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Erziehen ist eine Kunst - Gestaltpädagogik in der Jugendhilfe

Fachbuch,  2004, 144 Seiten
Preis: 25,90 EUR (E-Book), 35,90 EUR (Buch)
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Details zum Text

Beschreibung

Veranstaltung:
Keine
Institution / Hochschule:
Keine
Autor:
Archivnummer:
V20475
ISBN (E-Book):
978-3-638-24339-1
ISBN (Buch):
978-3-638-73298-7
DOI:
10.3239/9783638243391
Dateigröße:
741 KB

Kategorie:
Fachbuch
Jahr:
2004
Seiten:
144
Note:
ohne
Sprache:
Deutsch

Anmerkungen :
Praxisnah wird in die Gestaltpädagogik für die Jugendhilfe eingeführt. Dabei werden Prinzipien der Gestalttherapie und der Gestalttheorie auf das Arbeitsfeld der PädagogIn übertragen. Zahlreiche Übungen werden beschrieben, die den Bogen zum Erleben dieser Prinzipien schlagen sollen.
Schlagworte:

Zusammenfassung / Abstract

Der Autor hat als Gestaltlehrtherapeut und Psychoanalytiker langjährige Erfahrung in der Jugendhilfe als Berater und Fortbilder von BetreuerInnen, sowie als Psychotherapeut junger Menschen. In diesem Band führt er praxisnah in die Gestaltpädagogik für die Jugendhilfe ein. Es werden darin die wesentlichen Prinzipien der Gestalttherapie und der Gestalttheorie auf das Arbeitsfeld der PädagogIn in der Jugendhilfe übertragen. Zahlreiche Übungen werden beschrieben, die den Bogen zum Erleben dieser Prinzipien schlagen sollen. Der Autor bleibt sich dabei bewusst, dass schriftliche Darstellungen im Grunde "graue" Theorie sind und Gestaltpädagogik in einem Buch zu vermitteln darum einen gewissen Widerspruch erzeugt. Gestaltpädagogik fordert ja prinzipiell zum bewussten Erleben in der Gegenwart - im "Hier-und-Jetzt" auf. Er versteht sein Werk darum als Versuch, den Leser und die Leserin für das zu gewinnen, was ihm eigentlich wesentlich erscheint, nämlich Gestaltselbsterfahrung oder Gestaltpädagogik in einer Fort- und Weiterbildung selbst zu erleben. Dieses Interesse möcht er durch die praktischen Beispiele wecken, die nach seiner Erfahrung auch von Ungeübten nachzuvollziehen sind. Die LeserIn wird eingeladen, wann immer sie sich darauf einlassen mag, eines der Übungsangebote wahrzunehmen - in den eigenen vier Wänden oder am Arbeitsplatz - und dadurch sich selbst oder die Menschen in Ihrer Umgebung noch etwas mehr kennen zu lernen.

Textauszug (computergeneriert)

 

Erziehen ist eine Kunst
Gestaltpädagogik in der Jugendhilfe

von

Klaus Walter

Überarbeitete und aktualisierte Fassung von:
Erziehen ist eine Kunst -
Eine Einführung in die Gestaltpädagogik in der Jugendhilfe

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages der Jugendwerkstatt Östringen e.V.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort ... 4

1. Einführung ... 5

2. Gestaltpädagogik und aktuelle Situation in der Jugendhilfe ... 7
2.1. Die Reformen in der Heimerziehung ... 7
2.2. Gestaltprinzipien in der Pädagogik ... 9
2.3. Jugend im Wandel ... 11
2.4. Die Belastungen des Pädagogen in der Jugendhilfe ... 14
2.5. Integration therapeutischer Methoden in den pädagogischen Alltag ... 16
    Die Entwicklung therapeutischer Arbeit in der Jugendhilfe ... 16
    Das medizinische Modell ... 16
    Ist therapeutisches Vorgehen eigentlich nötig ? ... 18
    Die Integration therapeutischer Methoden ... 18

3. Erziehungshaltung ... 20
3.1. Humanismus in der Erziehung ... 20
3.2. Antiautoritäre Erziehung ... 22
    Welche Grundideen hat die antiautoritären Erziehung? ... 22
3.3. Demokratische Erziehung ... 22
3.4. Konfluente Erziehung ... 24
3.5. Die Erziehungshaltung des Gestaltpädagogen ... 2

4. Prinzipien der Gestaltpädagogik ... 29
4.1. Bezug zur Gestalttherapie ... 29
4.2. Die Gestaltbildung und Figurbildung ... 30
    Vordergrund - Hintergrund ... 34
    Konsistenz ... 35
    Prägnanz ... 36
    Bedeutung für die Pädagogik ... 37
4.3. Homöostase ... 38
    Psychische Bedürfnisse ... 39
    Ein Recht zur Vermeidung ... 40
4.4. Der ganzheitliche Mensch ... 41
    Ganzheitliche Wahrnehmung ... 41
4.5. Die Wirkung der Umwelt ... 43
    Umwelt, Handlung und Interaktion ... 44
    Feldtheorie und Diagnostik ... 46
4.6. Das Hier-und-Jetzt-Prinzip ... 46
    Wirkung der Vergangenheit ... 47
    Veränderung in der Gegenwart ... 48
4.7. Die Bewusstheit ... 50
    Bereiche der Bewusstheit ... 50
    Die Bedeutung für die Pädagogik ... 51
4.8. Der Orientierungsrahmen der Gestaltpädagogik ... 53
    Der Nutzen von Theorie ... 53
    Die Theorie vom Gestaltzyklus des Erlebens ... 56
    Die Bestandteile des Gestaltzyklus ... 58
    Der Zyklus am Beispiel aus der Jugendhilfe ... 64
    Der Pädagoge in der Konfliktsituation ... 65

5. Die Arbeit mit Gruppen ... 69
5.1. Gestaltansatz und Gruppentheorien ... 70
5.2. Das TAO menschlicher Beziehungen ... 74
5.3. Ab wann ist eine Gruppe eine Gruppe? ... 76
5.4. Der Gestaltzyklus des Erlebens in der Gruppe ... 79
5.4. Die Gruppe im Gestaltzyklus des Erlebens ... 90
5.4.1. Interessen und Figurbildung ... 90
5.4.2. Aktivierung ... 100
5.4.3. Handlung und Kontakt ... 107
5.4.4. Abschluss und Rückzug ... 110

6. Das Erleben des Pädagogen ... 115
6.1. Die PädagogIn und der Gestaltzyklus des Erlebens ... 115
6.2. Diagnostik oder Hypothesenbildung ... 121

7. Psychische Entwicklung und Störungen ... 124
7.1. Das Energiekonzept ... 124
7.2. Vermeidung ... 125
7.3. Psychische Störungen junger Menschen in der Jugendhilfe ... 129
7.4. Die gesunde psychische Entwicklung ... 131
7.5. Störungen in der psychischen Entwicklung ... 134
7.6. Neurotische Störungen ... 135

8. Schlusswort ... 141

Literaturliste ... 143

 

Vorwort
Schriftliche Darstellungen sind im Grunde "graue" Theorie. Gestaltpädagogik in einem Buch zu vermitteln erscheint darum widersprüchlich, denn sie fordert prinzipiell zum bewussten Erleben in der Gegenwart - im "Hier-und-Jetzt" auf. Mein Ziel soll darum der Versuch sein, den Leser und die Leserin mit meiner Darstellung für das zu gewinnen, was ich eigentlich für wesentlich halte, nämlich Gestaltpädagogik selbst zu erleben. Dieses Interesse möcht ich durch praktische Beispiele wecken, die nach meiner Erfahrung auch von Ungeübten nachzuvollziehen sind. Sie sind hiermit eingeladen, wann immer Sie sich darauf einlassen mögen, eines meiner Übungsangebote wahrzunehmen - in Ihren eigenen vier Wänden oder an Ihrem Arbeitsplatz - und dadurch sich selbst oder die Menschen in Ihrer Umgebung noch etwas mehr kennen zu lernen.

Bei den Selbsterfahrungsübungen kann es dennoch immer wieder geschehen, dass Sie eine der Übungen vor ein Problem stellt und/oder Sie sie nicht versuchen wollen. Mögliche Ursache sind, dass Sie ihren Sinn nicht erkennen, keine Lust haben, sie auszuprobieren oder Sie eine emotionale Belastung erkennen oder befürchten. Lassen Sie sich in solchen Augenblicken nicht von einem Zwang leiten, z.B. Leistung erbringen zu wollen oder zu müssen, sondern vertrauen Sie auf ihre Gefühle. Es besteht in diesen Fällen keine Notwendigkeit eine Übung unbedingt auszuführen. Jeder Zwang ist gerade bei Selbsterfahrungsübungen absolut contraindiziert und verhindert vielmehr, was angestrebt wird.

Alle Übungen, die ich Ihnen hier anbiete, sind in dieser oder in abgewandelter Form in meinen Seminaren für Gestalttherapie oder Gestaltpädagogik erprobt worden. Entweder habe ich sie in meiner eigenen Ausbildung selbst erfahren, aus der Literatur abgeguckt und für meine Zwecke abgewandelt oder selbst entworfen. Im Wesentlichen sind sie für die Fortbildung von Therapeuten oder Pädagogen gedacht, aber teils auch für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geeignet. Sie sind so angelegt, dass aus ihrer Erprobung kein Schaden entstehen kann. Darum trauen Sie sich ruhig, ihre Anwendung auch in ihrem Arbeitsalltag auszuprobieren. Sind sie sich an einem Punkt dennoch unsicher, dann gilt auch hierfür, die Übung einfach wegzulassen. Wollen Sie die Übungen für die Selbsterprobung oder für die Anwendung bei der Arbeit abwandeln, so sollten Sie ihrer Kreativität nichts in den Weg stellen. Beachten Sie aber grundsätzlich das Freiwilligkeitsgebot: Niemand darf zu einer Übung gezwungen werden, auch nicht durch Überredung, denn mit jedem Zwang durchbricht man die Fähigkeit des Menschen, seine psychische Belastung zu regulieren und schafft Risiken, die sonst nicht vorhanden wären.

Besonders würde ich mich natürlich freuen, wenn ich Sie anregen kann, in ihrem Beruf in Zukunft selbst mit Gestaltpädagogik zu arbeiten. Aber seien Sie versichert, wenn Sie lediglich dieses Buch lesen oder sich ausschließlich theoretisch mit Gestaltpädagogik und Gestalttherapie auseinandersetzen, bleiben sie an der Oberfläche ihrer Möglichkeiten. Erleben Sie ein weitergehendes Interesse, dann lassen Sie sich nicht abhalten, entweder die Teilnahme an einer Gestaltselbsterfahrungsgruppe oder eine Ausbildung in Gestaltpädagogik oder -therapie anzustreben.

1. Einführung
Als ich Arno das erste Mal sah, war er 15 Jahre alt. Damals trug er ausschließlich schwarze Kleidung und am liebsten lange Lederhosen. Seine Jacken und Hosen waren mit silbernen Ketten behängt und seine Haare pflegte er aufwendig, machte sie mit irgendeinem Mittel steif, so dass sie sich wie ein Hahnenkamm aufrichten ließen. Er war nicht der erste "Punk", dem ich begegnete, aber ich hatte vorher keinen so intensiven Kontakt zu jungen Menschen mit einem solchen Äußeren und solchen Verhalten gesucht. Arnos Verhalten und seine ganze Selbstdarstellung wirkten auf mich so, dass ich mich abgelehnt und provoziert fühlte, und ich habe ihm gegenüber diese ablehnenden Gefühle erwidert, freilich ohne dass ich mir dessen anfangs bewusst war. Dabei war sein Verhalten bei seinen früheren Erlebnissen völlig verständlich. Er war in das Jungenheim, in dem ich als Psychologe arbeitete, aufgenommen worden, weil er in seinem Elternhaus nicht mehr zurechtkam. Sein Vater war, wie er mir später erzählte, aggressiv und streng. Arno bezeichnete ihn als "alten Nazi". Der Vater hatte ihn häufig verprügelt und Arno hatte den Eindruck entwickelt, ihm würde "alles" verboten. Er hatte aber nicht kapituliert, sondern sich selbst eine abweisende und aggressive Haltung zugelegt, mit der er jetzt seinerseits seine Umwelt traktierte. Sätze, wie: "Willst du mich anmachen?", "Ihr macht mich nicht platt" oder "Verpisst euch, ich komme alleine klar", waren seine Standards, die er auch mir gegenüber gebrauchte. Er benutzte sie, egal ob sie gerade auf die Situation passten oder nicht.

Arnos Haltung hat mich damals verärgert. Ich war der Meinung, gute Absichten mit ihm zu haben, wollte ihm helfen und er lehnte mich ab. Ich habe diese Ablehnung zwar von anderen Jugendlichen später noch häufig erfahren, aber bei Arno war sie für mich neu, traf mich unvorbereitet und verletzte mich. Nach meiner damaligen Auffassung war ich doch ein "guter" Psychologe, weil ich meinen Ärger zurückhielt - mühsam, wie ich mich heute erinnere. Aber meine Versuche, mit Arno umzugehen, waren verkrampft. Wenn er wütend war, wurde ich äußerlich freundlich, was ihn noch mehr "auf die Palme brachte". So steigerten wir uns gegenseitig, er sich in Wut und ich mich in angespannte Freundlichkeit, hinter der ich meine eigene zunehmende Wut verbarg.
Irgendwann habe ich es dann nicht mehr geschafft. Meine ganzen Anstrengungen waren umsonst und ich konnte meinen aufgestauten Ärger nicht mehr halten. Wir brüllten uns beide an: "Scheiss-Psycho", "Rotzlöffel", "Pisser", "Halt den Mund", ... . Wir waren nicht sehr wählerisch. Arno reichte es zuerst, er ging einfach. Aber er kam wieder. Wir hatten regelmäßige Treffen vereinbart und er blieb nicht fort. So gab er mir die Chance, mir klarer darüber zu werden, was der Hintergrund für unsere, seine und meine Verhalten war und warum ich bei ihm über lange Zeit so erfolglos war, keinen Kontakt zu ihm bekam. In einem späteren Gespräch vertraute er mir an: "Als wir uns angemacht haben, Psycho, da fand ich dich stark".

Arno hat an meiner Entscheidung mitgewirkt, mich fortzubilden und mich insbesondere der Gestalttherapie zuzuwenden. Je mehr ich ihn kennen lernte, desto mehr mochte ich ihn und kam mit seinem Verhalten besser klar, weil ich es allmählich verstand und nachempfinden konnte. Ich habe durch ihn viel über mich und meine Arbeit gelernt. Ich begriff, dass mein Dilemma in der Beziehung zu ihm zustande gekommen war, weil ich meine Gefühle verleugnet hatte, nicht zu ihnen stand. Ich hatte mich für ihn verschlossen, ohne mir dessen bewusst zu sein. Meine verkrampfte Haltung war mir dabei sicherlich ins Gesicht geschrieben, in meiner Mimik und Gestik erkennbar, und so war für Arno meine Freundlichkeit ein Betrug, der seinen negativen Erwartungen gegenüber Erwachsenen entsprach.
Ich habe in meiner Gestaltausbildung und in meiner begleitenden Lehrtherapie viele meiner Stärken und Schwächen kennen gelernt und einige meiner eigenen "alten Wunden" geheilt, die mich gehindert hatten, offen zu sein. Die Auseinandersetzung mit mir selbst hat mir geholfen, meine Gefühle besser wahrzunehmen und sie besser auszudrücken. Ich habe verstanden, dass ich von Arno enttäuscht wurde und zwar im doppelten Wortsinn. Er frustrierte mich, weil er sein Leben nicht so leben wollte, wie ich mir das vorstellte, und ich mich auf seine Vorstellungen auch nicht einlassen mochte. Und er nahm mir auch meine Selbsttäuschung, nämlich meinen falschen Glauben, dass ich tatsächlich in seinem Sinne wirkte. Mir ist in unserer Beziehung deutlich geworden, dass ich ihm zuvor gar keine wirkliche Hilfe war, weil ich nach meinem eigenen Bedürfnis, also für mich gehandelt habe. Mir wurde klar, dass es einem anderen Menschen überhaupt nicht nützt, wenn ich ihm meine Ansichten aufzwingen möchte, selbst wenn mir das konkrete Ziel, dass ich dabei für ihn im Auge habe, noch so wichtig, wenn nicht gar unumgänglich erscheint. Ich habe begriffen, dass ich jemandem nur helfen kann, wenn ich bereit bin, ihn auf seinem Weg zu unterstützen und seinen positiven Entwicklungsmöglichkeiten vertraue.

Das Thema dieses Buches ist die Integration von "Gestaltarbeit" in die Pädagogik, genauer in die Jugendhilfe. In Fachzeitschriften und -büchern wird für die Übertragung von Gestaltprinzipien auf pädagogische Arbeit der Begriff "Gestaltpädagogik" verwendet. Er ist eine Schöpfung aus dem Wort "Gestalt", in dem Sinne, wie es in der Gestalttherapie verwendet wird, und dem Wort "Pädagogik", eben dem Gebiet, auf das Prinzipien der "Gestaltarbeit" übertragen werden sollen.
Der Schwerpunkt der Entwicklungen in der Gestaltpädagogik lag zunächst auf der Neugestaltung von schulischem Unterricht, dem Versuch, in der Schule Methoden und Umgehensweisen einzuführen, die dem ganzheitlichen Denken und dem menschlichen Sein besser entsprechen. Da sich die Bedingungen in der Jugendhilfe von denen in einer Schule stark unterscheiden, muss die Gestaltpädagogik hier ein eigenes Gesicht erhalten. Die Möglichkeiten des Gestaltansatzes im Rahmen der vielfältigen pädagogischen Arbeit kann ich bei dieser Eingrenzung natürlich bei weitem nicht erschöpfend darstellen. Allein in meinem Tätigkeitsfeld als Psychologe in der stationären Jugendhilfe habe ich die Erfahrung gemacht, dass Gestaltarbeit bei der Supervision und Fortbildung von Pädagogen1, bei der Organisationsberatung und bei der Therapie mit jungen Menschen erfolgreich ist. Es arbeiten aber auch Berater in Erziehungsberatungsstellen, in Kinder- und Jugendberatungsstellen, bei der ambulanten Familienhilfe etc. mit gestalttherapeutischen oder -pädagogischen Mitteln und es werden immer weitere Möglichkeiten der Integration des Gestaltansatzes in weitere Tätigkeitsfelder erfolgreich erprobt.

2. Gestaltpädagogik und aktuelle Situation in der Jugendhilfe
2.1. Die Reformen in der Heimerziehung
Gestaltpädagogik kann im Grunde nicht theoretisch vermittelt werden, sie ist kein Manual und auch nicht ausschließlich oder im wesentlichen eine Methode. Gestaltpädagogik wird erst dann realisiert, wenn der Pädagoge oder die Pädagogin sich für die eigene Persönlichkeitsentwicklung öffnet. Ein Pädagoge, der in seiner Arbeit "Gestalt" einbringen will, muss Gestaltarbeit an sich selbst erlebt haben und für sich als einen Weg zur eigenen Entwicklung akzeptieren. Das bedeutet, dass er bereit sein muss, sich selbst mit seinen eigenen Problemen und Stärken zu erfahren und aus diesen Erfahrungen zu lernen. Eine Beschränkung auf reine Methodik und der ausschließliche Blick auf den pädagogisch betreuten jungen Menschen, sind mit gestaltpädagogischen Grundprinzipien nicht vereinbar. Durch diese Forderung nach Auseinandersetzung mit der eigenen Person, setzt Gestaltpädagogik natürlich einiges mehr an Akzeptanz und innerer Bereitschaft für ihren Erwerb voraus, als Ansätze, die sich auf den Klienten, auf den jungen Menschen als Ziel von Wahrnehmung und Handlung fokussieren oder fixieren.

Ein Mensch bleibt nur dann wirklich lebendig und realitätsbezogen oder erwirbt diese Eigenschaften wieder, wenn er Entwicklungsbereitschaft bezüglich seiner Persönlichkeit besitzt, wenn er Kraft dieser Entwicklungsbereitschaft in der Lage ist, sich veränderten Bedingungen in der Umwelt zu stellen und nicht ängstlich an überholten Ansichten und Verhaltensmustern festhält. Diese Anforderung, die ich hier zunächst auf eine einzelne Person bezogen habe, gilt dabei ebenso für alle Formen menschlicher Gemeinschaften. Man konnte insbesondere der stationären Jugendhilfe lange nachsagen, dass sie von diesen Eigenschaften wenig besessen hat. Sie war bis in die 80er Jahre eher wenig reformfreudig und hat ihre positiven Veränderungen erst unter äußerem Zwang begonnen, der aus unüberhörbarer Kritik und veränderten gesetzlichen Auflagen bestand. Ich will bei dieser Sichtweise selbstverständlich nicht die herausragenden Persönlichkeiten einer menschlichen Pädagogik unterschlagen, die es auch schon lange zuvor gegeben hat (siehe hierzu auch das Kapitel "Humanismus in der Erziehung"). Sie sind die Wegbereiter für die heutige Entwicklung gewesen. Allerdings waren sie zu ihrer Zeit noch "Pioniere" und mit ihren Idealen und ihren alternativen Einstellungen die Ausnahme.

[...]


1 Ich gebrauche im Folgenden im spontanen Wechsel die männliche, die weiblich und die andro-gynisierte Schreibweise. Manchmal erscheint mir der Wechsel etwas verunsichernd für einen Leser oder eine Leserin, aber ich habe dennoch nicht darauf verzichten wollen und bitte um Ihre engagierte Nachsicht.

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