Über die Schriftenreihe
Die Schriftenreihe der Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule
Hannover wird herausgegeben von Prof. Dr. rer. biol. hum. Marie-Luise Dierks
und Dr. rer. biol. hum. Gabriele Seidel vom Institut für Epidemiologie, Sozialme-
dizin und Gesundheitssystemforschung der Medizinischen Hochschule Hanno-
ver (MHH). Ziel der Schriftenreihe ist es, Forschungsergebnisse zur Patienten-
orientierung und Gesundheitskompetenz einer breiten Öffentlichkeit zur Verfü-
gung zu stellen. In der Schriftenreihe werden Doktorarbeiten, Master- und Ba-
chelorarbeiten sowie Forschungsberichte veröffentlicht.
Über die Autorin
Carolin Langer, Bachelor of Arts, geb. 1987 in Ulm, studierte Gesundheitspäda-
gogik an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg und ist seit September
2011 als Jugendreferentin im katholischen Jugendhaus in Karlsruhe tätig.
Über das Buch
Die vorliegende Arbeit ist eine Bachelorarbeit von Carolin Langer. Eingereicht
bei Prof. Dr. med. Eva Bitzer (1. Gutachterin) und Dr. rer. hum. biol. Gabriele
Seidel (2. Gutachterin) am 22.07.2011 im Studiengang Gesundheitspädagogik
an der PH Freiburg. Die Arbeit entstand in Kooperation mit der MHH im Rah-
men des Projekts ,,Rollende Patientenuniversität" unter der Leitung von Prof. Dr.
Marie-Luise Dierks im Auftrag des Instituts Epidemiologie, Sozialmedizin und
Gesundheitssystemforschung.
Abstract
Abstract
Die Rollende Patientenuniversität ist ein Projekt welches im Jahr 2009 aus der
unabhängigen Patientenuniversität der Medizinischen Hochschule Hannover
entstanden ist. Ziel ist es, mit interaktiv gestalteten Lehreinheiten die Gesund-
heitskompetenz von Schülern und Schülerinnen berufsbildender Schulen zu er-
höhen und diese zu gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen zu ermutigen.
Somit ist eine Zielgruppe im Fokus, welche häufig von Einrichtungen, Institutio-
nen oder Akteuren im Gesundheitswesen vernachlässigt wird. Doch auch die
eigene Selbstwirksamkeit, sowie die persönlichen Ressourcen reichen bei den
Jugendlichen häufig nicht aus, um den Anforderungen verschiedener Lebens-
welten und Erwartungshaltungen gerecht zu werden.
Die Ziele dieser Arbeit sind die Konzeption, Durchführung und Evaluation einer
Lehreinheit zum Thema ,,Herz" im Rahmen der Rollenden Patientenuniversität.
Das Vorgehen gliedert sich in mehrere Aspekte: Einführend wird die Perspekti-
ve der Gesundheitspädagogik erläutert, um eine Basis zu schaffen und nach-
folgende Schwerpunkte begründet zu wissen. Der gesellschaftliche Blick auf die
Jugendphase und auf den Gesundheitszustand legitimiert die Relevanz der
Thematik und der Zielgruppe. Zudem ermöglicht die anschließende Analyse
des Settings und der berufsbildenden Schüler und Schülerinnen, die nachfol-
gende Konzeption der Lehreinheit. Nach der Beschreibung der Durchführung
erfolgt die Evaluation auf mehreren Ebenen. Über ein Beobachtungsprotokoll,
eine Feedbackrunde und einen standardisierten Evaluationsbogen konnten so-
wohl Vergleiche zu Evaluationsergebnissen anderer thematischer Lehreinheiten
gezogen, als auch die Rückmeldungen der Teilnehmenden und der Mitwirken-
den gegenüber gestellt werden.
Aus den Beobachtungsprotokollen konnte abgeleitet werden, dass die konzi-
pierte Lehreinheit den Rahmenbedingungen entsprach und die Atmosphäre un-
ter allen Beteiligten sehr positiv war. Die Umsetzungen durch die Studentinnen
entsprachen größten Teils den konzeptionellen Vorgaben, manche Unstimmig-
keiten kamen allerdings auch in den Ergebnissen der Feedbackrunde auf. E-
benso wurden einige Änderungs- und Erweiterungsvorschläge bezüglich des
Vortrags und einzelner Lernstationen rückgemeldet. Der Vergleich der thema-
tisch unterschiedlichen Lehreinheiten wies nur wenig signifikante Unterschiede
IV
auf. Die Ergebnisse der Evaluationsmethoden zur Lehreinheit ,,Herz", erbrach-
ten somit aussagekräftigere Ergebnisse als die thematische Gegenüberstellung.
Inhaltsverzeichnis
V
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis... VII
Tabellenverzeichnis ... VII
Einleitung...8
1
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontext...11
1.1 Lebensphase
Jugend ...12
1.1.1
Die Lebensphase im Lebenslauf ...12
1.1.2
Entwicklungsaufgaben im Jugendalter ...14
1.1.3
Exemplarische Lebensbereiche Jugendlicher und deren
Sozialisationsfunktionen...16
1.2 Jugend
und
Gesundheit ...20
1.2.1 Gesundheitliche
Lage...21
1.2.2 Gesundheitsrelevante
Verhaltensweisen ...24
1.2.3
Soziale Ungleichheit und Gesundheit im Jugendalter ...33
2
Ein gesundheitspädagogisches Handlungsfeld im
Rahmen der Rollenden Patientenuniversität...36
2.1 Rahmenbedingungen ...37
2.1.1
Die Rollende Patenuniversität ...37
2.1.2
Das Setting Berufsschule ...39
2.2 Konzeption ...40
2.2.1 Bedingungsanalyse ...40
2.2.2 Sachanalyse...40
2.2.3 Didaktische
Überlegungen ...40
2.2.4 Zielsetzungen...40
2.2.5 Methodische
Überlegungen und Entscheidungen...40
2.3 Durchführung ...40
2.4 Evaluation ...40
2.4.1
Evaluationsergebnisse der Beobachtungsprotokolle...40
2.4.2
Evaluationsergebnisse der Feedbackrunde ...40
2.4.3 Evaluationsergebnisse
des Evaluationsbogens ...40
2.4.4 Persönliche
Einschätzungen ...40
3
Fazit...40
VI
Quellenverzeichnis... 40
Literaturverzeichnis ... 40
Verzeichnis der Internetquellen ... 40
Erklärung gem. § 14, Abs. 11 StO/PO v. 2.11.2009 ... 40
A
Anhang... 40
A.1
Vortrag (Powerpointpräsentation, Notizen)... 40
A.2
Tabellarische Abläufe der Lernstationen ... 40
A.3
Lernstation: Körperliche Bewegung und Herztätigkeit ... 40
A.4 Beobachtungsprotokoll ... 40
A.5
Evaluationsbogen der Rollenden Patientenuniversität ... 40
Abbildungsverzeichnis
VII
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 11: Strukturierung der Lebensphasen zu drei Zeitpunkten... 13
Abbildung 12: Prozentualer Anteil der Raucher und Raucherinnen bei 12- bis 25-
jährigen nach Schulform, Ausbildung bzw. derzeitiger Tätigkeit . 26
Abbildung 21: Gruppierter Mittelwertvergleich der Vortrag Items ... 40
Tabellenverzeichnis
Tabelle 2-1:
Sinus-Milieustudie U27: Vergleich der Jugendmilieus Konsum-
materialisten und Hedonisten... 40
Tabelle 2-2:
Trainingszonen nach Herzfrequenzen... 40
Tabelle 2-3:
Feinlehrziele... 40
Tabelle 2-4:
Geplanter tabellarischer Verlauf... 40
Tabelle 2-5:
Gesamtbewertungen Vortrag/ Lernstationen/... 40
8
Einleitung
Die Bildungschancen in Deutschland sind nach einem Ländervergleich der
Pisa-Studie in geringstem Maße gleich verteilt. Demnach sind Kinder und
Jugendliche aus unterprivilegierten Familien, nicht selten mit Migrationshin-
tergrund, am stärksten in ihren Möglichkeiten benachteiligt. Häufig beenden
sie ihre Schulzeit ohne Abschluss oder mit Ergebnissen, welche einen Über-
gang ins Berufsleben selten bzw. sehr schwer ermöglichen. Auf Grund dieser
Tatsache wurden von den Ländern im Jahr 2003 neue Bildungsgänge ge-
schaffen. Die Berufsvorbereitungsmaßnahmen sind meist an berufsbildenden
Schulen angesiedelt und sollen den Jugendlichen zur schulischen Mindest-
qualifikation und nötigen Reife verhelfen. Diese sehr weit gefasste Gruppie-
rung Jugendlicher weist neben der Überforderung anstehende Entwicklungs-
aufgaben erfolgreich zu lösen auch häufig Beeinträchtigungen in ihrer psy-
chischen und körperlichen Entwicklung auf, was beispielsweise Folgen ge-
sundheitsschädigender Verhaltensweisen sind. Beispielsweise belegen die
Ergebnisse der ,,Fit-fürs-Leben"-Studie, dass gesundheitlich ungünstige Le-
bensstile, wie Tabakkonsum oder Sportabstinenz, im Laufe der Lebensphase
Jugend an Dynamik gewinnen. D
iese Sachverhalte begründen die Notwen-
digkeit, gesundheitsbezogene Maßnahmen im Setting berufsbildende Schule
durchzuführen und Jugendliche und junge Erwachsene explizit als Zielgrup-
pe wahrzunehmen und zu handeln (
S
TAB
N. & H
ACKER
W. 2008
).
Die Medizinische Hochschule Hannover hat diese Bedarfe erkannt und ent-
wickelte 2009 das Konzept der ,,rollenden" Patientenuniversität. Der Ziel-
gruppe werden meist im Rahmen von Gesundheitstagen humanbiologische
Themen vermittelt, um deren Gesundheitskompetenz zu erhöhen und ge-
sundheitsförderliche Verhaltensweisen zu stärken.
Mit dieser Arbeit wird das umschriebene Handlungsfeld im Rahmen der Rol-
lenden Patientenuniversität um die Gesundheitspädagogik erweitert. Die Ge-
sundheitspädagogik ist im Prozess, sich als pädagogische Teildisziplin zu
konstituieren. Die unterschiedlichen Konzepte wie Gesundheitserziehung, -
bildung oder förderung legitimieren jedoch die Platzzuschreibung der Ge-
sundheitspädagogik auf der Anwendungsebene, was folgerichtig auch die
Anbindung an die Bezugssysteme Gesundheitswissenschaft und Medizin
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
9
bedeuten würde
(U
NTERHASLBERGER
M. 2008; Z
WICK
E. 2004
). Als pädagogische Fach-
richtung lässt sich die Gesundheitspädagogik als ,,die Analyse von Rahmen-
und Strukturelementen der menschlichen Lebensgestaltung durch die Eruie-
rung von Bedingungen und Möglichkeiten [beschreiben,] sowohl auf individu-
eller als auch auf konstitutioneller Ebene zur Intervention im Hinblick auf Op-
timierung der Lebensmöglichkeiten" (
U
NTERHASLBERGER
M. 2008: 50).
Diese Erläuterungen begründen das Vorgehen meiner Arbeit, welche sich im
Hauptteil in zwei Bereiche strukturiert. Im ersten wird ein gesellschafts-
theoretischer Überblick gegeben, folgende Elemente werden bearbeitet: Ein-
führend erfolgt eine Betrachtung verschiedener Definitionen von Gesundheit.
Die Bestimmung aus gesundheitspädagogischer Sicht unterstreicht erneut
diese Perspektive der Arbeit. Nachfolgend werden die Lebensphase Jugend,
der Gesundheitszustand Jugendlicher und das Themengebiet soziale Un-
gleichheit mit Auswirkungen auf die Gesundheit beleuchtet. Der erste thema-
tische Schwerpunkt wird die Einordnung der Jugendphase in den heutigen
Lebenslauf sein. Es werden zentrale Entwicklungsaufgaben Jugendlicher
aufgezeigt, welche in exemplarische Lebensbereiche eingebunden werden.
Ebenso wird auf Sozialisationsfunktionen der Lebenswelten ,,formale Bil-
dungseinrichtungen", ,,Familie" und ,,Gleichaltrigengruppen" eingegangen.
Der zweite Themenbereich widmet sich zum einen der gesundheitlichen La-
ge Jugendlicher und zum anderen gesundheitsrelevanter Verhaltenweisen.
Hierzu werden aktuelle Studien herangezogen, welche Ergebnisse zu Kin-
dern und Jugendlichen bzw. Jugendlichen und jungen Erwachsenen liefern.
Der letzte theoretische Inhaltspunkt beschäftigt sich mit der eingangs aufge-
zeigten Thematik der sozialen Ungleichheit im Bezug auf die Gesundheit und
deren Bedeutung für den nachfolgenden konzeptionellen Teil.
Diese theoretischen Hinführungen beschreiben die Relevanz des zweiten
Bereiches, der Konzeption einer Lehreinheit zum Thema ,,Herz" im Rahmen
der Rollenden Patientenuniversität. Die Struktur orientiert sich stark an der
Beschreibung der Gesundheitspädagogik als Teildisziplin der Pädagogik.
Zunächst werden über die Vorstellung der Rollenden Patientenuniversität die
Rahmenbedingungen sowie konzeptionelle Vorgaben aufgezeigt. Als weite-
res grundlegendes Element für die Entwicklung der Lehreinheit, ist die Be-
leuchtung des Settings berufsbildender Schulen mit einer Zielgruppenanaly-
10
se anzusehen. Diese Betrachtungen ermöglichen den anschließenden Kon-
zeptentwurf zur Lehreinheit ,,Herz" an der Axel-Bruns-Schule in Celle. Der
Entwurf gliedert sich wiederum in eine einführende Bedingungsanalyse und
eine ausführliche Betrachtung der biologischen Inhalte. Darauf folgt die di-
daktische Konstruktion, welche die Inhalte unter anderem strukturiert und re-
duziert sowie zur Ableitung von Lehrzielen dient. Dem nachgestellt sind die
methodischen Überlegungen und Entscheidungen, sie stellen den konkreten
Umsetzungsrahmen in der Praxis dar und geben detaillierte Auskünfte über
Arbeits- und Sozialformen. Auf Grund der Tatsache, dass die eigens konzi-
pierte Lehreinheit real durchgeführt wurde, erfolgen anschließend Anmer-
kungen zur Umsetzung bevor der abschließende Bereich der Evaluation
folgt. Diese Aus- und Bewertung erfolgt über unterschiedliche Evaluations-
tools auf mehreren Ebenen.
Letztendlich folgt der Schlussteil, in dem neben
einem abschließenden Resümee ein kurzer Ausblick gezogen wird.
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
11
1 Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontext
Ein allgemeingültiges, objektives und wertneutrales Verständnis von Ge-
sundheit zu erlangen, stellt sich als diffizile Problematik dar. Zahlreiche Ver-
suche einer Definition können der Wissenschaft entnommen werden, welche
auf Grund der unterschiedlichen Perspektiven der jeweiligen Bezugssysteme
jedoch keinen allseitigen Konsens ergeben. Beispielsweise fällt die Definition
der naturwissenschaftlich geprägten Medizin sehr pathogenetisch aus und
wird als Komplementärzustand zur Krankheit beschrieben. Als wohl bekann-
teste Bestimmung von Gesundheit gilt die Definition der WHO (1946): ,,Ge-
sundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen
Wohlbefindens" (
WHO 1998: 1
). Zu ergänzen ist eine Erweiterung der berück-
sichtigten Dimensionen um das Soziale und Geistige, jedoch werden auch
ein statischer Zustand und eine utopische Zielgröße durch den Ansatz der
WHO vermittelt. Für die weitere Arbeit ist eine Klärung der gesundheitspäda-
gogischen Sicht auf die Gesundheit unerlässlich. In der Einleitung wurde be-
reits der Versuch einer Explikation des Gegenstandbereiches der Gesund-
heitspädagogik unternommen, darauf aufbauend erfolgt ein zweiter Ansatz
einer Definition. Zwick (2004) hielt an der Bestimmung von Hurrelmann
(1991) und am Ansatz Schipperges (1990) fest und kam zu folgender Defini-
tion von Gesundheit aus gesundheitspädagogischer Sicht: ,,Gesundheit als
das rechte Verhältnis von Bedürfnis und Möglichkeit" (
Z
WICK
E. 2004: 31
). Aus
dem bereits aufgeführten gesundheitspädagogischen Kontext erweist sich
diese Definition als vorteilhaft. Durch die Bestimmung des ,,Bedürfnis" als
kleinste analytische Einheit, kann auf der individuellen und der gesellschaftli-
chen Ebene angesetzt werden. Daher bleibt diese Definition für verschiedene
Perspektiven offen. Ebenso erfolgt keine Verengung der Gesundheitspäda-
gogik auf gewisse Bezugssysteme (
Z
WICK
E. 2004; U
NTERHASLBERGER
M. 2008
).
Diese Abgrenzungen und zugleich Definitionsklärungen dienen der nachfol-
genden Arbeit als Perspektive und Handlungsgrundlage.
Unterschiedliche Lebensabschnitte stellen meist ungleiche Anforderungen
oder zeigen die verschiedensten Möglichkeiten auf. Die Lebensphase Ju-
gend stellt eine sehr komplexe, vielseitige und teils widersprüchliche Lebens-
12
situation dar. Zum einen sind neue Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten
wesentliche Elemente, zum anderen auch gestiegene Verantwortung, Leis-
tungsdruck, mediale Überstimulierung und Entscheidungszwänge. Die Kapa-
zität, diese Einflüsse zu bewältigen, sowie die eigenen Ressourcen, reichen
bei manchen Jugendlichen nicht aus, worauf spezifische Gesundheitsprob-
leme folgen können. Das folgende Kapitel greift diese Problematiken auf.
1.1 Lebensphase
Jugend
,,Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen wird in jedem Lebensabschnitt
durch eine ´produktive` Auseinandersetzung mit den äußeren, sozialen und physi-
schen Umweltbedingungen und zugleich den inneren, psychischen und körperli-
chen Vorgaben beeinflusst" (
H
URRELMANN
K. 2007: 7
).
Dieser Grundgedanke der Sozialisationstheorie soll im Folgenden auf die
Lebensphase Jugend mit dem Schwerpunkt der gesundheitlichen Lebensfüh-
rung übertragen werden. Einführend wird die Lebensphase Jugend im Le-
benslauf eingeordnet, parallel erfolgt eine kurze Betrachtung anderer Le-
bensabschnitte und deren Entwicklungen über das letzte Jahrhundert hin-
weg. Daraufhin werden Anforderungen dieser Phase und Entwicklungsauf-
gaben an die Jugendlichen aufgezeigt. Weiterführend soll auf die Frage ein-
gegangen werden, in welchen Lebenswelten sich Jugendliche aufhalten,
welche Einflüsse diese auf die Gesundheit bzw. das gesundheitsrelevante
Verhalten haben und mit welchen Ressourcen sie den Ansprüchen entgegen
treten.
1.1.1
Die Lebensphase im Lebenslauf
Die Profilierung einer Lebensphase erfolgt nach Hurrelmann (2007) und
Richter (2005) nicht rein durch biologische Faktoren, viel entscheidender sind
generationsbezogene, kulturelle und wirtschaftliche Einflüsse, die ein biogra-
fisches Stadium im Lebenslauf charakterisieren. Um die Jugendphase des
derzeitigen Zeitalters angemessen erfassen zu können, wird in einem kur-
zem Abriss auf die demografischen Entwicklungen und ökonomischen, kultu-
rellen und sozialen Änderungen der gesamten Lebensphasen eingegangen.
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
13
Politische und gesellschaftliche Prozesse, wie die Industrialisierung oder die
Einführung des allgemeinen Schulsystems, führten in Deutschland und ande-
ren europäischen Ländern zu erheblichen Strukturänderungen des Lebens-
laufes sowie zum augenblicklichen Bevölkerungsaufbau. Zum einen war auf
Grund eines Rückgangs der Geburten ein Schwinden des Anteils der Ju-
gendlichen fest zu machen. Zum anderen verlängerte sich die durchschnittli-
che Lebenserwartung von Beginn des 20. Jahrhunderts von rund 58 Jahren
auf heute 75 Jahre bei Männern und 81 Jahre bei Frauen. Die Bevölke-
rungspyramide änderte sich mit einem Überhang der älteren im Vergleich zur
jüngeren Bevölkerung. Auch die Lebensphasen erfuhren im letzten Jahrhun-
dert in Formation und Gestaltung erhebliche Veränderungen
(H
URRELMANN
K.
2007: 13
FF
; R
ICHTER
M. 2005: 56)
. Die folgende Abbildung verdeutlicht das Heraus-
kristallisieren sowie die Neubildung einzelner Lebensabschnitte zum Lebens-
lauf und veranschaulicht die zeitliche Einteilung nach dem Lebensalter:
Abbildung 11:
Strukturierung der Lebensphasen zu drei Zeitpunk-
ten
Quelle: Eigene Darstellung nach H
URRELMANN
K. 2007: 17
Im Vergleich zur gegenwärtigen Struktur des Lebenslaufes war die vom Jahr
1900 recht einfach und bestand aus zwei Lebensphasen: dem Kindheits- und
dem Erwachsenenalter. Der Lebenslauf im Jahr 1950 wurde um zwei Phasen
ergänzt: die des Jugend- und des Seniorenalters. Neben dieser Ausdifferen-
14
zierung ist ein Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung fest zu stel-
len. Bis ins Jahr 2000 folgte eine Ausdehnung des Jugend- und Seniorenal-
ters und somit eine Reduzierung der Kindheits- und Erwachsenenphase. Der
Beginn der Jugendphase wurde in Anbetracht der beschleunigten psycholo-
gischen und biologischen Entfaltungen stets vor verlagert. Das durchschnitt-
liche Eintrittsalter liegt mit dem Beginn der Geschlechtsreife bei den weibli-
chen bei elf bis 12 Jahren und bei den männlichen Jugendlichen bei 12 bis
13 Jahren. Fraglich ist ob diese Phase durch die Verkürzung der Ausbil-
dungszeit im Zuge des ,,G8" und des Bologna-Prozesses, mit dem Eintritt in
das Arbeitsleben verfrüht endet oder im Erwerbsleben weiterhin besteht. Ge-
genwärtig umfasst das Jugendalter eine zeitliche Spanne von elf bis 18 Jah-
ren, bis der Übergang ins Erwachsenenalter ansteht. Diese chronologische
Rundung führt zu einer Relativierung des Begriffes ,,Jugend" (
R
ICHTER
M. 2005:
56
FF
; S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 38
). Würden diese Prozesse fortgeschrieben werden,
würde nach Hurrelmann (2007) rein spekulativ im Jahre 2050 das Kindheits-
und Erwachsenenalter eine erneute Verkürzung im Lebenslauf erfahren, Ju-
gend- und Seniorenalter könnten sich dagegen wiederholt ausdehnen und
der Lebenslauf würde um die Phase des Hohen Alters ergänzt werden.
Durchschnittliche würden die Menschen in dieser Phase ein Alter von knapp
90 Jahren erreichen (
H
URRELMANN
K. 2007: 16
F
; R
ICHTER
M. 2005: 55
FF
).
Auf diese Einführung in den demographischen Wandel wird nachfolgend auf
die sozialen Erwartungen und psychischen Anforderungen in der Jugend-
phase eingegangen.
1.1.2
Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
Unter dem Begriff ,,Entwicklungsaufgaben", der aus der Entwicklungspsycho-
logie stammt, ,,werden die psychisch und sozial vorgegebenen Erwartungen
und Anforderungen verstanden, die an die Person in einem bestimmten Le-
bensabschnitt gestellt werden" (
H
URRELMANN
K. 2007: 27
). Die notwendigen Bewäl-
tigungsschritte der inneren und äußeren Forderungen lassen sich in jeder
Lebensphase erkennen und müssen individuell erarbeitet werden. Dieser
Prozess der Verarbeitung erfolgt in der Lebensphase Jugend meistens mit
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
15
erhöhter Intensität und Turbulenz, da die gesellschaftlichen und persönlichen
Entwicklungen in diesem Lebensabschnitt eine enorme Komplexität und
Dichte aufweisen. Einige Anforderungen und Aufgaben ergänzen sich, bauen
aufeinander auf oder gehen ineinander über. Für die Jugendphase können
folgende Bereiche als zentrale Entwicklungsfelder benannt und kurz aufge-
zeigt werden.
·
Körper und Sexualität
Zentrale Themen sind die Auseinandersetzung mit der sich verändernden
körperlichen Erscheinung und Akzeptanz des eigenen Aussehens sowie die
Aufnahme sexueller Beziehungen zum eigenen oder anderen Geschlecht.
·
Zukunft
In einem selbstverantwortlichen Prozess werden schulische Anforderungen
gegenüber Freizeitbeschäftigungen abgewogen. Zudem werden Interes-
sensgebiete für die berufliche Erwerbstätigkeit gesucht, um mit Vorstellungen
über weitere Schritte in den nächsten Lebensabschnitt überzugehen.
·
Rolle
Neben der Verinnerlichung von gesellschaftlichen Rollen und Verhaltens-
mustern wird ein Selbstkonzept entwickelt. Unterstützend kann hierbei das
Bewusstsein über eine eigene Weltanschauung, Werte, Normen und politi-
sches Interesse sein. Durch die Ablösung von den Eltern müssen der indivi-
duelle Umgang mit Freizeit, Alltag, Konsummaterial erlernt und Sozialkontak-
te zu Gleichaltrigen aufgebaut werden.
(
H
URRELMANN
K. 2007: 7, 27
F
; RKI 2008: 143; S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 38).
Viele rasante Wandlungen und Prozesse im Bereich der Ökonomie, Kon-
sumwelt und Identitätsbewegungen sowie die eigenen Ressourcen beein-
flussen die Jugendlichen in ihren persönlichen Bewältigungsstrategien dieser
Anforderungen. Gerade die sehr pragmatischen und individuellen Reaktionen
führen heute zu einem Wahrnehmungsmangel einer gemeinsamen Genera-
tion. Die gegenwärtige Jugend muss, verglichen zu vorherigen Generationen,
vielerlei Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen können, wozu
16
der Besitz unterschiedlicher Kompetenzen, unter anderem auch Selbstbe-
wusstsein, erwartet wird
(S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 39
F
).
Die eben aufgezeigten zentralen Entwicklungsfelder werden nun in drei für
Jugendliche soziale Umwelten gefestigt. Diese Lebensbereiche stellen we-
sentliche Handlungsfelder dar, in welchen die Heranwachsenden die meiste
Zeit der Jugendphase verbringen.
1.1.3 Exemplarische
Lebensbereiche Jugendlicher und deren Sozia-
lisationsfunktionen
Die im vorangestellten Kapitel erläuterten Entwicklungsaufgaben sind Teil
des Transitionsprozesses und in verschiedenen phasenspezifischen Le-
benswelten verankert. Als besonders bedeutsam, auch im Bezug auf die Le-
bensstile und somit auf das Gesundheitsverhalten, haben sich die Lebensbe-
reiche ,,formale Bildungseinrichtungen", ,,Familie" und ,,Gleichaltrigengruppen"
erwiesen. Diesen Lebenswelten treten Jugendliche mit ihren persönlichen
Ressourcen gegenüber, um die multifaktoriellen Anforderungen möglichst
produktiv zu bewältigen
(H
ACKAUF
H. & O
HLBRECHT
H. 2010; H
URRELMANN
K. 2007: 81).
Der Lebensbereich ,,formale Bildungseinrichtungen"
Gerade in der Jugendphase nehmen soziale Umwelten außerhalb der Fami-
lie an Bedeutsamkeit zu. Unter formalen Bildungseinrichtungen sind Schulen,
Ausbildungseinrichtungen und Hochschulen zu verstehen, welche wichtige
Funktionen bei der Integration in gesellschaftliche Strukturen übernehmen.
Über erbrachte Leistungen der Lernenden und das Benotungsverfahren er-
langen sie die ,,Berechtigung[,] den Gesellschaftsmitgliedern ihre Stellung im
beruflichen Positionssystem zu [zuweisen]"
(O
ERTEL
L. 2010: 179).
Die 16. Shell
Jugendstudie (2010) spricht auf Grund der regional teilweise sehr ange-
spannten Situation die auf dem Ausbildungsmarkt vorgefunden wird und der
dadurch resultierenden Unsicherheit selbst mit guter (Aus-)Bildung keinen
Arbeitsplatz zu finden, von einer Lebensphase Jugend, die ,,zu einem Ab-
schnitt der strukturellen Unsicherheit und Zukunftsungewissheit geworden
[ist]"
(S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 38).
Somit nimmt dieser Lebensbereich zweifelsfrei
eine zentrale Rolle im Leben Jugendlicher ein, da über Erfolg und Versagen
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
17
des weiteren Lebensweges folgeschwer entschieden wird. Neben den kogni-
tiven Anforderungen werden Kompetenzen in Bezug auf die Klassengemein-
schaft, den Umgang mit der Lehrerschaft und die Anpassung an die zeitliche
Schulorganisation verlangt. All diese Faktoren stellen Herausforderungen
dar, welche gegebenenfalls zu psychischen Belastungen führen können. Da-
gegenzusetzen sind Ressourcen welche die Jugendlichen in ihren Bewälti-
gungsprozessen unterstützen. Diese können beispielsweise gute Leistungen
sein, Hilfestellungen durch Eltern und den Freundeskreis, Rückzugmöglich-
keiten in der Schule, Partizipationsmöglichkeiten als Schüler oder Schülerin
oder ein gutes Schul- und Klassenklima. Es ist augenscheinlich, dass sich
die verschiedenen Lebensbereiche gegenseitig beeinflussen
(H
URRELMANN
K.
2007: 81
F
; O
ERTEL
L. 2010).
In den folgenden Abschnitten werden diese Bezie-
hungsgefüge in weiteren Lebensbereichen betrachtet.
Der Lebensbereich ,,Familie"
Die Herkunftsfamilie ist primär der soziale Schutz- aber auch Risikofaktor
und der entscheidende Rahmen für Sozialisationserfahrungen von Jugendli-
chen. Die Familie trägt entscheidend zu gesundheitsrelevanten Einstellungen
und Verhaltensweisen bei. Einflussfaktoren auf die momentane gesundheitli-
che Lage werden von den Eltern dargelegt, welche die eigene Gesundheits-
dynamik im Lebenslauf prägen. Die Ausbildung eines eigenen Lebensstils
mit Risiko- und Schutzverhalten kann durch die Familie, besonders durch die
Erziehungsberechtigten, im positiven wie im negativen Sinne beeinflusst
werden. Das Erleben von Nähe, Liebe und Akzeptanz, das Erfahren des ei-
genen Körpers, Familienkommunikation, -zusammenhalt und die Unterstüt-
zung in unterschiedlichen Lebenslagen, stellen Ressourcen für einen Ju-
gendliche dar, die als zentrale Schutzfaktoren vor physischen und psychi-
schen gesundheitlichen Beeinflussungen angesehen werden können. Patho-
gene Auswirkungen können durch Gewalt, (sexuelle) Misshandlung, Ver-
nachlässigung, einen unkontrollierten Umgang mit Drogen oder durch be-
stimmte Kommunikationsformen hervorgerufen werden. Folgen könnten im
körperlichen und psychischen Bereich liegen, sowie im Missbrauch von Ta-
bak und Alkohol
(E
RHART
M. & R
AVENS
-S
IEBERER
U. 2008; S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 53
FF
; O
HL-
18
BRECHT
H. 2010)
. Zusammenfassend ist fest zu halten, dass ,,letztendlich [..] die
familiale Sozialisation lebenslang entscheidend dafür [bleibt], welche Bedeu-
tung der Gesundheit in der alltäglichen Lebensführung eingeräumt wird"
(O
HL-
BRECHT
H. 2010: 140).
Wie im vorangegangenen Kapitel bereits erwähnt, hat der Lebensbereich
Familie ebenso einen entscheidenden Einfluss auf den Bereich der Bil-
dungseinrichtungen. Denn obwohl formalrechtlich in Deutschland gleiche Bil-
dungschancen existieren, bestehen nach der gegenwärtigen Shell Jugend-
studie enge Zusammenhänge zwischen den angestrebten Schulabschlüssen
der Jugendlichen und jener der Eltern. Somit streben Jugendliche, deren Vä-
ter keinen oder einen einfachen Abschluss haben, nur selten die Fachhoch-
schulreife oder das Abitur an (26 %), dagegen sind es 77 % der befragten
Jugendlichen mit bildungsnäheren Erziehungsberechtigten. Ebenso sind es
nur 4 % der Jugendlichen, deren Väter einen höheren Abschluss vorweisen
können, die einen Hauptschulabschluss anstreben. Den Untersuchungen
OECD 2007 und 2008 zu Folge, ist in Deutschland der schulische Erfolg am
stärksten vom sozialen Status der Eltern abhängig
(S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 72).
In
Deutschland erfolgt eine frühe Aufteilung der Schüler und Schülerinnen, je
nach erreichtem Leistungsstand in unterschiedliche Bildungsinstitutionen.
,,Alle vorliegenden Untersuchungen bestätigen, dass [...] das Ziel einer mög-
lichst geringen Ungleichheit von Bildungsergebnissen nach sozialer Herkunft
nicht erreicht werden kann"
(S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 73).
Diese ersten Berührun-
gen mit sozialer Ungleichheit werden im Punkt 1.2.3 tiefer gehend betrachtet.
Neben diesen Aspekten der Bindung an die Eltern und Abhängigkeit der Ju-
gendlichen von den Eltern ist ein weiteres zentrales Merkmal dieser Lebens-
welt zu erwähnen: die Ablösung und Distanzierung von den Eltern. Die Inter-
aktionsbeziehung erfährt einen symmetrischen Charakter und die Jugendli-
chen vertreten verstärkt ihre individuellen Standpunkte. Die Beziehung er-
fährt weniger Veränderungen in der emotionalen Verbundenheit als durch
aufkommende Problembereiche. Typischerweise ist dieser Prozess mit der
Hinwendung zu Gleichaltrigengruppen und mit dem Eingehen einer eigenen
Partnerschaft verbunden, worauf im folgenden Kapitel näher eingegangen
wird
(O
HLBRECHT
H. 2010; S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 46).
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
19
Der Lebensbereich ,,Gleichaltrigengruppen"
Die Eltern bleiben den Jugendlichen als Ratgeber wichtig, jedoch häufig auf
schulische oder berufliche Fragen reduziert. Freundschaften haben eine we-
sentliche Bedeutung für die Entwicklung von Kontakten, die auf Vertrauen
und gemeinschaftlichem Erleben von Gefühlen basieren. Den Lebensmittel-
punkt bilden nicht mehr die Eltern sondern die Freunde und Freundinnen und
Cliquen. Die Beziehung zu Gleichaltrigen nimmt maßgebend Einfluss auf das
Freizeit- und Konsumverhalten. Haltungen und Verhaltensweisen werden
von den Jugendlichen erprobt und zur Abgrenzung von den Eltern und zur
Selbstdarstellung genutzt. Hierbei stehen für Jugendliche situationsbedingte
Vorteile und direkte Erlebnismöglichkeiten im Vordergrund ihres Handelns.
Den Ergebnissen der Studie Health Behaviour in School-aged Children
(HBSC) zufolge erhöht sich das gesundheitsschädigende Verhalten eines
Schülers, je mehr Zeit dieser mit Freunden verbringt. Ein Substanzgebrauch
in Cliquen, vorwiegend von Alkohol und Tabak, kann mehrere Gründe haben,
beispielsweise als Bewältigungsverhalten von Entwicklungsaufgaben, aus
Gruppenzwängen oder als Anpassungsverhalten.
Neben der besten Freundin bzw. dem besten Freund sind die Beziehungen
meist geschlechtshomogen und darüber hinaus bestehen häufig Vertrauens-
beziehungen zu Gleichaltrigengruppen. Die Konstitutionen innerhalb dieser
Gruppierungen sind im Gegensatz zu familiären Strukturen nicht hierarchisch
angelegt, können jedoch Spannungspotenziale mit sich bringen, welche zu-
gleich Handlungskompetenzen der Jugendlichen entwickeln
(H
URRELMANN
K. 2007:
126
FF
; O
HLBRECHT
H. 2010).
Die Entfaltung sozialer Kompetenzen kann durch das
meist natürliche und somit teilweise rücksichtlose Reaktionsverhalten der Ju-
gendlichen gestärkt werden. Durch Freiwilligkeit und Gleichberechtigung wird
die Kooperations- und Verhandlungsfähigkeit gestärkt, was ebenso Konflikt-
lösungsansätze verlangt. Auch mit Zurückdrängung und Grenzüberschrei-
tungen werden Erfahrungen gemacht, wobei die Jugendlichen wiederum Ent-
täuschungsfestigkeit und Widerstand in zwischenmenschlichen Interaktionen
entwickeln können. Diese Handlungskompetenzen können auch als Res-
sourcen beschrieben werden, wovon einige auch als gesundheitliche Schutz-
faktoren dienen. Jedoch kann die Beziehung zu Gleichaltrigen gleichwohl
20
sehr problematisch sein. Circa zehn Prozent aller Jugendlichen sind Opfer
von Stigmatisierungen oder Aggressionen in der eigenen Gruppe. Diese
Demütigung kann weit reichende Folgen für die Entwicklung sowie das psy-
chische Wohlbefinden haben und somit auch als gesundheitlicher Risikofak-
tor angesehen werden
(H
URRELMANN
K. 2007: 128
FF
; S
HELL
J
UGENDSTUDIE
2010: 82; O
HLBRECHT
H. 2010).
Wie in der Familie können in Gleichaltrigengruppen sowohl positive
als auch negative gesundheitsrelevante Verhaltensweisen gefördert werden.
Die erläuterten persönlichen Ressourcen nehmen dabei Einfluss auf das
Ausmaß und die Richtung der Effekte
(K
LOCKE
A. & B
ECKER
U. 2003: 235; O
HLBRECHT
H.
2010; RKI 2008: 144
F
).
Das vorangegangene Kapitel hat die Fülle der phasenspezifischen Entwick-
lungsaufgaben und unterstützenden Ressourcen aufgezeigt. Auf die gesund-
heitlichen Belastungen und die allgemeine gesundheitliche Situation der Ju-
gendlichen wird im Folgenden eingegangen.
1.2 Jugend
und
Gesundheit
Vor einigen Jahrzehnten wurden biomedizinische Risikofaktoren, wie bei-
spielsweise Bluthochdruck, oder die Bereitstellung medizinischer Versor-
gungsleistungen als ausdrucksstarke Indikatoren für die Bestimmung von
Gesundheit angesehen. Heutzutage werden auch Determinanten herange-
zogen, welche als mögliche Ursachen beschrieben werden können, wie Ü-
bergewicht oder Drogenkonsum. In den Mittelpunkt der Betrachtung der Ge-
sundheit von Jugendlichen sind ebenso soziale Einflussgrößen wie Bildung
oder materielle Lebensbedingungen gerückt. Zwar wird jede Lebensphase
von sozialen Faktoren beeinflusst, doch wie bereits in Kapitel 1.1.3 aufge-
zeigt, häufen sich in der Jugendphase die Einflüsse aus vielen, sehr unter-
schiedlichen Lebenswelten. Diese schnellen Veränderungen der Lebenssitu-
ationen ergeben Spannungsfelder, in denen sich Jugendliche mit häufig zu
wenigen Ressourcen orientieren, woraus psychosoziale Belastungen und
gesundheitliche Schäden folgen können
(R
ICHTER
M. 2008).
Erfahrungen, Belas-
tungen oder Einflüsse aus der Kindheit und Jugend, sind als ,,langfristige
Implikationen für die Gesundheit [zu betrachten]"
(R
ICHTER
M. 2008: 17)
und stellen
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
21
somit die Weichen für die gesundheitliche Lage in der Erwachsenenphase
(R
ICHTER
M. 2005: 63; 2008).
Um den Gesundheitszustand Jugendlicher umfassend darstellen zu können,
sind aktuelle und vergleichbare Gesundheitssurveys zu betrachten. In den
letzten Jahren wurden hierzu nationale und internationale Studien durchge-
führt. Jugendliche im Übergang zur Erwachsenenphase stehen derzeit nicht
im Mittelpunkt der Gesundheitsforschung, weshalb für die Gruppe der 16- bis
25-jährigen nur eine Untersuchung, die ,,Fit-fürs-Leben"-Studie (2008) der
deutschen Sporthochschule Köln herangezogen werden kann. Daher werden
im weiteren Verlauf zusätzlich die Ergebnisse des Kinder- und Jugendge-
sundheitssurvey (KIGGS) des Robert-Koch-Instituts aus den Jahren 2003-
2006 (2008) und zum anderen des Jugendgesundheitssurvey im Rahmen
der ,,Health Behaviour in School-aged Children" (HBSC) -Studie der WHO
von 2005/2006 (2008) verwendet. KIGGS stellt Daten von 0- bis 17-jährigen
zur Verfügung, welche in drei Altersgruppen aufgeteilt sind. Die HBSC-Studie
legt Ergebnisse von 11-, 13- und 15-jährigen vor.
1.2.1 Gesundheitliche
Lage
Um eine umfassende Darstellung der gesundheitlichen Lage Jugendlicher zu
erhalten, ist eine vielseitige Betrachtung unterschiedlicher Komponenten nö-
tig. Wesentliche Betrachtungsbereiche sind Aussagen zum körperlichen und
psychischen Zustand sowie die subjektiven Einschätzungen von Gesundheit
und Lebensqualität. Die nachstehenden Gliederungspunkte dienen einer Ein-
teilung der Studiendaten und -ergebnisse (
RKI 2008: 41
).
Mortalität
In der frühen Jugendphase ist die Mortalitätsrate im Vergleich zu anderen
Lebensphasen am niedrigsten. Ab dem 15. bis zum 25. Lebensjahr erfährt
die Rate jedoch einen deutlichen Anstieg. Nach der Unfallentwicklung auf
deutschen Straßen (2008) ist die Verkehrteilnehmergruppe der 18- bis 24-
jährigen immer noch die meist gefährdete (
S
TAT
. B
UNDESAMT
2009
A
). ,,Mit 130 Ge-
töteten je eine Million Einwohner dieser Altersgruppe im Jahr 2008 haben die
jungen Erwachsenen jedoch ein zweifach höheres Sterberisiko als die Ju-
22
gendlichen und Senioren, die gemessen an der Einwohnerzahl das zweit-
höchste Risiko im Straßenverkehr haben" (
S
TAT
. B
UNDESAMT
2009
A
). Somit sind die
Sterbefälle in dieser Altersgruppe vorrangig nicht auf Krankheiten zurück zu
führen (
RKI 2008: 145).
Morbidität
Die Häufigkeit der Erkrankungen im Jugendalter im Vergleich zum Kindesal-
ter nimmt geringfügig ab, auffallend ist jedoch, dass Erkältungen und grippale
Infekte die meist verbreiteten Erkrankungen darstellen. Auch die Magen-
Darm-Infektion stellt einen vielfach nachgewiesenen Erkrankungsgrund dar.
Herpes und Blasenentzündung sind die einzigen Erkrankungen die im Ver-
lauf der 11- bis 17-jährigen zunehmen. Geschlechtsspezifische Betrachtun-
gen verweisen auf höhere Infektionsraten bei Mädchen im Vergleich zu Jun-
gen. Bei ansteckenden Kinderkrankheiten ist die Lebenszeitprävalenz erwar-
tungsgemäß hoch. Mit der Ausnahme der Lebenszeitprävalenz von Windpo-
cken, die bei den 14- bis 17-jährigen bei 85,8 % liegt, sind Keuchhusten, Ma-
sern, Mumps, Röteln und Scharlach zu nennen, die je eine Lebenszeitpräva-
lenz von circa elf bis 29 % aufweisen. Allergien stellen im Kindes- und Ju-
gendalter die häufigsten chronischen Krankheiten dar. Chronische Erkran-
kungen sind in diesem Alter von besonderer Bedeutung, da sie enorme fort-
währende Entwicklungsstörungen hervorrufen können. Heuschnupfen ist die
am stärksten verbreitete allergische Erkrankung. Allergische Kontaktekzeme,
Neurodermitis und Asthma sind ebenfalls beständig diagnostizierte chroni-
sche Erkrankungen
(RKI 2008: 151
FF
).
Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas soll ebenfalls noch aufge-
führt werden. KIGGS und die HBSC-Studie liefern diesbezüglich teilweise
unterschiedliche Ergebnisse: In der Pubertätsphase von elf bis 13 Jahren ist
Übergewicht (einschließlich Adipositas) am meisten verbreitet, was somit
jeden und jede Fünfte/n dieser Altersgruppe betrifft. Ein Anstieg adipöser Ju-
gendlicher ist von den 11- bis 13-jährigen zu den 14- bis 17-jährigen zu beo-
bachten. Keine signifikanten Unterschiede sind zwischen den Geschlechtern
fest zu stellen
(RKI: 2008: 154
F
).
Die HBSC-Studie geht von den Jugendlichen
selbst berichteten Größen- und Gewichtswerten aus und kommt auf folgende
Jugend und Gesundheit im gesellschaftlichen Kontextt
23
Ergebnisse: Circa elf Prozent der Befragten sind übergewichtig und weitere
zwei Prozent adipös. Altersbedingte Unterschiede sind nicht zu vermerken,
jedoch aber eine erhöhte Prävalenz bei Mädchen als bei Jungen
(R
AVENS
-
S
IEBERER
U. & E
RHART
M. 2008)
. Bei den Teilnehmenden der Fit-fürs-Leben-Studie
sind 32 % der männlichen und 24 % der weiblichen Übergewichtig. Bei den
Männern kann ein signifikanter Anstieg der Wahrscheinlichkeit mit steigen-
dem Alter festgestellt werden, bei den Frauen schwankt die Überge-
wichtsprävalenz in diesem Lebensabschnitt zwischen 18 % und 28 % und
kann nicht mit dem Alter in Verbindung gebracht werden.
Subjektive Gesundheit
Die KIGGS-Erhebungen sind in diesem Bereich auf zwei Befragungen zurück
zu führen. Neben den Jugendlichen selbst wurden auch die Eltern zum all-
gemeinen Gesundheitszustand der Kinder befragt. Mit ansteigendem Alter
verlagert sich die Fremdeinschätzung auf der Werteskala von ,,sehr gut" nach
,,gut". Geschlechtsspezifische Unterschiede sind Folgende festzuhalten: Bis
zum 13. Lebensjahr bewerteten die Eltern den gesundheitlichen Zustand ih-
rer Töchter besser als den der Söhne, in der darauf folgenden Altersgruppe
wird dies genau umgekehrt bewertet. Zudem wurden die Eltern zur gesund-
heitsbezogenen Lebensqualität befragt, die sich auf sechs Inhaltsbereiche
fokussiert (Körper, Psyche, Selbstwert, Familie, Freunde, Schule). Die Be-
wertung des Gesamtwertes fiel durch die Eltern meistens positiv aus, mit zu-
nehmendem Alter der Kinder verschlechtert sie sich jedoch. Die eigenen An-
gaben der Jugendlichen bezüglich der Lebensqualität verweisen auf ein an-
deres Bild: Die Jungen berichten tendenziell über eine höhere Lebensquali-
tät, ausgenommen im Bereich Schule. Im Verlauf der Adoleszenz weisen die
Aussagen der Jugendlichen auf eine Abnahme der Lebensqualität in fünf der
abgefragten Bereiche hin. Im Bereich Selbstwert ist ein Anstieg zu vermer-
ken
(RKI 2008: 165
FF
). Die Ergebnisse der HBSC-Studie verweisen auf ähnliche
geschlechts- und altersspezifische Unterschiede. Dies bedeutet, dass elf
Prozent der 11-jährigen Mädchen und Jungen die persönliche Gesundheit
als schlecht oder mäßig beschreiben. Mit 13 bzw. 15 Jahren verändert sich
diese Zahl bei den Mädchen auf 17 % bzw. 20 %. Bei den männlichen 13-
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