Inhalt
1. Einleitung 4
1.1 Stand der Forschung zum Autor 4
1.2 Problem des Begriffs Feuilleton 6
1.2.1 Versuch einer Definition 6
1.2.2. Stand der Forschung zum Feuilleton 9
1.3 Medientheoretische Vorüberlegungen 10
2. Medien und Beschleunigung 13
2.1 Sechstagerennen 16
3. „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ 20
Einzelmedien in Polgars Feuilletons
3.1 Die Schreibmaschine 22
3.2 Plakate / In der Telephonzelle 26
3.3 Aus Aufzeichnungen eines Radiohörers 28
3.4 Film / Das Drama im Kinematographen 29
4. Vom Sinn zu den Sinnen: Körper und Medien 32
4.1 Der Sandwichmann 34
4.2 Girls 36
4.3 Einsamkeit 38
4.4 Der Mensch 40
4.5 Der verhungerte Dichter 41
4.6 Die Uniform 45
5. „The medium is the message“ - Feuilletons über das 44
„Medium“ Feuilleton
5.1 Theorie des Café Central 46
5.2 Die kleine Form / Ich kann keine Romane lesen 48
5.3 Georges de la Fouchardière 50
5.4 Wie sich die Schriftsteller helfen könnten 53
6. Fazit 54
7. Literaturverzeichnis 56
7.1 Primärliteratur 56
7.2 Sekundärliteratur 56
4
1. Einleitung
1.1 Stand der Forschung zum Autor
„Er zielte auf den Tag und traf die Epoche“ 1 , seine Feuilletons bezeichnete er selbst als „Seifenblasen mit Projektilwirkung“ 2 . In der folgenden Arbeit werde ich mich mit Alfred Polgars Kurzprosa beschäftigen. Hier besteht meiner Meinung nach Forschungsbedarf, denn obschon sein Name im Zusammenhang mit dem Feuilleton immer wieder hervorgehoben wird 3 , wurden nicht viele Arbeiten zu seinen Feuilletons veröffentlicht. Zwar existieren einige Arbeiten zu Polgars Theater-, Film- und Opernkritiken sowie Buchrezensionen, die Arbeiten zur Kurzprosa Polgars jedoch sind zumeist eher oberflächlich oder hauptsächlich biographisch. 4 Oft steht auch nur seine Beziehung zu anderen Literaten im Vordergrund, beispielsweise Peter Altenberg oder Karl Kraus. 5 Das Problem der wenigen umfangreicheren Arbeiten zu seiner Kurzprosa besteht zum Teil in der Qualität 6 , oder darin, dass sie sich nur auf die Person Polgars konzentrieren, den Begriff des Feuilletons aber völlig ausklammern und zum Teil methodisch und strukturell etwas undurchschaubar wirken. 7 Das mag jedoch an der Forschungssituation selbst liegen, zunächst war es wohl notwendig, einiges statistisches Material überblicksweise zusammenzustellen. 8
Ruth Greuner: Gegenspieler. Profile linksbürgerlicher Publizisten aus Kaiserreich und Weimarer 1
Republik. Berlin 1969, S. 128
Alfred Polgar: Kleine Schriften. (Hrsg. Marcel Reich-Ranicki in Zusammenarbeit m. Ulrich Weinzierl) 2
4 Bde. Reinbek bei Hamburg 1982-84, Bd. IV, S. 285. Im Folgenden werden Texte aus diesem Werk zitiert als: Polgar Bd. I-IV, S.
Nicht nur Peter Utz stellt Polgar in eine Reihe mit Auburtin, Kerr, Kisch, Kracauer, Roth und 3
Tucholsky. Peter Utz: Tanz auf den Rändern. Frankfurt a. M. 1998, S. 307 In fast jeder umfangreicheren Arbeit zum Feuilleton oder Feuilletonsammlung wird Polgar erwähnt. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Ulrich Weinzierl: Er war Zeuge. Alfred Polgar - Ein Leben zwischen 4
Publizistik und Literatur. Wien 1978. Das Problem bei Weinzierl ist die ständige Vermischung von Werk und Leben Polgars. Die merkwürdige Begründung Weinzierls hierfür lautet: „Wir besitzen von ihm kein repräsentatives Einzelwerk, das für sich genommen den Anspruch erheben könnte, losgelöst von der Person des Schreibers betrachtet zu werden.“ S. 44 Beispielsweise Nienhaus verfährt so. Stefan Nienhaus: Das Prosagedicht im Wien der 5
Jahrhundertwende. Altenberg - Hofmannsthal - Polgar. Berlin, New York 1986 Der Qualität von Philippoffs Arbeit mögen folgende Zitate Ausdruck verleihen: „Polgar wußte und 6
wollte sich Moralist“ (S. 1), oder: „... haben zu Polgars Berufung als Glossar (!) seiner Zeit ...“ (S .1), zudem gibt es keine Einleitung, in der das Konzept oder die Struktur der Arbeit dargelegt würden. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Tatsache, dass die Autorin den Begriff ’Feuilleton‘ einfach verwendet, ohne die Problematik desselben darzulegen oder ihn irgendwo definiert zu haben. Sie verwendet den Begriff, als sei er völlig abgrenzbar und klar unterscheidbar von den Begriffen „Glosse“, „Skizze“, „Streiflicht“ etc. In: Eva Philippoff: Alfred Polgar. Ein moralischer Chronist seiner Zeit. München 1980 Hier wäre die Dissertation Bohns zu nennen: Volker Bohn: Kritische Erzählungen. Zur Prosa Alfred 7
Polgars. Frankfurt a. M. 1978
Dies leisten beispielsweise die Dissertation von Rainer Schwedler und Ulrich Weinzierl: Rainer 8
Schwedler: Das Werk Alfred Polgars. Die Spiegelung der politischen und sozialen Realität in der Kurzprosa des Wiener Feuilletonisten. Hamburg 1973 und Weinzierl 1978
5
Viele kürzere Texte zu Polgars Werk in Gesamtdarstellungen, Sammelbänden o. Ä. können nur unter Vorbehalten Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben. 9 Es handelt sich hierbei eher um Äußerungen von Zeitgenossen und die mehr feuilletonistischen Rückblicke auf die Literatur in der Zeit zwischen den Weltkriegen.
Zum Beispiel das Nachwort „Alfred Polgar - Meister der kleinen Form.“ von Lestiboudois in: Herbert
9
Lestiboudois: Literarische Miniaturen. Bilder, Köpfe und Glossen. Hamburg 1951
6
1.2 Problem des Begriffs Feuilleton
Der Begriff Feuilleton, den ich hier verwende, um Polgars Kurzprosa zu benennen, ist vielfältig und seine Definition umstritten. Deshalb möchte ich zunächst versuchen, den Begriff, wie ich ihn in dieser Arbeit verwenden werde, zu definieren und dabei auch kurz auf den Stand der Forschung zu dem Thema eingehen.
„Es stößt auf erhebliche Schwierigkeiten, [!] will man bei der Vielfalt der Erzählungen Polgars einen einzigen Begriff benutzen, unter den die mannigfachen Erscheinungen zu fassen wären. Von der Sekundärliteratur sowie von Polgar selbst werden zahlreiche Begriffe angeboten, darunter Novelle, Erzählung, Kurzgeschichte, Essay, Notizen, Glossen, short story, Geschichten u. a. Vom Systematischen her gesehen liegen die verwendeten Begriffe jedoch nicht auf einer Ebene. Hinzu kommt, daß sich die meisten der Begriffe einer klaren Definition entziehen. [...] Mit geringen Einschränkungen läßt sich sagen, daß Polgars erzählende Schriften dem Feuilletonismus zugerechnet werden können, so daß durch den Begriff Feuilleton ein großer Teil der Arbeiten Polgars charakterisiert wird.“ 10
1.2.1 Versuch einer Definition
Wenn hier der Versuch unternommen wird, sich dem Begriff des Feuilletons zu nähern und die Frage nach seiner generischen Verortung als Textsorte gestellt wird, sei an dieser Stelle vorausgeschickt, dass sowohl der Versuch, der Textsorte endgültig definitorisch beizukommen, als auch grundlegende Problemstellungen der literaturwissenschaftlichen Gattungstheorie aufzulösen, den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Sichtet man Lexika und Artikel zum Begriff Feuilleton, lässt sich zunächst einmal feststellen, dass der Begriff das Ressort einer Tages- oder Wochenzeitung bezeichnet, dessen Ursprünge auf das Journal des Débats zurückgehen, ein Annoncen-Beiblatt, dem der Raum unter einem horizontalen Querstrich in der Zeitung folgte, in dem Annoncen, Mitteilungen, Rätsel oder politische und literarische Kommentare abgedruckt wurden, hauptsächlich Pariser Theaterberichterstattung. 11 Die zweite Bedeutung des Begriffs „Feuilleton“ ist die einer subjektiv gehaltenen Textgattung, der so genannten „kleinen Form“ 12 . Weiterhin wird der Begriff auch verwendet, um eine ’journalistische Haltung‘ zu bezeichnen und den daraus
Schwedler 1973, S. 55 10
Ich werde hier aus Platzgründen auf eine ausführlichere Darstellung der Geschichte des Feuilletons 11
verzichten, zumal dies schon beispielsweise Almut Todorow ausgezeichnet geleistet hat. Almut Todorow: Das Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“ in der Weimarer Republik. Zur Grundlegung einer rhetorischen Medienforschung. Tübingen 1996 (im Folgenden zitiert als: „Todorow 1996a“), S. 9-45 und dies.: „Feuilleton“ In: Gerd Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen 1992, S. 259-265.
Alfred Polgar prägte diesen Begriff in: „Die kleine Form“, einem Text, der in Kapitel 5 noch 12 untersucht werden wird.
7
abgeleiteten Feuilletonismus, den eine subjektiv persönliche Form der Darstellung kennzeichnet. 13 Im Folgenden werde ich mich auf die zweite Bedeutung, die des Feuilletons als Prosa-Genre, beziehen. 14
„In ihm [dem Feuilleton; P.W.] verfeinern sich während des 19. Jahrhunderts ältere, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Formtraditionen zu einer eigenen im deutschsprachigen Raum vor allem in Wien, später auch in den Berliner, Frankfurter und Prager Zeitungen gepflegten Gattung, die sich im Idealfall durch Leichtigkeit, elegante Beiläufigkeit, Impressionismus und Sprachraffinement auszeichnet. Die zwanziger Jahre führen das Feuilleton zu einem Höhepunkt seiner Bedeutung. Immer umfangreichere Vermittlungsaufgaben [Hervorhebung P. W.] des Feuilletons im Kulturmarkt ziehen weitere Ausgliederungen von einzelnen Gebieten in eigene Sparten und Beilagen nach sich [...] Vor allem in den großen liberalen Blättern der Weimarer Republik [...] und in den Wiener und Prager Tageszeitungen entfaltet sich der gesellschaftliche und kulturräsonnierende Diskurs.“ 15
Hiermit hat Todorow das Feuilleton schon treffend charakterisiert. Es fällt auf, dass sie dies nicht nur über formale Gattungsmerkmale, sondern auch über die „Aufgabe“ und die diskursive Funktion des Feuilletons vornimmt, die es im Gegensatz zu anderen literarischen Gattungen zu konstituieren scheinen. Kai Kauffmann beklagt in „Zur derzeitigen Situation der Feuilletonforschung“ in dem Band Die lange Geschichte der kleinen Form, dass der Begriff des Feuilletons problematisch sei: 16 „Häufig ist bereits die Abgrenzung der Zeitungsteile und Textsorten extrem schwer, wenn nicht unmöglich.“ Wie Todorow betont auch Kauffmann den diskursiven Charakter des Feuilletons: „Das Feuilleton selbst muß als ein Ort der Vermittlung untersucht werden, an dem sich Literatur, Publizistik, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wechselseitig durchdringen“. 17 Oder: „Für das Genre des Feuilletons ist konstitutiv, daß sich die Texte auf viele Kontexte beziehen, die zusammen den aktuellen Diskurs der Öffentlichkeit bilden.“ 18 Wilmont Haacke, ein Vertreter der älteren Zeitungswissenschaft, definiert Feuilleton folgendermaßen:
Diese drei Bedeutungen des Begriffs erwähnt Todorow in Anlehnung an Dovifat und Wilke: Todorow 13
1992, S. 259. Auch Wilmont Haacke benutzt eine verwirrende Fülle von Feuilletondefinitionen in seinem Handbuch des Feuilletons. 3 Bde., Emsdetten 1951, Bd. 2, Kap. VI.
Schwedler 1973, S. 56: Er bezeichnet das Feuilleton nur lapidar als kurzes, in sich abgeschlossenes 14
Prosastück; zu Polgars Feuilleton schreibt er: „Das Feuilleton bei Polgar [...] ist ein kurzer Prosatext, bei dem großer Wert auf prägnante Formulierung gelegt wird. Gefordert ist Witz im Sprachlichen wie in der Argumentation, wobei das Sujet in seiner Bedeutung zurücktreten kann hinter dem Wunsch, geistreiche Unterhaltung zu bieten. Die Kunst der Pointe bestimmt weitgehend die Komposition. Der spielerische Charakter schließt jedoch nicht aus, daß der Text auf das Wecken kritischen Bewußtseins des Lesers zielt. Das scheinbar leichthin Gesagte entbehrt nicht des Didaktischen; hinter Ironie, Spott und Satire gibt sich der Feuilletonist als Moralist zu erkennen.“, Schwedler 1973, S. 64 Todorow 1996a, S. 12 15
Kai Kauffmann: „Zur derzeitigen Situation der Feuilleton-Forschung“. In: Kai Kauffmann; Erhard 16
Schütz (Hrsg.): Die lange Geschichte der kleinen Form. Beiträge zur Feuilletonforschung. Berlin 2000, S. 13 Ebd., S. 12 17 Ebd., S. 16 18
8
„Ein Feuilleton ist ein Stück sauberer, gehobener und ansprechender Prosa, in welchem ein dichterisches Erlebnis mit literarischen Mitteln bei Innehaltung journalistischer Kürze unter Hinzufügung einer philosophischen Unterbauung oder Auslegung zu moralischer Perspektive, gehalten in einer betont persönlichen Schilderung, welche jedoch Nachempfindbarkeit für die Allgemeinheit nicht schwächt, sondern hebt, so dargestellt wird, daß sich Alltäglichstes mit Ewigem darin harmonisch und erfreuend verbinden.“ 19
Meunier und Jessen hingegen betonen den Charakter des „Plaudertons“ und die „Inhaltslosigkeit“ der Gattung:
„Das Feuilleton als Kunststil ist die Form, die sich, im Gegensatz zu der logischen Aneinanderreihung von Sätzen, wie sie in der typischen Gelehrtenprosa üblich ist - dem Plauderton annähert und Wesentliches und Unwesentliches geistreich vermengt.“ 20 Kennzeichen der „feuilletonistischen Darstellungsweise“ sind laut Knobloch „die besonders bildhafte Sprache“, „der leichte, plaudernde Ton“, „ungewöhnliche Wortbildungen“, überraschende Wendungen“, „anschauliche Vergleiche“ und „humoristische oder satirische Elemente“. 21 Diese Diskrepanz zwischen „gehobener und ansprechender Prosa“ und Inhaltslosigkeit sowie das daraus resultierende ambivalente Selbstbild der Feuilletonisten werden im Verlauf dieser Arbeit noch aufgegriffen.
Wilmont Haacke: Feuilletonkunde. Das Feuilleton als literarische und journalistische Gattung. 2 Bde. 19
Leipzig 1943-44, Bd. 2, S. 561
Ernst Meunier, Hans Jessen: Das deutsche Feuilleton. Ein Beitrag zur Zeitungskunde. Berlin 1931, 20 S. 7f
Heinz Knobloch: Vom Wesen des Feuilletons. Halle 1962, S. 29 21
9
1.2.2 Stand der Forschung zum Feuilleton
An der Forschungsliteratur ist zu kritisieren, dass sie vielfach überaltet, zudem häufig antisemitisch gefärbt ist 22 , und nach dem zweiten Weltkrieg - ähnlich dem Feuilleton selbst - nicht wieder in der vorherigen Intensität aufgenommen wurde, bzw. erst sehr verspätet. 23
Besonders die Literaturwissenschaft vernachlässigt bis heute den Bereich Feuilleton, hier vor allem „die tatsächlichen und häufig sehr engen Beziehungen zwischen Literaturproduzenten und Presse“. 24
Jedoch lassen sich schon Fortschritte verzeichnen: Hildegard Kernmayer hat beispielsweise mit ihrer Arbeit Judentum im Wiener Feuilleton und ihrem kulturwissenschaftlich bzw. diskursanalytisch gefärbten Verfahren einiges zur Erhellung der Zusammenhänge zwischen den Diskursen ’Judentum’, ’Moderne’ und ’Feuilleton‘ beigetragen. 25 Ebenfalls zu erwähnen ist Nöllkes Daniel Spitzers Wiener Spaziergänge. 26 Er verwendet ebenfalls ein diskursanalytisches Verfahren, um Spitzers Feuilletons literaturwissenschaftlich zu untersuchen. Peter Utz widmet einen größeren Abschnitt Robert Walsers Feuilletons in seinem Band Tanz auf den Rändern. 27 Todorow untersucht das Feuilleton der Frankfurter Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik. 28 Auch mit der Gattung des Feuilletons und dem Stand der Feuilletonforschung beschäftigt sie sich in einem größeren Teil der Arbeit, ebenso wie Jäger, Kauffmann und Schütz in Die lange Geschichte der kleinen Form. 29 So beginnt sich die Forschungslücke, die Kernmayer und Jäger (1988) noch beklagen, doch langsam zu schließen.
Hauptsächlich Wilmont Haacke, Walther Heide, Emil Dovifat. Vgl. Georg Jäger: „Das 22
Zeitungsfeuilleton als literaturwissenschaftliche Quelle. Probleme und Perspektiven seiner Erschließung.“ In: Wolfgang Martens (Hrsg.): Bibliographische Probleme im Zeichen eines erweiterten Literaturbegriffs. Weinheim 1988, S. 66; Haacke beispielsweise nennt das dritte Kapitel in seinem zweibändigen Werk Feuilletonkunde „Die Ausmerzung des Judentums aus dem deutschen Feuilleton“. Haacke 1943-44
Dies beklagen unter anderem Todorow 1996a, S. 3 und Jäger 1988, S. 53-71 23
Todorow 1992, S. 263; Auch Kernmayer kritisiert das mangelnde Interesse an Feuilleton als 24
literarisches Genre: „Als Genre zwischen Literatur und Berichterstattung angesiedelt, gebunden an den Ort seines ersten Erscheinens [...] dürfte das Feuilleton als Untersuchungsgegenstand der Aufmerksamkeit der Literaturtheorie entgangen sein.“ Hildegard Kernmayer: Judentum im Wiener Feuilleton (1848-1903). Exemplarische Untersuchungen zum literarästhetischen und politischen Diskurs der Moderne. Tübingen 1998, S. 16 Kernmayer 1998 25
Matthias Nöllke: Daniel Spitzers „Wiener Spaziergänge“. Liberales Feuilleton im Zeitungskontext. 26 Frankfurt a. M. 1994 Utz 1998 27 Todorow 1996a 28 Kauffmann; Schütz 2000 29
10
1.3 Medientheoretische Vorüberlegungen
Warum nun sollten Alfred Polgars Feuilletons ausgerechnet auf medientheoretische Aspekte hin untersucht werden? Darauf gibt es zunächst einmal eine ganz banale Antwort: Weil viele seiner Feuilletons Medien zum Thema haben (z. B. „Film“, „Aus Aufzeichnungen eines Radiohörers“, „Das Drama im Kinematographen“, „Die Schreibmaschine“ etc.). Selbst die Texte, die nicht explizit Medientheoretisches verhandeln, weisen oft noch Spuren eines „Mediendiskurses“ auf. Das Reflektieren über Medien zu einer Zeit, in der der Begriff selbst noch gar nicht gebräuchlich war, ist typisch für die Gattung des Feuilletons. Medientheoretische Fragen tauchen schon bei Georg Simmel, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und später Bertolt Brecht auf. 30 Polgar hat zwar nicht explizit eine Medien-„Theorie“ entwickelt, nichtsdestotrotz lassen sich seine Feuilletons unter diesem Aspekt noch einmal neu lesen und sich in seinen Texten Spuren eines Mediendiskurses finden.
Medium [lat.] bedeutet zunächst einmal „Mittel, Vermittelndes“. 31 Verschiedene Probleme ergeben sich, will man den Begriff „Medien“ bzw. „Medium“ definieren:
„Ein enger Begriff von Medien, wie etwa die Konzentration auf Kanäle der Kommunikation schlösse zwangsläufig viele Ansätze, die wenigstens in Teilbereichen als medienwissenschaftliche Konzepte anerkannt sind, aus und umgekehrt machte ein weiter Medienbegriff wie der McLuhans, würde er ernstlich verfolgt, kaum Sinn, da dann Medienwissenschaften sich zu einer Universaldisziplin emporschwängen, die kaum mehr mit einiger Aussicht auf Erfolg zu betreiben wäre. Es kann also nur bedingt mit Vorgaben wie denen einer Definition des Begriffs operiert werden, sondern es muss vielmehr von einem medienwissenschaftlichen Diskurs ausgegangen werden, der sich sukzessive in den Medienwissenschaften herausgebildet hat.“ [Hervorhebung P.W.] 32 Auch Schanze bemerkt in seinem Lexikon Medientheorie / Medienwissenschaft: „Im Rahmen der Begriffsentwicklung sind unterschiedliche M.begriffe zu bestimmen, die das Begriffsfeld unscharf erscheinen lassen.“ 33
Ich werde mich in meiner Arbeit hauptsächlich auf Friedrich Kittler beziehen und auf Jochen Hörisch, der mit Der Sinn und die Sinne eine Art Mediengeschichte erarbeitet hat. Wer sich mit Medientheorie beschäftigt, kommt auch nicht umhin, sich
Tatsächlich wird Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
30
Reproduzierbarkeit“ als einer der Gründungstexte der Medientheorie gesehen. (Vgl. Helmut Schanze: Metzler Lexikon Medientheorie / Medienwissenschaft. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Stuttgart, Weimar 2002. S. 201) Walter Benjamin: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ In: Derselbe: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. 11. Aufl., Frankfurt a. M. 1979, S. 7-44; Von Brecht z. B.: Bertolt Brecht: „Radio - Eine vorsintflutliche Erfindung?“ oder Derselbe: „Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. beide in: Derselbe: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, Frankfurt a. M. 1990, S. 119-121 und S. 127-134. Siegfried Kracauer: Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit. 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1993 Rainer Leschke: Einführung in die Medientheorie. München 2003, S. 10 31 Ebd., S. 11 32 Schanze 2002, S. 200 33
11
mit McLuhan zu befassen, da sein Werk The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man neben Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit als einer der „Gründungstexte“ zum Thema angesehen wird. Es muss einschränkend gesagt werden, dass alle genannten theoretischen ‚Grundsätze‘ des Kittlerschen Unternehmens als Annäherungen verstanden werden müssen, da in seinen Schriften die Theorie im praktischen Umgang mit dem Material aufgeht und programmatische Aussagen rar sind. „Medium“ wird hier einmal generell als Vermittler von Kommunikation (Speicherung und Übertragung von Information) gesehen. Technik wird aber auch generell als Medium angesehen und ins Verhältnis gesetzt zum menschlichen Körper.
Die Kapitel dieser Arbeit sollen in folgender Weise aufeinander aufbauen: Warum gerade in den Jahren von ca. 1900-1930 der Mediendiskurs und eine veränderte Körperdarstellung in die Feuilletons Eingang findet, könnte man mit Kittler erklären, der verschiedene „Aufschreibesysteme“ entdeckt zu haben glaubt. 34 Demnach würde sich gerade ein neues „Aufschreibesystem“, nämlich das von 1900, herausgebildet haben. Kapitel zwei führt somit in das Thema ein und eine Beschleunigung des Alltags, ausgelöst durch neue Medien, soll nachvollzogen und eine Veränderung der Wahrnehmung hier schon angedeutet werden. Nach dieser kurzen Einführung sollen im dritten Kapitel einige Feuilletons Polgars vorgestellt werden, in denen einzelne Medien explizit Thema sind, wie beispielsweise die Schreibmaschine, das Radio oder der Film. Hiermit möchte ich zeigen, wie technische Neuerungen und Medien Eingang in die Literatur finden und untersuchen, wie Polgar hiermit verfährt.
Ähnlich Kittler glaubt auch McLuhan, dass genau zu dieser Zeit mit den „neuen“ Medien (Photographie, Phonographie, Film etc.) das „Ende des Buch-Zeitalters“ bzw. der „Gutenberg-Galaxis“ erreicht sei. 35 Diese relativ plakative These hat einen komplexeren Hintergrund, als man zunächst vermuten mag. Die Tatsache, dass nicht mehr „nur“ gelesen wird, oder das gedruckte Wort das ‚Leitmedium‘ ist, führt dazu, dass die Sinne wieder mehr in den Blick rücken. Auch Hörisch erläutert dieses
„Das Wort Aufschreibesystem [...] kann auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen 34
bezeichnen, die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben.“ Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800 - 1900. 3., vollst. überarb. Aufl., München 1995, S. 519
Marshall McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters. Bonn, Paris u. a. 1995 35
12
Phänomen in Der Sinn und die Sinne. 36 Wie Medien die Wahrnehmung verändern, wird also in diesem Kapitel weiter ausgeführt. Es lässt sich schließlich fragen, ob ein Zusammenhang besteht zwischen Mediendiskurs und der Rückkehr der Körperlichkeit. 37 Dies könnte als Folge der neuen Wahrnehmung, wie im dritten Kapitel bereits angedeutet wird, gesehen werden. Sogar der Standpunkt, dass der Körper selbst als Medium gesehen werden kann wird z. B. von Wenzel vertreten. 38 McLuhans Definition, nach der Medien „Ausweitungen“ des Körpers sind, demnach fast alles ein Medium sein kann, kommt dem sehr nahe. Dies ist jedoch eine sehr radikale Sichtweise, die dazu führen kann, dass die Untersuchung von Medien uferlos wird, deshalb möchte ich mit dieser Aussage lieber vorsichtig sein. Oft wurde diese Uferlosigkeit oder mangelnde Wissenschaftlichkeit als ein Schwachpunkt von McLuhans Ansatz gesehen, doch darf man nicht vergessen, dass er für die Medientheorie „Pionierarbeit“ geleistet hat, neue Denkanstöße gab und damit anderen den Weg bereitet hat, und unter diesem Blickwinkel sollte man seine Arbeit betrachten. Bei aller Vorsicht und Zurückhaltung lässt sich aber ein Zusammenhang von Medien und der Darstellungsweise des Körpers nicht leugnen und diesen möchte ich versuchen, aus Polgars Feuilletons herauszulesen. Aus dem Erklärungsversuch aus Kapitel drei resultiert schließlich der Zusammenhang zwischen Medien und Körper, dem ich mich in Kapitel vier zuwenden werde, wobei ich mich immer noch hauptsächlich auf Kittler und Hörisch beziehe.
Die veränderte Wahrnehmung, die Ausdruck im Bild der Beschleunigung findet, hat auch Auswirkungen auf die Sprache, die Literatur und die Form der Literatur. So sollte sich der Kreis, zwischen Kapitel zwei und fünf hier schließen. Ich werde in meiner Arbeit versuchen, Polgars Texte unter einem mehr medientheoretischen Aspekt neu zu lesen. Denn auf Polgar bezogen hat niemand bis jetzt die neueren Tendenzen in der literaturwissenschaftlichen Diskussion über Medien gewürdigt, eher bezog man sich auf Zeitgenossen wie Kracauer und Benjamin.
Jochen Hörisch: Der Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der Medien. Frankfurt a. M. 2001. Eine 36
knappe Darstellung dazu findet sich auch bei Jochen Hörisch: „Einleitung“. In: Peter Ludes: Einführung in die Medienwissenschaft. Entwicklungen und Theorien. Berlin 1998, S. 11-32 Zur Rückkehr der Körperlichkeit vgl.: Dietmar Kamper, Christoph Wulf: „Die Parabel der Wiederkehr. 37
Zur Einführung.“ In: Dies. (Hrsg.): Die Wiederkehr des Körpers. Frankfurt am Main 1982, S. 9-21 und Claudia Benthien: Im Leibe wohnen. Literarische Imagologie und historische Anthropologie der Haut. Berlin 1998, S. 10
Horst Wenzel: „Medien- und Kommunikationstheorie. a) Ältere deutsche Literatur.“ In: Benthien, 38
Claudia; Velten, Hans Rudolf (Hrsg.): Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Reinbek bei Hamburg 2002, S. 129
Arbeit zitieren:
M.A. Pia Witzel, 2004, Das Feuilleton Alfred Polgars unter besonderer Berücksichtigung des Mediendiskurses, München, GRIN Verlag GmbH
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