1. Einleitung
Wissenschaft im Allgemeinen ist ein rationales System des Erkenntnisgewinns. Ihre Ergebnisse müssen nachprüfbar sein, müssen über bloße Meinung, Glauben, Erfahrung, Weisheit, Sinnlichkeit oder Gefühl hinausgehen und mit Quellen begründet sein. Geisteswissenschaften haben dabei eine Sonderstellung. Sie müssen, in höherem Grade als andere Bereiche der Forschung, stets die Gratwanderung begehen, auf rationaler Ebene Phänomene zu untersuchen, die sich eben mit Glauben, Gefühlen, Sinnlichkeit und subjektiven Erfahrungen befassen. Dass die Wissenschaftler bei dieser Aufgabe selbst immer wieder mit ihren grundeigenen subjektiven Empfindungen konfrontiert werden ist unausweichlich. Ein altes, beinahe ebenso unausweichliches Problem jedweder Forschung ist es, dass wer nach Beweisen für seine subjektiven Empfindungen sucht, meist auch welche findet. Ein Literaturwissenschaftler, der davon überzeugt ist, Shakespeare habe nur die Hälfte seines Werks selbst geschrieben und den Rest von seinen Geliebten geschenkt bekommen, wird das in komplizierten Arbeiten wissenschaftlich zu untermauern wissen. Genauso wie jener, der Shakespeare alleinverantwortlich für sein großes, weltbedeutendes Werk hält. Diese Arbeit soll und kann nun in keinster Weise beweisen wer in der Koranforschung seinen subjektiven Ideen erlegen ist und diese durch zweifelhafte wissenschaftliche Thesen zu stützen versucht oder wer auf dem hundertprozentig rein objektiv-wissenschaftlichen Weg geblieben ist, dessen tatsächliche Existenz anzweifelswert ist. Sie soll eher im Allgemeinen aufzeigen, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen Forscher kommen können, die dasselbe Werk untersuchen. Wobei bei einigen Beispielen eine eher wissenschaftsferne Motivation zu erkennen sein wird.
Im folgenden Kapitel werden einführend allgemein verbreitete und in den meisten wissenschaftlichen Kreisen als Grundlage anerkannte Informationen zur Geschichte des Korans und seiner Redaktion, sowie ein kleiner Überblick über seine wichtigsten formalen und inhaltlichen Kennzeichen angeführt werden. Kapitel 3 gibt anschließend einen Einblick in die westliche Koranwissenschaft und ihre verschiedenen Ansätze. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf jenen Arbeiten, deren Thesen von den allgemein anerkannten Basisannahmen über die Geschichte und den Inhalt des Koran abweichen. Das vierte Kapitel stellt die Arbeit „Gott ist schön- Das ästhetische Erleben des Koran“ von Navid Kermani und damit eine neue Herangehensweise an das Thema vor.
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2. Allgemeines über den Koran
2.1 Kurze Einführung in Form und Inhalt
Der Islam ist eine monotheistische Religion, deren Grundlage der Koran (qur´an) ist. Dieser ist die Sammlung der vom Propheten Mohammed empfangenen und vor seiner Gemeinde erst in Mekka und dann in Medina verkündeten Offenbarungen Gottes. Das arabische Wort qur´an bedeutet ursprünglich das Vorzutragende oder das zu Rezitierende. Im Koran selbst wird das Wort qur´an an 70 Stellen genannt, wobei die Bedeutung oft variiert. Ist qur´an an manchen Stellen mit kitab (Buch) gleichzusetzen, muss an anderen Stellen qur´an eher als Akt der Rezitation, Akt des lauten Vortragens des Textes übersetzt werden. 1 Der Koran, wie wir ihn heute in Händen halten, ist in 114 Suren (sura pl. suwar) geteilt, die wiederum in Verse ( aya, pl. ayat) unterteilt sind. Die Länge der Suren variiert stark, die kürzeste Sure 108 hat drei Verse, die längste Sure 2 hat 286 Verse. Nach der Eröffnungssure al-Fatiha, die die Gegenwart Gottes erbittet, sind die Suren nicht chronologisch, nach der Reihenfolge der Offenbarung, sondern grob der Länge nach geordnet: von der Längsten bis zur Kürzesten. Aber auch die Verse selbst sind von unterschiedlicher Länge: sie können aus mehreren Zeilen langen Sätzen, aber auch nur aus einem Wort bestehen. Alle Suren haben Nummern (z.B. Sure 48=Surat al-fath) und Namen, die als Gedächtnisstütze beim Auswendiglernen nützlich sind. Jede Sure beginnt mit der berühmten Basmala, dem Ausspruch „bi-smi-llahi rrahmani r-rahim“ (Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers). Formal ist der Koran klar von der altarabischen Dichtung abzugrenzen, bei ihm sind die Verse nicht metrisch gegliedert. Da trotzdem der Reim ein fester Bestandteil der koranischen Sprache ist, spricht man von Reimprosa (sag´). Bei den frühen Suren ist Reimwechsel häufig, bei den späteren medinensischen Suren kommen häufig eigene Reimsätze vor, die den prosaischen Redefluß neu gliedern und so besondere theologische Aussagen unterstreichen. 2 Die koranischen Reime sind unglaublich vielseitig und facettenreich. Inhaltlich behandelt der Koran eine wahre Fülle unterschiedlichster Themen, von beispielhaften Geschichten früherer Propheten und früherer göttlicher Zeichen und Warnungen, über Ermahnungen zu einem gottzugewandten Leben und zur Abkehr vom Polytheismus, bis zu gesetzlichen Regelungen im religiösen so wie im weltlichen
1 vergl. hierzu: Bobzin, Hartmut: Der Koran-Eine Einführung, München 1999, Kapitel 2
2 vergl. hierzu: ders. S.90
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Leben. 3 Der muslimische Glaube ist tief mit der Sprache seiner Offenbarung verwurzelt. Der Koran betont an vielerlei Textstellen seinen arabischen Charakter und die Deutlichkeit und Klarheit seiner Sprache. Viele islamische Korangelehrte sind deshalb gegen jede Übersetzung des Koran, da sein wahrer Wundercharakter nur durch die arabische Sprache übermittelt werden kann. Die sogenannte i´gaz-Lehre ist ein wichtiger Bestandteil der islamischen Koranforschung, sie befasst sich mit der Unnachahmlichkeit des Koran und will beweisen, „daß er gar das in sprachlicher, rhetorischer und literarischer Hinsicht beste Buch schlechthin, ja darüber hinaus im genauen Sinne des Wortes, für alle Individuen und Völker unübertrefflich, und daß eben diese Unübertrefflichkeit ein Beweis -der stärkste Beweis- für die Echtheit der Offenbarung sei.“ 4 Wie bereits erwähnt sind die Suren nicht chronologisch geordnet und bauen so auch nicht inhaltlich aufeinander auf. In den Kreisen der Koranwissenschaftler konnte sich aber grob auf eine Einteilung in mekkanische, also vor der Higra offenbarte Suren, und medinensische, also nach dem Auszug aus Mekka und bereits in einer islamischen Gemeinschaft geoffenbarte Suren, geeinigt werden. In einigen als mekkanisch eingestuften Suren kommen aber teilweise Passagen vor, die wahrscheinlich eher in die medinensische Zeitspanne einzuordnen sind und umgekehrt. Dieses Phänomen ist mit der späten schriftlichen Fixierung des Textes zu begründen. Als Mohammed starb, war das Buch Koran in seiner heutigen Form noch nicht existent. Die Texte wurden in weiten Kreisen der Gläubigen auswendig gekonnt, Niederschriften dienten lediglich als Gedächtnisstützen. Die endgültige Fertigstellung einer Koranausgabe gelang erst unter dem dritten Kalifen Uthman Ibn Affan, der 644 bis 656 regierte. Nach muslimischer Auffassung hatte schon Mohammed eine Sammlung der von einzelnen Gemeindemitgliedern und seinem Sekretär Zaid Ibn Tabit schriftlich fixierten Texte angestrebt, aber bis zu seinem Tode nicht realisieren können. Labib as-Sa´id erklärt das Fehlen einer vollständigen schriftlichen Fixierung des Koran zu Lebzeiten Mohammeds in seiner Arbeit Recited Koran, wie folgt: „Da der Koran seinem Wesen nach das mündlich übermittelte Wort Gottes war, das gehört und im Herzen wiederholt und bewahrt werden sollte, gab es kein Bedürfnis nach einem autoritativen, schriftlichen Text, solange die Muslime [aufgrund der Anwesenheit des Propheten; Anm. v. Navid Kermani] sicher sein konnten, daß ihre Koranrezitation
3 vergl.hierzu: Neuwirth, Angelika: Beiheft zum Hörbuch: Der Koran, herausgegeben v. ders., Berlin
2002
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Neuwirth, Angelika: „Das islamische Dogma der
literaturwissenschaftlicher Sicht“ in: Der Islam 60, 1983, S.166-183
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Arbeit zitieren:
Annika Silja Sesterhenn, 2003, Ansätze und Strömungen der westlichen Koranforschung. Revisionisten contra Neue Ästhetik, München, GRIN Verlag GmbH
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