit ihren Methoden – soweit wie möglich - nicht in die Öf- fentlichkeit geraten will. Durch Spekulations- und Immobilienge- schäfte wurde Geldwäscherei nötig, was der sizilianischen Mafia derzeit durch die Globalisierung und die weltweite Vernetzung der Computer wesentlich erleichtert wird. 19
_______________________________________________________________________________ 14
Henner Hess beschränkt seine Definition von „Mafia“ nicht nur auf die Aktivitäten, sondern machte mit seiner Klärung des Begriffs „Mafia“ den Weg frei zu einer sozialpsychologischen Deutung. 20 Er sagt „Mafia ist keine Organisation, sondern eine Verhaltensweise, eine Methode, das, was die ´mafiosi` tun; sie ist die von ´starken Männern‘ ausgeübte und angedrohte private Gewalt, ausgeübt und angedroht in allen sozialen Konflikten“. 21
Der Zusammenhang zwischen Mafia und Politik ist nicht von der Hand zu weisen, denn politischer Einfluß bringt der Organisation Vorteile in Bezug auf die Möglichkeiten ihrer Machtausübung und vor allem ökonomische Bereicherung. Die Cosa Nostra kann somit die cassa 22 , das heißt die Verteilung der Gelder unter anderem vom reichen Norden in den ärmeren Süden, kontrollieren oder sich öf- fentliche Aufträge beschaffen. Im Gegenzug verhilft die Mafia den Politikern beispielsweise zu Wählerstimmen. 23
Juristische Definition:
Bis Anfang der 80er Jahre stellten mafiose Verbrechen keinen eige- nen Strafbestand im italienischen Recht dar. Erst im Jahre 1982, nach einer Serie von Morden an „Männern des Staates“ wie Rich- tern (Terranova, Costa), Politikern (Mattarella, La Torre) und dem Polizeipräfekten Carlo Alberto Dalla Chiesa, sah sich der Staat ve- ranlaßt, das erste Antimafiagesetz (LaTorre-Gesetz, benannt nach dem ermordeten, kommunistischen Politiker Pio La Torre) seiner Geschichte zu verabschieden.
24
Artikel 1 dieses Gesetzes vom 13. September 1982 besagt folgendes: „Eine Vereinigung ist mafiosen Typs, wenn diejenigen, die ihr angehören, der Einschüchterungs- kraft der Vereinsbande, der Unterdrückung und der sich daraus ergebenden
omertá
bedienen, um Verbrechen zu begehen, um di-
20
vgl. RAITH 1986: S. 54
21
HESS 1990: S. 113
22
Italienisch: Kasse
23
vgl. BESTLER 2001c
24
vgl. ders.
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rekt oder indirekt die Ausführung oder zumindest die Kontrolle ü- ber Wirtschaftsaktivitäten, Konzessionen, Genehmigungen, Ar- beitsaufträge und öffentliche Dienstleistungen zu erlangen, oder um für sich oder andere ungerechte Profite oder Vorteile zu realisie- ren“. 25
Neben der Cosa Nostra in Sizilien finden sich in Italien noch fol- gende mafiaähnliche Organisationen, die jedoch in dieser Arbeit außen vor gelassen werden:
Die „Camorra“ beherrscht Kampanien, vor allem Neapel. Kalabrien wird von der Organisation „‘Ndrangheta“ kontrolliert. „Stidda“ 26 nennt sich die Mafia-Organisation in Agrigento und Caltanissetta und die Vereinigung „Sacra Corona Unita“ reagiert in Apulien. 27
In der vorliegenden Arbeit werden für den Begriff „sizilianische Ma- fia“ auch die Synonyme „Cosa Nostra“, „Organisation“, „ehrenwerte Gesellschaft“ und „ehrenwerte Firma“ (in Bezug auf ihre ökonomi- schen Aktivitäten) verwendet.
2.2 Die Familie
Das italienische Wort famiglia bedeutet auf deutsch zunächst Fami- lie. Unter einer famiglia wird aber keineswegs nur die Gemeinschaft blutsverwandter Personen, in der Regel also Eltern und Kinder, verstanden. Mit famiglie 28 werden auch die – laut offizieller Polizei- berichte – etwa 160 mafiosen Gruppen in ganz Sizilien bezeichnet. Solche Gruppen bildet eine famiglia oder cosca.
Die (blutsverwandte) Familie ist nun in Sizilien von einer ungeheu- ren Bedeutung. Nur gegenüber Familienmitgliedern besteht Ver- trauen und das Wohl der eigenen Familie stellt den höchsten Wert dar. Die übersteigerte Betonung der Familie wird von Ethnologen
25
UESSELER 1987: S. 169f
26
Sizilianisches Dialektwort für Stern
27
vgl. FLEIG 2001
28
Pluralform von
famiglia
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als „Familismus“ bezeichnet und als Phänomen im gesamten medi- terranen Raum festgestellt. Ergänzt wird der Familismus von der „rituellen Verwandtschaft“, womit der Umstand bezeichnet wird, daß nicht blutsverwandte Personen in die eigene Familie (etwa durch die Übernahme von einer Patenschaft) aufgenommen werden und ihr in gewisser Weise damit angehören.
2.2.1 Familismus
„Cumpari semu, cumpari ristamu, Veni la morti e nni spartemu.“ ist eine sizilianische Redewendung und heißt auf deutsch: Wir sind Gevattern, wir bleiben Gevattern, erst wenn der Tod kommt, tren- nen wir uns. 29 Dieser Spruch beschreibt Familismus, der aus einer Art Blutsbrüderschaft besteht und nur durch den Tod beendet wird.
Edward Banfield 30 führte eine Studie in dem kleinen Dorf Mon- tegrano in Süditalien durch. Dabei berücksichtigte er kulturelle, psychologische und moralische Aspekte von politischen und ande- ren Organisationen. Er spricht in diesem Zusammenhang vom so- genannten „amoralischen Familismus“.
Ein „amoral familist“ folgt dieser Regel:
Jemand, der nach diesem Prinzip lebt, verhält sich gegenüber Per- sonen, die nicht seiner Familie angehören, ohne Moral. Innerhalb seiner Familie jedoch herrscht ein bestimmtes Normensystem, bei dem sehr wohl zwischen Recht und Unrecht unterschieden wird.
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Einer, der keine Familie hat, ist nach Banfield ein „amoralischer Individualist“.
Teresa Principato 31 , Staatsanwältin in Palermo und ehemalige Kol- legin der 1992 ermordete Antimafiarichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, beschreibt Familismus folgendermaßen: Es ist schwierig zu verstehen, welche Rolle die Frau in der Mafia spielt, weil eine Frau eigentlich kein direktes Mitglied der Cosa No- stra sein kann. Sie sagt, die Frauen seien in Sizilien so stark in die Familie eingebunden, daß die Familienbande die Oberhand über die Kontakte nach draußen haben. Die Familie bildet eine isolierte, antigesellschaftliche Gruppe, in der die weiblichen und männlichen Rollen durch die Familienbande genau festgelegt sind. Vertrauen herrscht nur unter den Blutsverwandten.
Genau auf diesem System basiert die Mafia. Nur so können negati- ve Werte entstehen und übertragen werden.
Mit eigenen Worten:
Familismus wird in der vorliegenden Arbeit als ein System und Ge- fühl verstanden, das im gesamten mediterranen Raum und somit auch innerhalb der sizilianischen Mafia vorherrscht. Die
famiglia
wird als heilig und als höchstes Gut des Mannes empfunden. Von der Familie gehen bestimmte Vorschriften mafiosen Verhaltens aus, denn hier werden die Normen und Werte festgelegt. Vertrauen hat ein
mafiosi
nur zu seiner eigenen Familie. Er orientiert sich ausschließlich an der
famiglia,
was auf die Hochhaltung der Bluts- verwandtschaft und auch der rituellen Verwandtschaft im mediter- ranen Raum zurückzuführen ist.
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2.2.2 Die Mafiafamilie
Die Familie ist der Kern der Mafia, die im Gegensatz zur „idealtypi- schen“ sizilianischen Familie nicht aus Vater, Mutter und den Kin- dern besteht, sondern nur aus Männern, die einer bestimmten hie- rarchischen Gliederung unterstehen.
Rolf Uesseler beschreibt den Aufbau einer Mafiafamilie so:
Abbildung 2: Aufbau einer Mafiafamilie 32
Eine Mafiafamilie ist pyramidenförmig aufgebaut. An der Spitze steht der capo famiglia 33 , das Familienoberhaupt. Er ist dazu be- rechtigt, Entscheidungen zu treffen. Ein capo famiglia ist der Rep- räsentant der Familie und ernennt einen Stellvertreter für sich selbst, den vice-capo 34 . Umgeben sind der capo famiglia und sein Stellvertreter von einem consigliere 35 , der sie bei wichtigen Ent-
32
QUELLE: UESSELER 1987: S.105
33
Italienisch: Familienoberhaupt
34
Italienisch: stellvertretender Führer
35
Italienisch: Berater
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scheidungen berät. Es gibt aber auch Mafiafamilien ohne einen Be- rater. 36 Diese drei Einheiten bilden die oberste Stufe einer Familie. Von hier aus wird der capodecina 37 ernannt, der etwa zehn soldati 38 beziehungsweise Ehrenmännern vorsteht. Je nach Größe der Ma- fiafamilie gibt es mehrere capidecine oder auch gar keine. Die sol- dati, auch piciotti 39 genannt, erhalten ihre Befehle von oben, also auch von der obersten Ebene. Nur die „Ehrenmänner“, wie sich die Handlanger auch nennen, wählen die oberste Stufe mit den Bera- tern und dem Familienoberhaupt.
Eine Mafiafamilie kann aus fünf bis hin zu 200 Mitgliedern beste- hen. 40
Der Begriff „mafiose Familie“ bezeichnet in der vorliegenden Arbeit in Abgrenzung zur Mafiafamilie die Vater-Mutter-Kind-Konstellation innerhalb der Mafiafamilie.
2.2.3 Die rituelle Verwandtschaft
Um Mitglied der Cosa Nostra werden zu können, muß man mehrere Voraussetzungen mitbringen: Man muß männlichen Geschlechts und Sizilianer sein und darüber hinaus klare familiäre Strukturen nachweisen können. Das bedeutet, in der Familie dürfen keine Scheidungen vorgekommen sein und es dürfen keine Verwandt- schaftsverhältnisse mit Polizisten oder Richtern bestehen. Das wichtigste Kriterium für die Aufnahme ist allerdings Mut und Er- barmungslosigkeit, was der Neuling in der Regel noch vor der Auf- nahme unter Beweis zu stellen hat. Eine verbreitete Mutprobe ist das Töten eines Tieres, eines Menschen oder die Teilnahme an ei- nem Raubüberfall.
36
In Anlehnung an das Gespräch mit dem Oberstaatsanwalt Dr. Ignazio De Francisci in seinem Büro in Agrigent am 11. Oktober 2001.
37 Italienisch: Zehnergruppenführer 38 Italienisch: Soldat 39 Sizilianisch: Jüngelchen 40 In Anlehnung an das Gespräch mit dem Oberstaatsanwalt Dr. Ignazio De Francisci in seinem Büro in Agrigent am 11. Oktober 2001.
_______________________________________________________________________________ 20
Niemals kann ein junger Mann von sich aus Mitglied der Mafia werden, immer wird er über einen mehr oder weniger langen Zeit- raum von den uomini di rispetto 41 beobachtet und dann gegebenen- falls auserwählt. Von Vorteil ist, wenn bereits ein Verwandter ein mafioso ist.
Stellt sich der Neuling als geeignet heraus, wird er durch den Initia- tionsritus aufgenommen. Es gibt kleine Unterschiede in den Auf- nahmeritualen zwischen den einzelnen Provinzen, aber das Prinzip ist immer dasselbe:
Der potentielle picciotto wird zunächst an einen entlegenen Ort ge- führt, an dem die Vertreter der Familie, alle, die ein Amt bekleiden, und einige uomini d’onore, bereits warten. Der Vertreter der Familie erklärt zunächst die Regeln der Mafia und betont, daß das, was die Öffentlichkeit als Mafia bezeichnet in Wahrheit Cosa Nostra heißt. Bis zu diesem Zeitpunkt kann der Neuling noch zurücktreten. Als nächstes folgt die Aufklärung über die Pflichten eines picciotto: Er darf auf keinen Fall um die Frau eines anderen Ehrenmannes werben, nicht stehlen, er darf sich nicht an Prostitution bereichern, Streit innerhalb der Familie muß er vermeiden und unter keinen Umständen darf er einen uomo d’onore töten. Einem mafioso ist es verboten, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus muß die omertá, die Schweigepflicht, eingehalten werden.
Bekräftigt der Neuling nun seinen Willen Mitglied der Cosa Nostra zu werden, darf er sich unter den anwesenden Ehrenmännern ei- nen Paten aussuchen.
Der nächste Schritt ist der Schwur. Dabei wird dem picciotto mit einer Nadel in den Zeigefinger der Hand gestochen, mit der er schießt, und ein Heiligenbild mit seinem Blut betropft. Dieses Bild wird nun angezündet und der Initiand wechselt das brennende Bild von einer Hand in die andere. Er schwört dabei, die Regeln der Co- sa Nostra nicht zu verraten, selbst wenn er ebenso wie das Bild verbrennen würde.
Das Blut hat bei der Zeremonie Symbolcharakter, denn durch das
41
Italienisch: Männer, vor denen man Respekt hat; gemeint sind die Ehrenmän- ner
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Blut tritt man in die Mafia ein und mit dem Blut tritt man auch wieder aus, falls man getötet wird. Im Anschluß wird dem Neuling die Familienhierarchie erklärt und ihm „sein“ capodecina vorge- stellt. 42 Viele picciotti glauben, daß die Zeremonie ein Versprechen ist, aber in Wirklichkeit ist sie eine Drohung. 43 Man kann den Beitritt in die Mafia mit einem Religionsbeitritt ver- gleichen, denn Falcone sagt: „Ein Priester hört nie auf, Priester zu sein. Ein Mafioso ist immer ein Mafioso.“ 44
2.3 Mafiaerziehung
Bedeutet Mutter zu sein automatisch, die Kinder dahingehend zu erziehen, sich selbst und andere zu achten? In der Mafiafamilie nicht wirklich. Es gibt viele Beispiele in Sizilien, in denen Kinder als Drogenkuriere mißbraucht werden und nicht selten schnüren die Mütter selbst die Päckchen.
Die Kinder werden zu Gewaltbereitschaft erzogen, denn schon seit langer Zeit vollziehen die Frauen der Familien die vendetta 45 . Zum Teil werden auch hier die Kinder zu Hilfe genommen, um die Ehre der Familie wiederherzustellen.
Antonina Brusca, die Ehefrau des Mafiabosses Giovanni Brusca, wegen seiner Grausamkeit u verru, zu deutsch „das Schwein“, ge- nannt, sagte in einem Interview kurz nach der Verhaftung ihrer Söhne, daß sie ihre Kinder dazu erzogen habe, Gott zu fürchten. Ihr Sohn Giovanni gestand hingegen, daß seine Mutter für 60 bis 100 Morde verantwortlich war. Antonina Brusca verstand es nicht, wa- rum ihre Kinder die Kleineren in der Schule ausbeuten und warum sie als wilde Tiere bezeichnet werden. 46
42
vgl. FALCONE & PADOVANI 1992: S. 91ff
43
vgl. ANONYMUS 1989: S. 111
44
FALCONE & PADOVANI 1992: S. 91
45
Italienisch: Racheakt, Blutrache
46
vgl. PUGLISI 1996
_______________________________________________________________________________ 22
Die Erziehung zur Gewaltbereitschaft in der mafiosen Subkultur läßt sich aus mütterlicher Sicht so beschreiben:
Eine Mutter verteidigt ihre Kinder mit allen Mitteln, wenn diese un- gerecht behandelt werden. Dabei empfindet sie kein Mitleid mit den Familien, denen sie dadurch Schaden zufügt. Die Verbrecher oder sogar Mörder in ihrer Familie hält sie in der Regel für unschuldig. Mafiafrauen erklären, daß sie ihre Söhne dazu erziehen, die fa- miglia zu achten, mit ihren Mitmenschen bestimmte Kompromisse zu bilden und die „ehrenwerte Gesellschaft“ zu respektieren. 47
Der sizilianische Lehrer Augusto Cavadi 48 sagt, daß sich die Mafia dank ihrer Erziehung selbst verewigt, denn sie setzt das Mittel der Erziehung gezielt ein, um bestimmte Ziele zu erreichen.
Damit vor allem die Antimafiaaktivisten der Mafiaerziehung (päda- gogisch) entgegenwirken können muß man zunächst wissen, wel- ches ihre Ziele sind.
Mafiaerziehung beinhaltet nach Augusto Cavadi 49 unter anderem diese Elemente:
iamoralischer Familismus (siehe Punkt 2.2.1) iväterlicher männlicher Chauvinismus beziehungsweise Ma- chismus als Vorbildfunktion iRespektieren der omertá iErhaltung und Verteidigung der eigenen Ehre und der Ehre der gesamten Familie iVerzicht auf Schule und somit auch auf eine Ausbildung, was sich durch die Abwertung der Arbeit in Italien erklären läßt idogmatische Mentalität ikeine klärenden Diskussionen, sondern Gewalt (dient auch schon zwischen den Kindern als Sprache)
48 vgl. CAVADI, o.J.
49 ders., o.J.
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i„falscher Heiligenkult“: die heilige Maria ist die selbster- nannte Schutzpatronin der Cosa Nostra; sie wird am 25. März gefeiert und es gibt noch andere verwerfliche katholische Riten wie zum Beispel das Aufnahmeritual idie Interessen der ehrhaften Verstorbenen werden teilweise in Form der vendetta in Ehren gehalten iGewinn an Geld und Macht als absoluter Wert iErziehung zu Konkurrenzdenken in einer Welt der be- schränkten Ressourcen, um zu überleben iAusbeutung der sozial schwachen Schicht
Wenn man diese Erziehungsziele kennt, kann man versuchen, ih- nen gezielt pädagogisch entgegenzuwirken.
3 Die „idealtypische“ sizilianische Familie: ge- schlechtsspezifische Rollenteilung und Sozialisation
Zunächst soll die „idealtypische“ sizilianische Familie dargestellt werden, da mafiosi in vieler Hinsicht wie ganz normale sizilianische Familien leben. Sie teilen vor allem die traditionellen Vorstellungen darüber, wie sich ein Vater und wie sich eine Mutter verhalten soll- ten, welche Aufgaben ihnen in der Familie zukommen und wie sie ihre Kinder erziehen sollten. Typisch für die meisten sizilianischen Familien ist eine klare Rollenteilung nach Geschlechtern und der bereits erwähnte „Familismus“, das heißt das unbedingte Vertrau- en gegenüber der Familie und das Mißtrauen gegenüber dem „öf- fentlichen Raum“, sei dies nun die piazza 50 , die Dorfgemeinschaft, oder die Institutionen des Staates. Dieses Mißtrauen gegenüber al- lem außerhalb der Familie leitet sich aus Siziliens Überlagerungs- geschichte her, also der ständigen Präsenz von Fremdherrschern, welche die Sizilianer über Jahrhunderte in politischer und ökono-
50
Italienisch: Platz; gemeint ist der Dorfplatz oder ein Platz in der Stadt, auf dem sich das öffentliche Leben abspielt
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mischer Hinsicht ausgebeutet haben. Aus diesem Grund ist die Kohäsion und Stabilität der Familie für quasi alle Sizilianer der höchste Wert überhaupt. 51
3.1 Die Aufgaben und die Rolle des Vaters
Dem Vater kommt in erster Linie die Rolle des Ernährers der Fami- lie zu. Er ist auch derjenige, der die Familie nach außen hin ver- tritt. Innerhalb der Familie haben ihm alle Mitglieder Respekt zu erweisen, da er das Familienoberhaupt ist. Bei Tisch wird er von den weiblichen Mitgliedern der Familie bedient. Prinzipiell hat er immer das letzte Wort und er erfährt keinen Widerspruch. 52
Nach Gilmore 53 kommen dem Mann und somit auch dem siziliani- schen Familienvater diese drei Hauptaufgaben zu: die Schwänge- rung seiner Ehefrau und somit die Zeugung möglichst vieler Nach- kommen, die Versorgung seiner Abhängigen und schließlich das Beschützen der Familie. Zunächst einmal muß ein Mann der Ge- sellschaft beweisen, daß er ein „richtiger“ Mann ist. Und das ge- schieht durch die Zeugung möglichst vieler (vorzugsweise männli- cher) Nachkommen. Daraus ergibt sich seine zweite wesentliche Aufgabe, nämlich die Versorgung seiner Abhängigen. Dazu zählen seine Frau und seine Kinder. Arbeit generell wird im mediterranen Raum abgewertet, aber der Mann opfert sich für die Familie und so legitimiert sich die Arbeit. Die dritte wichtige Aufgabe des „idealty- pischen“ sizilianischen Vaters ist das Beschützen seiner Familie. Dazu muß er vor allem seine eigene Ehre sowie die Ehre der gesam- ten Familie nach außen hin verteidigen.
51
vgl. BESTLER 2001a
52
vgl. ders.
53 vgl. GILMORE 1993: S. 45-53
Arbeit zitieren:
Sonja Deml, 2002, Familienerziehung in der sizilianischen Mafia - Gegebenheiten und pädagogische Gegenwirkung, München, GRIN Verlag GmbH
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