INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung 1. 1
2. Die Sündenlehre in der Frühscholastik 3
Heinrich und sein Schicksal´ 3. 5
Das Weltleben Heinrichs und sein Sturz´ 3 1 5
3.2 Heinrichs hôchmuot´ und Krankheit 8
Krankheit als Strafe Gottes 3 2 1 11
Krankheit als göttliche Prüfung 3 2 2 14
Das Mädchen und 4. 16
ihre Darstellung im Werk 4 1 16
das Problem ihrer Liebe zu Heinrich 4 2 19
Exkurs: Schönheitsauffassung im 5. 24
Mittelalter
Heinrichs Wandlung 6. 26
Heinrichs Wiederherstellung der 6 1 26
Gottesbeziehung
6.2 Heinrichs Genesung 29
Meinung der Verfasserin 7. 32
Literaturverzeichnis 40
1
1. Einleitung
Die folgende Arbeit hat zum Ziel, jene Ursachen und Bedingungen aufzuzeigen, die zu der Veränderung und zu der Wandlung der Hauptfigur Heinrichs führen und welche das hier zum Untersuchungsgegenstand gewählte Werk Hartmanns von Aue vom „Armen Heinrich“ aufzuweisen hat.
Dabei lenken vor allem drei Fragen die Untersuchung: Was bedeutet der Begriff Sünde? Wo geschieht schuldhaftes Handeln? Inwieweit ist Heinrich schuld an seinem Schicksal?
Dazu soll das Verhalten beider Hauptfiguren, Heinrichs und der `maget´, untersucht werden.
In der Untersuchung des Hartmannschen Textes interessiert zunächst die Frage, wie in der Wissenschaft der Frühscholastik der Begriff Sünde verstanden wurde. Diese Definition soll der nun folgenden Interpretation vorangestellt werden. Einen ersten Diskussionspunkt bietet das Schicksal des Heinrich. Zuerst wird in einem Gang durch den Text dem Verlauf der Erzählung bis zur Erkrankung der Hauptfigur gefolgt. Das Weltleben der Hauptfigur soll kurz skizziert werden. Dann wird die durch die auftretende Krankheit eintretende Veränderung in seinem Leben geschildert. Dabei müssen stets die Fragen im Auge behalten werden, wo schuldhaftes Handeln geschieht und in wieweit die Hauptfigur daran schuldhaft beteiligt ist.
Speziell soll untersucht werden, inwieweit Heinrichs `hôchmuot´ mit seiner Krankheit in Verbindung steht und eventuell zwischen beiden ein Zusammenhang besteht. Diesem Zweck dient es auch, der Funktion der Krankheit auf den Grund zu gehen. Auch hier werden zwei Fragen angesetzt: Ist der Aussatz als eine Strafe Gottes zu sehen oder eher als göttliche Prüfung? Durch diese Untersuchung soll das schuldhafte bzw. das nicht-schuldhafte Verhalten Heinrichs an seiner Erkrankung zu Tage treten.
2
Den zweiten Diskussionspunkt dieser Arbeit liefert uns die andere Hauptfigur der Erzählung, das Mädchen.
Zunächst steht die Untersuchung an, wie das Mädchen im Text dargestellt wird und welche Absicht des Autors zu erkennen ist. Hier soll die zu Heinrich gänzlich differierende Wesensart deutlich werden.
Im Anschluss daran ist das Problem der magetlichen Liebe zu Heinrich zu diskutieren. Dabei soll das Verhältnis des Mädchens zu Heinrich und auch seines zu ihr genauer untersucht werden. Die Außergewöhnliche im Verhalten des Mädchens soll an dieser Stelle der Arbeit herausgearbeitet werden. Auf diese Weise soll die Andersartigkeit ihrer Liebe im Vergleich zur irdischen Liebe zum Ausdruck gebracht werden.
Bevor nun in einem weiteren Gang durch den Text Heinrichs Wandlung zur Diskussion steht, soll in einem Exkurs die Schönheitsauffassung im Mittelalter behandelt werden. Dies ist nötig, um die Wandlung Heinrichs verstehen zu können. Denn um ihren Ursachen auf den Grund zu kommen, ist ein Rückgriff auf diesen Exkurs von Vorteil.
Zunächst geht es um die Frage, warum Heinrich seine Beziehung zu Gott wiederherstellt. Diese Beweggründe sollen hier erläutert werden. Dazu wird im Speziellen die Opferszene in Salerno zur Betrachtung herangezogen. Als weiteren Punkt ist die Genesung Heinrichs von Interesse. An dieser Stelle der Arbeit gilt es herauszufinden, warum die Erzählung mit der Genesung Heinrichs endet. Im Weiteren ist es auch interessant zu untersuchen, was Hartmann von Aue mit einem derartigen Schluss beabsichtigt und was dies für die Schuld bzw. die Nicht-Schuld Heinrichs bedeutet.
Den Schlussteil dieser Arbeit bildet die Meinung der Verfasserin. Hier wird eine pointierte Zusammenfassung der in den Einzeluntersuchungen gewonnenen Ergebnisse angestrebt. Dies soll dadurch geschehen, dass die Verfasserin sich zu den diskutierten Punkten äußert und letztere noch einmal kurz zusammenfasst.
3
2. Die Sündenlehre in der Frühscholastik
Zu Beginn dieser Arbeit soll der Begriff der „Sünde“ bestimmt werden, um in der nachfolgenden Werkinterpretation störende Definitionen zu vermeiden und dem Leser vorab Grundkenntnisse dieser Lehre vermitteln zu können. Dazu wird die Frühscholastik, eine Wissenschaft, die vor allem im Bereich der Theologie und der antiken Philosophie Spekulationen äußert, zur näheren Untersuchung herangezogen. 1
Als Ursache der Sünde und Kriterium der Schuld wird der Wille des Menschen angesehen. Die Sünde ist ein äußerer und innerer Akt, der im Willen begründet liegt. Die Sünde beinhaltet folgende drei Stadien: suggestio - delectatio - consensus. 2 Der Wunsch zur Sünde, der durch den Teufel erweckt wird, entspricht der suggestio. Das Stadium der delectatio kann wiederum in die zwei Termini propassio - passio unterteilt werden. 3 Das Erfreutsein (delectatio) wird durch eine Erregung von außen hervorgerufen (propassio). Das Böse wir von dem Menschen begehrt (passio). Wenn Wille und sündhaftes Tun übereinstimmen, d.h. wenn man etwas wissentlich tut, ist das dritte Stadium des consensus erreicht.
Die Sünde ist bei Cormeau als personale Schuld vor Gott definiert. Als Triebfedern der Sünde wirken Stolz, Habsucht und Gaumenlust. 4 Dabei wird die unterschiedliche Schwere einzelner Sünden ethisch begründet, nämlich aus der personalen Verantwortung des Menschen heraus: „nach dem Willen zu schaden, nach der Freude am Bösen, der Beeinträchtigung des Nächsten und dem Maß der Mißachtung Gottes.“ 5
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1 In der Frühscholastik (9.-12. Jh.) wurden kirchliche Glaubenslehren durch Vernunftbeweise gefestigt. In dieser Zeit wurde auch ein einheitliches Gedankengebäude errichtet. Hauptvertreter waren u.a. Abälard, Anselm von Canterbury, Albertus Magnus und Thomas von Aquino (Vgl. Hartmut Bastian: Ullstein Handlexikon. Mit 50000 Stichwörtern, 3500 Abbildungen, 32 Farbtafeln und 16 Landkarten. Berlin u.a.: Verlag Ullstein GmbH 1964, S. 806f.).
2 Vgl. Christoph Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“. Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München: C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung 1966, S. 84 (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters; Bd. 15).
3 Vgl. ebd., S. 85.
4 Vgl. Angermann, Norbert: Lexikon des Mittelalters VIII. Stadt (Byzantinisches Reich) bis Werl. München/Zürich: LexMA Verlag GmbH 1997, S. 316.
5 Ebd., S. 86.
4
Nach Cormeau könnte man folgende Gegensätze herausarbeiten: Eine objektive, unwissentlich und unwillentliche Sünde steht einer subjektiven, wissentlichen, willentlichen und persönlichen Schuld gegenüber.
Weiter gilt: Die Kraft der Buße ist die Reue (contritio). Diese erfolgt durch eine innere Umkehr im Sündenschmerz zu Gott. Die sündenlösende Kraft erfährt die contritio durch die Gnade (caritas). „Widerstandskräfte gegen die Sünde, vor allem die caritas, kommen von Gott, sie können allerdings aus verschiedenen Gründen - z.B. Ermüdung der Tugenden, Unwissenheit, Schwäche des Fleisches - versagen.“ 6 In jedem Fall ist es nur Gott, der die Schuld messen kann. Dabei kann keine Sünde so groß sein, dass sie nicht von Gott durch Buße vergeben werden kann. Diese Behauptung sieht man bei Cormeau in folgendem Zitat bestätigt: „Die Entscheidungsmacht des freien Willens der Erlösten schließt die mögliche Freiheit von der schweren Sünde ein trotz des niederziehenden Hangs zum Bösen aus der Erbsünde.“ 7
Ein Spezialfall der Sünde ist der der Todsünde (peccata ad mortem). Sie kann dann als solche bezeichnet werden, wenn praesumptio und desperatio vorherrschend sind. Eine Todsünde tritt dann ein, wenn ein Mensch Gefallen an der Sünde findet und auf die Barmherzigkeit Gottes vertraut (praesumptio) oder an der Gnade Gottes verzweifelt (desperatio). „Die desperatio, ebenso wie die praesumptio, das unbegründete Rechnen auf die Vergebung, vom Teufel eingegeben, führt zur Unbußfertigkeit und vermehrtem Sündigen.“ 8
Zusammenfassend kann man Folgendes feststellen:
Die Sünde allein geht aus der Entscheidungsmacht des freien Willen hervor, quasi aus dem freien Wollen des Menschen. Sie ist als personale Schuld vor Gott definiert, die aus den Stadien der suggestio, der delectatio und des consensus besteht.
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6 Corinna Dahlgrün: Hoc fac, et vives - vor allen dingen minne got. Theologische Reflexionen eines Laien im „Gregorius“ und in „Der arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 1991 (Hamburger Beiträge zur Germanistik; Bd. 14), S. 55.
7 C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich” und „Gregorius” (Anm. 2), S. 94.
8 C. Dahlgrün: Hoc fac, et vives - vor allen dingen minne got (Anm. 6), S. 55.
5
Der Vergebende ist stets Gott, der dem reuigen Sünder Gnade schenkt. Das Vertrauen auf Gott auch im Fall einer Sünde wird mit caritas belohnt, egal wie groß die Sünde auch gewesen sein mag. Besteht dieses Urvertauen des Menschen auf Gott jedoch nicht, so ist dies als Ursünde zu bezeichnen.
3. Heinrich und sein `Schicksal´
Aus diesem Sündenverständnis heraus kann nun im Folgenden untersucht werden, in welchen Teilen der Erzählung Heinrich schuldhaft handelt und inwieweit er schuld an seinem Schicksal ist. 9
3.1 Das Weltleben Heinrichs und sein `Sturz´
Zu Beginn der Erzählung Hartmanns von Aue entwirft er ein „glänzendes Bild“ 10 vom Weltleben des Heinrich und seinen Tugenden, die ihn als einen vollkommenen Ritter erscheinen lassen. Dieser Katalog an hervorstechenden Eigenschaften (VV. 47-74) entspricht dem damaligen Ideal der höfischen Lebensführung. Heinrich führt ein vortreffliches Leben. Er wird von seinem Autor anhand von Vergleichen wie z.B. dem mit Absalom (V. 85) gelobt und gepriesen. Die höchste Stufe an ritterlichen Idealen erscheint hier wie eine Repräsentation eines vollkommenen Rittertums, „voll tugent, êre, triuwe, zuht, milte, wîsheit usw.“ 11 . Hier stimmen Ohly und Cormeau überein, dass jede Spur von Kritik in diesem Tugendkatalog fehlt. Letzterer argumentiert mit der Makellosigkeit des Heinrich. 12 Und dies, obwohl im Mittelalter das Leben in purer Weltfreude und nur dem
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9 Alle Belege, die sich auf den Primärtext Hartmanns beziehen, sind als Versangaben im Text in Klammern angegeben.
10 Siegrun Kollwitz: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“. Die Rezeption der mittelalterlichen Dichtung durch Gerhart Hauptmann. Eine Untersuchung zu den sprach- und gestaltverändernden Faktoren, ihre Ursachen und Bedingungen in der modernen Fassung im Vergleich zur mittelalterlichen Quelle. Berlin 1976, S. 45.
11 Walter Ohly: Die heilsgeschichtliche Struktur der Epen Hartmanns von Aue. Berlin 1958, S. 42.
12 C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“ (Anm. 2), S. 6.
6
Lebensgenuss dienend als sündhaft empfunden wurde. Doch Heinrich gleicht nicht der Figur des Prassers und Verschwenders, er genießt nur sein Leben, das auf Grund seiner Abstammung und seinen Tugenden angenehm zu leben ist. Wenn jemand Lobpreis anderer Leute empfängt, so zieht dies nicht gleich den Titel des Sünders nach sich. „Das glückliche Leben ist an sich keine Schuld vor Gott, gibt er es doch selbst als Geschenk.“ 13 Und da die Hauptfigur einige Qualitäten aufzuweisen hat, scheint man ihr das momentane Glück zu gönnen. Heinrich ist „vom Glück verwöhnt, aber durch seine Qualitäten des Glückes wert“ 14 . Auffällig ist jedoch der einseitige Bezug, der sich nur auf das Irdische beschränkt. Heinrich kann die Anerkennung und den Beifall der Welt gewinnen, da er höfisch gebildet und noch dazu klug war (VV. 72-74).
Hier sieht Siegrun Kollwitz eine Andeutung der Schuld Heinrichs. Das Irdische,..., sei niemals aus sich selbst heraus lebensfähig, sofern ihm die aus Gott genährte Seinsfülle fehle. 15 Dies bringt der Autor der Erzählung mit folgenden Worten (VV. 97-100) deutlich zum Ausdruck:
Diesen Satz erklärt der Autor anschließend in einem Kerzengleichnis (VV. 101-104). Sobald sich ein Mensch von Gott löst, ist er verletzbar und angreifbar und sein Leben wird sinnlos. Heinrich habe dieses Wissen, so Siegrun Kollwitz, dass die Welt und sein Dasein erst wahre Lebensfülle, Sinn und Bestand haben, wenn sie in Gott gegründet seien, verloren. 16 Dem Leben der Hauptfigur verleiht allein die Welt ihren Sinn.
Doch dies ändert sich sehr rasch. Heinrichs Hochstimmung wird in tiefe Niedergeschlagenheit umgekehrt. Ihn befällt der Aussatz (V. 119).
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13 C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“ (Anm. 2), S. 7.
14 Heinrich de Boor: Die höfische Literatur. Vorbereitung, Blüte, Ausklang. München: C.H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung 1953 (Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart; Bd. 2), S. 78.
15 Vgl. ebd., S. 45.
16 Vgl. S. Kollwitz: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ (Anm. 10), S. 46.
Arbeit zitieren:
Monika Reichert, 2002, Zu Hartmann von Aues "Der arme Heinrich". Veränderungen und Wandlungen der Romanfigur, München, GRIN Verlag GmbH
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