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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die historische Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland
2.1. Industrialisierung und die Herausbildung der Arbeiterschaft und der
Gewerkschaftsbewegung 1
2.2. Im Wilhelminischen Kaiserreich: der Durchbruch zur Massen-
organisation 2
2.3. Die Gewerkschaften im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918
2.4. Die Gewerkschaften in den Jahren der Weimarer Republik 1918 bis
1933
2.5. Verfolgung, Widerstand und Exil in der nationalsozialistischen
Diktatur 3
2.6. Die Wiedergründung der Gewerkschaften nach Ende des Zweiten
Weltkrieges und der Aufschwung in den Jahren 1950 bis 1965
2.7. Die Gewerkschaften in den Jahren des Wirtschaftswunders
1950 bis 1965
2.8. Ernüchterung und Neuorientierung: Die Gewerkschaften der 70er
und 80er Jahre
2.9. Die Gewerkschaften am Ende des 20. Jahrhunderts
3. Programmatik und Selbstverständnis
4. Resümee
5. Literaturverzeichnis
1 Schneider, a.a.O., 18
2 Schneider, a.a.O., 69
3 Schneider, a a O , S 223
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1. Definition des Gewerkschaftsbegriffes
„Es ist nicht zu erwarten, eine Definition der Gewerkschaften zu finden, die sowohl der historischen wie der internationalen Vielfalt gewerkschaftlicher Organisationen gerecht werden könnte“. 4 Aufgrund dessen, möchte ich in meiner Arbeit versuchen, eine Definition der Gewerkschaften der Bundesrepublik Deutschland auf Basis der historischen Entwicklung seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert herauszuarbeiten. Diese Entwicklung wird hierbei unter vier Gesichtspunkten betrachtet, die die historischen Daten und Fakten ergänzen, und die Definition in ihrem Verlauf klar darstellen sollen. Den ersten Eckpunkt beschreibt die Organisationsbildung der Gewerkschaften. Neben der räumlichen Dimension sind es hierbei vor allem arbeitsmarktbezogene (Beruf, Betrieb und Industrie) und politisch-weltanschauliche Kriterien, die für diese Organisationsbildung von Bedeutung sind. 5 Als zweites wird die Aufgabenstellung beobachtet, die den Gewerkschaften in der Gesellschaft und unter ihren Mitgliedern zuteil wurde und wie sich die gesellschaftliche Bedeutung der Gewerkschaften in der 150-jährigen Gewerkschaftsgeschichte verändert hat. In Kapitel 3 schließlich (Programmatik und Selbstverständnis) werden im dritten Betrachtungspunkt die Veränderungen in der gewerkschaftlichen Programmatik, welche zur Erfüllung der gewerkschaftlichen Aufgaben in der jeweiligen Ära herangezogen wurde, erläutert. Insbesondere wird hier auf die vier existierenden Grundsatzprogramme in der Geschichte des DGB seit 1949 eingegangen. Der vierte Punkt beinhaltet die Entwicklung des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses und die Abgrenzung zur Programmatik der Gewerkschaften.
Da sich diese vier Betrachtungspunkte im Laufe der 150-jährigen Geschichte dramatisch verändert haben, werden diese Punkte im Bezug auf die einzelnen Zeitepochen jeweils gesondert erläutert. .
4 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 84
5 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 105
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2. Die historische Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland
2.1. Die Herausbildung der Arbeiterschaft und die Entstehung der Gewerkschaftsbewegung im 19. Jahrhundert
„Die Herausbildung der Arbeiterschaft und die Entwicklung der sozialen Frage sind direkte Folgen der Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert das Gesicht der Erde und das Leben der Menschen zu verwandeln begann. Zwar gab es abhängige Arbeit, Armut und Not auch in der vorindustriellen Gesellschaft; doch wurden sie früher als gottgegeben hingenommen, so lösten Lohnarbeit und Massenelend im 19. Jahrhundert die Forderung nach (radikalen) sozialen Veränderungen aus.“ 6 Die mit der Industrialisierung einhergegangenen Veränderungen lassen sich an mannigfachen Beispielen ausdrücken, die allesamt einen Prozess zur Arbeitsentfremdung beschreiben. Dazu gehörten die Arbeitsteilung, die die Arbeit eintönig machte, Dreck, Krach, Gestank und eine damit verbundene Gesundheitsgefährdung, sowie unmenschliche Arbeitszeiten und eine schlechte Bezahlung - oft nur in Waren (Trucksystem). Es bestand ein enormes Überangebot an Arbeitskräften, was die Ausbeutung erst ermöglichte bzw. weiter verschärfte. Die Arbeiterschaft lebte in Armut, was sich unter anderem in einer katastrophalen Wohnsituation widerspiegelte. Mitte des 19. Jahrhunderts sah sich der Staat erstmals verpflichtet einzugreifen. So wurde beispielsweise der Umfang der Kinderarbeit eingeschränkt.
Allerdings war es den Arbeitern, unter Androhung von Gefängnisstrafen, vorerst noch verboten, sich in unabhängigen Interessenvertretungen der Arbeiterschaft zu organisieren. 7 In den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung waren so kaum Ansätze einer dauerhaften Arbeiterorganisation zu beobachten. Erste Formen der Organisation waren daher eher Unterstützungskassen zur Selbsthilfe bei Krankheits- und Sterbefällen und zur Wanderunterstützung, sowie Bildungs- und Streikverei-
6 Schneider,a.a.O., S. 18
7 Schneider, a.a.O., S. 22/23
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ne. 8 Die wachsende Unzufriedenheit aber brachte bald erste (vereinzelte) Fälle von Maschinenstürmerei, Streiks und Boykotts von Handwerksgesellen, die durch die Zerstückelung der Arbeit ihre handwerkliche Qualifikation entwertet sahen und so zu Vorkämpfern der Organisationsidee wurden, hervor. Es entstanden die ersten Gesellenbünde, vorerst aus beruflichen und lokalen Zusammenhängen. 9 Erste Versuche zu nationalen Zusammenschlüssen in Arbeitervereinen unternahmen während der Revolution 1848 die Buchdrucker (Guten-berg-Bund) und Zigarrenarbeiter (Assoziation der Zigarren-Arbeiter Deutschlands). Diese wurden durch die Einführung der Vereins- und Versammlungsfreiheit, sowie durch die Einberufung des Frankfurter Parlaments, das fortan als Adressat von Forderungen erkannt wurde, begünstigt. 10 Die eingebrachten Forderungen umfassten einheitliche Löhne und Arbeitszeiten, sowie Fortbildungsmaßnahmen. Außerdem sollte durch die Beschränkung des Lehrlingswesens eine generelle Einschränkung des Konkurrenzdrucks erreicht werden. Die Forderungen scheiterten jedoch am Widerstand der Unternehmer und vor allem an den politischen Reaktionen auf die gescheiterte Revolution (Reaktionszeit). Diese hatten unter anderem ein Generalverbot aller Arbeitervereine zur Folge. 11 Dennoch waren in beiden Vereinigungen bereits gewerkschaftliche Ansätze und Organisationsstrukturen zu erkennen. Dies wird vor allem im demokratischen Aufbau, der geplanten Einrichtung von Unterstützungskassen und Fortbildungsmaßnahmen, in der Selbstfinanzierung durch Beiträge und der geplanten Einführung von Lohntarifen sichtbar. 12
Trotz der politischen Verfolgung, der die frühen Verbindungen zum Opfer gefallen waren, lebte die Organisationsidee fort - zunächst in den Unterstützungskassen und -einrichtungen und später in verdeckten Organisationen. Das die Gewerkschaftsidee nicht vollständig vernichtet werden konnte, zeigt sich am deutlichsten darin, dass es erneut die Berufsgruppen der Buchdrucker und der Zigarrenarbeiter waren, die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten zentralen Be-
8 Schneider,a.a.O., S. 24
9 Schneider, a.a.O., S. 24
10 Schneider, a.a.O., S. 28
11 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 108
12 Schneider, a.a.O., S. 31/32
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rufsgewerkschaften gründeten - 1865 den Allgemeinen Deutschen Zigarrenarbeiter-Verein und 1866 den Deutschen Buchdrucker-Verband. 13 Bei nahezu allen Verbänden, die dann Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in rascher Folge gegründet wurden, spielte die Arbeitskampferfahrung eine große Rolle. In den Jahren 1865 bis 1873 überzog eine Streikwelle, begünstigt von der guten wirtschaftlichen Konjunktur, das Land. Zeitgleich kam es zu einem Gründungsboom verschiedener Verbände. Vorherrschend blieben dabei zunächst die handwerklich geprägten Berufsverbände, die sich vorwiegend auf regionaler Ebene, vor allem in den aufstrebenden Großstädten wie Berlin, Hamburg, Leipzig und München herausbildeten. 14 „Die Gründungsphase war noch eine Zeit des Suchens, in der örtliche und überregionale, nach Berufsbewusstsein und Geschlecht gesonderte und übergreifende, kurzlebige und auf Dauer angelegte Organisationen nebeneinander bestanden.“ 15
In den Folgejahren erkannten auch die politischen Parteien, dass die Gewerkschaften und ihre Organisationsform am ehesten zur Massenbasis der Arbeiterbewegung werden könnten. Sie ergriffen ihrerseits die Initiative zur Gründung von Gewerkschaften und trugen so zur Expansion der Gewerkschaftsbewegung bei. Als Nebenwirkung verursachte die Politik aber gleichzeitig die Spaltung in Richtungsgewerkschaften, die den Parteien hinsichtlich Programmatik und Ideologie verpflichtet waren. 16 In Deutschland existierten zunächst zwei verschiedene sozialdemokratische Strömungen, sowie die Strömung der Liberalen (Hirsch-Dunckersche Gewerkvereine) und die durch Organisationsbemühungen der Kirche erst später entstandene christliche Richtung. Die Entwicklung ging hierbei in drei Phasen vonstatten: Der bereits erwähnten Organisierung der Handwerker, folgte die Organisierung der Fabrikarbeiter, sowie später die der Angestellten und Beamten. 17 In der Ära von Reichskanzler Otto von Bismarck allerdings erlebten die Sozialdemokratie und die junge Gewerkschaftsbewegung zunächst einen weiteren Rückschlag. Bismarck hatte sozialdemokratische, sozialis- 13 Schneider,a.a.O., S. 42
14 Schneider, a.a.O., S. 43
15 Schneider, a.a.O., S. 44
16 Müller-Jentsch, a.a.O., S. 109
17 Schneider, a.a.O., S. 52
Arbeit zitieren:
Jörg Wagner, 2003, Die historische Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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