Universität Regensburg Philosophische Fakultät II Institut für Grundschulpädagogik Seminar: Formen des Unterrichts
SS 03
Die Notwendigkeit der Freiarbeit – eine Betrachtung der
(neuen) Unterrichtsform
Vorgelegt von:
Matthias Altmannsberger
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Inhaltsangabe:
1. Einleitung 3
2. Freiarbeit 5
2.1 Definitionsversuch 5
2.2 Historische Wurzeln 8
2.2.1 Maria Montessori 8
2.2.2 Célestin Freinet 10
2.2.3 Peter Petersen 11
2.2.4 Weitere Reformpädagogen 12
2.3 Begründungen der Freiarbeit 13
2.3.1 Rechtliche Begründung 13
2.3.2 Bildungspolitische Begründung 14
2.3.3 Anthropologische Begründung 16
2.3.4 Psychologische Begründung 17
2.3.5 Methodische Begründung 17
2.4 Ziele 18
2.5 Gestaltung des Klassenzimmers 19
2.5.1 Grundsätzliches 20
2.5.2 Gestaltung 20
2.5.3 Einrichtung 21
2.6 Lehrerrolle 22
3. Fazit 24
4. Literatur 26
4.1 Bücher 26
4.2 Internetverzeichnis 27
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1. Einleitung
Betrachtet man die Liste der Dinge, die (Grund-)Schüler 1 angeblich nicht mehr können, so zeigt sich einem ein doch erschreckendes Bild: stillsitzen, zuhören, sich konzentrieren, sich
vertragen, richtig spielen, sorgsam mit Eigentum umgehen etc. 2 Ein kindgerechter Unterricht, wie ihn auch das Grundgesetz in Artikel 2, 1. Absatz fordert („Jeder hat das Recht auf die
freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ 3 ) muss sich demnach diesen Gegebenheiten anpassen. Da stellt sich die Frage, ob ein allgemein gehaltener, nicht differenzierender Frontalunterricht rechtens ist. Widerspricht ein Unterricht, in dem der visuelle Tom dieselbe Erklärung zu einem Thema erhält wie der auditive Max, in dem die intelligente Lisa und die schwache Sarah das gleiche Tempo vorlegen müssen, nicht der Persönlichkeit und Individualität des Menschen? Die reale Situation wird ganz ohne diese Lehrform aber nicht auskommen können.
Eine Möglichkeit, der Persönlichkeit der Kinder zu begegnen, ist offener Unterricht. Und eine Art, den Unterricht offener zu gestalten, ist die Freiarbeit. Doch leider befinden sich in den Köpfen zahlreicher Eltern noch genügend Vorurteile dieser Unterrichtsgestaltung gegenüber, denen jegliche Grundlage fehlt. So ist die Rede von Kindern, die nur durch die Klasse rennen, von fehlender Disziplin, jeder dürfe tun, was er gerade wolle, der sowieso schon faule Lehrer spare sich auch noch die Zeit für die Unterrichtsvorbereitung, die Kinder seien sich selbst überlassen, sie lägen nur noch in Ecken herum und lesen (!) oder spielen, sie reden dauernd miteinander, eine Leistungsbeurteilung ist da kaum möglich, man weiß ja gar
nicht, inwiefern das Kind zu beurteilen ist und noch vieles mehr. 4 Ist denn Freiarbeit das Gegenteil von Frontalunterricht? Wird nur in Frontalunterricht gelernt und in der Freiarbeit nur Zeit vergeudet? Wissenschaftlich belegt kann gesagt werden, dass eine Berücksichtigung der Eigenwahrnehmung der Schüler von größter Bedeutung ist. Durch das Anbieten von Fertigwahrnehmungen im Frontalunterricht wird das Bewusstsein der Kinder eingeschränkt, viele Wege werden nicht beschritten und den Kindern fehlt der Spaß und die Spannung am Lernweg, da dieser bereits vorgegeben wurde. Ebenso erfolgen
1 Der Einfachheit halber wird in der Arbeit auf die zusätzliche Anführung der weiblichen Form „SchülerInnen“
und „LehrerInnen“ verzichtet.
2 Aus: Heinrich, Karin, Kinder arbeiten (sich) frei. Wie eine Grundschule Schule der Kinder sein kann, Essen
1991, S. 11.
3 Bundesrepublik Deutschland (Hg), Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, in:
http://dejure.org/gesetze/GG/2.html vom 26.05.03.
4 Aus: Heinrich, Karin, Kinder arbeiten (sich) frei. Wie eine Grundschule Schule der Kinder sein kann, Essen
1991, S. 23.
4
keine Originalbegegnungen mehr, kein A-ha-Effekt gegenüber Phänomenen oder Tatsachen,
lediglich Nachfragen können gestellt werden. 5 Wie schon erwähnt, ohne Frontalunterricht wird es nicht gehen, aber ohne Offenheit im Unterricht soll es nicht gehen. Dies wird auch in den drei Grundbedingungen für die
Grundschule deutlich: Geborgenheit, Offenheit, Herausforderungen. 6 Entscheidend ist daher das Mischverhältnis zwischen geführten und offenen Unterrichtsphasen. Denn die
Grundschule ist Schule für alle Kinder des Volkes, sie soll neben grundlegender Bildung auch
die personale und soziale Dimension berücksichtigen. 7 Und dies gelingt der Freiarbeit besonders. Sie lässt sich dabei nahtlos in den Schulalltag integrieren, wenn sie nicht sogar Unterrichtsmethode einer Lehrkraft wird. Die Kluft zwischen der Schulwirklichkeit und den schülerorientierten Intentionen der Bildungspläne kann durch Freiarbeit geschlossen werden, sie ist darüber hinaus ein aktiver
Beitrag zur Humanisierung der Schule. 8 Die folgende Arbeit behandelt das Thema Freiarbeit zuerst aus allgemeiner Sicht, indem Definitionsversuche, die historischen Wurzeln der Freiarbeit, ihre Begründungen und Ziele erläutert werden, ferner wird die Gestaltung des Klassenzimmers und die neu entstandene Lehrerrolle in der Freiarbeit diskutiert. Im zweiten Teil der Arbeit folgt eine Beschreibung von ausgewählten Lernmitteln für den Geometrieunterricht in der Primarstufe,
ihr Lehrplanbezug und die Ergebnisse einer Erprobung dieser Lernmittel in den Jahrgangsstufen 1 bis 4, Verbesserungsvorschläge und Folgerungen aus der Erprobung schließen die Arbeit ab.
5 Nach: Mayer, Werner Guido, Freie Arbeit in der Primarstufe und in der Sekundarstufe bis zum Abitur. Denkanstöße zur inneren Reform der Schule; ein Diskussionsbeitrag aus Nordrhein-Westfalen, Heinsberg 1992, S. 9.
6 Nach: Bartnitzky, Horst, Christiani, Reinhold (Hg.), Die Fundgrube für freie Arbeit. Das Nachschlagewerk für Einsteigerinnen und Fortgeschrittene, Berlin 1998, S. 17.
7 Ebd.
8 Nach: Krieger, Claus Georg, Mut zur Freiarbeit. Praxis und Theorie des freien Arbeitens für die Sekundarstufe; ein allgemeingültiges Konzept von Freiarbeit – naturwissenschaftlicher Unterricht und Freiarbeit – die historische Wurzel der Freiarbeit, Baltmannsweiler 1994, S. IX.
5
2. Freiarbeit
2.1 Definitionsversuch
Da der Begriff „Freiarbeit“ nicht wissenschaftlich abschließend definiert ist, existiert eine Reihe von unterschiedlichen Definitionsversuchen, die sich vor allem in ihren Umfängen unterscheiden.
Aufgrund der Zusammensetzung aus den beiden Wörtern „frei“ und „Arbeit“, werden zunächst diese beiden Wortteile betrachtet. Den Begriff „frei“ definiert das Deutsche Wörterbuch von Naumann & Göbel folgendermaßen: „ungebunden, nicht gefangen, unbeschränkt, unabhängig, ungehindert, offen, ungezwungen, erlaubt, unbesetzt, unversperrt,
allen offen stehend, ohne Bezahlung zugänglich“ 9 . „Arbeit“ wird beschrieben als „körperliche oder geistige Betätigung, Gegenstand der Betätigung, Mühe, Anstrengung, zu schaffendes
Werk, geschaffenes Werk, Erwerbstätigkeit“ 10 . Im „Brockhaus in einem Band“ wird Arbeit wie folgt definiert: „bewusstes Handeln zur Befriedigung von Bedürfnissen, Arbeit ist eine Grundlage der Gütererzeugung und der Bedarfsdeckung sowohl der Gesamtheit wie des
Einzelnen“ 11 . Folglich ist Freiarbeit dem Begriff nach eine unabhängige, ungehinderte und offene körperliche oder geistige Betätigung, die zur Befriedigung von Bedürfnissen und zur Gütererzeugung bzw. Bedarfsdeckung vollzogen wird.
In den diversen Literaturen wird Freiarbeit häufig durch ihre Merkmale definiert. So auch nach Kleinert, bei ihr ist das Kind mit seinen Interessen und individuellen Lernmöglichkeiten Mittelpunkt des Unterrichts, Freiarbeit ist daher nicht lehrergesteuert, die Kinder eignen sich eine Sache handelnd, entdeckend und forschend erprobend an, Lernen ist dabei ein selbständiges Verknüpfen von neuem und „altem“ Wissen. Im Hinblick auf die soziale Dimension soll in der Freiarbeit ein soziales Miteinander gelernt werden, den Schülern steht frei, mit wem sie arbeiten wollen. Das Lernen vollzieht sich ohne Zeitdruck, der inhaltliche Rahmen ist durch einen Wochenarbeitsplan abgesteckt, der die Aufgaben aus dem Lehrplan und einen Zeitrahmen vorgibt. Die Reihenfolge der Bearbeitung ist also für die Kinder frei zu wählen, nicht aber welche Aufgaben. Im vorherrschenden demokratischen Unterrichtsstil dürfen die Kinder den Unterricht mitplanen, das verwendete Material orientiert
9 Deutsches Wörterbuch, Naumann & Göbel, Köln 1985.
10 Ebd.
11 Der Brockhaus in einem Band, 9. Auflage, Leipzig 2000.
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sich dabei am Lehrplan, wie auch an den Interessen der Kinder. Freiarbeit kann so ein
gemeinsamer Lernprozess von Schüler und Lehrer sein. 12 Dieser Definitionsversuch weist aber noch einige Unklarheiten auf. So wird als ein Merkmal ein Arbeiten ohne Zeitdruck genannt, andererseits ist aber eine bestimmte Anzahl an vorgegebenen Aufgaben innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens zu bewältigen. In der Realität kann dies zu Differenzen führen. Ebenso wird hier nicht auf die Individualisierung und Differenzierung geachtet, die ebenfalls einen wichtigen Aspekt der Freiarbeit darstellen. Lernen vollzieht sich darüber hinaus genau genommen immer selbständig, der Unterschied besteht lediglich in der Art des Lehrens, das in der Freiarbeit das vom Lehrer vorgegebene Material oder Mitschüler übernehmen und nicht überwiegend die Lehrkraft in Person. Kleinert nennt als weiteren Aspekt einen Unterricht, der nicht lehrergesteuert ist. Da das verwendete Material aber vom Lehrer ausgesucht und gefertigt wird, trifft dies nicht zu. Freiarbeit ist lediglich frei von direkter Beeinflussung durch die Lehrkraft. Insgesamt scheint dieser Definitionsversuch zu wenig griffig zu sein.
Nach Kasper und Dietrichs, die Freiarbeit ebenfalls anhand der Merkmale definieren, ist sie ein selbständiges und eigenverantwortliches Lernen, bei dem die Schüler ihre eigenen Ideen einbringen. Aus einem vorgegebenen Angebot können die Kinder Aufgaben frei auswählen, die Reihenfolge der Bearbeitung legen sie demnach selbst fest. Auch sind sie frei in der Wahl der Sozialform wie auch der Zeiteinteilung, was neben der gewonnenen Freiheit auch das Tragen der Eigenverantwortung mit sich bringt. Freiarbeit stellt ein Material zur Verfügung, mit dem Kinder kreativ und experimentierend umgehen können und das zur Individualisierung und Differenzierung innerhalb der Klasse beiträgt. Zur Kontrolle der
Aufgaben werden den Kindern eigene Möglichkeiten gegeben. 13 Die nicht explizit genannte Vermeidung von Lehrerzentrierung und dafür eintretende Kindorientierung scheint bei diesem Definitionsversuch versäumt worden zu sein, bei genauerem Lesen ist dies aber in mehreren Stellen enthalten, wie z.B. im selbständigen und eigenverantwortlichen Lernen, in der freien Wahl der Sozialform und der Zeiteinteilung, wie auch in der Selbstkontrolle. Daher ist diese Definition der von Kleinert vorzuziehen. Krieger versucht Freiarbeit in einem Satz zu definieren und gelangt zu folgendem Ergebnis: „Freiarbeit“ ist eine schülerorientierte Organisationsform von Unterricht, die durch innere Differenzierungsmaßnahmen zur Individualisierung der Lernprozesse beiträgt und
12 Aus: Kleinert, Irmhild, Freiarbeit, in: Heckt, Dietlinde, Sandfuchs, Uwe (Hg.), Grundschule von A bis Z,
Braunschweig 1993, S. 70-72.
13 Aus: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hg.), Kinder lernen selbständig, Soest 1989, S. 9f.
Arbeit zitieren:
Matthias Altmannsberger, 2003, Die Notwendigkeit der Freiarbeit - eine Betrachtung der (neuen) Unterrichtsform, München, GRIN Verlag GmbH
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