Christian Ortig (0655032) 235.402 Österreichische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Inhalt
1. Einleitung. 3
2. Russische Wirtschaft und Industrie in der Vorkriegszeit 4
3. Sowjetische Wirtschaft und Industrie der NEP 6
4. Forcierung der Industrialisierung im Zuge der Planwirtschaft 10
4.1. Vorantreiben der Industriealisierung durch Technologieimport 11
4.2. Finanzierung des Imports oder die „Kosten“ des Fortschritts 13
4.3. Ergebnisse der Industrialisierungsmaßnahmen 14
5. Schlusswort 18
6. Literaturverzeichnis 19
Abbildungen Tabellen
Abbildungen
Abbildung 1 Aussenhandel Sowjetunion 16
Tabellen
Tabelle 1 Pro-Kopf-BSP im Vergleich zu Großbritannien (1900 100 ) 4
Tabelle 2 Vergleich Kapital bzw. Konsumgüterimport der Sowjetunion. 12
Tabelle 3 Industrielle Bruttoproduktion der Sowjetunion (1913 100) 14
Tabelle 4 Bruttossozialprodukt in der Sowjetunion (Pro Kopf der Bevölkerung im
internationalen Vergleich gemessen in US-Dollar und Preisen von 1980) 15
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1. Einleitung
Die Zwischenkriegszeit stellte für Russland in mehrerlei Hinsicht eine Zeit des Umbruchs dar. So läutete der Wechsel vom Zarismus zum Sozialismus auch einen Wandel des Wirtschaftssystems ein. In dieser Arbeit soll hierbei im Speziellen auf den Prozess der Industrialisierung des Landes in jener Zeit Bezug genommen werden. Frei nach dem Motto,
„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.”
André Malraux, 1901 - †1978
… wird in einem ersten Schritt die Ausgangslage des jungen durch Weltkrieg und darauf folgendem Bürgerkrieg erschütterten Landes beleuchtet, um weiter auf die industrielle Entwicklung eingehen zu können. Da jede Entwicklung sich auch durch Entwicklungskosten kennzeichnet bietet sich hierbei eine Betrachtung im Sinne der betriebswirtschaftlichen Kosten - Nutzen Rechnung an, hier „Finanzierung des Imports oder die „Kosten“ des Fortschritts“ und „Ergebnisse der Industrialisierungsmaßnahmen“. Die Arbeit befasst sich hierbei mit den wechselnden Doktrinen der Wirtschaftspolitik, präziser mit Lenin’s Neuer Ökonomischer Politik, sowie der stalinistischen Planwirtschaft, welche dieser unter extremen sozialen Kosten vorangetrieben hat. Abschließend wird auf die Weltwirtschaftskrise eingegangen, da diese als Indikator der Wettbewerbsfähigkeit einer Industrienation in Bezug auf deren Konkurrenten gesehen werden kann.
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2. Russische Wirtschaft und Industrie in der Vorkriegszeit
Bevor in dieser Arbeit auf die „zweite“ Industrialisierungswelle in der Zwischenkriegszeit eingegangen werden kann, muss eine Bestandsaufnahme der Industrialisierungsbemühungen während der Zarenherrschaft durchgeführt werden. Dies ist insofern notwendig, da erst durch diese erste „Industrialisierungswelle“, die gesellschaftliche Struktur Russlands veränderte und damit die Basis für die spätere Revolution, bzw. Notwendigkeit einer entsprechenden Wirtschaftspolitik geschaffen wurde.
Hierbei gilt es zu erwähnen, dass das Entwicklungsniveau des zaristischen Russlands bereits seit dem 16. Jahrhundert durch einen entwicklungsmäßigen Rückstand zum Westen bestimmt wird. Das Ausmaß des Rückstandes variierte zwar im Laufe der Jahrhunderte 1 , wobei mit dem beginnenden 20. Jahrhundert Russland, bezogen auf die Arbeitsproduktivität -bzw. effizienz, nach wie vor eines der rückständigsten Länder Europas darstellte 2 . Zwar konnte das Land sich durch seine territoriale Größe, sowie das hohe Potenzial an Arbeitskräften als Wirtschaftsmacht etablieren, hinkte aber stets durch eine niedrige Produktionseffizienz Staaten wie Deutschland, Frankreich, den Vereinigten Staaten, sowie Großbritannien hinterher. Besonders deutlich wird dies, wenn als vergleichender Indikator das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt verwendet wird (vgl. Tabelle 1).
Unter diesen Voraussetzungen wurden staatliche Modernisierungsprogramme bzw. Industrialisierungsmaßnahmen initialisiert, wodurch die lohnabhängige Bevölkerung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des ersten Weltkriegs um das
1 Vgl. NOLTE, H.-H., 1991, S. 345
2 Vgl. INOZEMTSEV, V. L., Catching Up, 2009, S. 162
3 Vgl. KENNEDY, P., Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt 2000, S. 286
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Sechsfache angewachsen und in den Großbetrieben der wenigen Industrieregionen um die urbanen Zentren konzentriert worden war. Mehr als die Hälfte der ArbeiterInnen war 1910 in Betrieben mit mehr als 500 Angestellten beschäftigt, ein Anteil, der selbst im globalen Vergleich überrascht 4 . War die russische Wirtschaft bislang im Wesentlichen durch den Wechsel der Jahreszeiten geprägt so wurde sie nun „vom Holzpflug losgerissen und unmittelbar an den Fabrikkessel geworfen“ 5 .
Gleichzeitig muss somit die Fabrik auch die Arbeits- und Lebenswelt jener, die zwar schon länger in Kleinbetrieben in den städtischen Zentren gearbeitet haben, sich nun aber mit den unpersönlichen, bürokratischen Verhältnissen des Fabrikmanagements konfrontiert sahen, stark verändert haben. Demgegenüber stand ein kleiner gut ausgebildeter, besser organisierter und politisch erfahrener Kern meist männlicher Arbeiter, vor allem in der Metallindustrie. Die sozialen Umwälzungen im Zuge der forcierten Entwicklung moderner Industrie inmitten einer überwiegend agrarischen Gesellschaft - was Trotzki als Prozess der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ des Kapitalismus beschrieben hat - erzeugten Spannungen, die sich in großen sozialen Konflikten entluden. 6 Insofern stellten die Klassenkämpfe der Jahre 1905-1907 und 1912-1914 wohl eine Art Generalprobe für jene Ereignisse dar, die im Frühjahr 1917, nach zweieinhalb Jahren Weltkrieg, den Beginn der Revolution markierten.
4 Vgl. HAYNES, M. J., Russian history, 2002, S. 22
5 Vgl. TROTZKI, L., 1973, S. 390
6 Vgl. HAIMSON, L. H., 2000, S. 860ff
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3. Sowjetische Wirtschaft und Industrie der NEP
Die Folgen des 1. Weltkriegs und des darauffolgenden Bürgerkriegs waren für Russland desaströs. Die Einwohnerzahl war von 171 Millionen (1914) auf 132 Millionen (1921) gesunken. Krankheiten und Hungersnöte dezimierten nebst dem Konflikt große Teile der Bevölkerung, woraufhin mehr als 7 Millionen obdachlose Kinder auf den Straßen lebten. 7
Weiters gingen durch die Unabhängigkeitserklärungen Finnlands, Estlands, Lettlands und Litauens, sowie den Verlust Polens für Russland viele seiner Fabriken, Eisenbahnen und Bauernhöfe verloren. Folglich reduzierte sich die Agrar- und Industrieproduktion dramatisch und wichtige Rohstoffindustrien wie Eisenerz-, Stahl- und Baumwollindustrie brachen völlig zusammen. 8
Als Reaktion darauf initiierte Lenin 1921 die Neue Ökonomische Politik (NĖP), welche eine Mischung aus Sozialismus und Liberalismus darstellte. Schlüsselsektoren wie das Bankwesen, die Währung, das Verkehrswesen, der Außenhandel sowie die große und mittlere Industrie verblieben in der staatlichen Einflusssphäre, wohingegen nun Bauern, Handwerker und kleine Gewerbetreibende wieder freier agieren konnten. 1926/27 wurde schließlich das Vorkriegsniveau in der Industrie- und Agrarproduktion wieder weitgehend erreicht. 9
Die NĖP deckte sich jedoch nicht mit den eigentlichen Vorstellungen der Bolschewiki, der Schwenk in der Wirtschaftspolitik diente vielmehr dem Erhalt der Macht. Lenin begründete eingeschlagenen Weg damit, dass die stagnierende Großindustrie nur durch den Tausch ihrer Erzeugnisse gegen landwirtschaftliche Produkte wiederaufzurichten sei. Tatsächlich profitierten von der NĖP vorerst hauptsächlich bäuerliche Kleinhändler und die Kleinindustrie, während die Großindustrie mit Absatzschwierigkeiten zu kämpfen hatte und folglich ihre Erzeugnisse zu Niedrigstpreisen an den Mann / die Frau bringen musste. Durch das persönliche Engagement Lenins konnten jedoch die Handelsbedingungen für die Großindustrie profitablerer gestaltet werden. 10
7 Vgl. KENNEDY, P., Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt 2000, S. 309
8 Vgl. KENNEDY, P., Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt 2000, S. S. 483
9 Vgl. BARNETT, V., 1995, S. 332ff
10 Vgl. RICHMAN, S. L., War Communism to NEP, 1981, S. 92f
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Arbeit zitieren:
Christian Ortig, 2011, Industrialisierung der Sowjetunion, München, GRIN Verlag GmbH
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