Inhalt
A. Der literarische Erinnerungsdiskurs während der Franco-Diktatur 3
B. Die Aufarbeitung von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur: 5
Die „Memoria-Literatur“ in der spanischen Gegenwartsliteratur
unter besonderer Berücksichtigung des exemplarischen Werkes
La larga marcha von Rafael Chirbes
I. Die „Memoria-Literatur“ in der spanischen Gegenwartsliteratur 5
1. Begriffsklärung 5
2. Boom der „Memoria-Literatur“ seit Beginn der 90er Jahre 6
II. La larga marcha von Rafael Chirbes (1996) 10
1. Biographie des Autors 10
2. Aufbau und Inhalt 11
a. El ejército del Ebro- Darstellung der Bürgerkriegsgeneration 12
b. La joven guardia - Darstellung der 68er-Generation 17
3. Intention des Autors - „Literatur als Ort des Erinnerns“ 19
C. Bewertungsproblematik aufgrund der Kommerzialisierung des 20
Literaturbetriebs
D Bibliographie 21
A. Der literarische Erinnerungsdiskurs während der Franco-Diktatur
Nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs ist die erinnerungspolitische Situation gekennzeichnet von der gesellschaftlichen Zweiteilung in Sieger und Verlierer, wobei für Letztere keine Möglichkeit besteht, sich am öffentlichen Erinnerungsdiskurs zu beteiligen. 1 Diese Situation spiegelt sich auch in der Literatur wieder, denn einerseits werden die Werke profranquistischer Autoren staatlich gefördert und zu Propagandazwecken genutzt. Vor allem durch die nach der Machtübernahme einseitige und ideologisch aufgeladene Darstellung des Bürgerkriegs leistet die Literatur der Sieger einen großen Beitrag zur „triumphalistischen Erinnerungspolitik des Regimes“ 2 , wie zum Beispiel der von Franco unter einem Pseudonym veröffentlichte Roman Raza.
Andererseits besteht für die Verlierer in Spanien selbst nicht die Möglichkeit, ihre Bürgerkriegserfahrungen offen zur Sprache zu bringen. Grund dafür ist neben dem Ausschluss aus dem offiziellen Erinnerungsdiskurs auch die strenge Zensur, die regimekritische und oppositionelle Werke verbietet. Deswegen kann eine Bürgerkriegsliteratur aus republikanischer Sicht nur im Exil entstehen. Infolgedessen verlassen viele Autoren ihre Heimat, um literarisch aktiv sein zu können. 3 Interessant sind in dieser Hinsicht auch die „Zensurumgehungstechniken“ einiger Autoren, die ungefähr ab Mitte der 60er Jahre angewendet werden. Diese Schriftsteller sind weder dazu bereit Spanien zu verlassen noch sich der Zensur zu beugen. Deswegen veröffentlichen sie ihre Botschaft in verschlüsselter Form, wie beispielsweise Manuel Delibes in seinem Roman Cinco horas con Mario (1966). 4
Der allmähliche Generationenwechsel im Laufe der 50er Jahre hat auch Auswirkungen auf die Literatur, denn nun berichten verstärkt die Autoren von ihren Erlebnissen, die während des Bürgerkriegs noch Kinder oder Jugendliche waren. Charakteristisch für diese Werke ist, dass die ideologische Spaltung Spaniens in den Hintergrund rückt und vor allem die mit dem Krieg in Verbindung stehenden psychologischen Probleme thematisiert werden. 5
Einige spanische Autoren sind zudem um mehr Objektivität und Vollständigkeit bei der literarischen Darstellung des Bürgerkriegs bemüht, was auch dem Wunsch vieler Leser
1 Vgl. Suntrup-Andersen, Elisabeth, Hacer Memoria. Der Bürgerkrieg in der Literatur der Nachgebore-
nen, München 2008, S. 47.
2 Suntrup-Andersen, Hacer Memoria, S. 49.
3 Vgl. Suntrup-Andersen, Hacer Memoria, S. 52f.
4 Vgl. Neuschäfer, Hans-Jörg (Hrsg.), Spanische Literaturgeschichte, Stuttgart 3 2006, S. 377.
5 Vgl. Suntrup-Andersen, Hacer Memoria, S.59.
3
entspricht. Dem kommt zum Beispiel der Roman Los cipreses creen en Diós (1953) von José María Gironella nach, der zu einem wahren Beststeller geworden ist. Im Gegensatz dazu wurden seine Romane von ultrarechten Autoren abgelehnt, was die Schwierigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Bürgerkrieg nochmals verdeutlicht. 6 Erst das Ende der Diktatur und die damit verbundene Aufhebung der Zensur bedeuten für den literarischen Erinnerungsdiskurs einen tiefen Einschnitt. Denn endlich kann der Bürgerkrieg aus republikanischer Perspektive unverschlüsselt zur Sprache gebracht und bisher in Spanien verbotene und im Ausland erschienene Texte veröffentlicht werden. 7 Als Folge der jahrelangen Unterdrückung melden sich nun verstärkt die Verlierer des Bürgerkriegs zu Wort, während franquistische Romane deutlich in den Hintergrund treten, was „langfristig zu einer Umkehr der Dominanzverhältnisse zwischen Republikanern und Franquisten im literarischen Diskurs“ 8 führt. Auf welche Weise im demokratischen Spanien Autoren, die meist nur noch eingeschränkt auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen können, mit der nationalen Geschichte umgehen und wie die „Memoria-Literatur“ allgemein zu bewerten ist, soll in dieser Seminararbeit deutlich werden.
6 Vgl. Suntrup-Andersen, Hacer Memoria, S. 58.
7 Vgl. Suntrup-Andersen, Hacer Memoria, S. 70.
8 Suntrup-Andersen, Hacer Memoria, S. 76.
4
B. Die Aufarbeitung von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur
Die „Memoria-Literatur“ in der spanischen Gegenwartsliteratur
unter besonderer Berücksichtigung des exemplarischen Werkes
La larga marcha von Rafael Chirbes
I. Die „Memoria-Literatur“ in der spanischen Gegenwartsliteratur
1. Begriffsklärung
Der Sieg Francos im Bürgerkrieg (1936-1939) bedeutet für Spanien den Beginn einer fast 40jährigen Diktatur, die nur eine einseitige Beschäftigung mit dem Krieg aus franquistischer Perspektive zulässt. Nach dem Tod des Diktators folgt der Übergang in die Demokratie, der allerdings mit der Verdrängung der unmittelbaren Vergangenheit aus dem politischen und öffentlichen Diskurs einhergeht, um den prekären Frieden zwischen den Dos Españas nicht zu gefährden. Über die Aufarbeitung der Vergangenheit schreibt der Professor für Romanistik, Hans-Jörg Neuschäfer, Folgendes:
„Es sind vor allem die Literaten, die in einer Kombination von Fakten und Fiktion ver-
suchen, die tabuisierte Vergangenheit dem Vergessen zu entreißen.“ 9
Daraus lässt sich schließen, dass die „Memoria-Literatur“ (la memoria: dt.: die Erinnerung, das Gedächtnis) eine äußerst wichtige Rolle spielt beim Durchbrechen von Schweigen und Vergessen nach der transición. Verschiedene Autoren setzen sich nämlich schon lange vor der öffentlichen Debatte über Bürgerkrieg und Franco-Diktatur mit diesen Themen auseinander. 10 Als Begründer der „Memoria-Literatur“ gilt der Schriftsteller Antonio Muñoz Molina, der mit seinem 1991 erschienenen Roman El jinete polaco den Erinnerungsprozess entscheidend angestoßen hat. 11 Bei der Untersuchung verschiedener Werke der „Memoria-Literatur“ zeigt sich, dass sich der literarische Erinnerungsdiskurs inzwischen gewandelt hat. So kommen in frü-
9 Neuschäfer,Hans-Jörg, Hacer Memoria - Vergangenheitsbewältigung in der Literatur, in: Zeitschrift für
Kulturaustausch 4 (2001), S. 57f.
10 Vgl. Strenzel, Hartmut, Einführung in die spanische Literaturwissenschaft, Stuttgart 2 2005, S. 249.
11 Vgl. Neuschäfer, Spanische Literaturgeschichte, S. 412.
5
heren Werken, die teilweise noch unter Franco verfasst worden sind, sehr stark die psychologische und soziale Traumatisierung durch Bürgerkrieg und Diktatur zum Vorschein. Spätere Werke sind durch eine größere zeitliche und psychologische Distanz zur Vergangenheit gekennzeichnet. Bei Muñoz Molina geht es zum Beispiel in erster Linie um die Forschungsarbeit des Protagonisten, der sich mit den geschichtlichen Ereignissen auseinandersetzt, dabei aber auch feststellen muss, dass der Erinnerungsarbeit Grenzen gesetzt sind und die Vergangenheit nicht vollständig rekonstruiert werden kann. Unter anderem wird in neueren Romanen, beispielsweise von Javier Cercas, das Ziel verfolgt, die ideologische Spaltung in Sieger und Verlierer auf versöhnliche Art zu überwinden. 12
Vor dem Hintergrund des sich derzeit vollziehenden Generationenwechsels stellt sich auch die Frage, wie an die Vergangenheit noch erinnert werden kann. Da sich die Zahl der Zeitzeugen reduziert, muss die Erinnerungsarbeit nun verstärkt von den Nachgeborenen geleistet werden. Infolgedessen sollte ein besonderes Augenmerk auf die Autoren gelegt werden, für die der Bürgerkrieg auf jeden Fall ein historisches Ereignis ist. Bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist für sie maßgebend, in welchem Ausmaß sie als Kinder oder Jugendliche noch von der Franco-Diktatur geprägt wurden oder ob sie unter demokratischen Verhältnissen aufgewachsen sind. 13
2. Boom der „Memoria-Literatur“ seit Beginn der 90er Jahre
Wie bereits erwähnt, findet in Spanien während der Transition keine öffentliche Aufarbeitung der unmittelbaren Vergangenheit statt, da das Ziel einer gesellschaftlichen reconciliación im Mittelpunkt steht. Um das zu erreichen wird das Schweigen über die Bürgerkriegsereignisse und die Repression im Franquismus von Gesellschaft und Politik akzeptiert. Erst seit der Jahrtausendwende findet in Spanien eine gesellschaftspolitische Debatte über Bürgerkriegs- und Diktaturvergangenheit statt, deren Aufarbeitung von vielen Seiten gefordert wird. Unter der sozialistischen Regierung von Zapatero wird
12 Vgl. Winter, Ulrich, Spaniens Intellektuelle: Eine neue Diskussionskultur und die Debatte um Identitä-
ten und » Erinnerungsorte « (1976-2002), in: Bernecker, Walther L./ Dirscherl, Klaus (Hrsg.), Spanien
Heute. Politik - Wirtschaft - Kultur, Frankfurt am Main 2004, S. 632.
13 Vgl. Suntrup-Andersen, Hacer Memoria, S. 3f.
6
Arbeit zitieren:
Eva Hecht, 2011, Die Aufarbeitung von Bürgerkrieg und Franco-Diktatur: Die „Memoria-Literatur“ in der spanischen Gegenwartsliteratur unter besonderer Berücksichtigung des exemplarischen Werkes "La larga marcha" von Rafael Chirbes, München, GRIN Verlag GmbH
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