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Diplomarbeit, 2002, 119 Seiten
Autor: Sonja Deml
Fach: Pädagogik - Familienerziehung
Details
Tags: Familienerziehung, Mafia, Gegebenheiten, Gegenwirkung
Jahr: 2002
Seiten: 119
Note: 2
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-25888-3
Dateigröße: 632 KB
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Diplomarbeit
Familienerziehung in der sizilianischen Mafia
- Gegebenheiten und pädagogische Gegenwirkung
verfaßt von
Sonja Deml
Regensburg, den 10. Januar 2002
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ... 6
1 Einleitung und Fragestellung ... 7
2 Klärung der zentralen Begriffe „sizilianische Mafia“, „Familie“ und „Mafiaerziehung“ ... 10
2.1 Die sizilianische Mafia ... 10
2.2 Die Familie ... 15
2.2.1 Familismus ... 16
2.2.2 Die Mafiafamilie ... 18
2.2.3 Die rituelle Verwandtschaft ... 19
2.3 Mafiaerziehung ... 21
3 Die „idealtypische“ sizilianische Familie: geschlechtsspezifische Rollenteilung und Sozialisation ... 23
3.1 Die Aufgaben und die Rolle des Vaters ... 24
3.2 Die Aufgaben und die Rolle der Mutter ... 25
3.3 Geschlechtsspezifische Sozialisation ... 25
4 Die geschlechtsspezifische Rollenaufteilung und Sozialisation in der mafiosen Familie ... 26
4.1 Die Aufgaben und die Rolle des mafiosen Vaters ... 27
4.2 Die Aufgaben und die Rolle der mafiosen Mutter ... 31
4.3 Die Sozialisation der Kinder zu mafiosi und mafiose ... 36
4.4 Exkurs: Die Ehre ... 42
5 Die Erziehung innerhalb der „ehrenwerten Gesellschaft“ ... 46
5.1 Warum ist es überhaupt notwendig, über Mafiaerziehung zu sprechen? ... 47
5.2 Subkulturelles Milieu und die Ausbildung mafioser Werte ... 48
5.3 Die Erziehungsziele der Cosa Nostra ... 50
5.4 Geschlechtsspezifische Erziehung ... 52
6 Antimafia difficile: Der Kampf gegen die Cosa Nostra ... 54
6.1 Definition des Begriffes „Antimafia“ ... 54
6.2 Die Entstehung und der Verlauf der Antimafiabewegung in Sizilien ... 55
6.3 Die Trägergruppen der Antimafiabewegung ... 67
7 „Wehret den Anfängen” - Kinder- und Jugendarbeit der Antimafiabewegung ... 76
7.1 Aufklärungsarbeit in den Schulen ... 76
7.1.1 Cartello Palermo Anno Uno ... 78
7.1.2 Associazione donne siciliane per la lotta contro la mafia ... 81
7.1.3 Centro Siciliano di Documentazione „Giuseppe Impastato“ ... 84
7.2 Stadtteilarbeit ... 87
7.2.1 Dipingi la Pace ... 88
7.2.2 Centro Diaconale „La Noce” Instituto Valdese ... 92
7.2.3 Centro Padre Nostro ... 99
7.3 Zusammenfassung von Punkt 7 ... 105
8 Zusammenfassung und abschließende Stellungnahme ... 107
8.1 Zusammenfassung ... 107
8.2 Abschließende Stellungnahme ... 110
Literaturverzeichnis ... 112
Abbildung 1: Spielende Kinder auf den Straßen Palermos2
[Abb. 1 in Downloaddatei enthalten]
Vorwort
[in Downloaddatei enthalten]
1 Einleitung und Fragestellung
Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’ anni ’mpaci ist ein sizilianisches Sprichwort und heißt auf deutsch „Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden“.3 Hier werden drei Grundprinzipien der Cosa Nostra4 vereinigt. Wer taub ist hört keine Schüsse bei einem Mord. Ein Blinder sieht nicht wie von einem Geschäftsmann der pizzo, das Schutzgeld, verlangt wird. Wer stumm ist hält die omertá5 ein und geht somit nicht zur Polizei, um zu reden.
Die Mafia kann nur fortbestehen, indem diese Regeln von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Welche Eltern geben diese Werte an ihre Kinder weiter? Wie werden diese Kinder erzogen und welche Möglichkeiten gibt es außerhalb der Familie, „hörende“, „sehende“ und „sprechende“ Menschen aus ihnen zu machen?
Diese Diplomarbeit beschäftigt sich in erster Linie mit der blutsverwandten famiglia6 und mit der Mafiafamilie, ohne welche die sizilianische Mafia nicht existieren kann. Sie versucht, anhand der Rollenaufteilung innerhalb der Familie und der Aufgaben der einzelnen Mitglieder, die Erziehung der Söhne zu mafiosi und die der Töchter zu „schweigsamen duldenden Frauen“ zu erklären.
Doch auf die Kinder wirken nicht nur die Herkunftsfamilien und die Cosa Nostra ein. Die Antimafia versucht, sowohl auf institutioneller Ebene als auch durch Kinder- und Jugendarbeit, der Erziehung der mafiosi entgegenzuwirken.
Am Anfang steht die Klärung der Begriffe „sizilianische Mafia“, „Familie“ und „Erziehung“, wie sie in dieser Arbeit verwendet werden. Es folgt die Beschreibung der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung und Sozialisation innerhalb der blutsverwandten famiglia. Dabei wird zunächst die geschlechtsspezifische Rollenauftei- lung und Sozialisation der „idealtypischen“ sizilianischen Familie angesprochen, um sie von der Mafiafamilie abgrenzen zu können. Im ersten Teil wird außerdem auf die Erziehung der Kinder und Jugendlichen der sizilianischen Mafia eingegangen. Hier werden zunächst die Erziehungsziele der sizilianischen Mafia vorgestellt und danach wird die Erziehung der Jungen zu mafiosi und die Erziehung der Mädchen zu „schweigsamen Frauen“ unter Berücksichtigung subkultureller Aspekte beschrieben.
Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit Antimafia. Zunächst wird der Begriff „Antimafia“ definiert und dann kurz der Verlauf der Antimafiabewegung in Sizilien geschildert. Hier werden außerdem zentrale Antimafiaaktivitäten auf institutioneller Ebene (Antimafiagesetz, -richter und –politik) exemplarisch vorgestellt, bevor kurz auf die wichtigsten Trägergruppen eingegangen wird.
Danach folgt eine Beschreibung der Kinder- und Jugendarbeit der Antimafia, die hauptsächlich in Form von Aufklärungsarbeit in den Schulen und Stadtteilarbeit abläuft. Aufklärungsarbeit in den Schulen wird anhand der Arbeit des Antimafiadachverbandes Cartello Palermo Anno Uno mit seiner Initiative Palermo apre le porte, der Frauenvereinigung Associazione donne siciliane per la lotta contro la mafia und des sizilianischen Forschungs- und Dokumentationszentrums Centro Siciliano di Documentazione „Giuseppe Impastato“ beschrieben. Stadtteilarbeit betreiben in erster Linie die Sozialzentren in Palermo. Hier werden die Projekte Dipingi la Pace von Pater Paolo Turturro, die Einrichtungen der evangelischen Kirchengemeinde der Waldenser im Centro Diaconale „La Noce“ Instituto Valdese und das Sozialzentrum Centro Padre Nostro vorgestellt. Meine Recherchetätigkeit in Palermo konzentrierte sich auf das Centro Diaconale „La Noce“ Instituto Valdese und auf das Projekt Dipingi la Pace. Aufgrund des in Sizilien vorherrschenden Mißtrauens gegenüber Fremden und wegen des „heiklen“ Themas „Mafia“ konnten die in den Einrichtungen geführten Gespräche weder aufgezeichnet noch mitgeschrieben werden. Die Befragung der Vertreter der einzelnen Institutionen fand in Form eines Expertengespräches statt.
Eine Zusammenfassung und abschließende Stellungnahme beenden diese Arbeit.
Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen die Gegebenheiten der Familienerziehung in der sizilianischen Mafia und deren pädagogische Gegenwirkung.
Dabei standen folgende Fragen im Vordergrund:
- Wie ist eine Mafiafamilie aufgebaut und wie verteilen sich im Gegensatz dazu die Rollen innerhalb einer mafiosen Familie in der sizilianischen Mafia?
- Nach welchen Idealen werden Kinder erzogen, damit sie ein anerkanntes Mitglied in der „ehrenwerten Gesellschaft“ sein können?
- Mit welchen Mitteln und Maßnahmen will die Antimafia die „ehrenwerte Gesellschaft“ bekämpfen?
- Welche Erziehungsziele haben Einrichtungen, die versuchen, die Kinder und Jugendlichen vor den Fängen der sizilianischen Mafia zu bewahren?
Es werden außerdem bedeutende Persönlichkeiten und ihre jeweiligen Ziele vorgestellt sowie die Erfolge und Niederlagen im Kampf gegen die sizilianische Mafia angesprochen.
2 Klärung der zentralen Begriffe „sizilianische Mafia“, „Familie“ und „Mafiaerziehung“
Um über die sizilianische Mafia, die Cosa Nostra, sprechen zu können, müssen zunächst die zentralen Begriffe „sizilianische Mafia“, „Familie“ und „Erziehung“, wie sie in der vorliegenden Arbeit verstanden werden, geklärt werden:
a) Wie ist der Begriff „Mafia“ entstanden? Was ist die sizilianische Mafia und was macht sie überhaupt?
b) Was versteht die Cosa Nostra unter einer Familie und wie ist diese aufgebaut? Welches Phänomen ist der Familismus? Und wie kommt es innerhalb der Mafiafamilie zur rituellen Verwandtschaft?
c) Was ist kennzeichnend für die Mafiaerziehung?
2.1 Die sizilianische Mafia
„Die Mafia? Ich weiß nicht, ob es sie gibt. Ich kann mit Sicherheit nichts über sie sagen“, äußerte der mutmaßliche neue Mafiaboß von San Giuseppe Jato, Salvatore Genovese, nach seiner Festnahme im Oktober 2000.7 Ähnlich antwortete auch Palermos ehemaliger, mafioser Bürgermeister Vito Ciancimin, als er während eines Interview gebeten wurde, den Begriff „Mafia“ zu definieren. Er behauptete, nicht zu wissen, um was es sich bei der Mafia handeln könne.8
Wenn mafiosi bei polizeilichen Vernehmungen erklären, sie wüßten nicht, um was es bei der Mafia ginge, dann ist das durchaus nicht nur Polemik. Sie sagen insofern die Wahrheit, als der Terminus „Mafia“ nie zur Eigenbezeichnung der Organisation verwendet wurde und es in diesem Sinne die Mafia tatsächlich nie gab.
[....]
2 QUELLE: CITY OF PALERMO & TUSCAN REGION 1999
3 BONAVITA 1993: S. 106
4 „Cosa Nostra“ bedeutet übersetzt „Unsere Sache“
5 Italienisch: Schweigepflicht, Schweigegebot
6 Italienisch: Familie
7 GIORNALE DI SICILIA vom 17.Oktober.2000, S. 26
8 vgl. CORRENTI 1987: S. 14f
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