Inhalt
1. Einleitung oder hie ist ein wunder geschehen 3
2. Hauptteil oder disiu frouwe ist maget unt hât ein chint: Die
Hebammen und das Wunder der Jungfrauengeburt in der
Kindheit Jesu und dem Marienleben 6
3. Schlussbemerkung oder elliu dinc niht unmuglîch sint 17
4. Bibliografie 19
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1. Einleitung oder hie ist ein wunder geschehen
„Auf eine Erörterung der zumeist geringfügigen sachlichen Differenzen kann hier verzichtet werden“,F 1 so schrieb Achim Masser vor nunmehr gut vierzig Jahren mit Blick auf die Dar- F
stellung der Jungfrauengeburt und der damit verknüpften so genannten ‚Hebammenszene’ in verschiedenen Apokryphen und Legendendichtungen. Diese Einschätzung wurde in der einschlägigen Forschung bis heute nicht infrage gestellt, zumindest wurde die Hebammenszene auch in der jüngeren Forschung bislang nicht eingehender untersucht.F 2 Die F
vorliegende Arbeit dagegen speist sich aus einem grundlegenden Zweifel an dieser Einschätzung und hat zum Ziel, diese kritisch zu überdenken und gegebenenfalls zu revidieren. Mehr noch, hier wird nahezu das genaue Gegenteil behauptet: Die Darstellung des Wunders der Jungfrauengeburt und der Hebammenszene in den verschiedenen Apokryphen und mittelalterlichen Legendendichtungen weist einige auffällige und äußerst aussagekräftige Differenzen auf, die einer näheren Betrachtung bedürfen. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Darstellung der fraglichen Szene in der Kindheit Jesu Konrads von Fußesbrunnen, da hier eine Vielzahl bemerkenswert elaborierter Erzählstrategien Anwendung finden, deren Ziel es ist, den Grad der Glaubwürdigkeit des Erzählten und insbesondere die Glaubwürdigkeit des im Grunde unglaublichen ‚Wunders der Jungfrauengeburt’ zu erhöhen.F 3
Welche narrativen Strategien es im Einzelnen sind, die in diesem Text besonders effektiv zur Erhöhung der Authentizität, Plastizität und Plausibilität des Erzählten beitragen, darüber kann am deutlichsten eine textnahe Untersuchung Aufschluss geben, die die Darstellung der fraglichen Szene in der Kindheit Jesu der Darstellung derselben Szene in einem geeigneten Kontrolltext vergleichend gegenüber stellt.F 4 Als ebensolcher Kontrolltext F
dient hier das Marienleben Bruder Philipps des Carthäusers.F 5 Entsprechend werden im Fol- F
genden die Darstellungen der Geburts- und Hebammenszene in der KJ (KJ, vv. 749-964)
1 Achim Masser: Bibel, Apokryphen und Legenden. Geburt und Kindheit Jesu in der religiösen Epik des deutschen Mittelalters, Berlin 1969, S. 193 [dort Anm. 29]. Die auf der Titelseite und in der Einleitungsüberschrift der vorliegenden Arbeit zitierten Verse stammen aus der Kindheit Jesu [KJ] (KJ, vv. 885; 872). Sofern nicht anders angegeben, beziehen sich die Versangaben zur KJ auf folgende Ausgabe: Konrad von Fussesbrunnen: Die Kindheit Jesu, hg. von Hans Fromm und Klaus Grubmüller, New York und Berlin 1973. Die Schreibweise des Zunamens des Verfassers der KJ variiert zwischen Fußesbrunnen und Fussesbrunnen. In der vorliegenden Arbeit wird erstere Schreibweise vorgezogen.
2 Eine erwähnenswerte Ausnahme bildet der wegweisende Aufsatz von Bruno Quast: Ereignis und Erzählung. Narrative Strategien der Darstellung des Nichtdarstellbaren im Mittelalter am Beispiel der virginitas in partu, ZfdPh 125 (2006), S. 29-46. Auf diesen wird später näher eingegangen.
3 Zum Begriff des Wunders im Mittelalter, vgl. den einschlägigen Eintrag ‚Wunder’ in: Theologische Realenzyklopädie, in Gemeinschaft mit Horst R. Balz hg. von Gerhard Krause, Gerhard Müller, Berlin/New York, 1976-1996. [TRE] S. 383; 389-404; 414f.; vgl. Jürgen Schwann: Die Signatur des Vollkommenen: Anmerkungen zum Begriff des Wunderbaren, in: Das Wunderbare in der Mittelalterlichen Literatur, hg. von Dietrich Schmittke, Göppingen 1994, S. 85-87; 109f.; vgl. die Ausführungen zum Wunder und zum ‚Numinosen’ in Rudolf Otto: Das Heilige: Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, München 25 1936, bes. S. 5-7; 29; 82-84. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird ein ‚Wunder’, vereinfacht dargestellt, verstanden als ein Ereignis, das mittels menschlicher Vernunft nicht erklärbar ist und/oder den vom Menschen ermittelten Naturgesetzen widerspricht.
4 Idealerweise sollten mehrere Kontrolltexte herangezogen werden. Aus Platzgründen muss die Auswahl hier jedoch auf einen Kontrolltext beschränkt bleiben. Auf weitere Texte wird lediglich vereinzelt an entsprechender Stelle hingewiesen.
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und im ML (ML, vv. 2000-2187) einander vergleichend gegenüber gestellt.F 6 Besonders F
deutlich hervortreten werden dabei Unterschiede hinsichtlich des Fokus und der Länge der Szene, der Detailgenauigkeit der Schilderung sowie der Rolle, Funktion und Charakterisierung der Hebammen.F 7 F
Bei beiden Werken handelt es sich um apokryph-religiöse Dichtungen in der Volkssprache, die das Leben der heiligen Familie ausschmückend darstellen, indem sie diesbezügliche erzählerische Lücken füllen.F 8 Beide Werke sind entsprechend bestrebt, das F
Interesse ihres überwiegend weltlichen Zielpublikums für die heilige Familie zu bestärken, die Neugier der Leser zu befriedigen und etwaige Zweifel an den biblisch-apokryphen Wundergeschichten zu mindern.F 9 Dass das ‚Wunder der Jungfrauengeburt’ dabei auf beson- F
deres Interesse stößt, ist wenig erstaunlich - besonders, wenn man bedenkt, dass die Jungfräulichkeit Marias zugleich eines der grundlegendsten und umstrittensten Dogmen christlicher Gläubigkeit ist.F 10 So fällt etwa auf, dass die Geburts- und Hebammenszene zwar in F
5 Sofern nicht anders angegeben, beziehen sich die Versangaben zum Marienleben [ML] auf folgende Ausgabe: Bruder Philipps des Carthäusers Marienleben, hg. von Heinrich Rückert, Amsterdam 1966.
6 Was die Forschungslage angeht, so ist die einschlägige Literatur zu beiden Werken vergleichsweise überschaubar. Lediglich Teilaspekte des ML und der KJ wurden in den letzten Jahren näher beleuchtet. Zu beiden Werken existieren zwar Einträge im Verfasserlexikon sowie einige aufschlussreiche Abschnitte bei Masser (1969 [Anm. 1], bes. S. 168-194), jedoch ist keines der beiden Werke bislang monographisch erschlossen worden. Entsprechend wurde in jüngerer Zeit vermehrt auf diesbezügliche Forschungslücken hingewiesen, vgl. etwa Nikolaus Henkel: Religiöses Erzählen um 1200 im Kontext höfischer Literatur: Priester Wernher, Konrad von Fußesbrunnen, Konrad von Heimesfurt, in: Die Vermittlung geistlicher Inhalte im deutschen Mittelalter. Internationales Symposium Roscrea 1994, hg. von Timothy R. Jackson, Nigel F. Palmer, Almut Suerbaum, Tübingen 1996, S. 2f.; Dennis D. Martin: Behind the scene: the Carthusian presence in late medieval spirituality, in: Nicholas of Cusa and His Age: Intellect and Spirituality. Essays Dedicated to the Memory of F. Edward Cranz, Thomas P. McTighe and Charles Trinkaus, hg. von Thomas M. Izbicki/Christopher M. Bellitto, Leiden 2002, S. 29-33. Zur einführenden Lektüre zur KJ, siehe den Eintrag zu Konrad von Fußesbrunnen von Heinz Fromm im Verfasserlexikon ( 2 VL 5, Sp. 172-175); vgl. Fromm/Grubmüller 1973 [Anm. 1], S. 1-59; Achim Masser: Bibel- und Legendenepik des deutschen Mittelalters, Berlin 1976, S. 95-98; Karl Kochendörfer: Der Dichter; Quelle, in: Konrad von Fussesbrunnen: Die Kindheit Jesu, hg. von Karl Kochendörffer, Straßburg u.a. 1881, S. 1-3; 26-41. Zur einführenden Lektüre zum ML, siehe den Eintrag zu Bruder Philipp von Kurt Gärtner im VL ( 2 VL 7, Sp. 588-597); vgl. Kurt Gärtner: Philipps Marienleben und die Weltchronik Heinrichs von München, in: Wolfram-Studien, VIII, hg. von Werner Schröder, Berlin 1984, S. 199-218.; ders.: Zur Neuausgabe von Bruder Philipps ‚Marienleben’, in: Editionsberichte zur mittelalterlichen deutschen Literatur. Beiträge der Bamberger Tagung ‚Methoden und Probleme der Edition mittelalterlicher deutscher Texte’ 26.-29. Juli 1991, hg. von Anton Schwob 1994, S. 33-41; Heinrich Rückert: Vorwort, in: Bruder Philipps des Carthäusers Marienleben, hg. von Heinrich Rückert, Amsterdam 1966, S. iii-viii.
7 Ein prinzipieller Unterschied besteht hinsichtlich ihres jeweiligen Gesamtfokus. Wie die Titel erahnen lassen, ist der Fokus der Kindheit Jesu stärker auf das Leben und Wirken des Kindes Jesu, im Marienleben dagegen auf das Leben und Wirken Marias gerichtet. Um ein etwaiges Missverständnis von vornherein zu vermeiden, sei an dieser Stelle angemerkt, dass die folgenden Ausführungen keineswegs intendiert sind, die dichterischen Errungenschaften Bruder Philipps zu schmälern. Vielmehr haben sie zum Ziel, aufzuzeigen, dass die Darstellung der Szene in den zwei genannten Werken einige bedeutende Unterschiede aufweist, denen bislang in der Forschung kaum Rechnung getragen wurde.
8 Generell zielen derlei apokryphe Dichtungen darauf ab, die Neugier der interessierten Hörer und Leser zu befriedigen, die in den kanonisierten Evangelien, abgesehen von einigen kargen Verweisen, etwa auf die Geburt Jesu im Lukasevangelium (vgl. Lk 2, 7) oder des zwölfjährigen Jesus im Tempel (vgl. Lk 2, 42-51), kaum etwa zu Leben und Wirken Christi zwischen Geburt und Beginn seines eigentlichen Schaffens als etwa dreißigjähriger Mann finden können. Zum Anliegen der Apokryphen und Legengendichtungen, erzählerische Lücken zu füllen, vgl. Masser 1969 [Anm. 1], S. 19; 24-31; Johannes Schaber (Hrsg.): Die Kindheit Jesu in Kunst, Musik, Theologie, Film und Literatur, Leutesdorf 2002, S. 46-48. Zudem wurde in der jüngeren Forschung darauf hingewiesen, dass Werke wie die hier behandelten aus rezeptionsgeschichtlicher Perspektive nicht zu Unterschätzendes leisteten, indem sie die heilige Familie ‚humanisierten’, ihr Identifikationspotential erhöhten und die Relevanz religiöser Inhalte für das Alltagserleben der Rezipienten vergrößerten, vgl. Martin 2002 [Anm. 6], S. 42-44; Mary Dzon: Joseph and the Amazing Christ-Child of Late-Medieval Legend, in: Childhood in the Middle Ages and the Renaissance. The results of a paradigm shift in the history of mentality, hg. von Albrecht Classen, Berlin 2005, S. 138; 156-158.
9 Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass im Folgenden in Hinblick auf geschlechtsspezifische Substantive, wie etwa Leser und Leserin, auf die explizite Nennung beider Geschlechter verzichtet wird. Die Verwendung der linguistisch unmarkierten männlichen Form schließt mithin weibliche Subjekte mit ein.
10 Zur Faszination der Apokryphen und apokryphen Legendendichtungen an der Frage nach der immerwährenden Jungfräulichkeit der Mutter Jesu, vgl. Georg Schneider: Von den kanonischen zu den apokryphen Kindheitserzählungen, in: Evangelia infantiae apocrypha. Griechisch/ lateinisch/ deutsch. Apokryphe Kindheitsevangelien, hg. von Georg Schneider,
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fast allen Apokryphen und apokryphen Legendendichtungen vorkommt, in der Bibel selbst dagegen diesbezüglich lediglich sehr spärliche Hinweise zu finden sind.F 11 Eine derartig F
exponential ansteigende Vermehrung der Erzählungen zur Geburt Jesu und der Jungfräulichkeit Marias in den Apokryphen deutet darauf hin, dass in dieser Hinsicht tatsächlich einige erzählerische Lücken klafften, die dringend der Füllung bedurften. Im Folgenden soll daher ein textnaher Vergleich Aufschluss darüber geben, welche narrativen Strategien der Glaubwürdigkeitserhöhung in der KJ besonders effektiv eingesetzt werden.
Freiburg u.a. 1995, S. 16. Wenngleich es sich von selbst verstehen dürfte, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es in der vorliegenden Arbeit nicht darum gehen kann zu klären, ob das ‚Wunder der Jungfrauengeburt’ tatsächlich stattfand oder nicht. Gegenstand der Betrachtung ist lediglich die dichterische Umsetzung dieser Begebenheit in den zwei genannten Werken. Zu einer theologisch-orientierten Erörterung der Frage nach der Jungfrauengeburt sei auf folgende einführende Lektüre verwiesen: zur Prophezeiung der Geburt Immanuels bei Jesaja, vgl. Rudolf Kilian: Die Geburt des Immanuel aus der Jungfrau, in: Zum Thema Jungfrauengeburt, hg. von Karl Suso Frank, Stuttgart 1970, S. 9-36; zur Geburt Jesu im Matthäusevangelium, vgl. Otto Knoch: Die Botschaft des Matthäusevangeliums über Empfängnis und Geburt Jesu vor dem Hintergrund der Christusverkündigung des Neuen Testaments, in: ebd., S. 37-60; zur Geburt Jesu im Lukasevangelium, vgl. Gisela Lattke: Lukas 1 und die Jungfrauengeburt, in: ebd., S. 61-90. Zur Frage nach der virginitas in parte und post partum aus Sicht der Kirche, vgl. Karl Rahner: Dogmatische Bemerkungen zur Jungfrauengeburt, in: ebd., S. 122-158; Gerd Lüdemann: Jungfrauengeburt? Die wirkliche Geschichte von Maria und ihrem Sohn Jesus, Stuttgart 1997; vgl. den einschlägigen Eintrag zu Maria im Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 6, hg. von Josef Höfer und Karl Rahner, 3. neu bearb. Aufl., hg. von Walter Kasper, Freiburg 3 1993-2001, Sp. 886-895 sowie zur Jungfrauengeburt in der Theologischen Realenzyklopädie (TRE 12 [Anm. 3], S. 115-119).
11 In den Apokryphen kommen die Geburt und die Hebammen etwa auch im Protevangelium des Jacobus [Protev], dem arabischen Kindheitsevangelium [arabK] und dem lateinischen Kindheitsevangelium [latK] sowie sehr detailliert im Pseudo-Matthäusevangelium [Ps-MT] vor (vgl. Liber de ortu beatae Mariae et infantia Salvatoris/ Pseudo-Matthäusevangelium, in: Schneider 1995 [Anm. 10], S. 220-227; Evangelium infantiae (Arabice)/ Arabisches Kindheitsevangelium in: ebd., S. 174f.; Liber de infantia Salvatoris/ Lateinisches Kindheitsevangelium, in: ebd. S. 200-211; Protevangelium Iacobi/ Protevangelium des Jakobus, in: ebd., S. 128-135). In der Bibel gibt es diesbezüglich etwa die spärlichen Verweise zur Geburt im Lukasevangelium, auf Grundlage derer die bekannte Weihnachtsgeschichte nacherzählt wurde (vgl. Lk 2, 1-20) sowie die Prophezeiung der Jungfrauengeburt bei Jesaja (Jes 7, 14; vgl. Mt 1, 18-23).
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Wenden wir uns vor diesem Hintergrund den genauer zu betrachtenden Textstellen zu (KJ, vv. 749-964; ML, vv. 2000-2187), so ist bereits mit Blick auf die jeweilige Textoberfläche unmittelbar augenfällig, dass die Darstellung der Geburts- und Hebammenszene in der KJ weit mehr Raum einnimmt als im ML.F 12 Diese Beobachtung lässt bereits vermuten, die F
Szene werde in der KJ mit sehr viel größerer Detailgenauigkeit beschrieben, d.h. etwa im Sinne einer amplificatio szenisch ausgestaltet und erzählerisch ausgeschmückt.F 13 Bestätigt F
wird diese Vermutung, sobald man inhaltlich in die Texte eindringt. Dann lassen sich in der Tat eine Vielzahl narrativer Strategien nachweisen, die darauf abzielen, die Glaubwürdigkeit, Plausibilität und Authentizität des Erzählten, insbesondere des Wunders der Jungfrauengeburt, zu erhöhen.
So fällt beispielsweise auf, dass die zwei ‚Hebammen’F 14 in der KJ an viel früherer F
Stelle eingeführt und sehr viel detaillierter beschrieben werden als im ML.F 15 Gleich zu F
Beginn der Szene, als Joseph in die Stadt reist, um nach Beistand für Maria zu suchen, deren Niederkunft unmittelbar bevorsteht, heißt es hier:
12 Der in der Kapitelüberschrift zitierte Vers stammt aus der KJ (KJ, v. 873). Im ML umfasst die Szene 187 Verse von insgesamt 10133 Versen und macht damit 1,85% des Gesamttexts aus. In der KJ hingegen erstreckt sie sich über 215 Verse von insgesamt 3027 Versen und kommt damit auf einen beeindruckenden Anteil von 7,1% des Gesamttexts.
13 Auch Bruno Quast bezeichnet die Darstellung der Untersuchung der Geburtsszene in der KJ als amplificatio (vgl. Quast 2006 [Anm. 2], S. 41). In den folgenden Abschnitten wird zudem deutlich werden, dass vieles dessen, was in der einschlägigen Literatur zur erzählerischen Ausgestaltung der so genannten ‚Schächerszene’ - eine der wenigen Episoden, der tatsächlich nähere Beachtung geschenkt wurde - festgehalten wurde, sich ausgezeichnet auf die Hebammenszene übertragen lässt. Dazu gehören insbesondere spezielle Darbietungsverfahren, wie etwa die szenische Ausgestaltung, einschließlich Dialoge und längere Figurenreden, die Berücksichtigung psychologischer Aspekte in der Figurengestaltung sowie die Schaffung eines dichten Erzählgefüges mit Handlungsverknüpfungen und Parallelisierungen (vgl. Elke Ukena-Best: ‘Domine, memento mei - herre, nû erbarme dich’. Die Lebensgeschichte des rechten Schächers in Konrads von Fußesbrunnen ‘Kindheit Jesu’ zwischen lateinischer Quelle, lateinischer Adaptation und deutscher Prosaauflösung, in: Scripturus vitam. Lateinische Biographie von der Antike bis in die Gegenwart. Festgabe für Walter Berschin zum 65. Geburtstag, hg. von Dorothea Walz, Heidelberg 2002, S. 186-188).
14 An dieser Stelle sei angemerkt, dass die ‚Hebammen’ zwar im ML, nicht aber in der KJ, explizit als solche bezeichnet werden (vgl. ML, v. 2104). Doch besteht auch in der KJ keinerlei Zweifel, dass es sich bei den zwei vorgestellten Figuren um Geburtsspezialistinnen handelt (vgl. KJ, vv. 775-788; 830-870). Dass der Begriff ammen selbst in Bezug auf die Frauen dennoch vermieden wird, könnte möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass der Beruf der Hebamme im Mittelalter zu den eher zwielichtigen Berufen gehörte, die gefährlich nahe mit Ketzerei in Verbindung gebracht wurden, und dass Frauen, die sich mit Empfängnis, Geburt und Geburtenkontrolle auskannten, infolgedessen mit großer Skepsis betrachtet wurden (vgl. Manuela Miska: Die biblischen Motive der Jungfrauengeburt und des Zweifels in „Die Kindheit Jesu“ Konrads von Fussesbrunnen, München 2002, S. 14-16). Auch in der von Konrad Kunze editierten lateinischen Rückübersetzung der KJ wird der Begriff ‚Hebammen’ (obstetrices) vermieden (vgl. Konrad Kunze: Lateinische Adaption mittelhochdeutscher Literatur. Mit Edition der ‚Infantia Jesu‘ nach Konrad von Fussesbrunnen, in: Überlieferungsgeschichtliche Editionen und Studien zur deutschen Literatur des Mittelalters. Kurt Ruh zum 75. Geburtstag, hg. von Konrad Kunze, Tübingen 1989, S. 59-99, bes. S. 83-85). Dagegen werden die Ammen in der lange vor dem Mittelalter entstandenen Hauptquelle der KJ, dem Pseudo-Matthäusevangelium, durchaus noch explizit als solche bezeichnet (vgl. Ps-Mt 13,3). Der besseren Verständlichkeit halber werden Salomê und Zelonî im Folgenden dennoch als ‚Hebammen’ bezeichnet.
15 Im ML werden die Hebammen erst am Ende der Szene namentlich eingeführt (ML, vv. 2160-2161), eine Tatsache, auf die später näher eingegangen wird.
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Hanna Kubowitz, 2010, "solhiu dinc unmuglîch sint", München, GRIN Verlag GmbH
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