Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 1
2. Der Hansische Geschichtsverein und die Hanseforschung. 3
3. Fritz Rörig 5
4. Das nationalsozialistische Geschichtsbild. 8
5. Tendenzen der deutschen Geschichtswissenschaft in der ersten
H älfte des 20. Jahrhunderts 9
6. Die Publikationen in den Hansischen Geschichtsblättern 11
6.1 Überlegenheit germanischer Völker 11
6.2 Überlegenheit einheitlich handelnder Gesellschaften 13
6.3 Machtgedanke 16
6.4 Reichsgedanke 18
6.5 Ostbewegung. 19
7. Schlusswort 20
Literatur : 25
Geschichte läuft immer Gefahr, im Rahmen von Gegenwartsdeutung missbraucht zu werden. Dieser Umstand begründet sich in verschiedenen menschlichen Grundbedürfnissen, die den Rahmen des Geschichtsbewusstseins des Individuums bilden. Historische Neugier, die die Quelle jedweder Beschäftigung mit Geschichte ist, Historische Identität des Subjekts, das dieses im Abwägen kollektiver Erinnerungen ge-geneinander entwickelt und sich damit seines eigenen Platzes in der Geschichte vergewissert, sowie Historische Legitimation und Argumentation zur gezielten Beeinflussung anderer und zur Erklärung von bestimmten Verhaltensweisen im Großen wie im Kleinen. Die Geschichtswissenschaft soll in der Erwartung der Öffentlichkeit in diesem Rahmen eine regulierende Funktion einnehmen und Instanz für die his-torische Wahrheit sein. Problematisch am Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft und öffentlichen Erwartungen ist, dass das öffentliche Bedürfnis nach einfachen Symbolen, Gewissheiten und Wahrheiten durch die Geschichtswissenschaft, deren „Produkt“ der Diskurs und der Austausch von Argumenten ist, nicht gestillt werden kann 1 .
Das Bedürfnis nach historischer Legitimation wird in Kriegszeiten größer, denn die Selbstvergewisserung über die eigenen Kriegsziele und Feindbilder bedarf um so mehr des Rückgriffs auf die Geschichte, je mehr einer aus sich selbst ungerecht(-fertigt)en Sache der Ruch des Übels anhaftet. Ausdruck dieses Bedürfnisses wurden für den Forschungsbereich der Hanse während des Zweiten Weltkriegs die beiden Bände „Hanse, Downing Street und Deutschlands Lebensraum“ 2 und „Hanse, Rhein und Reich“ 3 . Auf jeweils etwa 160 Seiten finden sich
1 Vgl.: K.-E. Jeismann, Geschichte und Öffentlichkeit. Historie zwischen Vergewisserung und Verführung, Osnabrück/Bad Iburg 1999.
2 H. Hunke (Hrsg.), Hanse, Downing Street und Deutschlands Lebensraum, Berlin 1940
3 H. Hunke (Hrsg.), Hanse, Rhein und Reich, Berlin 1942. Ein dritter Band unter dem Titel: „Hanse, Novgorod und die Erschließung des Ostens“ sowie zwei weitere geplante Bände der Hanse-Reihe kamen wegen des Krieges offenbar nicht mehr zur Ausfüh- rung.
2
hochwertige, großformatige Reproduktionen hansischer Dokumente, von Siegeln, Bildern, Fotos von Bauten aus Hansestädten oder mit Bezug zur Hanse, dazu Übersichtskarten über die geographische Ausbreitung der Hanse und ihrer Handelswege 4 (bzw. des Rheines und der deutschen Städte im Mittelalter 5 oder der Verbreitung deutscher Stadtrechte in Europa 6 ) denen eine „Karte des britischen Weltbesitzes“ 7 in Relation zur Bevölkerung (verglichen mit dem deutschen Besitz) gegenübergestellt wird. Die darstellenden Beiträge nehmen sich dagegen mit 62 bzw. 68 Seiten eher schmal aus. Auch sie bieten einen historischen Rückblick auf die Zeiten der Hanse, denen die britische Expansionspolitik gegenübergestellt und - in Abgrenzung zu dieser - Gedanken über die zukünftige wirtschaftliche und territoriale Gestalt Europas - mit der eindeutigen „Stoßrichtung“ gegen Großbritannien - entwickelt werden.
Die Hanse, so formuliert das Vorwort, „ist die Trägerin der Schutz-und Kampfgemeinschaft deutscher Kaufleute und Städte, getragen von größter Achtung vor allem Volkstum und fremder Souveränität, wirtschaftlich und kulturell Ausdruck höchster Leistung.“ 8 Ihre Kaufleute waren „die Schicksalsgemeinschaft der Auslandsdeutschen“, die beseelt vom Reichs- und Volkstumsgedanken Außenpolitik trieben, und damit zum entscheidenden Faktor der deutschen Ostkolonisation ge-worden sind. 9 Das historische Vorbild der Hanse legitimiert hier also aktuelle Politik, wobei ungeachtet historischer oder aktueller Ereignisse der friedliche Charakter der Hanse hervorgehoben wird.
4 Hunke (wie Anm. 2), 16 bzw. Hunke (wie Anm. 3), 64
5 Hunke (wie Anm. 3), 33, 36
6 Hunke (wie Anm. 2), 128
7 Hunke (wie Anm. 2), 96
8 H. Hunke, Geleitwort, in: Hunke (wie Anm. 2), 7
9 H. Reincke, Hanse, in: Hunke (wie Anm. 2), 17-37, 19-21. Gleiches konstatiert dieser Autor für den Bereich der Niederlande und Flanderns in seinem Beitrag: Der Hansische Kaufmann und die Niederlande, 45-74. Die derzeitige Unabhängigkeit der Nieder-lande von Deutschland wird als Folge der Einflussnahme Englands und Spaniens an- gesehen.
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Nun stellt sich angesichts der eindeutig politisch-propagandistischen Ausrichtung dieser Bände die Frage, ob das hier vermittelte Bild den Ergebnissen der damaligen Hanseforschung entspricht. Entspricht die Meinung derjenigen Historiker, die sich in solcher Weise während der Jahre 1933-1945 geäußert haben, ihren Äußerungen über Hanse und Hansekaufleute vor und - soweit feststellbar - nach dieser Periode? Daran schließen sich zwei weitere Fragen an: Inwieweit wurden diesem Bild entsprechende Strömungen innerhalb der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen festgestellt, und war diese Darstellung vom nationalsozialistischen Weltbild beeinflusst, oder hat die Geschichtswissenschaft mit zur Genese desselben beigetragen? Das Augenmerk soll deshalb nicht auf die substanziellen Erkenntnisse der damaligen Forschung gerichtet sein, sondern auf die Wertung ihrer Autoren: Wie werten sie his-torische Gegebenheiten in Hinblick auf ihre Folgen, und welche Handlungen und Charakterzüge werden von ihnen als positiv oder negativ bewertet?
2. Der Hansische Geschichtsverein und die Hanseforschung
Zur Beantwortung dieser Fragen wurden die Jahrgänge 1920 bis 1957 der vom Hansischen Geschichtsverein herausgegebenen „Hansischen Geschichtsblätter“ untersucht, der bedeutendsten Fachpublikation zur Hansegeschichte. 10 Der 1871 auf Anregung der historischen Vereine der Städte Lübeck, Hamburg und Bremen gegründete Verein verstand sich von Anfang an als Kommission und Mittelpunkt für die Erforschung der Hansegeschichte. Diesem Anspruch wurde er durch die Einbeziehung der bedeutendsten Mediävisten, wie Georg Waitz (1813-1886) und seiner Schüler gerecht und entfaltete bereits in seinen ersten Jahren mit der Herausgabe der Hansischen Geschichtsblätter sowie der
10 Die Auswertung der entsprechenden Jahrgänge der Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde (ZVLGA) und der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte (ZVHG) erwies sich bis auf drei Ausnahmen als nicht ergiebig.
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ersten Bände der Hanserezesse und des Hansischen Urkundenbuchs eine rege Publikationstätigkeit, die der Hanseforschung eine solide Quellen- und Arbeitsgrundlage verschaffte. Mit dem Waitz-Schüler Dietrich Schäfer (1845-1928), der 1903 in den Vorstand des Hansischen Geschichtsvereins gewählt wurde, erhielt die Hanseforschung eine erheblich nationalistischere Richtung und wurde gleichzeitig zu einer allgemeinen Seegeschichtsforschung ausgeweitet. Hanse war für Schäfer die mittelalterliche Vertreterin der deutschen Interessen zur See 11 und die Erforschung ihrer Geschichte sollte die historische Legitimation für die imperialistische Flottenpolitik liefern, durch die allein einem großen Volk wie dem deutschen die Weltgeltung und - nach damaliger Vorstellung - das Überleben gesichert werden könnte. 12
Fritz Rörig (1882-1952), der nächsten in der Hanseforschung überragenden Gestalt, gelang es, der Hanse als historischer Größe einen festen Platz innerhalb der allgemeinen Geschichte, insbesondere der Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu geben. Er betrachtete die Organi-sationsformen der Handel treibenden Menschen als wichtiger als die umgesetzten Güter. Diese Perspektivenerweiterung eröffnete die Möglichkeit, der Hanseforschung in der Erforschung wirtschaftlicher und sozialer Aspekte ein „unpolitisches“ und internationaleres Profil zu geben, an das auch nach dem Nationalsozialismus wieder angeknüpft werden konnte. 13 Rörig war seit 1925 Mitglied des Vorstands des Hansischen Geschichtsvereins und seit 1935 Schriftleiter der Hansischen Geschichtsblätter und damit der einflussreichste Hanseforscher; seine Person und seine Publikationen sollen deshalb hier besonders untersucht werden.
11 D. Schäfer, Die Deutsche Hanse, Bielefeld / Leipzig 4 1943, 88
12 Vgl.: V. Henn, Wege und Irrwege der Hanseforschung und Hanserezeption in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, in: M. Nikolay-Panter / W. Janssen / W. Her-born (Hrsg.), Geschichtliche Landeskunde der Rheinlande. Regionale Befunde und raumübergreifende Perspektiven (Gedächtnisschrift Georg Droege), Köln / Weimar / Wien 1994, 388-414, 399-405
13 Vgl.: Henn (wie Anm. 12), 407-409
Rörig wurde nach seinem Universitätsstudium (1901-1905, Promotion 1906 mit dem Titel: „Die Entstehung der Landeshoheit des Trierer Erzbischofs“) 15 in Leipzig und Tübingen zunächst als Assistent am Kaiserlichen Bezirksarchiv in Metz tätig (1908-1910) 16 , um anschließend in Göttingen Rechtswissenschaft zu studieren. Hier begann er mit seinen stadtgeschichtlichen Forschungen, die ihn von paläographischen Untersuchungen über den Freiburger Stadtrodel (1911-13) schon bald nach dem Beginn seiner Tätigkeit am Lübecker Staatsarchiv (1911), zur Beschäftigung mit dieser Stadt und ihren Kaufleuten, mithin der Hanse, führten. Sein Interesse erstreckte sich von der Lübecker Ratsverfassung (1915) über den Lübecker Markt (1917/19 bzw. 1921) bis zur Erforschung der Hoheitsrechte in der Lübecker Bucht (1923-28), wodurch er der Stadt zum Erfolg in einer Rechtsstreitigkeit mit Mecklenburg verhalf. Der Berufung als außerordentlicher Professor für Hilfswissenschaften sowie für Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte nach Leipzig im Jahre 1918 folgte schon 1923 die Professur für mittlere und neuere Geschichte in Kiel, die er bis zu seinem Wechsel 1935 an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin innehaben sollte.
In dieser Zeit forschte er über die Gründung mittelalterlicher Städte und über die hinter diesen Initiativen stehenden Personen. Als Hauptkraft hinter den Gründungen erschien ihm das Fernhandel treibende und nach Autonomie strebende deutsche Bürgertum, so dass er für Kolonialstädte den Fachterminus „Gründungsunternehmerstädte“ (Vortrag 1926: „Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts“)
14 Vgl. zu diesem Kapitel: W. Koppe, Fritz Rörig und sein Werk, in: A. v. Brandt / W. Koppe (Hrsg.), Städtewesen und Bürgertum als geschichtliche Kräfte (Gedächtnisschrift Fritz Rörig), Lübeck 1953, 9-24
15 Zu den genauen bibliographischen Angaben der hier genannten Titel vgl.: P. Kaegbein, Fritz-Rörig-Bibliographie, in: A. v. Brandt / W. Koppe (wie Anm. 14), 535-560
16 Ahasver von Brandt charakterisiert ihn als einen nationalistisch eingestellten Forscher, wenn er zu dieser Episode schreibt: „Es wird hoffentlich später eine Zeit kommen, wo man wird darlegen können, welchen Mannesmutes dieser deutsche Historiker fähig war: beginnend mit jenen Wochen im Jahre 1910, wo er die kaum errungene feste Stellung am Kaiserlichen Bezirksarchiv in Metz hinwarf, weil ihm die von oben
Arbeit zitieren:
Christoph Osterholt, 2001, Das Bild der Hanse in der Forschung während des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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