1. Einleitung
Beim Lesen der Gregorius‐Legende nach Hartmann von Aue beschleicht den heutigen, in einer modernen Gesellschaft lebenden Menschen der Eindruck, die beiden Hauptfiguren, Gregorius und dessen Mutter, seien vom Erzähler oder der im Werk von ihm dargestellten Transzendenz ungleich behandelt worden: Neben Gregorius büßt auch seine Vaterschwester in einem Ausmaße, welche durchaus mit dem seines Bußweges vergleichbar ist, verfällt trotzdem gleich zwei Mal der Sünde und sieht ihrem Lebensende als arme[s] wîbe entgegen (V.3906) 1 . Gregorius hingegen wird von Gott zum Papst bestimmt und die von ihm vollbrach‐ ten Wunder erheben ihn zum Heiligen. Manch moderner Leser kann bei dieser Diskrepanz also nicht umhin, den Klagen der Mutter über die nicht erreichte Gnade Gottes zuzustim‐ men: [J]â kumbert maneger den lîp, / daz des diu sêle werde vrô: / dem geschiht ouch alsô (V.2668‐2670). Warum erreicht die Schwester, Herrscherin und Mutter also am Ende des Werkes nicht den Status der Heiligkeit?
Im Werk selbst wird kein ausdrücklicher Grund genannt, warum Gregorius jene Ebene er‐ reicht. Zwar wird er gleich bei seiner Geburt als der guote sündære von außergewöhnlicher Schönheit, dem die Erzählung gilt, gepriesen (V.670‐682), aber neben ihm wird auch seine Mutter zum ûz erweltiu gotes kint erhoben (V.3954). Wenn der weiblichen Hauptfigur im Gregorius die Heiligkeit am Ende ihrer Buße also verwehrt bleibt, so muss ein Grund dafür in der mittelalterlichen Legende zu finden sein.
Da Heiligkeit am Ende eines Martyriums oder, im Falle von Gregorius, am Ende einer harten Buße für eine Sünde steht, müssen zuerst die Sünde, Buße und Reue der Mutter untersucht werden, um festzustellen, ob hier ein Grund für das „Verwehren“ der Heiligkeit vorliegt. Weil das Vergleichen jenes Weges mit streng theologischen Kriterien zum einen den Rahmen die‐ ser Arbeit sprengen und zum anderen der fiktiven Welt Hartmanns Erzählung nicht gerecht werden würde, wird das Verhalten der Mutter auf die im Prolog des Gregorius festgelegten Regeln für Buße hin untersucht. Das Ergebnis dieser Analyse gibt dann Aufschluss über das Einhalten oder Abweichen von jenen Kriterien und ein starkes Abweichen von jenen Regeln kann dann das Ausbleiben der Heiligkeit bei der Mutter erklären. Schließlich wird Gregorius knapp mit der Herzogin verglichen, um zu begründen, warum er im Gegensatz zu ihr Heilig‐
1 Hier und im Folgenden zitiert nach: Hartmann von Aue, Gregorius, hg. von Friedrich Neumann, Stuttgart 1963.
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keit erfährt. Um potentiellen Bedenken über die Vergleichbarkeit von Männern und Frauen in einer eher patriarchalisch geprägten Gesellschaft zu begegnen, wird außerdem kurz Maria Magdalena als Beispiel für weibliche Heilige im Mittelalter der Mutter gegenübergestellt.
2. Sünde, Buße und Erlösung im Gregorius
Nach Christian Cormeau und Wilhelm Störmer gibt es allgemeingültige Stadien, die es zu durchlaufen gilt, ehe eine begangene Sünde vergeben werden kann: „Schuldeinsicht und Reue, Schuldbekenntnis und anschließend Bußleistung“ 2 . Im Prolog des Gregorius deutet der Erzähler den Weg der Hauptfigur und vor allem dessen Sünde, Reue und Buße auf dem Weg zu Gottes Gnade an. Jedoch kann dieser Weg auch als Richtlinie für die weibliche Hauptfigur des Werkes gesehen werden. Nach jenen Kriterien zur Wiedererlangung der Gnade Gottes müsse nach der „bîchte“ (V.78) die Buße direkt auf die Sünde folgen (V.7‐16), wobei der Er‐ zähler ausdrücklich betont, dass diese keinesfalls verzögert werden dürfe (V.12‐17). Außer‐ dem müsse die Sünde von herzen bereut und dürfe nicht wiederholt werden, damit am Ende der Buße Gottes Vergebung erlangt werden könne (V.43‐50). Im Samaritergleichnis ist au‐ ßerdem festgehalten, dass der Sünder sowohl vorhte vor dem Sterben (V.119) als auch ge‐ dinge, nicht zu sterben (V.121), bewahren sollte. Heike Nobel definiert beide Begriffe etwas fassbarer: Die Furcht ist der „Glaube an Gottes strafende Gerechtigkeit“ und die Hoffnung das Vertrauen auf „die Erlösung durch Jesus Christus“ 3 . Als Anlass zur Sünde wird zwar der Teufel, der den Sünder verführt (V.56‐58), genannt, jedoch verweist der Erzähler mit dem christlichen Motiv der zwei Wege (V.79‐96) zugleich auf den freien Willen eines jeden und dessen Möglichkeit, eine Entscheidung selbst zu fällen. Von denen sei der eine gemächlîch […] (V.81) zum ewigen Tod weisend, der andere rûch und enge […] (V.89), doch dafür zum süeze[n] Ende führend (V.96). Besonders heftig wird im Prolog vor einer Sünde gewarnt, die für das Untersuchen des Verhaltens der weiblichen Hauptfigur wegen ihres häufigen Auftre‐ tens entscheidend ist: Vom „zwîvel“ solle sich ein jeder lossagen (V.64), da hierfür keine Bu‐ ße möglich sei (V.165‐170). Er könne nicht vergeben werden und bringe den Büßer um den „wuocher der riuwe“ (V.75).
2 Cormeau /Störmer 2007, S.117.
3 Nobel 1957: 49.
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Im Laufe des Werkes werden jene Bußekriterien sowohl wiederholt als auch ergänzt. Für die Schwester wird nach dem ersten Inzest die Buße vom Vasallen formuliert und auferlegt, und nach dem zweiten Vergehen durch Gregorius. Beide weichen, wie im Folgenden zu sehen sein wird, nicht von den hier genannten Vorgaben ab. Darüber hinaus werden jene Stadien der Buße für die Mutter auch außerhalb der fiktiven Welt der Heiligenlegende als realistisch erachtet 4 . Als Ergänzung oder Veränderung der Buße der Mutter kann wohl auch die nötige Vermählung mit Gregorius gesehen werden: Als Landesherrin ist es ihre Pflicht, ihre Grenzen zu sichern und für das Wohl ihrer Bürger zu sorgen, eine Aufgabe, die auch vom Ratgeber im ersten Inzest bedacht wird. Die Heirat mit Gregorius wird von den Vasallen der Herzogin kir‐ chen‐ und sicherheitsrechtlich ausreichend begründet und darf, wie später gezeigt wird, nicht als Verlassen des Bußweges gesehen werden.
3. Inzest, Buße und Erlösung der namenlosen Tante 3.1 Erster Inzest und Buße
Kurz nach dem Prolog und der Einführung der Figuren am Hofe Aquitaniens gelangt der Er‐ zähler in seinem Bericht zur ersten Sünde im Werk. Für den Bruder sind die Gründe seines Vergehens klar dargestellt: Neben der „minne“ treiben ihn sîn kintheit, sîner swester schœne und des tiuvels hœne zur Sünde an (V.323‐327). Am Anfang der Annäherungen des Bruders beschwört der Erzähler die unbedingte Unwissenheit und Reinheit der Schwester mit Periph‐ rasen wie diu reine tumbe (V.347), daz einvalte kint (V.345) und beteuert, sie enweste niht dar umbe / wes si sich hüeten solde (V.348‐350). Die Verse ir munt und ir wangen / vant si im sô gelîmet ligen (372‐373) sind beispielhaft für die passive Rolle der Schwester, die hier eher als Objekt denn als handelndes Individuum auftritt: Jene Körperteile werden als fast von ihr abgetrennt beschrieben und stehen, statt ihres eigenen Denkens und Handeln, im Mittel‐ punkt, was die Schwester gleichzeitig als völlig schuldlos und vom Bruder überrascht dar‐ stellt. Allerdings erkennt sie entgegen der Darstellungen des Erzählers das ringen (V.384) des Bruders sehr schnell nicht nur als ein ernest (V379), sondern als konkreten Annäherungsver‐ such:
4 Sowohl Heike Nobel als auch Cormeau und Störmer sind der Ansicht, dass die Ratschläge des Vasallen „im
Rahmen kirchenrechtlicher Tradition“ stehen (Cormeau/ Störmer: 131) und genau die Buße sei, welche „die
Kirche bei solchen Vergehen zu erteilen pflegte“ (Nobel: 56).
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‚[W]ie nû, bruoder mîn? wes will du beginnen? lâ dich von dînen sinnen den tiuvel niht bringen was diutet diz ringen? ’ (V.380‐384).
Diese Versfolge beginnt als Exklamatio in einer scheinbar zaghaften Frage, die sehr viele Antworten zuließe und dann erst konkreter auf den Grund des Handelns des Bruders zielt. Jedoch erahnt die Schwester jederzeit das Motiv seiner Annäherung, da sie zum einen den tiuvel hinter dessen Beweggründen entdeckt, und zum anderen die Antwort selbst weiß - sie wird ihres brûders brût (V.387). Wenn der Schwester nun die Antwort auf ihre Frage schon bekannt ist, bleiben nur drei Gründe, sie dennoch zu stellen: zum einen, um Zeit für eine Überlegung über den Umgang mit der Situation zu gewinnen, weil sie sich schämt, den Sach‐ verhalt direkt zu beschreiben oder weil sie ihn eben nicht genau beschreiben will. Die erste Möglichkeit ist ausgeschlossen, weil die Schwester für einen Zeitgewinn zu schnell die War‐ nung vor dem Teufel anbringt, und damit die Situation schon aufgelöst wäre. Die zweite wä‐ re plausibel, da neben dem eingangs beschriebenen tugendhaften Bild der Schwester der Autor sie zahlreiche Euphemismen anstelle des Inzest benutzen lässt (swes er wolde, V.351; ein ernest, V.379; diz ringen, 384). Jedoch ist die dritte Erklärung einleuchtender: Zwar ist es der Bruder, der die Schwester überwältigt, trotzdem hat diese die Möglichkeit, zwischen dem stillen Einwilligen zum Inzest und dem Verlust der „êre“ zu wählen (V.385‐390). Laut Ingrid Kasten besteht diese Möglichkeit in Hartmanns Vorlage, der altfranzösischen Legende La vie du pape saint Grégoire nicht 5 , weshalb davon ausgegangen werden kann, dass Hart‐ mann von Aue der Schwester diese Entscheidungsmöglichkeit bewusst einräumt. Auch wenn deren Spielraum extrem gering ist und die junge Frau hier laut Kasten die „Wahl zwischen zwei Übeln hat“ 6 , so ist er doch gegeben. Außerdem ist sich die Schwester des Schuldpoten‐
5 Kasten 1993: 408: „Schon im ›Grégoire‹ will die Schwester, als sie merkt, daß der Bruder mit ihr schlafen will,
Lärm schlagen, unterläßt dies aber, um dem Bruder die Schande zu ersparen‐ was, wie der Erzähler anmerkt,
das Schlimmste war, was sie machen konnte, denn so wird sie‐ das wird ohne Beschönigung konstatiert‐ von
ihm vergewaltigt“.
6 Kasten 1993: 408.
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tials jener Situation jedenfalls voll bewusst 7 und fürchtet vor allem den Verlust der êre (V.390). Ob hier das Bild der zwei Wege angewendet werden kann, und somit eine der Ent‐ scheidungsmöglichkeiten als einfach oder schwer bezeichnet werden soll, kann aufgrund mangelnder Anhaltspunkte nicht besprochen werden. Jedoch ist festzuhalten, dass nach der Beschreibung im Prolog auch die Schwester über ihren freien Willen verfügt und sich, so ge‐ ring ihr Handlungsspielraum auch sein mag, bewusst gegen das Beenden der Annäherung ihres Bruders entscheidet. Das Motiv für ihren Entschluss ist unklar; nach Siegfried Christoph fürchtet die junge Herzogin beständig die Schande vor got und ouch die liute (V.441) 8 . Be‐ denkt man also die enorme Angst der Schwester vor öffentlicher Schande, erscheint ihr Schweigen und Nicht‐Handeln während des Inzests als ein nachvollziehbarer Grund. Mit dem Nennen des Teufels, der nach dem Vergehen beide zum Spaß am Sex verführt, fällt die Schuld für ihr weiteres Verlangen natürlich auf ihn; Allerdings kann festgehalten werden, dass die Schwester durch die Entscheidung, sich nicht zu wehren, eine Mitschuld am Inzest trägt.
Auch im Umgang mit jener Sünde wird durch Hartmann gezeigt, dass die Schwester die im Prolog beschriebenen Kriterien nicht erfüllt. Anstatt den Vorfall zu beichten, Reue zu zeigen und Buße zu tun, zögert die Schwester dass Anerkennen ihrer Sünde heraus. Die in der Expo‐ sition beschriebene naive Unwissenheit der jungen Herzogin lässt sich nun kaum noch bele‐ gen. Vielmehr ist sie sich der Größe ihres Vergehens, trotz der Verführung des Teufels, sehr bewusst: Wenn ihre vreude als swære (V.408) bezeichnet wird, sie siuften muss von herzen (V.431) oder sie den angestlîchen smezen […] mit den ougen sichtbar macht (V.434), so ist ihre Sorge um das Vergehen schon fast physisch spürbar. Trotzdem will die Schwester zu‐ nächst Beichte und Buße vermeiden: [E]z enstiurte si niht ze huote (V.409) zeigt eindeutig, dass sie den Versuch zur Täuschung, und damit das Verzögern der Buße‐Stadien wissentlich anstrebt. Die Litotes ‚des ist unlougen’ (V.434) als Antwort auf die Frage des Bruders nach ihrem Gemütszustand ist ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Schwester eher zum Beken‐ nen der Sünde und der damit einhergehenden Schande gezwungen sieht, als diese aus freien Stücken zu beichten und zu büßen. Die junge Herzogin ist einerseits tôt an der sêle wegen
7 Christoph 1982: 209: „Gregorius´ mother considers the implications of her brother´s incestous advances from
the perspective of guilt as well as shame“.
8 Christoph 1982: 210: „This tension between shame and guilt is repeated later, when she considers herself
deprived of got und ouch die liute (441) by the missetat“.
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Arbeit zitieren:
Franz Kröber, 2011, Die namenlose Schwester, München, GRIN Verlag GmbH
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