Friedrich-Schiller-Universität Jena
Textsortenwissen als Texterwartung des Rezipienten zum strategischen Verstehen einer Werbeanzeige
Inhalt
1. Einleitung 1
2. Text- und Textsortenbestimmung 2
S. 2
2.1. Integrativer Textbegriff
S. 5
2.2. Textsortenbegriff
3. Textsortenwissen als der schematische Sinnsteuerungsfaktor 7
4. Textsortenwissen als Texterwartung des Rezipienten zum 9
strategischen Verstehen einer Werbeanzeige
5. Schluss 17
II
1. Einleitung
Gegenstand der Textlinguistik ist die Anwendung und Ausweitung der Kenntnisse der modernen Sprachwissenschaft auf Texte und ihr Funktionieren in der Kommunikation: Die linguistische Textanalyse setzt sich zum Ziel, die Struktur, d. h. den grammatischen und thematischen Aufbau sowie die kommunikative Funktion konkreter Texte transparent zu machen und nachprüfbar darzustellen. Sie kann dadurch Einsichten in die Regelhaftigkeit von Textbildung (Textkonstitution) und Textverstehen (Textrezeption) vermitteln und dazu beitragen, die eigene Textkompetenz zu verbessern, d. h. die Tätigkeit zu fördern, fremde Texte zu verstehen und eigene Texte zu produzieren. 1
Mit anderen Worten, Aufgabe der Textlinguistik ist es, die allgemeinen Bedingungen und Regeln der Textkonstitution systematisch zu beschreiben und ihre Bedeutung für die Textrezeption zu erklären. Was ist ein Text? Welche Kriterien muss ein Text erfüllen und wie werden Texte verstanden? Das sind die zentralen Fragestellungen der Textlinguistik. Daran anschließend ergibt sich die Problematik der Texttypologie, d. h. der Kategorisierung von Texten in bestimmte Textsorten. Die Ansätze für eine Textsortenbestimmung sind dabei, adäquat zu den allgemeinen Bedingungen und Regeln der Textkonstitution, sehr unterschiedlich. Grundsätzlich wird auch in der linguistischen Textsortenlehre in Anlehnung an die Texttheorie zwischen zwei Hauptforschungsrichtungen unterschieden. 2 Der sprachsystematisch ausgerichtete Forschungsansatz versucht aufgrund struktureller, d. h. vor allem grammatischer Merkmale eine Beschreibung und Abgrenzung von Textsorten. Die situativen und kommunikativ-funktionalen Aspekte sind die Kriterien, die der kommunikationsorientierte Forschungsansatz zur Lösung der Textsortenproblematik anwendet.
Unterstellt wird, dass Textrezipienten bzw. Textproduzenten über ein Textsortenwissen verfügen, was vor allem auf stark normierte Textsorten wie Wetterbericht, Kochrezept oder Testament zutrifft. 3 Mit anderen Worten, es ist relativ unproblematisch, den konkreten Text der jeweiligen Textsorte zuzuordnen. Das Ziel der folgenden Arbeit besteht in der exemplarischen Beschreibung des Textverstehensprozess und der Relevanz des Textsortenwissens. Ausgangspunkt für die Untersuchung ist dabei die Annahme, „dass der Text vom Rezipienten nicht mechanisch ins Gedächtnis eingeprägt ist, sondern aktiv durch Zielsetzungen, Vorwissen und Strategien des Rezipienten rekonstruiert werden kann.“ 4 Die
1 Brinker, Klaus: Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 4. Auflage. Berlin: Schmidt, 1997. S. 8.
2 Vgl. Brinker, 1997. S. 131 f.
3 Vgl. Brinker, 1997. S. 131 f.
4 Oh, Jang-Geun: Das strategische Textverstehen. Theoretische Grundlagen, Methode und Anwendung des
1
folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Textrekonstruktion bzw. dem Textverstehensprozess und dahingehend mit dem Einfluss des Textsortenwissens auf die Textverarbeitung des Rezipienten. Der Inhalt der folgenden Kapitel bildet dabei die theoretische Grundlage für die Untersuchung des Textverstehens. Hier soll anhand der zwei Hauptforschungsrichtungen geklärt werden, was in der Textlinguistik unter einem Text und unter einer Textsorte verstanden wird. Daran anschließend werden mit Hilfe der Analyse einer Werbeanzeige die Prozesse des Textverstehens skizziert. Die Analyse soll zeigen, welche Faktoren Einfluss auf das Textverstehen haben und wie Textsortenwissen als Texterwartung insgesamt den Prozess der Textverarbeitung steuert.
2. Text- und Textsortenbestimmung 2.1. Integrativer Textbegriff
Die Literatur über Textlinguistik weist häufig sehr verschiedene Textdefintionen auf, die sich jedoch im Grunde auf zwei Hauptrichtungen zurückführen lassen. Differenziert wird zwischen dem sprachsystematisch ausgerichteten und dem kommunikationsorientierten Ansatz. 5 Untersucht man die alltagssprachliche Verwendung des Wortes Text (Vgl. Wörterbücher der deutschen Gegenwartssprache), stellt man ebenfalls fest, wie unterschiedlich teilweise die Wortbedeutungen sind. Fasst man die diversen Bedeutungen zusammen, ergibt sich jedoch eine Kernbedeutung, die Text als eine schriftlich fixierte sprachliche Einheit beschreibt, die in der Regel mehr als einen Satz umfasst. Diese Definition trägt sehr allgemeinen Charakter und entspricht vordergründig dem in der Textlinguistik verwendeten sprachsystematischen Ansatz, bei dem die Methodik von Satzgrammatiken auf eine so verstandene Textgrammatik übertragen wird. 6 Der Satz gilt als die oberste linguistische Bezugseinheit und die Analyse und Deskription der Struktur des Satzes wird auf den Text übertragen und der Text wird somit als komplexe sprachliche Einheit verstanden, die aus einer Verkettung von Sätzen besteht. Laut Brinker drückt sich darin die Auffassung aus, „dass nicht nur die Wort- und Satzbildung, sondern auch die Textbildung durch das Regelsystem der Sprache gesteuert wird und auf allgemeinen, sprachsystematisch zu erklärenden Gesetzmäßigkeiten gründet.“ 7 Konsequenz dieser Auffassung ist die
strategischen Textverstehens. Diss. Münster: Universität, 2000. S. 2.
5 Vgl. Brinker, 1997. S. 12 ff
6 Vgl. Brinker, 1997. S. 12 ff
7 Brinker, 1997. S. 14
2
Schlussfolgerung, dass ein Text einzig und allein durch den Gebrauch bzw. die Verkettung bestimmter syntaktischer Elemente wie Pronomina zustande kommt. Hauptkritikpunkt am sprachsystematischen Ansatz ist dessen Vernachlässigung der kommunikativen Funktion von Texten. Er berücksichtigt nicht, dass Texte immer in eine Kommunikationssituation eingebettet sind bzw. in einem konkreten Kommunikationsprozess stehen, in dem Sprecher und Hörer bzw. Autor und Leser mit ihren sozialen und situativen Voraussetzungen und Beziehungen die wichtigsten Faktoren darstellen. 8 Deshalb stützt sich der kommunikationsorientierte Ansatz vor allem auf die innerhalb der angelsächsischen Sprachphilosophie entwickelte Sprechakttheorie von Austin und Searle. Unter sprechakt-theoretischer Perspektive wird der Text nicht mehr bloß als grammatisch verknüpfte Satzfolge, sondern als komplexe sprachliche Handlung, mit der der Sprecher oder Schreiber eine bestimmte kommunikative Beziehung zum Hörer oder Leser herzustellen versucht, verstanden.
Die kommunikationsorientierte Textlinguistik fragt also nach den Zwecken, zu denen Texte in Kommunikationssituationen eingesetzt werden können und auch tatsächlich eingesetzt werden; kurz: sie untersucht die kommunikative Funktion von Texten. Die kommunikative Funktion legt den Handlungscharakter fest; sie bezeichnet […] die Art des kommunikativen Kontakts, die der Emittent (d.h. der Sprecher oder Schreiber) mit dem Text dem Rezipienten gegenüber zum Ausdruck bringt (z.B. informierend oder appellierend); erst sie verleiht dem Text also einen bestimmten kommunikativen ‚Sinn’. 9
Nach kommunikationsorientiertem Ansatz stellen Texte eine sprachliche Handlung dar, die eine bestimmte kommunikative Funktion (Informationsfunktion, Appellfunktion, Obligationsfunktion, Kontaktfunktion und Deklarationsfunktion) 10 erfüllt. Dies wiederum impliziert, dass Textproduktion intentional gesteuert ist. Die Standpunkte des sprachsystematischen und kommunikationsorientierten Forschungsansatzes sind jedoch nicht als alternativ sondern als komplementär und integrativ zu betrachten.
Brinker konstatiert, dass eine adäquate linguistische Textanalyse die Berücksichtigung beider Forschungsrichtungen erfordert, wobei der kommunikationsorientierte Ansatz die theoretischmethodische Bezugsgrundlage bilden muss. Deshalb bildet Brinker folgende Textdefinition: Der Terminus ‚Text’ bezeichnet eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert. 11
Die sprachliche Ebene ist somit in die kommunikative Ebene integriert, denn erst die kommunikative Intention forciert die Verwendung der sprachlichen Zeichen. Bei den
8 Vgl. Brinker, 1997. S. 15.
9 Brinker, 1997. S. 15.
10 Vgl. Brinker, 1997. S. 104 ff.
11 Brinker, 1997. S.17.
3
Arbeit zitieren:
Mag. Medienwissenschaft Holger Koch, 2003, Textsortenwissen als Texterwartung des Rezipienten zum strategischen Verstehen einer Werbeanzeige, München, GRIN Verlag GmbH
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