Inhaltsübersicht
1. Deutsche Täter als Opfer? Ist das legitim? Seite 03
2. Im Krebsgang - ein literarischer Tabubruch? 03
3. Deutsches Geschichts- und Selbstverständnis
3.1. Situation in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten 04
3.2. Wandel unter dem Einfluss der 68er-Generation 05
3.3. Das Tabu der Vertreibung 06
3.4. Der deutsche Schulddiskurs 07
4. Im Krebsgang im Kontext eines sich wandelnden Bewusstseins 08
5. Täter und Opfer in persona
5.1. Tulla Pokriefke - nicht greifbar 09
5.2. Paul Pokriefke - eine verkorkste Existenz 10
5.3. Konrad Pokriefke - mehr Opfer als Täter? 11
6. Das Vertreibungstabu - ein Fehler? 12
7. Die einseitige Betrachtungsweise von Im Krebsgang 14
8. Im Krebsgang - ein eminent heutiges Werk 15
9. Im Krebsgang - ein wichtiger Beitrag für die deutsche Literatur? 16
Literaturverzeichnis 18
2
1. Deutsche Täter als Opfer? Ist das legitim?
Die Themenstellung Täter als Opfer? Opfer als Täter? ist im Zusammenhang mit der deutschen Rolle vor und während des Zweiten Weltkrieges, in der gesamten Zeit des Nationalsozialismus nicht unproblematisch. Schon die mit Fragezeichen versehene These zeigt die allgemeine Skepsis gegenüber dieser Frage. Günter Grass lotet in seiner Novelle Im Krebsgang die Legitimität dieser Frage aus. In dieser Arbeit soll beleuchtet werden, inwiefern und auf welche Weise Im Krebsgang diese Frage beantworten kann und welche Probleme und neuen Aspekte sich dadurch für die Vergangenheitsbewältigung ergeben.
2. Im Krebsgang - ein literarischer Tabubruch?
Wie schon kurz angedeutet, ist zumindest der Thesenbestandteil Täter als Opfer für den politisch korrekt gebildeten deutschen Bundesbürger heikel. Die Täter für die Zeit zwischen 1933 und 1945 sind in der nachkriegsdeutschen Geschichtsschreibung klar definiert: die Deutschen sind Täter und werden im Kollektiv gleichsam zum Tätervolk. Interessanterweise setzt sich auch für die nachfolgenden Generationen die Last der Schuld der Eltern fort, der Begriff der Täternation (zumindest als solche selbst empfunden) scheint also einige Berechtigung zu haben. Hinzu kommt, dass sich die Begriffe Täter und Opfer gegenseitig ausschließen, wie etwa folgende Parole einer Antifa-Gruppe zeigt: mit ‚Deutsche Täter sind keine Opfer’ 1 riefen sie zum Protest gegen eine Trauerkundgebung für die Opfer der Dresdner Bombennacht auf. Günter Grass bricht an diesem Punkt mit Im Krebsgang scheinbar ein Tabu - so sah es im Erscheinungsjahr 2002 der Großteil des Feuilletons.
In der Nacht des 30. Januar 1945 wurde das mit zehntausend Flüchtlingen beladene ehemalige Kreuzfahrtschiff Wilhelm Gustloff vor der pommerschen Küste von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Bei Außentemperaturen von minus 18 und einer Wassertemperatur von zwei Grad starben bis zum Morgengrauen 9000 Menschen, darunter 4000 Kinder und Säuglinge, die in der rauen See den erkaltenden Händen ihrer Mütter entglitten. 2
Das Thema von Im Krebsgang hat Günter Franzen in seiner Rezension der Novelle kurz umrissen und im Anschluss wird das Tabu deutlich, das Grass mit der Darstellung der Versenkung der Wilhelm Gustloff gebrochen hat. „Die deutschen
1 Adam, Konrad: Erbarmungslose Moralisten. http://www.welt.de/printwelt/article236284/Erbar mungslose_Moralisten.html (27.09.2007)
2 Franzen, Günter: Versenkung. Der alte Mann und sein Meer. In: Die Zeit. 7.2.2002.
3
Opfer [haben] als mutmaßliche Angehörige der nationalsozialistischen Tätergemeinschaft ein für alle Mal jeden Anspruch auf öffentliche Anerkennung ihres Leidens verwirkt“ 3 schreibt der Rezensent weiter. Konsequent weitergedacht heißt das: Grass wage sich nun also mit Im Krebsgang an die literarische Verarbeitung des Themas der Vertreibung. 4
3. Deutsches Geschichts- und Selbstverständnis
3.1. Situation in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten
Um die Frage des Tabubruchs behandeln und klären zu können, muss man die Geschichte und die Entstehung der angeblichen Ausklammerung deutscher Geschichte betrachten.
„Von deutscher Erfindungskraft“ heißt eine Schrift, die sich mit dem Geschichtsbild der Deutschen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die fünfziger Jahre hinein beschäftigt.
Der Autor Norbert Frei beschäftigt sich in seinem Aufsatz 5 mit der Kollektivschuldthese, die im Nachkriegsdeutschland für das die die Adenauer-Ära prägende „kommunikative Beschweigen“ 6 steht. Gemeint ist damit jene Haltung, die jede Schuld, jede Beteiligung an den nationalsozialistischen Verbrechen verschwieg, nicht zugab und somit verdrängte. Die Ursache dafür sieht Frei darin, dass die Deutschen unmittelbar nach dem Weltkrieg von den Alliierten mit den Verbrechen der Nazis - mit allen Konsequenzen und schrecklichen Folgenkonfrontiert wurden. Beispielhaft sind die Führungen durch die Konzentrationslager: „die Einheimischen [wurden] gezwungen, diese Schandstätten anzusehen und die Toten ordentlich zu bestatten.“ 7 Die Alliierten hätten damit eine heilsame Schockwirkung intendiert, um die Deutschen zur endgültigen Abkehr vom Nationalsozialismus zu bewegen, doch - so der Autor - „[reagierten] die mit dem Grauen konfrontierten Deutschen in der Regel nicht so (…), wie ihre Beobachter es sich erhofften.“ 8 Eugen Kogon, ein ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald, formulierte es so: „Die Schock-Politik hat nicht die Kräfte des
3 Franzen, Günter: Versenkung. Der alte Mann und sein Meer.
4 ebd.
5 Der Aufsatz Von deutscher Erfindungskraft erscheint in dem Band 1945 und wir, in dem Frei von ihm verfasste Aufsätze zum Thema herausgibt.
6 Adam, Konrad: Erbarmungslose Moralisten.
7 Frei, Norbert: Von deutscher Erfindungskraft. In: 1945 und wir. Das dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen. Hrsg. von Norbert Frei. München: Beck 2005. S.147.
8 ebd. S.148
4
deutschen Gewissens geweckt, sondern die Kräfte der Abwehr gegen die Beschuldigung, für die nationalsozialistischen Schandtaten in Bausch und Bogen mitverantwortlich zu sein.“ 9 Die deutsche Bevölkerung trat also - anstatt die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges zu reflektieren und zu verarbeiten - in eine Abwehrhaltung gegenüber den Anschuldigungen. Die Generation der Täter verfiel demnach in ein Schweigen. Möglicherweise wurden einige Deutsche zu Unrecht beschuldigt, waren tatsächlich ahnungslos gewesen, welche Verbrechen „in ihrem Namen“ 10 verübt worden waren, aber die Nazis hatten auf jeden Fall „dafür gesorgt, dass jeder Deutsche von irgendeiner schrecklichen Geschichte wusste“. 11
3.2. Wandel unter dem Einfluss der 68er-Generation
Die 68er-Generation sah das Schweigen der Väter über die Täterschaft im Nationalsozialismus als Verdrängung der begangenen Taten. Wie konnte man schweigen über die ungeheuerlichen Taten der Elterngeneration, die in systematischer Grausamkeit Millionen europäischer Juden ermordet hatten, die in zwölf Jahren brav eine Diktatur gestützt hatten, welche jeder Menschlichkeit entbehrte? Die „kritische Generation“ 12 machte es sich zur Aufgabe, diesen Missstand zu beseitigen und die Täter des Zweiten Weltkrieges an den Pranger zu stellen: eine Aufgabe, die mit großer Gründlichkeit durchgeführt wurde. Es ging um das rigorose Aufräumen mit der schuldbehafteten Vergangenheit und um die Degradierung „des schwachen, des geschlagenen Vaters, der (…) nie wieder auf die Beine kam“. 13
Die Gegenwartsliteratur thematisiert in vielen Werken diese Aufdeckung der Nazivergangenheit. Thomas Lehr etwa lässt in seiner Novelle „Frühling“ den Bruder des Protagonisten die Machenschaften des Vaters als KZ-Arzt aufdecken. Der Bruder tut dies in aller Konsequenz und geht daran zugrunde - er bringt sich schließlich um. Lehr zeigt in drastischer Form, dass das Schweigen des schuldig gewordenen Vaters, ja der ganzen Familie für den Bruder und den Protagonisten in „Frühling“ die persönlich empfundene Schuld sogar noch multipliziert. Marlene Streeruwitz nimmt ihrer Protagonistin in der novellistischen Erzählung „Morire in levitate“ die Fähigkeiten zu singen, weil die Taten des Großvaters als
9 Frei, Norbert: Von deutscher Erfindungskraft. S.149f.
10 Frei, Norbert: Von deutscher Erfindungskraft. S.152.
11 ebd. S.153.
12 Adam, Konrad: Erbarmungslose Moralisten.
13 ebd.
5
Arbeit zitieren:
Dominik Hämmerl, 2007, Täter als Opfer? Opfer als Täter?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: neuer Titel erschienen: Täter als Opfer? Opfer als Täter?
Dominik Hämmerl hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare