Der Einzug des evolutionstheoretischen Ansatzes in die Emotionspsychologie
1. Einleitung
Nach Dieter Ulichs Definition hat die Emotionspsychologie die Frage zu klären,
wie E. [Emotionen] innerhalb eines ganzheitlichen, dynamischen und zeiterstreckten Geflechts von Stimmungen, Zielsetzungen, Gefühlen, Informationverarbeitungsprozessen und Handlungen überhaupt als eigene Klasse von psychischen Phänomenen isoliert werden können. Auf der Ebene alltäglichen Erlebens und Handelns bezeichnen Begriffe wie E. [Emotion] oder Motiv einander ergänzende Aspekte eines einheitlichen psychischen Geschehens, aus dem man für bestimmte theoretische Teilkomponenten abstrahierend herauslösen und einer gesonderten Betrachtung machen kann. 1
Eine Komponente, die in diesem Sinn eingehender betrachtet werden kann, ist der Zweck einer Emotion: Welchen Nutzen haben Emotionen für den Menschen? Sind selbst Gefühle wie Traurigkeit oder Ekel sinnvoll? Diese Fragen werden von den Evolutionsforschern behandelt. Sie untersuchen Handlungen vor allem auf die Frage hin, wieso sich eine bestimmte Ausprägung - wie zum Beispiel ein psychologischer Mechanismus - in der Evolution durchsetzen konnte (einen Reproduktionsvorteil bot). Vordenker für diese Sichtweise war Charles Darwin, welcher sich nicht nur allgemein mit den Ursachen und Folgen der Evolution auseinandersetzte, 2 sondern sich auch im Speziellen mit den menschlichen Emotionen befasste. 3 Obgleich Darwins Werk nicht das einzige Werk war, welches evolutionstheoretische Ansätze mit psychologischen Erkenntnissen verband, steht ihm aufgrund seiner Wirkungsgeschichte ein besonderer Platz zu.
Während die evolutionstheoretischen Ansätze (außerhalb der Biologie), wie auch die Emotionspsychologie beinahe zeitgleich nach der Jahrhundertwende
1 Siehe ULICH, DIETER: Emotion. In: ASANGER, ROLAND; WENNINGER, GERD (Hrsg.): Handwörterbuch Psychologie. Weinheim, Augsburg 2000, S. 127.
2 Vgl. DARWIN, CHARLES: Die Entstehung der Arten, übersetzt von NEUMANN, CARL W.. Stuttgart 1980.
3 DARWIN, CHARLES: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Kritische Edition, Einleitung, Nachwort und Kommentar von Paul Ekman , übersetzt von CARUS, JULIUS VICTOR; ENDERWITZ, ULRICH. Frankfurt am Main 2000.
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an Bedeutung einbüßten, erlebten beide seit den sechziger Jahren eine wahre Renaissance. 4 Um die Wiederentdeckung dieser Forschungsrichtungen verstehen zu können, ist es erforderlich, sich eingehender mit den Klassikern di eses wissenschaftlichen zu befassen. Die vorliegende Arbeit hat es sich daher zum Ziel gesetzt den wissenschaftlichen Ansatz des Klassikers des evolutions- theoretischenAnsatzes in der Emotionspsychologie „The Expression of Emotions in Man and Animal“ aus dem Jahr 1872 zu skizzieren und ihm McDougalls 1908 entstandene „Social Psychology“ 5 entgegenzustellen. Auf diese Weise werden die Forschungsansätze und die Kernthesen der Vertreter des evoluti-onstheoretischen Ansatzes dargestellt, anhand von Beispielen verdeutlicht und anschließend aus Sichtweise des aktuellen Forschungsstandes bewertet we rden. 6 Dabei soll schließlich die Frage beantwortet werden, welchen Nutzen der evolutionstheoretische Ansatz in der modernen Psychologie haben kann.
2. Charles Darwin in Bezug auf die Emotionspsychologie
2.1 Das Werk: The Expression of Emotions in Man and Animal
Darwins drittes Werk „The Expression of Emotions in Man and Animal” ist der Klassiker der evolutionären Betrachtungsweise der Psychologie. Die dem weit verbreiteten Werk zugrunde liegende Notizensammlung war ursprünglich als Kapitel in „Descent of Man“ gedacht, da diese jedoch zu umfangreich wurde, gestaltete Darwin daraus ein eigenes Werk. 7 Darwins Werk widmet sich vornehmlich drei Perspektiven des menschlichen Emotions- und Gesichtsausdrucks:
- der Universalität des menschlichen Emotions- und Gesichtsausdrucks,
4 EULER, HARALD A.: Evolutionstheoretische Ansätze. In: OTTO, JÜRGEN H.; EULER, HARALD A.; MANDL, HEINZ (Hrsg.): Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Weinheim 2000, S. 45-63.
5 McDougall, William: Grundlagen einer Sozialpsychologie, 14. Auflage, übersetzt von KAUTSKY-BRUNN, GERDA. Jena 1928.
6 Die Darstellung des aktuellen Forschungsstandes basiert vor allem auf den Arbeiten Harald A. Eulers (EULER, HARALD A.: Evolutionstheoretische Ansätze. In: OTTO, JÜRGEN H.; EULER, HA- RALD A.;MANDL, HEINZ (Hrsg.): Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Weinheim 2000, S. 45-63.) und Philip G. Zimbardos (ZIMBARDO, PHILIP G.: Psychologie, 6. bearbeitete und erneuerte Ausgabe, übersetzt von KELLER, BARBARA. Berlin et al. 1995).
7 Vgl. EULER, HARALD (2000), S. 45-46.
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- den Gemeinsamkeiten des menschlichen mit dem tierischen Ausdruck von Emotionen
- und schließlich der Entstehungsprinzipien derselben
Darwin gelangt zu seinen Ergebnissen indem er Beobachtungen über veränderte Mimik und Gestik in bestimmten Situationen festhält 8 und diese Versuchspersonen zur Bestimmung und Beurteilung vorlegte. Darüber hinaus erweitert er seine Untersuchungen um einen interkulturellen Vergleich 9 und den Vergleich von Verhaltensweisen und Emotionsweisen von Menschen und Tieren. Einen besonderen Stellenwert haben die Beobachtungen von Kindern, Geisteskranken und blinden Menschen erhalten, deren (im Falle der Kinder) sich in der Entwicklung befindliche oder (im Falle der Behinderten) unterentwickelte emotionale Ausdrucksweise als Gegenstück zu sonst üblichen Emoti-onsformen verstanden wurde. Anhand der Gegenüberstellung sucht Darwin die Unterschiede und daraus resultierend, die Entwicklung des menschlichen Emotionen zu erklären.
Darwins Vorgehen, welches in späterer Zeit immer wieder Nachahmer findet, ging stets einher mit der Bemühung, eine möglichst breite empirische Grundlage für getroffene Aussagen zu finden, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen.
8 Dies konnte in fotografischer, in gezeichneter oder auch in deskriptiver Form geschehen. „The Expression of Emotions in Man and Animal“ war eines der ersten wissenschaftlichen Werke, in welchem Fotografien eine tragende Bedeutung erhielten (siehe Anlage 1). Neben der Fotografie fanden auch realistische Zeichnungen Einzug in das Buch (siehe Anlage 2). Darüber hinaus schilderte Darwin seine Beobachtung über Veränderungen in Gestik und Mimik in sehr sachlicher Weise, wobei er einen genauen Sachverstand der Anatomie bewies (siehe Anlage 3). So beschrieb er die Veränderungen des Gesichtsausdruckes eines Kindes, Augenblicke bevor es weint, folgendermaßen: Wenn Kinder schreien oder in Weinen ausbrechen, so ziehen sie, wie wir wissen, die Pyramidenmuskeln zusammen, [der Beschreibung folgt dann die evolutionstheoretische Deutung:] ursprünglich zu dem Zwecke, ihre Augen zusammenzudrücken und sie hierdurch von einer Blutüberfüllung zu schützen, später dann aus Gewohnheit. […] Siehe DARWIN, CHARLES (2000), S. 209.
9 Zu diesem Zweck legte Darwin seine Emotions-Abbildungen Menschen aus verschiedenen Kulturen vor und ließ den Befragten einschätzen, ob es sich bei dem gezeigten Gesichtsausdruck etwa um Angst, Abscheu/Ekel, Freude etc. handele.
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2.2 Darwins Thesen
Emotionen werden nach Darwins Überzeugung durch kognitive Einschätzungen ausgelöst. 10 Diese Emotionen schlagen sich in Gewohnheiten (Gestiken, Mimiken, im Tonfall und in physiologischen Veränderungen) nieder, die Darwin nach drei verschiedenen Prinzipien unterscheidet:
1. Dem Prinzip zweckmäßiger assozierter Gewohnheiten
Darwin erklärt an dieser Stelle, dass manche komplizierte Handlungen „unter gewissen Seelenzuständen von direktem oder indirektem Nutzen [sind], um gewisse Empfindungen, Wünsche usw. zu erleichtern oder zu befriedigen.“ 11 Sobald derselbe Seelenzustand hergestellt sei (wenngleich auch nur in schwacher Form), sei die Neigung vorhanden, dieselben Bewegungen auszuführen, welche zu dem beschriebenen Nutzen dienen; selbst dann, wenn sie in der augenblicklichen Situation völlig nutzlos seien. Das Phänomen erklärt er mit der „Macht der Gewohnheit“, die insbesondere bei Muskeln zum tragen komme, welche am wenigsten der besonderen Kontrolle des Willens stünden. 12 Bei- spielsweisereibe sich „der gemeine Mann“ häufig die Augen, wenn er in Ve rwirrung gerate, als ob er eine unbequeme Empfindung spüren würde. Darwin erklärt, dass insbesondere die Augen besonders leicht durch Assoziationen unter verschiedenen Seelenzuständen beeinflusst werden würden, obgleich sie zumeist die eigentliche Ursache des Seelenzustandes nicht zu fassen vermögen. 13
Darwins Theorie, dass sich Nervenzellen physikalisch verändern, wenn diese häufig verwendet werden, hat sich als richtig erwiesen. Tatsächlich lassen sich bestimmte Bewegungen einstudieren, bis diese reflexartig (und somit unbewusst) ausgeführt werden können. 14 Auch räumt Darwin ein, dass einige dieser gewohnheitsmäßigen Bewegungen durch den Willen unterdrückt werden könnten, dieses Unterdrücken in manchen Fällen jedoch zu anderen ausdrucksvollen Gesten und Mimiken führen könne.
10 EULER, HARALD A. (2000), S. 46.
11 DARWIN, CHARLES (2000), S. 36.
12 Vgl. ebenda, S. 36.
13 Ebenda, S. 40-41.
14 Darwin führt zur Veranschaulichung vor allem Beispiele aus dem Tierreich an, die an dieser Stelle nicht weiter dargestellt werden sollen.
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Arbeit zitieren:
M. A. Aaron Faßbender, 2005, Der Einzug des evolutionstheoretischen Ansatzes in die Emotionspsychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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