aber wie ein gebrochenes Tabu wirken ) in einer Gedenkrede unpassend und unangebracht. Weitere Punkte, die immer wieder im Allgemeinen kritisiert worden sind, waren seine „nüchterne“ Vortragsweise, die durch eine sehr sachlich-objektive Darstellung sowie durch die monotone Stimmlage, die jegliche Gefühlsäußerungen unterband, geprägt war, und das vordergründige Hineinversetzen in die Köpfe der Täter und das Untersuchen der Motive für die Passivität derselben anstatt das Gedenken der Opfer in das Zentrum der Rede zu stellen.
Nicht außer Acht lassen sollte man bei einer Betrachtung Jenningers Rede auch die Medien. Besonders die übertragende Fernsehanstalt, so kann man behaupten, hat die negative Wirkung der Rede forciert, indem sie ständig die ,wie erst später klar wurde, völlig erschöpfte, ermüdete Ida Ehre einblendete, die während des gesamten Redevortrags ihr Gesicht mit den Händen bedeckte. Zu einem späteren Zeitpunkt erklärte sie, sie sei nach der Rezitation von Celans Todesfuge so ergriffen gewesen, daß sie nichts von Jenningers Rede mitbekommen habe. 1
Im Verlauf der Arbeit werde ich drei Aspekte herausstellen, die meines Erachtens zentrale Gründe für das „Scheitern“ bzw. das Mißverstehen der Rede bilden und in gegenseitiger Wechselwirkung zueinander stehen. Diese werde ich durch Beispiele von Kommentaren unterstützen:
Erstens die Thematik des situativen Kontexts und der Erwartungshaltung der Rezipienten, die ich für bedeutend halte hinsichtlich der offenbar vorhandenen gesellschaftlichen Konventionen, denen gegenüber sich Jenninger nicht situationsangemessen verhalten hat, was seinen sofortigen Rücktritt zur Folge hatte. Der zweite zu erörternde Aspekt ist das Textstilmittel der Erlebten Rede, das sich über den signifikanten, kritisierten Mittelteil der Rede erstreckt.
Zuletzt werde ich dann auf die non-verbalen Gegebenheiten eingehen, indem ich die Vortragsweise auf Intonation, Gestik, Mimik etc. untersuche. Jedem Kapitel werde ich eine Reaktion der Öffentlichkeit voranstellen, im allgemeinen habe ich diese Kommentare dem Text Peter von Polenz‘ entnommen, der nicht auf die jeweilige Herkunft bzw. den Sprecher verweist. Die Zitate aus andern Texte habe ich per Fußnote markiert.
1
Laschet/Malangré:
Philipp Jenninger. Rede und Reaktion
(Aachen, 1989), S.31.
2
Die Rede ist meiner Ansicht nach in schriftlicher Form und ungeachtet des Vortragsanlasses ein wertvoller Beitrag in Bezug auf die kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozozialistischen Vergangenheit der Deutschen sowie in ihrer Wirkung eine interessante Offenbarung für das Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Wenn sie auch nicht den Normen einer Gedenkrede im herkömmlichen Sinne zu entsprechen erscheint, empfinde ich es als erachtenswert, daß die an Jenninger adressierten Briefe vieler jüdischer Menschen und Augenzeugen des dritten Reiches sehr positiv ausfallen und keinerlei Mißverständnis der Rede implizieren.
2 Der situative Kontext und die internalisierte Erwartungshaltung
„die falsche Rede am falschen Tag am falschen Ort“
„Unfähigkeit, die Bedeutung des Tages in angemessene Worte zu kleiden“
2.1 Zum Grundvorgang der Kommunikation
Eine Rede ist in erster Linie Gespräch beziehungsweise Kommunikation. Obwohl sich im allgemeinen lediglich der Redner (Sender der Nachricht) verbal äußert, ist der Zuhörer (Empfänger der Nachricht) Teil der Kommunikation. Beide Kommunikationspartner (Jenninger vs. Auditorium) befinden sich in einer Situation (Gedenkveranstaltung). Das Gesagte wird vom Sprecher in die Situation eingepaßt und von den Hörern in bezug auf diese Situation verstanden. Ziel der Rede ist immer die Vermittlung eines Sachverhalts, der im Idealfall beim Empfänger so „ankommt“, wie es der Sender beabsichtigt. Die Rede Jenningers hat dies nicht geleistet, was Empörung und Kommentare wie „als liebäugle er mit dem braunen Gedankengut“ oder „kommt einer Verherrlichung des NS-Regimes
2
Werner Hill:
Der Fall Jenninger.
In: NDR-Magazin, Novemberausgabe 1989, S.7.
3
gleich“ 3 hervorgerufen hat. Diese Unterstellungen exemplifizieren die von Jenninger intendierte Aussageabsicht in Augen der Beurteiler. Das bestätigt, daß die gesendete und die empfangene Nachricht trotz gleichen Sachinhalts nicht identisch sein müssen. Es kann zu Verzerrungen oder Verlust des Inhalts kommen. 4 Erstaunlich ist, daß bei Kommunikationspartnern (hier möchte ich die durchs Fernsehen passiv teilnehmende Öffentlichkeit erst einmal ausschließen), denen man ein etwa gleichsam ausgeprägtes Sprach- wie auch Weltwissen unterstellt, derartige Verzerrungen bzw. Mißverständnisse auftreten. Jenninger als Bundestagspräsident spricht vor Abgeordneten der verschiedenen Fraktionen, dem Bundespräsidenten, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Vertretern der Kirche, dem israelischen Botschafter in Bonn und Frau Professor Ehre. In diesen Reihen gibt es bereits während der Rede Zwischenrufe, etwa fünfzig Abgeordnete verlassen den Plenarsaal, und eben hier gibt es auch die ersten Forderungen nach einem Rücktritt Jenningers. Die Ursache für eine derartig massive Wirkung muß folglich in der Rede bzw. Sprache der Rede liegen, die sich offensichtlich gegenüber einer unausgesprochenen aber internalisierten Norm nicht konform verhält. Dies zeigt, daß Sprache sich nicht nur an grammatischen und lexikalischen Regeln orientieren muß, sondern auch an pragmatischen Regeln und Konventionen. Das Ziel der wechselseitigen, eindeutigen Verständigung wird nur erreicht, wenn diese Übereinkünfte eingehalten werden. Wenn ein Sprecher sich darüber hinwegsetzt, kann dies den Effekt vielfältiger Deutungen von Seiten des Hörers haben. Nach Hinweis des Duden kann man von diesen Konventionen abweichen, wenn
3 Peter von Polenz: „Verdünnte Sprachkultur. Das Jenninger-Syndrom in sprachkritischer Sicht.“ In: Deutsche Sprache, Nr.4 (1989), S.289-316. S.303.
4 vgl. Duden.Reden gut und richtig halten! 2.Auflage (Mannheim/2000), S.126.
5 Duden, S.99.
4
2.2 Gestalt und Charakteristika der Gedenkrede
In bezug auf die Jenninger-Rede äußerte sich Bertram wie folgt:
Der Begriff „Weihestunde“ ist hier symptomatisch. Die Gedenkfeier ist eine festliche Veranstaltung zu einem denkwürdigen, in diesem Falle tragischen Anlaß, bei der gewisse Verhaltenskonventionen und Riten vorausgesetzt werden, die ihrerseits eine epideiktische Rede erfordern, die das Ziel hat, gemeinsame Werthaltungen zu sichern und zum Ausdruck zu bringen 7 . Der Sprecher fungiert als „Sprachrohr“ 8 der gesamten Gruppe, was wiederum eine Homogenität zwischen Sprecher und Auditorium bedingt. Um diese gemeinschaftlichen Werte und Ansichten authentisch zu vermitteln, muß die Gedenkrede drei Funktionen erfüllen: sie muß darstellen, appellieren und ausdrücken, wobei die darstellende Funktion zugunsten der zwei anderen Aspekte in den Hintergrund rückt. 9 Das Halten einer Gedenkrede impliziert folglich stillschweigende Konventionen, die der gesellschaftlichen „Sitte“ unterliegen, und sowohl auf die Aussage als auch auf die Form des vorgetragenen Textes projiziert werden. 10 Inwiefern hat also Philipp Jenninger diese Konventionen unterwandert? Er erfüllte nicht die Erwartung der Deklaration gemeinsamer Trauer und Betroffenheit, sondern analysierte und interpretierte die Motivation der Täter und die Untätigkeit der Mitläufer.
6 Bertram 1988, zitiert nach Laschet/Malangré S.85.
7 vgl Heiko Girnth: Einstellung und Einstellungsbekundung in der politischen Rede (Frankfurt a.M., 1993) in Europäische Hochschulschriften. Reihe I: Deutsche Sprache und Literatur. Bd. 1383), S.50.
8 Kopperschmidt 1989, zit. nach Girnth, S.50.
9 vgl. Bühler 1965, entnommen Girnth, S.50.
10 Gilbert Harman: Das Wesen der Moral (Frankfurt am Main, 1981), S.122.
11 Glaser 1988, zit. nach Girnth, S.20.
5
Es ergeben sich zusammenfassend folgende Aspekte, in denen sich Jenninger den herkömmlichen Förmlichkeiten gegenüber nicht konform verhalten hat: 1. der Gebrauch nationalsozialistischen Vokabulars; 2. die ausschließlich darstellende Aussage der Rede, die den in Gedenkreden charakteristischen Appell (wir müssen...) und Ausdruck (wir bedauern/ erinnern uns mit Trauer) vermissen läßt;
3. die ausschließlich die Täterperspektive fokussierende Beschreibung; 4. der anteilmäßig hohe Gebrauch der Erlebten Rede, der keine deutliche Distanzierung zwischen Redner- und paraphrasierter Mitläuferaussage erkennen läßt; 5. der Mangel an nicht verbaler Verdeutlichung der Aussage, der jegliche Anteilnahme oder Betroffenheit ausklammert.
Diese „routinierte Gedenkstunde“ läßt sich bei der Rede von Weizsäckers zum 8. Mai (siehe Kapitel 2.3) zweiffellos finden. Er spart jegliche detaillierte Beschreibung der Grausamkeit, Verbrechen und Unmenschlichkeit aus, wie es Hörer in einer solch feierlichen Stunde gewohnt sind. Das heißt nicht, daß in einer Gedenkstunde Euphemismen erwartet werden, sondern lediglich eine empfindliche Auswahl des Wortschatzes, aufgrund dessen der Zuhörer bereits das damit verbundene Greuel im adäquaten Maße, also dem Anlaß der Feierlichkeit gemäß, nachvollziehen kann.
Folgt man der Argumentation Kopperschmidts, daß mit der Weizsäcker-Rede genau das zum Ausdruck gebracht worden sei, „was durch einen innergesellschaftlich erarbeiteten und daher auch öffentlich abbildbaren Konsens noch gedeckt ist“, dann gelangt man zu dem Schluß, daß mit dieser Rede ein Maßstab für alles künftige Reden über den Nationalsozialismus bereitgestellt worden ist. 13
12
Tolmein 1988, zit. nach Girnth, S.22.
13 Girnth, S.31.
6
Arbeit zitieren:
Sandra Perrey, 2001, Erlebte Rede in der Rede Philipp Jenningers, München, GRIN Verlag GmbH
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