Inhaltsverzeichnis
1. Franz Kafka, ein Schriftsteller wie jeder andere? 3
2. Autobiographisches Schreiben bei Franz Kafka 4
3. Familie Samsa im Vergleich mit Familie Kafka
im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede 6
3.1 Frau Samsa und Julie Kafka 6
3.2 Herr Samsa und Hermann Kafka S.10
3.3 Grete Samsa und Ottilie Kafka S.15
3.4 Gregor Samsa und Franz Kafka S.18
3.4.1 Gregor Samsa vor der Verwandlung
im Vergleich mit Franz Kafka S.18
3.4.2 Gregor Samsa nach der Verwandlung
im Vergleich mit Franz Kafka S.25
4. Ergebniszusammenfassung mit eigener Meinung S.30
Literaturverzeichnis 34
- 3 - 1.Einleitung
Franz Kafka zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Von ihm selbst sind aber nur wenige Bücher zum Druck freigegeben worden. Diese fanden in der Öffentlichkeit zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Interesse. Der Schriftsteller gelangte erst nach seinem Tod zu Weltruhm, indem seine Hauptwerke (Tagebücher und Briefe) z.B. durch Max Brod, einem Freund Kafkas, veröffentlicht wurden.
Das Interesse an Kafka erscheint um so erstaunlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kafka eigentlich eher ein provinzielles Dasein führte. Im Vergleich zu anderen Dichtern und Schriftstellern fehlten ihm weite Reisen, Bildungserlebnisse, Begegnungen mit berühmten Kollegen oder auch gewisse Ortswechsel.
„Der Fall des Schriftstellers Kafka ist ungewöhnlich insofern, als zu seinen Lebzeiten die Nebenwerke, nach seinem Tod die Hauptwerke veröffentlicht wurden, soweit sie ihr Verfasser vor seinem Sterben 1 nicht zerstörte.“
Diese Äußerung von Franz Blei über die Ungewöhnlichkeit Kafkas teilen die meisten Leser. Seine Werke seien abstrus, dunkel, verworren und mit dem Verstande kaum nachvollziehbar. 2
Warum schreibt Franz Kafka in einem derartigen Stil, der als kafkaesk bezeichnet werden kann?
Um zu einer Antwort auf diese Frage zu kommen, wird im Folgenden zunächst die Frage nach dem autobiographischen Schreiben Kafkas mit Hilfe von Zitaten erörtert. Im Anschluss daran werden die Hauptfiguren in Franz Kafkas Werk „Die Verwandlung“ direkt mit denen der Familie Kafka in Beziehung gesetzt. Es sollen hierbei Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Ausdruck gebracht werden. Die Arbeit soll mit einer Zusammenfassung der bisher gewonnenen Ergebnisse. abgerundet werden. An ihrem Schluss findet sich die eigene Meinung der Verfasserin.
1 Joachim, Unseld: Franz Kafka. Ein Schriftstellerleben. Die Geschichte seiner Veröffentlichungen. Mit einer Bibliographie sämtlicher Drucke und Ausgaben der Dichtungen Franz Kafkas 1908-1924.
3 , S.11. München 1983
2 Vgl. http://www.asamnet.de/∼kassecch/content/home.html
- 4 - 2.Autobiographisches Schreiben bei Franz Kafka
Auffallend ist die Gleichartigkeit bei den Texten Kafkas, nicht nur die Stilistik sondern z.B. auch die Ähnlichkeit der jeweiligen Mittelpunktsfigur mit der Individualität des Autors. Martin Walser bemerkt ebenfalls den Bezug von Autor und Werk: „Bei Kafka muss man das Leben aus dem Werk erklären, während das Werk auf die Erhellung durch 3 die biographische Wirklichkeit verzichten kann.“
Welche Gründe Kafka dennoch dazu gebracht haben, seine Autobiographie in die Werke mit einzubauen, soll im folgenden Abschnitt verdeutlicht werden. Der Dichter muss in seiner Kindheit und Jugend starke Eindrücke erfahren haben. Denn sonst würde er wohl kaum so viele Jahre später noch darüber schreiben! Es mangelt z.B. an gegenseitigem Verständnis von Familie und Sohn. Als besonders erwähnenswert gilt hier der Vaterkonflikt (siehe 3.4.2).
Das Schreiben erleichtert Franz Kafka, mit der Konfliktsituation besser zu Rande zu kommen. Der Dichter hat so die Möglichkeit zu klagen, was er bei seinem Vater offenbar nicht kann. 4
Durch die neu erworbene Tätigkeit gelingen Kafka erstmals „kleine Selbstständigkeitsversuche, Fluchtversuche mit allerkleinstem Erfolg“. 5 So schafft er es, von seinem dominanten Vater wegzukommen. Kafka sucht eine Bezugsperson, der er seine Sorgen und Ängste mitteilen kann. Natürlicherweise ergibt sich in den meisten Familien eine eher stärkere Mutter-Tochter-Beziehung bzw. Vater-Sohn-Beziehung. Da der junge Kafka bei seinem Vater diese Art des Verständnisses nicht findet, sucht er dieses im Vorgang des Schreibens. Um vollste Befriedigung erreichen zu können, konzentriert er sich in ganzer Weise auf Letzteres.
In einem Tagebucheintrag vom 3. Januar 1912 schreibt Franz Kafka, dass das Schreiben die ergiebigste Richtung seines Wesens sei. Seine Kräfte waren in ihrer Gesamtheit so gering, dass sie nur gesammelt dem Zweck des Schreibens halbwegs dienen könnten. Je intensiver sich Kafka mit seinem „inneren“ Leben, dem Schreiben, befasst, desto mehr kann er Zufriedenheit erlangen.
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3 Martin, Walser: Beschreibung einer Form. Versuch über Franz Kafka. Frankfurt am Main u.a.: Ullstein Verlag 1973 (Literatur als Kunst. Ullstein- Buch, 2878), S.14.
4 Franz, Kafka: Brief an den Vater. Frankfurt am Main: Fischer 2000 2 , S.42.
5 Vgl. ebd., S.56.
- 5 -Das Vertrauen, das ihm in seiner „äußeren“ Welt fehlt, gewinnt er „nur in glücklichen Zeiten des Schreibens“ wieder. 6
Das Dichtersein gibt ihm einerseits einen Teil der Geborgenheit wieder, die er bei seinem Vater nicht finden kann. Andererseits bewegt sich Kafka fast ausschließlich nur noch in seiner erschriebenen Welt, was Vereinsamung zur Folge hat. Er verfasst unzählige Briefe an seine Verlobte Felice und meint ihr dadurch nahe zu sein. Auf diese Weise glaubt er nicht einsam zu sein, obwohl er es in Wirklichkeit zu sein scheint.
Kafka scheint regelrecht vor der „äußeren“ Welt zu fliehen. Er versucht sich von der Welt, „die er im Kopfe hat, durch Schreiben zu befreien.“ 7 Währenddessen stellt er sein sog. traumhaftes, inneres Leben dar. Bald ist für ihn die erschriebene Welt die „einzige innere Darstellungsmöglichkeit“. 8
Nur im Traum gibt es keine kontrollierenden und einschränkenden Regeln und Rücksichten gesellschaftlichen Lebens. 9 Der Rückzug aus der Wirklichkeit um eins mit der Literatur zu sein und von nichts und niemandem gestört zu werden. Nur seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und bei Felice zu sein, das scheint für den Autor des Werkes „Die Verwandlung“ ein Leben in Harmonie und Glück zu sein. Wenn auch nicht dauerhaft, so um zumindest einige Glücksmomente erfahren zu können.
Flucht vor dem Vater und Angst vor einer „äußeren“ Welt, das sind wohl die Hauptmotive Kafkas für sein Schreiben. Das Ziel seines Schreibens kann eine friedvolle, vertraute, zufriedene Welt mit einzelnen Glücksmomenten in seinem traumhaften Inneren, wie es die Verwandlung in ihrem Schluss zeigt, sein. Indem er zusätzlich die Nacht zum Tage macht, bleibt der Alltag als Störungsfaktor außer Acht. Das Leben scheint für ihn so erträglich zu sein.
Es ist aber auch denkbar, dass der Dichter seine Situation in der Familie in dem Moment verarbeitet, in dem er sie niederschreibt.
Franz Kafka hat sich eine Daseinsmöglichkeit, in der er selbst der Herr über die Dinge sein kann, geschaffen. Den genauen Grund für sein autobiographisches Schreiben können wir nicht bestimmen, sondern nur erahnen.
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6 Franz Kafka: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit. Hrsg. Erich Heller und Jürgen Born. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1967, S.349.
7 Franz, Kafka: Tagebücher 1910-1923. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1983, S.224.
8 Vgl. ebd., S.367.
9 Vgl. Friedrich Beißner: Kafkas Darstellung des >traumhaften innern Lebens<. Bebenhausen: Verlag Lothar Rotsch 1972, S.16.
- 6 - 3.Familie Samsa im Vergleich mit Familie Kafka
im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Besonders auffällig ist eine äußerliche Ähnlichkeit der Nachnamen. Samsa klingt wie ein Kryptogramm für Kafka. Jeder Familienname umfasst fünf Buchstaben. Dabei hat das S bei Samsa dieselbe Stellung wie das K im Wort Kafka. Das A behält in beiden Nachnamen seine Position bei.
In Jakob Wassermanns Roman „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs“ tritt ein Herr Samassa auf. Es ist denkbar, dass Kafka das eben genannte Werk gekannt hat. Ein Hinweis dazu könnte der Satz sein: „Ich brauchte nämlich zwei Namen für einen Roman und wählte endlich die unterstrichenen: Johannes und Beate (Renate war mir schon weggeschnappt) Es liegt die Vermutung nahe, dass er bei dem Namen 10 wegen ihres dicken Glorienscheins. Renate an die junge Frau in Jakob Wassermanns Roman denkt. Wahrscheinlich hat Franz Kafka die Form des Nachnamens derart verändert, dass dieser als Kryptogramm für seinen eigenen Zunamen dienen konnte.
3.1. Frau Samsa und Julie Kafka
Neben der eben gezeigten Ähnlichkeit in Bezug auf die Namen beider Familien gibt es auch familiäre Gemeinsamkeiten. Wie stark sich die Figuren und Personen biographisch decken und an welchen Stellen es Unterschiede gibt, das soll im Folgenden erörtert werden. Hierbei werden nur die Familienmitglieder berücksichtigt.
Frau Samsa ist Mutter zweier Kinder und vor der Verwandlung ihres Sohnes nicht berufstätig. (Danach steigt sie als Näherin für ein Modegeschäft wieder in die Berufswelt ein.) Sie teilt sich ihre häuslichen Pflichten mit einer Hausangestellten in der Familie. Um ein Geschäft des Ehemannes braucht sie sich nicht zu kümmern, da es vor fünf Jahren Bankrott gegangen ist. Die Ehefrau ist einer geringeren Belastung ausgesetzt als ihre Vergleichsfigur in der Familie Kafka. So kann man sich die verringerte Zahl an Hauspersonal auch erklären. Selbst die Wohnverhältnisse sind
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10 Max, Brod: Über Franz Kafka. Eine Biographie. Franz Kafkas Glauben und Lehre. Verzweiflung und Erlösung im Werk Franz Kafkas. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1966, S.58.
Arbeit zitieren:
Monika Reichert, 2001, Autobiographisches Schreiben am Beispiel von Franz Kafkas "Die Verwandlung", München, GRIN Verlag GmbH
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