2
1. Einleitung S. 3
2. Versuch einer Verortung jugendsprachlicher Sprechstile deutscher Jugendlicher im Gefüge der Bourdieuschen Sozialisationstheorie
2.1 Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus S. 4
2.1.1 Der sprachliche Habitus S. 8
2.2 Untersuchung der „Jugendsprache/n“ in Hinblick auf die
3. Fazit S. 22
4. Literaturverzeichnis S. 23
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1. Einleitung
Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus, der er sein Leben und Werk gewidmet hat, ist weltweit anerkannt und wird auch über die Soziologie hinaus in vielen anderen Disziplinen angewandt. Ihre Popularität ist maßgeblich auf die Multiperspektivität von Bourdieus Überlegungen zurückzuführen, die zwischen Subjektivismus und Objektivismus vermitteln, anstatt sich einer der beiden Sichtweisen zu verpflichten. 1 Anhand der empirischen Untersuchung akribisch zusammengetragener Daten zu Verhalten, Vorlieben, Denkweisen usw. seiner französischen Mitbürger, veröffentlicht in seinem wichtigsten Werk “Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“ (1979), entwirft Bourdieu eine Theorie sozialer Schichtung. 2 Er transponiert also seine Erkenntnisse von der Mikro- in die Makroebene um aufzuzeigen, inwiefern das Denken, Wahrnehmen und Handeln sozialer Akteure von ihrer Position innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen determiniert ist und diese wiederum hervorbringt. Aufgrund der Verknüpfung dieser beiden Perspektiven eignet sich das Werk Pierre Bourdieus, welches der Kultursoziologie zuzuordnen ist, hervorragend als Analyseinstrument zur ganzheitlichen Erfassung kultureller Phänomene - so auch der Sprache. Um so erstaunlicher ist es, dass Bourdieus Erkenntnissen in der Jugendsprachforschung bisher so wenig Beachtung geschenkt wurde, könnte die Analyse anhand des von ihm entwickelten wissenschaftlichen Instrumentariums doch maßgeblich dazu beitragen, jugendliche Sprachstile und Sprechweisen in ihrer Gesamtheit zu begreifen und der Antwort auf die Frage nach der Existenz „der Jugendsprache“, d.h. universell geltender jugendsprachlicher Muster, näher zu kommen. Die vorliegende Arbeit soll folglich ein Schritt in diese Richtung sein. Gerüstet mit den Erkenntnissen, die Bourdieu aus seinen Untersuchungen gewann, werden „Jugendsprachen“ auf eine mögliche Schichtung nach den von ihm entwickelten sozialen Klassen und damit zusammenhängend bzw. aus ihnen hervorgehend auf einen diesen Klassen entsprechenden sprachlichen Habitus untersucht (2.2). Eine vorherige Darstellung der gesamten Bourdieuschen Sozialtheorie zwecks Klärung begrifflicher Feinheiten ist dabei unumgänglich, da die zentralen Theorien der „sozialen Felder“, der verschiedenen Arten von „Kapital“ und der „sozialen Klassen“ eng mit dem
1 Dazu Markus Schwingel. Pierre Bourdieu zur Einführung. Kapitel 2 - Subjektivismus und Objektivismus in den Sozialwissenschaften und die Theorie der Praxis, 41-58.
2 Franzjörg Baumgart. Theorien der Sozialisation. Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben. 199.
4
Habitusbegriff verwoben sind (2.1). Aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse über Jugendsprache/n unter den von mir gewählten Gesichtspunkten muss die Arbeit leider teilweise lückenhaft ausfallen. Die Offenbarung dieser Lücken sollte jedoch als Chance für die weitere linguistische Erforschung von Jugendsprache aus kultursoziologischer Perspektive gesehen werden.
2. Versuch einer Verortung jugendsprachlicher Sprechstile deutscher Jugendlicher im Gefüge der Bourdieuschen Sozialisationstheorie 2.1 Die Sozialisationstheorie Pierre Bourdieus
Bourdieus Sozialtheorie, die nachfolgend erläutert werden soll, setzt sich im Wesentlichen aus der „Habitustheorie“ und den damit korrespondierenden Theorien zu „Feld“ und „Kapital“, sowie auch den Modellen des „sozialen Raums“ und der „sozialen Klassen“ zusammen. Da all jene aufeinander rekurrieren und sich teilweise überschneiden bzw. gegenseitig bedingen, mag es dabei zu Dopplungen kommen.
Laut Bourdieu ist jeder soziale Akteur durch inkorporierte individuelle und kollektive Erfahrungen geprägt. Und zwar einerseits gesellschaftlich, da er als soziales Wesen im wechselseitigen Austausch mit seinem Umfeld d.h. seinen Mitmenschen steht, aber auch historisch im Sinne „vergessener Geschichte“, die seine Vorfahren inkorporiert haben und unbewusst an ihre Nachfolger weitergeben. 3 Daraus ergibt sich ein System von weitestgehend unbewussten Dispositionen, die in Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata das manifestieren, was Bourdieu den „Habitus“ nennt. 4 Dieser dient dem Individuum zur Orientierung in der sozialen Welt und ist als Erzeugungsmodus verschiedener Formen sozialer Praxis Grundlage des „sozialen Sinns“, der dem Akteur hilft, in den verschiedenen Aktionsfeldern über Angemessenheit und Unangemessenheit von Handlungen zu urteilen. 5 Er funktioniert nach Bourdieu „‚mit der automatischen Sicherheit eines Instinkts’, also jenseits aller expliziten Überlegungen und Reflexionen“ 6 , ja manifestiert sich in einer körperlichen Hexis sogar in der Physiognomie eines Menschen, bedingt seine Körperhaltung, seine
3 Schwingel, 62.
4 Ebd., 62/63.
5 Ebd., 63.
6 Ebd., 64.
5
Art, sich zu bewegen oder zu artikulieren. 7 Der Habitus seinerseits ist dabei bestimmt durch die Verinnerlichung der jeweiligen Position, welche der soziale Akteur im gesellschaftlichen Gefüge einnimmt und beinhaltet somit auch immer „klassenspezifische Faktoren“. 8 Der Habitus ist also sowohl „modus operandi“ d.h. strukturierende Struktur als auch „opus operatum“, also strukturierte Struktur. 9 Die habituellen Dispositionen reproduzieren folglich diejenigen sozialen Bedingungen, deren Produkt sie selber sind. Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle allerdings, dass der Habitus lediglich „die Grenzen möglicher und unmöglicher Praktiken festlegt, nicht aber die Praktiken an sich.“ 10 Innerhalb dieser Grenzen bleibt dem Individuum Raum für Variationen. In der gleichen sozialen Klasse kann sich der Habitus der Akteure folglich (begrenzt) verschiedenartig gestalten, was von den Angehörigen dieser Klasse als Individualität wahrgenommen wird. 11 Es sind also verschiedene „Praxisformen“ möglich. 12 Der (Klassen-)Habitus ist außerdem kein statisches, immer gleich bleibendes System sozialer Dispositionen, sondern als „Produkt einer Geschichte […] ‚in unaufhörlichem Wandel begriffen’“. 13 Dieser Wandel findet primär in Krisensituationen statt, wenn sich der bisherige Habitus als ineffektiv und überholt herausstellt. 14
Um nun genauer verstehen zu können, inwiefern sich der Habitus auf den Alltag eines jeden Individuums auswirkt und wie er sich darin manifestiert, ist es nötig, sich den gesellschaftlichen Rahmen, in dem dies stattfindet, genauer anzuschauen, also das Modell des „sozialen Raumes“ und der „sozialen Klassen“ näher zu betrachten. Ersteren definiert Bourdieu als einen „Raum objektiver sozialer Positionen“ 15 , in welchem sich die sozialen Ungleichheitsverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft darstellen. Er entwirft dieses Modell anhand eines Achsenkreuzes, dessen Vertikale das so genannte “Kapitalvolumen“ bezeichnet, d.h. die Summe allen ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals, welches ein Individuum oder eine Klasse innehat. 16 Die
7 Pierre Bourdieu 1982. Die feinen Unterschiede. 309.
8 Schwingel, 66.
9 Pierre Bourdieu 1976. Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. 164.
10 Schwingel, 69.
11 Ebd., 72.
12 Bourdieu 1982, 278.
13 Schwingel, 66.
14 Ebd., 80.
15 Ebd., 106.
16 Ebd., 107.
6
Horizontale hingegen benennt er als „Kapitalstruktur“, d.h. „das relative Verhältnis der Kapitalarten zueinander.“ 17 Auch die „soziale Laufbahn“ eines Individuums oder einer Klasse ist Kriterium zur Bestimmung seiner Position im sozialen Raum. Es handelt sich dabei um die Frage nach der Tendenz zum sozialen Auf- oder Abstieg der Akteure. Dieser Entwurf eines „sozialen Raumes“ basiert auf der Auswertung umfassenden empirischen Materials über „Einkommensverhältnisse, Berufsqualifikation, soziale Herkunft usw. [in der französischen] Gesellschaft der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre“ 18 , besitzt also großen Realitätsbezug.
Die so festgestellten sozialen Positionen lassen sich im Grobenselbstverständlich mit fließenden Übergängen - in drei Klassen einteilen. Als erste Klasse nennt Bourdieu die „herrschende Klasse“ 19 , die aus zwei Parteien besteht. Die Herrschaft der einen manifestiert sich dabei in ökonomischer, die der anderen in intellektueller Macht. 20 Die zweite Klasse stellt das Kleinbürgertum, während die dritte Klasse oder Volksklasse diejenigen mit geringstem Kapitalvolumen beinhaltet, die von den beiden anderen Klassen schlichtweg beherrscht wird. 21 Diesem „Raum der sozialen Positionen“ als eine von zwei Sphären innerhalb des Sozialraummodells komplementär ist der so genannte „Raum der Lebensstile“. 22 Jede soziale Position realisiert sich nämlich in ihr entsprechenden Praxisformen. So identifiziert Bourdieu „gruppen- und klassenspezifische […] Wahrnehmungen, ästhetische Wertschätzungen und Wahlpräferenzen“ 23 , d.h. Geschmäcker. Bedingt wird diese Korrespondenz durch die im Habitus „angelegten ästhetischen Klassifikations-, Bewertungs-und Handlungsschemata, die einem Lebensstil zugrunde liegen.“ 24 Dem Modell der sozialen Klassen entsprechend bildet sich so das heraus, was Bourdieu den „Klassenhabitus“ 25 nennt, und mit ihm den Klassen entsprechende verschiedene Geschmäcker. Derjenige der oberen Klasse wird von Bourdieu als „legitimer Geschmack“ bezeichnet, der „aus Freiheit oder Luxus geboren“ 26 ist, und zeichnet sich durch ein Streben nach Distinktion gegenüber den
17 Schwingel, 107.
18 Ebd., 107.
19 Bourdieu 1982. 161.
20 Schwingel, 110.
21 Ebd., 111.
22 Ebd., 111.
23 Ebd., 111.
24 Ebd., 113.
25 Bourdieu 1982, 175.
26 Ebd., 26.
Arbeit zitieren:
Julia Balogh, 2008, Der sprachliche Habitus der Jugendsprache? Versuch einer Verortung jugendsprachlicher Sprechstile deutscher Jugendlicher im Gefüge der Bourdieuschen Sozialtheorie., München, GRIN Verlag GmbH
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