ii
3 Der Sportverein 51
3.1 Die Bedeutung der Sportvereine. 51
3.2 Sportangebot 53
3.3 Typisierung der Sportarten und Sportlertypen 55
3.3.1 Vereinssportler und Leistungssportler 56
3.3.2 Mannschaftssportarten - Individualsportarten 57
3.4 Jugendarbeit. 58
3.5 Der Übungsleiter bzw. Trainer. 60
3.6 Vereinsmilieu. 61
3.7 Sport und Geselligkeit 62
4 Gesundheitsförderung 66
4.1 Suchtprävention im Sportverein 68
4.1.1 LaOla - Suchtvorbeugung im Sportverein 72
4.1.2 Kinder stark machen. 73
4.1.3 Suchtwoche 2007 75
4.2 Sportartenspezifischer Alkoholkonsum. 77
4.3 Alkohol und Werbung 78
4.4 Die Bedeutung des Sportengagements bezüglich des
Alkoholkonsums 80
5 Einleitung. 84
6 Aufbau und Ziele der Untersuchung 85
6.1 Forschungsdesign. 85
6.2 Methodik und Aufbau der Fragebögen 86
6.3 Grenzen der Untersuchung. 88
6.4 Ziele der Untersuchung 89
7 Ergebnisse und Schlussfolgerungen 92
7.1 Datenlage 92
iii
7.2 Zur Hypothese 1 99
7.2.1 Ergebnisse. 99
7.2.2 Fazit 105
7.3 Zur Hypothese 2 107
7.3.1 Ergebnisse. 107
7.3.2 Fazit 119
7.4 Zur Hypothese 3 121
7.4.1 Ergebnisse. 121
7.4.2 Fazit 133
7.5 Zur Hypothese 4 134
7.5.1 Ergebnisse. 134
7.5.2 Fazit 140
8 Zusammenfassung und Ausblick. 142
Literaturverzeichnis. 145
Anhang 152
iv
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Definition der Konsumklassen (DHS, 2003, S. 14)
Abb. 2: Rangfolge der EU-Staaten und ausgewählter Länder hinsichtlich des
Pro -Kopf-Konsums (DHS, 2003, S. 13)
Abb. 3: Bedingungsgefüge der Alkoholabhängigkeit (Gerchow Heberle,
1980, S. 24)
Abb. 4: Verbotsliste (www.nada-
bonn.de /fileadmin/user upload/nada/Downloads/Regelwerke/
Verbotsliste WADA 2009 - deutsche Fassung 01.pdf,
Zugriff am 07.05.09)
Abb. 5: Behandlungskette für Alkoholkranke (Gerchow Heberle, 1980,
S. 94)
Abb. 6: Die wichtigsten Sportarten (Angaben in Prozent), (Heinemann
Schubert , 1994, S. 169)
Abb. 7: Nicht-sportliche Zusatzangebote der Vereine (Angaben in Prozent)
(Heinemann Schubert, 1994, S. 195)
Abb. 8: Vereinskonzept (Durchschnittswerte von 1 völlig unwichtig,
5 sehr wichtig) (Heinemann Schubert, 1994, S. 201)
Abb. 9: Interventionsfelder der sportbezogenen Jugendsozialarbeit
(Breuer Rittner, 2000, S. 86)
Abb. 10: LAOLA - Suchtvorbeugung im Sportverein (BZgA, 2001, S. 116)
Abb. 11: Kinder stark machen - (BZgA, 2001, S. 111)
Abb. 12: Suchtwoche 2007: Alkohol - Verantwortung setzt die Grenze
(BZgA, 2007, S. 1)
Abb. 13: Prozentuale Verteilung der Untersuchungsteilnehmer
Abb. 14: Durchschnittsalter der Fußballspieler eingeteilt in Vereine
Abb. 15: Verteilung der Altersgruppen
Abb. 16: Beruf der Fußballspieler
Abb. 17: Familienstatus
Abb. 18: Beginn des Fußballspielens im Verein
Abb. 19: Vereinstreue der Fußballspieler.
Abb. 20: Trinkst du Alkohol? ja- nein.
Abb. 21: Situationen im Sportverein mit Alkohol.
Abb. 22: Risikomilieu: Fußballverein /In meinem Verein trinken/trinkt.
Abb. 23: Wie viel trinken die Spieler laut Trainer?
Abb 24: Wann wird mehr Alkohol getrunken?
v
Abb. 25: Einstiegsalter in den Alkoholkonsum.
Abb. 26: Hattest du schon mal einen Vollrausch?
Abb. 27: Alkoholprobleme im Umfeld.
Abb. 28: Handlungsbedarf Sucht vorbeugende Maßnahmen
Abb. 29: Haben Sie eine Trainerausbildung?
Abb. 30: Trainerausbildung
Abb. 31: Probleme außerhalb des Sports.
Abb. 32: Ist der Trainer ein Vorbild?
Abb. 33: Alkoholverständnis im Vergleich: Trainer und Fußballspieler
Abb. 34: Trinkst du Alkohol? Alkoholkonsum im Vergleich: Trainer und
Fu ßballspieler
Abb. 35: Alkoholkonsum der Fußballspieler
Abb. 36: Alkoholkonsum der Trainer.
Abb. 37: Alkoholmenge im Vergleich: Trainer und Fußballspieler
(Angaben in Gramm)
Abb. 38: Reaktion der Trainer auf übermäßigen Alkoholkonsum der
Fu ßballspieler
Abb. 39: „Geben Sie mal ne Runde aus?“
Abb. 40: Gesundheitsverständnis- Leistungsklassenvergleich.
Abb. 41: Alkoholverständnis- Leistungsklassenvergleich
Abb. 42: Trinkst du Alkohol? Mannschaftsvergleich.
Abb. 43: In meinem Verein trinken/trinkt - Mannschaftsvergleichvergleich
Abb. 44: Einstiegsalter in den Alkoholkonsum - Mannschaftsvergleich
Abb. 45: Alkoholkonsum unter der Woche im Vergleich der
Leistungsklassen
Abb. 46: Alkoholkonsum am Wochenende im Vergleich der
Leistungsklassen
Abb. 47: Alkoholkonsum im Mannschaftsvergleich (Angaben in Gramm)
Abb. 48: Vollrausch - Leistungsklassenvergleich
Abb. 49: Alkoholprobleme im Umfeld im Vergleich.
Abb. 50: Verdienst du durch das Fußballspielen Geld?
Abb. 51: Verteilung der Altersgruppen
Abb. 52: Wo stehst du deiner Meinung nach?
Abb. 53: Trinkst du Alkohol - Altersgruppenvergleich.
Abb 54: War Alkohol schon in der Jugend ein Thema?
vi
Abb. 55: Ab wann war Alkohol ein Thema im Jugendfußball? .........................138 Abb. 56: Wie hat sich der Alkoholkonsum seit der Jugend verändert?..............139 Abb. 57: Kenntnis von Aufklärungskampagnen ................................................140
Tabellenverzeichnis Seite
Tab. 1: Blutalkoholkonzentration und ihre Folgen (BZgA, 2004, S. 21).............9 Tab. 2: Kriterien nach DSM-IV für Missbrauch und Abhängigkeit (Bundesministerium für Gesundheit, 2000, S. 105) ...............................18 Tab. 3: Potenzielle und aktualisierte Trinkmotive in Bezug auf verschiedene Lebensbereiche (Antons & Schulz, 1990, S. 96, überarbeitet
durch die Verfasserin) ............................................................................26 Tab. 4: Entwicklung des Deutschen Sportbundes von 1980 - 2003
(Nagel, 2006, S. 50)................................................................................51 Tab. 5: Exemplarische Projekte zur Suchtprävention im Sportverein seit 1990 im deutschsprachigen Raum (Locher, 2000, S. 187).....................71 Tab. 6: Aufbau des Fragebogens für Fußballspieler (Schultz, 2007, S. 115, überarbeitet durch Verfasserin) ..............................................................88 Tab. 7: Teilnehmende Fußballvereine eingeteilt in Leistungsklassen................92 Tab. 8: Durchschnittsalter der Teilnehmer .........................................................93 Tab. 9: Hast du schon mal den Verein gewechselt? Wenn ja, wie oft?..............98 Tab. 10: Einstiegsalter in den Alkoholkonsum im Vergleich Trainer-Spieler ...112 Tab. 11: Hatten Sie schon einmal einen Vollrausch? .........................................113 Tab. 12: Konsum verschiedener Alkoholsorten der Trainer ..............................114 Tab. 13: Konsum verschiedener Alkoholsorten: Trainer und Fußballspieler.....115 Tab. 14: In meinem Verein trinken/trinkt… Leistungsklassenvergleich............125 Tab. 15: Einstiegsalter in den Alkoholkonsum - Leistungsklassenvergleich .....126 Tab. 16: Konsum verschiedener Alkoholsorten .................................................129 Tab. 17: Alkoholprobleme im Umfeld ...............................................................131 Tab. 18: Zusammenhang von Geldverdienst und Alkoholkonsum ....................132 Tab. 19: Zusammenhang von „Wo stehst du deiner Meinung nach“ -
Alkoholkonsum ....................................................................................137
1 Einleitung 1
Theorieteil
1 Einleitung
Alkohol und Sport - das ist kein Gegensatz. Insbesondere unter Mannschafts-sportlern ist der Konsum von Alkohol offenbar weit verbreitet und vor allem der Fußball wird oft mit Alkohol in Verbindung gebracht. Vielleicht zum Teil nur ein Klischee, zum anderen Teil wird uns aber doch gerade in den Medien immer wieder vor Augen geführt, dass auch bei Fußballprofis der Bundesliga Alkoholkonsum keineswegs unüblich zu sein scheint. Allwöchentlich gibt es Meldungen über Alkoholfahrten professioneller Fußballspieler, - bekanntes internationales Beispiel der Brasilianer Robinho, der zweimal betrunken zum Training von Real Madrid erschien. Alkohol am Steuer, mit Fahne zum Training -Vorbilder sehen eigentlich anders aus. Die Palette der vorgeführten Szenarien ist groß. Sie reicht vom hemmungslosen Kampftrinken der Engländer bis zum saisonalen Absturz während Meisterschaftsfeiern wie beim FC Bayern München. Es besteht die Gefahr, dass gerade junge Menschen das Trinken ausgerechnet im Sportverein lernen. Hier sind vielfältige Möglichkeiten geboten. Das fängt schon bei Hallenturnieren an, wo es zum Beispiel als Preis für jedes fünfte Tor eine Flasche Wein zu gewinnen gibt. Ob beim Mannschaftssaufen, dem Stiefeltrinken oder nach einem gewonnenen Spiel, wenn der Sponsor als Anerkennung einen Kasten Bier in die Kabine stellen lässt, Alkohol scheint allgegenwärtig zu sein. Viele Spieler suchen sich außerdem ihre Vorbilder im Sport bzw. Fußball und eben diese leben ihnen vor, wie man feiert.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass Vereine an Projekten wie der Suchtwoche 2007 mit dem Thema Alkohol - Verantwortung setzt die Grenze teilnehmen. Ziel der Aktion war es, zum Nachdenken anzuregen, bevor riskante oder missbräuchliche Trinkmuster negative Folgen nach sich ziehen. Über 2000 gemeldete Veranstaltungen an 700 Orten in ganz Deutschland haben die Menschen auf ihren eigenen Alkoholkonsum aufmerksam gemacht. Insgesamt 475 Sportvereine haben vom 14. bis 18. Juni 2007 teilgenommen, darunter auch
1 Einleitung 2
aus der näheren Umgebung der Fußballverein TuS 1913 Deidesfeld (Neustadt an der Weinstraße), der unter anderem Freundschaftsspiele und praxisnahe Aktionen zum Thema Alkohol für Jugendliche und Erwachsene veranstaltete. Das Projekt war ein großer Erfolg und auch 2009 haben die Sportvereine wieder die Möglichkeit an der Aktionswoche unter dem Motto Alkohol? Kenn dein Limit teilzunehmen.
Es stellt sich nun aber die entscheidende Frage, ob das Engagement im Fußballverein einen Schutzfaktor gegenüber dem Alkoholkonsum darstellt oder ob es tatsächlich viel mehr zum übermäßigen Konsum anregt. Im Folgenden ist es nun das Ziel, die Zusammenhänge zwischen den beteiligten Faktoren zu erläutern. Im Fokus stehen hierbei Fragestellungen inwiefern das Vereinsmilieu des Fußballsports ein Risiko darstellt, welche Rolle der Trainer bezüglich des Alkoholkonsums spielt und wie sich der Konsum in den verschiedenen Leistungsklassen unterscheidet.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Abschnitte. In den Kapiteln 2 bis 4 wird der theoretische Bezugsrahmen erörtert. Im empirischen Teil wird die Methodik der Untersuchung beschrieben, sowie die Ergebnisse der Studie dargestellt (Kap. 5 bis 8).
Einführend gibt Kapitel 2 einen allgemeinen Überblick zum Thema Alkohol, zeigt die Wirkungen und Risiken der Droge auf und verdeutlicht die Suchtgefährdung. Dabei wird auch die Gefahr der Kombination von Sport und Alkohol dargelegt. Kapitel 3 thematisiert die Institution Sportverein. Hier werden das Vereinsmilieu, die Jugendarbeit, der Übungsleiter und Trainer sowie die Rolle der Geselligkeit im Verein detailliert vorgestellt.
Den Übergang zum empirischen Teil liefert Kapitel 4 mit dem Thema Gesundheitsförderung. Dabei wird die enorme Wichtigkeit der Suchtprävention im Sportverein verdeutlicht und die Bedeutung des Sportengagements bezüglich des Alkoholkonsums diskutiert.
Im anschließenden empirischen Teil wird die Vergleichsanalyse zwischen Fußballspielern aus acht verschiedenen Leistungsklassen thematisiert. Die in den
1 Einleitung 3
Kapiteln 3 und 4 herausgearbeiteten Fragen dienen als Ansatzpunkte der vier formulierten Hypothesen. In Kapitel 6 werden zunächst Aufbau und Ziele und in Kapitel 7 dann Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Untersuchung vorgestellt. Das abschließende Kapitel 8 fasst zentrale theoretische Überlegungen sowie signifikante Ergebnisse der Studie zusammen.
2 Alkohol
2 Alkohol
Vielen Völkern sind alkoholische Getränke seit Jahrtausenden bekannt, Bier war in Nord- und Mitteleuropa bis zum 16. Jahrhundert sogar Grundnahrungsmittel. So gab es nicht nur für die Erwachsenen Biersuppe zum Frühstück, sondern ebenso für die Kinder. Bier verlor schließlich an Bedeutung und wurde von Kaffee und Tee als Universalgetränk abgelöst. Zu einem starken Konsumanstieg kam es wieder ab dem 19. Jahrhundert, als erstmalig hochprozentige alkoholische Getränke wie Branntwein zu niedrigen Preisen erhältlich waren. Heute sind alkoholische Getränke fester Bestandteil unserer Alltagskultur und ein mäßiger Konsum ist allgemein akzeptiert. Dagegen werden Trunkenheit und unkontrollierter Konsum in der Gesellschaft weitgehend abgelehnt (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen [DHS], 2004, S. 2f.). Der hohe Alkoholkonsum ist längst eines der großen gesundheitlichen Probleme in Deutschland. Alkoholische Getränke werden von ca. 90% der erwachsenen Bevölkerung zu sich genommen und sie sind für zahlreiche Personen sogar ein tägliches Genussmittel. Alkohol wird oft nach der Arbeit getrunken und begleitet Mahlzeiten. Der wichtige soziale Stellenwert, den der Alkohol innehat, ist nicht zu verleugnen. So sind alkoholische Getränke selbstverständlicher Bestandteil zahlreicher Feste. Sie erleichtern soziale Kontakte und nicht selten sind sie Teil geschäftlicher Abschlüsse oder politischer Verhandlungen. Im Hinblick auf die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen ist die alkoholische Getränkeindustrie einschließlich ihrer Produktions- und Vertriebsstrukturen ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor (Bundesministerium für Gesundheit, 2000, S. 3). Dem gegenüber stehen alarmierende Zahlen zum Alkoholkonsum. Mit 10 Litern pro Jahr liegt der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol in Deutschland im internationalen Vergleich hoch. Über 10 Millionen Menschen betreiben einen riskanten Konsum von Alkohol. Bei ca. 1,7 Millionen Menschen liegt ein gesundheitsschädigender, missbräuchlicher Konsum vor und etwa 1,6 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig. Nur 10% dieser Alkoholabhängigen Menschen unterzieht sich einer Therapie- und das auch meist nur sehr spät (Bätzing, 2006, S. 12). 20 000 Kinder werden jedes Jahr
2 Alkohol
auf Grund von Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft mit Behinderung geboren. Jedes vierte Gewaltdelikt, jeder dritte Verkehrsunfall und jede zweite Tötungstat wird unter Alkoholeinfluss begangen. Ca. 42 000 Personen sterben jährlich an einem Tod, der direkt oder indirekt in Verbindung mit Alkohol steht (DHS, 2007, S. 2). Im Hinblick auf die sich mehrenden Forschungsergebnisse hinsichtlich der negativen Folgen des Alkoholkonsums wird immer wieder die Forderung nach stärkeren Regulierungen laut. Diverse angewandte Strategien unterscheiden sich je nach Staat und Kulturkreis. So ist die Verfügbarkeit von Alkohol in den skandinavischen Ländern beispielsweise stark eingeschränkt, in den USA der 30er Jahren war der Handel mit Alkohol gänzlich verboten (Prohibition) und in islamischen Ländern werden harte Strafen angedroht.
2.1 Definition von Alkohol
Der auf das arabische Wort „al-kuhl“ zurückgehende Begriff „Alkohol“ wurde mit der ursprünglichen Bedeutung „feines Pulver“ aus dem Spanischen übernommen und zur Bezeichnung der feinen, flüchtigen Bestandteile des Weines verwendet (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung [BZgA], 2004, S. 15). Alkohol vereint eine Reihe von Eigenschaften, die sich sonst bei kaum einer anderen Substanz finden lässt. Alkohol ist zum einen ein Nahrungsmittel mit hohem Energiegehalt und gleichzeitig ein Genussmittel, das Getränken Geschmack verleiht. Alkohol ist zum anderen aber ebenso eine psychoaktive Substanz und besitzt die Fähigkeit, das Bewusstsein und Gefühle zu verändern. In dieser Hinsicht kann sie wiederum für verschiedene Zwecke eingesetzt werden: - als Rauschmittel - als Mittel für sakrale Zwecke - als Mittel zur Förderung sozialer Kontakte
Alkohol kann als psychoaktive Substanz auch Schäden nach sich ziehen. So können beispielsweise soziale Probleme verursacht werden oder Alkohol kann zum Suchtmittel werden. Des Weiteren besitzt Alkohol aber auch die Eigen-
2 Alkohol
schaften eines Pharmakons mit der Wirkung als Heilmittel (früher oft eingesetzt und auch heute noch in begrenztem Umfang angewandt). Durch die Nebenwirkungen bei akutem und chronischem Gebrauch wirkt Alkohol als Pharmakon auch als Gift. Letztendlich kommt dem Alkohol aber ebenso eine wichtige symbolische Bedeutung für Rituale, Genuss und Feiern zu und wird daher als kulturelles Konsumgut bezeichnet (Soyka & Küfner, 2008, S. 1).
Folgende Angaben basieren auf den Informationen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (2004, S. 4f.).
In der Umgangssprache bezeichnet „Alkohol“ den berauschenden Bestandteil alkoholischer Getränke. Reiner Alkohol, genauer Äthylalkohol oder Äthanol, ist eine farblose, brennbare und brennend schmeckende Flüssigkeit. Alkoholische Getränke werden überwiegend mittels des seit Jahrtausenden bekannten Verfahrens der Gärung (Wein, Bier) oder durch Destillation (Branntwein, Whisky) hergestellt. Sie sind fester Bestandteil unserer Kultur. Man trinkt Bier, Wein, Sekt oder Spirituosen zum Essen oder gegen den Durst, zu geselligen Anlässen, als kleine Belohnung zum Feierabend aber auch wenn man Probleme hat und Entspannung sucht.
Der durchschnittliche Alkoholgehalt alkoholischer Getränkearten:
Das spezifische Gewicht von Alkohol liegt bei etwa 0,8/cm³. Der Alkoholgehalt eines Getränkes in Gramm errechnet sich daher nach der Formel:
2 Alkohol
Danach enthalten:
Nach dem Lebensmittelgesetz muss ein Alkoholgehalt von mehr als 0,5 vol. -% gekennzeichnet werden, was aber gleichzeitig impliziert, dass vermeintlich alkoholfreie Getränke ebenso geringe Mengen Alkohol enthalten können. Bis zu 5 Gramm pro Liter können das beispielsweise bei alkoholfreiem Bier und Malzbier sein.
Die Alkoholkonzentration des Blutes kann laut BZgA (2004, S. 21) näherungsweise nach folgender Formel bestimmt werden:
Bei Männern:
Bei Frauen:
2 Alkohol
2.1.1 Wirkung und Risiken
Der Alkohol gelangt, bevor er in der Leber abgebaut wird, über das Blutgefäßsystem in das Gehirn, wo er die Informationsübertragung beeinflusst. Bei einer geringen Dosierung wirkt er stimulierend, bei mittleren und höheren Dosierungen wirkt Alkohol allerdings hemmend. Hierbei wird Dopamin, ein Neurotransmitter, freigesetzt. Als chemischer Botenstoff ruft er bei geringer Dosierung erregende Effekte, bei höherer Dosierung hemmende Effekte an den Synapsen hervor. Alkohol ist ein Zellgift, das abhängig von der konsumierten Menge massiv schädigend auf Organe und Organsysteme einwirkt. Hier kann es zu reversiblen und bei längerfristiger Einnahme zu irreversiblen Schädigungen kommen. Bei den kurzzeitigen Wirkungen und Risiken des Alkohols sind beim leichten bis mittleren Rausch (zwischen 0,5 und 2,5 Promille) folgende Annzeichen typisch: eine Enthemmung aggressiver und sexueller Impulse, eine Verminderung der Selbstkritikfähigkeit, ein gesteigertes Redebedürfnis, eine Steigerung des Selbstwertgefühls, sowie allgemeine Euphorie und Heiterkeit. Der Körper reagiert möglicherweise mit einem subjektiven Wärmegefühl, einer Erhöhung der Herzfrequenz und einer gesteigerten Speichel- und Urinproduktion. Zunehmend überlagert werden diese auftretenden Symptome in schweren Rauschzuständen (über 2,5 Promille) durch narkotisierende Wirkungen, die in Form von Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma auftreten. Des Weiteren kommt es zu Gleichgewichtsstörungen, Verlangsamung des Redeflusses, Gedächtnisstörungen, Angst, Erregung sowie Verlust von Selbstkontrolle. Zusätzliche Störungen von Atmung und Kreislauf treten bei steigender Blutalkoholkonzentration auf (BZgA, 2004, S.21).
Alkohol kann den Körper aber nicht nur kurzfristig beeinflussen, sondern hat auch langfristige Wirkungen und Risiken, die sich in einer Reihe von körperlicher und psychischer Schädigungen bemerkbar machen. Körperliche Schädigungen als mögliche Konsequenz eines langfristigen Alkoholkonsums treten vor allem an der Leber, dem Magen-Darm-Trakt, dem Herzen und dem Nervensystem auf. Teilweise als Folgen der körperlichen Schädigungen können psychische Veränderungen, wie Störung der geistigen Leistungsfähigkeit, Veränderungen der Persönlichkeit, Depressionen, Psychosen und Eifersuchtswahn auftreten. Im
2 Alkohol
schlimmsten Fall kann sich durch einen kontinuierlichen Alkoholkonsum eine physische und psychische Abhängigkeit entwickeln. Gerade Jugendliche sind besonders gefährdet, bereits nach kurzer Zeit abhängig zu werden, denn schon nach etwa 6 bis 8 Monaten kann eine Sucht entstanden sein (Blum, 2002, S. 80).
Detaillierte Auskunft darüber, welche körperlichen und psychischen Auswirkungen der Alkoholkonsum unter Berücksichtigung des Blutalkoholspiegels nach sich zieht, gibt folgende Tabelle (Tab. 1). Es wird dabei unterschieden zwischen leichten, mittleren und schweren Rauschzuständen. Während es bei einer Blutkonzentration ab 3 Promille meist zu einer schweren Alkoholvergiftung kommt, ist ab 5 Promille in der Regel sogar mit einem tödlichen Ausgang zu rechnen, sofern nicht unverzüglich ärztliche Behandlung einsetzt.
Tab. 1: Blutalkoholkonzentration und ihre Folgen (BZgA, 2004, S. 21)
2 Alkohol
2.1.2 Konsum
Die von der BZgA (2004) für Erwachsene formulierten Grenzwerte betragen bei Frauen bis zu 20 g Reinalkohol und bei Männern bis zu 30 g Reinalkohol pro Tag. In bestimmten Situationen, wie beispielsweise im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz, zusammen mit Medikamenten oder in der Schwangerschaft, wird ein vollständiger Konsumverzicht empfohlen (Bundesministerium für Gesundheit, 2000, S. 153).
Mit der Menge des konsumierten Alkohols steigt das individuelle Risiko, alkoholbedingt zu erkranken, psychischen oder sozialen Schaden zu erleiden oder anderen zuzufügen. Neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen folgend, wurden die Mengenangaben in den vergangenen Jahren mehrfach nach unten korrigiert. Die unterschiedlichen Schwellenwerte für Männer (30g versus 40g als Grenze für risikoarmen Konsum) kommen daher, dass verschiedene Organisationen, wie beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die British Medical Association (BMA) oder das Kuratorium der DHS unterschiedliche Empfehlungen geben. Weitere Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, überhöhter Cholesterinspiegel, Bewegungsmangel oder bestehende Erkrankungen sind für das individuelle Krankheitsrisiko zudem ebenso von Bedeutung. Folgende Abbildung (Abb. 2) zeigt die Werte der vier Konsumklassen „Risikoarmer Konsum“, „Riskanter Konsum“, „Gefährlicher Konsum“ und „Hochkonsum“.
2 Alkohol
Dass es einen völlig risikofreien Konsum nicht gibt, zeigt der Begriff risikoarm (DHS, 2003, S. 14).
Abb. 1: Definition der Konsumklassen (DHS, 2003, S. 14)
Zu den vier Konsumklassen kommt eine weitere hinzu, nämlich die der Abstinenz. Personen, die nie Bier, Wein/Sekt oder Spirituosen getrunken haben, werden als lebenslang abstinent definiert. Der Alkoholkonsum in der Bevölkerung verteilt sich laut Bundesministerium für Gesundheit (2000, S. 147f.) wie folgt:
• Abstinenz
Die Gruppe, die lebenslang keinen Alkohol trinkt, liegt bei 7-12% der Bevölkerung; das sind etwa 3,4 Mio. 18-bis 59-Jährige und 8,0 Mio. über 14-Jährige Personen. Mit Ausnahme der 30-39-Jährigen sind Frauen häufiger abstinent als Männer. Mit steigendem Lebensalter nimmt die lebenslange Abstinenz- rate ab.
2 Alkohol
• Risikoarmer Konsum
Im risikoarmen Bereich liegt der Alkoholkonsum bei etwa 75% der 18-bis 59-Jährigen (36,3 Mio. Personen; Bundesstudie 1997) und bei knapp 60% der über 14-Jährigen (etwa 40,8 Mio. Personen; Aktionsgrundlagen 1995/96). Mit steigendem Alter zeigt sich bei den 18- bis 59-Jährigen Männern die Tendenz zu niedrigeren Prävalenzen von risikoarmem Konsum. Bei der weiblichen Vergleichsgruppe weisen die 30-bis 39-Jährigen den höchsten Prävalenzwert auf.
• Riskanter Konsum
In diese Kategorie fallen 10,3% der 18-bis 59-Jährigen (etwa 5,0 Mio. Personen; Bundesstudie) und 11,9% der mindestens 14-Jährigen (etwa 8,3 Mio. Personen; Aktionsgrundlagen). Hier sind deutliche Geschlechtsunterschiede zu erkennen. Bei den Männern der jeweiligen Altersgruppe weisen 15,2% (Bundesstudie) bzw. 17,9% (Aktionsgrundlage) riskanten Konsum auf, während nur 5,5% (Bundesstudie) bzw. 6,5% (Aktionsgrundlage) Frauen dieser Konsumklasse zuge-ordnet werden können. In den Altersgruppen zwischen 18 und 59 Jahren sind bei beiden Erhebungen die Prävalenzwerte riskanten Konsums bei den Männern etwa zwei- bis dreimal so hoch wie bei den Frauen.
• Gefährlicher Konsum
Bei etwa 2,9% (etwa 1,4 Mio. Personen; Bundesstudie) bzw. 4,9% (etwa 3,4 Mio. Personen; Aktionsgrundlagen) tritt ein gefährlicher Konsum auf. In beiden Studien liegen auch hier die Prävalenzwerte der Männer wenigstens doppelt so hoch wie die der Frauen.
• Hochkonsum
Hochkonsumenten waren insgesamt 0,5% (etwa 350.000 Personen; Aktions-grundlage) bzw. 0,9% (etwa 440.000 Personen; Bundesstudie) der Befragten. Die Prävalenzwerte der Männer überragen auch hier in allen Altersgruppen zwischen 18 und 59 Jahren die der Frauen deutlich.
Der Pro-Kopf-Konsum an reinem Alkohol in Deutschland liegt bei 10,5 Litern pro Jahr. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit in der Spitzengruppe aller Lände, wie die folgende Tabelle zeigt: Im des Pro-Kopf-Konsums (Liter reinen Alkohols)
2 Alkohol
Rangfolge der EU-Staaten und ausgewählter Ländsichtlich des Pro-Kopf-Konsums (Liter r
Abb. 2: Rangfolge der EU-Staaten und ausgewählter Länder hinsichtlich des Pro-Kopf-Konsums (DHS, 2003, S. 13)
2.1.3 Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit
Das sozialmedizinische Problem Nr. 1 in Deutschland ist der Missbrauch und die Abhängigkeit vom Alkohol. Der Übergang vom Alkoholgenuss zur Alkoholgefährdung und anschließend zur Alkoholabhängigkeit ist fließend. Zwar ist der Alkoholismus immer noch eine „Männerkrankheit“, dennoch sind inzwischen
2 Alkohol
auch ein Drittel der Betroffenen Frauen und von den statistisch erfassten Alkoholabhängigen sind bereits 20% weiblicher Natur. In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der suchtkranken Frauen verdreifacht und er steigt weiter. Auch der Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen steigt an. Im Alter zwischen 10 und 14 Jahren trinken die meisten Kinder bzw. Jugendliche das erste Mal Alkohol. Die Gefahr von Missbrauch und Abhängigkeit ist umso größer, je jünger ein Kind oder Jugendlicher bei Beginn des Alkoholkonsums ist. Besonders in schweren Lebenssituationen und unter Belastung besteht die Gefahr für Jugendliche, alkoholabhängig zu werden. So gibt es in Deutschland ca. 250000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen bis zu 25 Jahren, die alkoholgefährdet oder -abhängig sind (Arenz-Greiving, 1999, S. 5). Insgesamt akut alkoholabhängig sind in Deutschland etwa 1,6 Millionen Menschen, bei ca. 2,65 Millionen Menschen liegt aktuell ein Alkoholmissbrauch vor. Zusammen sind also 6,4 Prozent der Wohnbevölkerung ab 18 Jahren betroffen (DHS, 2004, S. 17)
Missbrauch bzw. schädlicher Gebrauch ist zu unterscheiden von Abhängigkeit. Für die Diagnose des Missbrauchs muss nach der DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) mindestens eins der folgenden Kriterien innerhalb eines Jahres auftreten. Folgende Angaben basieren auf dem Kapitel 1.4.2 von Soyka und Küfner (2008).
1. Wiederholter Alkoholkonsum, der zur Konsequenz hat, dass bei wichtigen Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause versagt wird. Beispiele hierfür wären wiederholtes Fernbleiben von der Arbeit, Vernachlässigung von Kindern und Haushalt oder Schulschwänzen. 2. Wiederholter Alkoholkonsum, der zur körperlichen Gefährdung führen kann, z.B. Alkohol am Steuer.
3. Wiederkehrende rechtliche Probleme, die im Zusammenhang mit Alkohol stehen, beispielsweise Verhaftungen aufgrund unbürgerlichen Verhaltens im betrunkenen Zustand.
4. „fortgesetzter Alkoholkonsum trotz ständiger oder sich wiederholender sozialer und zwischenmenschlicher Probleme, die durch die Aus- wirkungen des Alkohols verursacht oder verstärkt werden“ (Soyka &
2 Alkohol
Küfner, 2008, S. 10). Beispiele hierfür sind körperliche Auseinandersetzungen, Kindesmissbrauch oder Streit mit dem Ehepartner über Folgen der Intoxikation.
Feuerlein (1989, S. 4) versteht unter Alkoholmissbrauch „ein gegenüber den jeweiligen soziokulturellen Normen überhöhter Konsum von Alkohol“. Weitere Merkmale für einen Missbrauch sind für Feuerlein der Alkoholkonsum bei „unpassenden Gelegenheiten“ (z.B. im Straßenverkehr), oder „wenn es durch die Alkoholwirkung zu vorübergehenden deutlich sichtbaren Veränderungen der psychischen und/oder physischen Funktionen des Konsumenten kommt (z.B. Rauschzustand)“. Ab einer Trinkmenge Reinalkohol, die bei Frauen eine Tagesdosis von 40 g und bei Männern eine von 60 g überschreitet, kann von einem schädlichen Alkoholkonsum bzw. einem Alkoholmissbrauch gesprochen werden (BZgA, 2004, S. 24). Gefährdet ist, wer regelmäßig Alkohol trinkt, um z.B. Stress, Ärger, Wut oder Trauer besser ausschalten zu können. Wenn man sich ohne Alkohol kaum noch entspannen und wohlfühlen kann, ist ein kritischer Punkt erreicht. Gedächtnislücken nach durchzechten Nächten, Einschlafstörungen und Unruhe, wenn man nichts getrunken hat, sind ernste Warnzeichen. Durch eine allmähliche Gewöhnung verbunden mit Problemen oder Belastungen kann ein erhöhter Alkoholkonsum ausgelöst werden. Wenn jemand Alkohol braucht, um sich einigermaßen wohl zu fühlen, ist die Schwelle zur Alkoholabhängigkeit erreicht (DHS, 2004, S. 12f.). Die Alkoholabhängigkeit bzw. -sucht entwickelt sich normalerweise langsam. Die Bindung an die Droge kann jedoch sehr stark werden und deshalb sehr stark zu überwinden sein (ebd., S. 16). Der unmerkliche Übergang von kontrolliertem zu unkontrolliertem Alkoholkonsum ist in aller Regel Kennzeichen einer süchtigen Entwicklung (DHS, 2003, S. 36). Folgende Kriterien sind nach der DSM-IV für eine Abhängigkeit kennzeichnend, wenn mindestens 3 davon innerhalb eines Jahres auftreten. Folgende Angaben basieren auf Seite 10 von Feuerlein, Küfner und Soyka (1998). 1. Toleranzentwicklung: Es wird zunehmend mehr Alkohol vertragen. Die Wirkung wird also vermindert oder es kommt zur Dosissteigerung
2 Alkohol
2. Entzugssymptome: Sie treten ca. 12 Stunden nach der Reduktion bei langanhaltendem, starkem Alkoholkonsum auf. Es kommt zu charakteristischen Entzugssyndromen (z.B. Zittern der Hände, Schweißausbrüche) oder zur Einnahme von Alkohol, um Entzugssyndrome zu lindern oder zu vermeiden 3. Längerer oder stärkerer Konsum als beabsichtigt 4. Andauernder Wunsch und/oder erfolglose Versuche, den Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren 5. Hoher Zeitaufwand für Beschaffung, Gebrauch und Erholung 6. Einschränkung bzw. Aufgabe von sozialen-, beruflichen- oder Freizeitaktivitäten
7. Fortgesetzter Gebrauch trotz schädlicher Folgen
Weiterführend hier drei verschiedene Definitionen zur Sucht bzw. Alkoholabhängigkeit.
Heckmann definiert Sucht folgendermaßen (1980, S. 115):
Nach allgemeinster wissenschaftlicher Übereinstimmung ist Sucht ein zwanghafter Drang, durch bestimmte Reize oder Reaktionen Lustgefühle oder -zustände herbeizuführen oder Unlustgefühle zu vermeiden. Die Sucht stellt einen Versuch dar, Bedürfnisse unmittelbar und unter Umgehung all der Verhaltensweisen zu befriedigen, die natürlicherweise zu ihrer Befriedigung führen. Der Zwang, unter dem der Süchtige dabei steht, ist mit einem Mangel an Selbstkontrolle gleichzusetzen. Ziel des Suchtverhaltens und Inhalt des Lustzustandes ist der Aufbau einer Scheinwelt im Sinne einer Realitätsflucht.
Soyka und Küfner führen folgende Definition von Alkoholismus an (2008, S. 10):
Alkoholismus ist eine primäre, chronische Krankheit, deren Entstehung und Manifestation durch genetische, psychosoziale und umweltbedingte Faktoren beeinflusst werden. Sie schreitet häufig fort und kann tödlich enden. Alkoholismus wird durch eine Reihe von dauernd oder zeitweilig auftretenden Kennzeichen charakterisiert: durch die Verschlechterung des Kontrollvermögens beim Trinken und durch die vermehrte gedankliche Beschäftigung mit Alkohol, der trotz besseren Wissens um seine schädlichen Folgen getrunken und dessen Konsum häufig verleugnet wird.
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Hierzu formulieren Schulte und Tölle (1979, S. 107):
Alkoholiker sind exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht hat, dass sie deutliche geistige Störungen oder Konflikte in ihren körperlichen und geistigen Gesundheit, ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen; oder sie zeigen Prodrome einer solchen Entwicklung, daher brauchen sie Behandlung.
Wie schon erwähnt führt das Fehlen von Alkohol bei Abhängigen zu Entzugserscheinungen wie Schlafstörungen, Krampfanfällen, Halluzinationen, etc., kann aber ebenso Auslöser von Unruhe, Gereiztheit, vielfältigen Ängsten und depressiver Stimmung sein, weshalb Alkoholabhängige auch überdurchschnittlich oft durch Selbsttötung sterben. Alkoholabhängigkeit richtet sich nicht nach der konsumierten Alkoholmenge, sie ist vielmehr die Ursache dafür, dass Abhängige unfähig sind, ihren Konsum dauerhaft und in Übereinstimmung mit ihrem Wollen zu steuern. Die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Schäden werden desto gravierender, je weiter die Suchtentwicklung fortschreitet. Es gelingt wenig Alkoholkranken, sich ihre Situation früh einzugestehen und Hilfe anzunehmen (DHS, 2004, S. 16).
Die folgende Tabelle (Tab. 2) stellt die Unterschiede von Missbrauch und Abhängigkeit nochmals übersichtlich dar.
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Tab. 2: Kriterien nach DSM-IV für Missbrauch und Abhängigkeit (Bundesministerium für Gesundheit, 2000, S. 105)
2.2 Ursachen und Einflussfaktoren
Es gibt zahlreiche Faktoren für die Entstehung des Alkoholismus: „Gesellschaftliche Trinksitten, Milieubedingtheiten mit erlerntem Fehlverhalten, personale Faktoren, konstitutionelle und aktuelle Dispositionen“ (Janker & Merklinger, 1988, S. 7) Man spricht hier vom Zusammentreffen ungünstiger Umstände und Bedingungen. Mangelhafte Realitätsanpassung und Konfliktbe- wältigungsfähigkeit, Unsicherheit, mangelndes Durchhaltevermögen bei
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gesteigertem Anspruchsdenken und Verstimmungszustände sind von besonderer Bedeutung. Ebenso spielen Realitätsflucht, Unlustbeseitigung und Luststeigerung eine Rolle (Janker & Merklinger, 1988, S. 7f.).
Das bekannte Dreiecksschema stellt die Entstehungsbedingungen vereinfacht dar, wobei die Eckpunkte aus den spezifischen Wirkungen der Substanz Alkohol (Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial, Verfügbarkeit), den individuellen Merkmalen der Person (psychologisch, biologisch) und den sozialen Faktoren der Umgebung (kulturell, direktes Umfeld) bestehen.
Abb. 3: Bedingungsgefüge der Alkoholabhängigkeit (Gerchow & Heberle,
1980, S. 24)
2.2.1 Familiärer Hintergrund
Es ist nichts Neues, dass in bestimmten Familien Alkoholiker gehäuft vorkommen. Das Familienbild des Alkoholikers zeichnet sich häufig dadurch aus, dass es in der engeren Verwandtschaft unverhältnismäßig viele Alkoholiker gibt (Feuerlein, 1989. S. 47). Nach einer Übersicht von Cotton (1979, zit. nach Soyka & Küfner, 2008, S. 69) ergibt sich folgendes Bild: Im Durchschnitt 27% der Väter von Alkoholikern sind ebenfalls alkoholabhängig, bei 5% ist die Mutter
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alkoholkrank und bei 31% sind beide Elternteile Alkoholiker. Alle Studien kamen zu dem Ergebnis, dass in Familien von Nichtalkoholikern Alkoholismus seltener vorkommt (5%) als in den Familien von Alkoholikern. Eine familiäre Häufung von Alkoholismus ist jedoch nicht allein ausschlaggebend für eine Suchtentwicklung. Ebenso von Bedeutung sind die genetischen Faktoren, Umweltfaktoren und die Persönlichkeitsmerkmale der betroffenen Person. Genetische Faktoren erklären etwa 50% der Auftretenswahrscheinlichkeit (Soyka & Küfner, 2008, S. 69). Die Eltern sind jedoch zweifellos einer der entscheidenden Einflussfaktoren des jugendlichen Alkoholkonsums, des frühen Einstiegalters und letztendlich des Alkoholmissbrauchs. Eine zentrale Rolle spielen hierbei der elterliche Erziehungsstil, das Familienklima und die elterliche Einstellung zum Alkoholkonsum allgemein und speziell dem ihrer Kinder. Fehlende Verhaltensregeln, wie auch eine extrem strenge Disziplin und inkonsistentes Erziehungsverhalten können ebenso negative Auswirkungen haben wie familiäre Konflikte und eine fehlende emotionale Bindung. Nicht zu vergessen ist die Vorbild-Funktion der Eltern. Eltern sollten ihre Kinder keinesfalls im Alkoholkonsum unterstützen und sie nicht in den eigenen Konsum einbeziehen (Leppin, 2000, S. 69). Ebenso sollten die alkoholspezifische Erziehung und der elterliche Umgang mit der Droge nicht widersprüchlich sein (Berger & Legnaro, 1980, S. 118).
2.2.2 Genetische Faktoren
Die Häufung des Alkoholismus in Familien ist bestätigt. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Familienangehöriger einer alkoholabhängigen Person selbst Alkoholprobleme entwickelt, 3-4 mal höher als bei einer unbelasteten Person. Zwillingsstudien an Kindern alkoholkranker Eltern wiesen eine höhere Konkordanzrate alkoholismusbezogener Störungen bei eineiigen Zwillingen im Vergleich zu zweieiigen Zwillingen auf. Die Konkordanzraten bei eineiigen Zwillingen sind um ca. ein 5-faches höher als bei den zweieiigen. So ist das Risiko eines eineiigen Zwillings beispielsweise um das 10-fache erhöht, selbst alkoholkrank zu werden, wenn der andere Zwilling alkoholkrank ist (DHS, 2003, S. 32f.). In Adoptionsstudien konnte nachgewiesen werden, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Söhne von Alkoholikern, die von Adoptiveltern aufgezogen wurden,
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welche keine Alkoholiker waren, selbst Alkoholprobleme entwickelten. So stellten Schuckit, Goodwin und Winokur (1972, zit. nach Leppin, 2000, S. 72) in einer Untersuchung fest, dass 62 % der von ihnen untersuchten Alkoholiker mindestens ein biologisches Elternteil mit Alkoholproblemen hatten, während nur 19 % der Nicht-Alkoholiker ein solches familiäres Risiko aufwiesen. Des Weiteren besteht eine Wechselbeziehung zwischen genetischem Risiko und Umweltrisiko. Neben ihrem erhöhten genetischen Risiko sind Kinder von Alkoholikern potenziell auch negativeren sozialisatorischen Einflüssen ausgesetzt. Hierzu gehören ein inkonsistenter Erziehungsstil, familiäre Konflikte, Trennung/Scheidung oder eine geringe emotionale Bindung an die Eltern. Man darf hier jedoch nicht verallgemeinern, denn weder eine genetische Veranlagung, noch ein negativer sozialisatorischer Einfluss allein führt zwangsläufig zum Alkoholmissbrauch bzw. zur Alkoholabhängigkeit (Leppin, 2000, S. 72ff.). Die Alkoholabhängigkeit geht also in etwa zu 50 % auf genetische und zu 50 % auf negative Lebensereignisse zurück, wobei der genetische Anteil bei Männern etwas höher und bei Frauen etwas niedriger zu sein scheint (DHS, 2003, S. 33). Allgemein zeigen sich beim Alkoholkonsum geschlechtsspezifische Effekte (Brandl-Bredenbeck, Locher & Brettschneider, 2004, S. 244). Obwohl gewisse Angleichungsprozesse im Konsumverhalten zu erkennen sind, ist das Risiko des männlichen Geschlechts nach wie vor höher als beim weiblichen Geschlecht, zum Problemkonsumenten zu werden. Dabei ist zu vermuten, dass das Geschlecht mit einer Reihe anderer Faktoren zusammenhängt, die wiederum den Konsum beeinflussen. Hier sind genetische und Persönlichkeitsmerkmale, aber auch ein unterschiedliches Werte- und Normensystem zu nennen (Leppin, 2004, S. 72). Über dies hinaus gibt es auch rassische Unterschiede der Verträglichkeit von Alkohol. In zahlreichen Untersuchungen wurde festgestellt, dass Angehörige mongolischer Rassen eine „physiologisch bedingte Minderverträglichkeit des Alkohols“ haben. Schon bei geringen Alkoholmengen treten erhebliche Nebenerscheinungen auf. Die Unterschiede in der Alkoholverträglichkeit hängen mit einem Polymorphismus der Acetaldehyddehydrogenase zusammen, d.h. es kommt zu einer verzögerten Oxidation von Acetaldehyd. Bei etwa 50 % der Japaner, Chinesen, Vietnamesen und Indianern wurde diese Alkoholunverträglichkeit fest-
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gestellt (Soyka & Küfner, 2008, S. 73). Die Intoleranz kann schon bei kleinen Mengen Hautrötungen und andere unangenehme Reaktionen, wie beispielsweise Übelkeit, hervorrufen. Diese Menschen haben ein geringeres Risiko, alkoholabhängig zu werden, denn die angeborene Alkoholsensibilität schützt Menschen offenbar durch einen inneren Stoppmechanismus davor, weil sie genetisch bedingte Empfindlichkeitsreaktionen aufweisen. Hieraus kann man also schließen, dass der potenzielle Alkoholiker einen Mangel an Intoleranz gegenüber Alkohol besitzt (Harten, Röhling & Stender, 1989, S. 38).
2.2.3 Psychologische Faktoren
Es hat sich in zahlreichen Untersuchungen gezeigt, dass Erfahrungen physischen, sexuellen und psychischen Missbrauchs wichtige Risikofaktoren für das Auftreten einer späteren Abhängigkeitserkrankung darstellen. Ebenso von Bedeutung ist das Aufwachsen in dysfunktionellen, kommunikationsgestörten Familien. Die Qualität der emotionalen Beziehungen in der Familie spielt eine große Rolle. Bei Alkoholabhängigen trägt auch Trennung und mangelnder Ersatz der Beziehung zur späteren Erkrankung bei. Das Risiko für die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit wird durch hyperkinetische Syndrome im Kindes- und Jugendalter erhöht. Diese können mit Aufmerksamkeitsstörungen einhergehen und wiederum zu verschiedensten Teilleistungs-, emotionalen oder Verhaltensstörungen führen (DHS, 2003, S. 31). In einer Studie erfüllten 21 % der teilnehmenden 314 Alkoholiker die Kriterien für eine ADH Störung. Für die Disposition zur Alkoholabhängigkeit wurden folgende Faktoren zusammengefasst: erhöhtes Aktivitätsniveau, verstärkte Emotionalität, mangelnde Soziabilität, geringe Aufmerksamkeitsspanne und verlangsamte Rückkehr zur entspannten Ausgangslage (Soyka & Küfner, 2008, S. 80). Aufgrund von Enttäuschungserlebnissen in der frühen Kindheit kommt es bei einem Teil der Alkoholkranken zu einer sog. oralen Fixierung in der psychosexuellen Entwicklung, die das Erleben von Frustrationen im Erwachsenenalter durch das Trinken von Alkohol erträglicher macht. Außerdem ist Alkohol bei narzisstisch gestörten Personen mit Selbstwertproblemen geeignet, um nicht anders erlebbare Gefühle von Macht, Größe und Bedeutung zu vermitteln (DHS, 2003, S. 32). Bereits in der frühen Kindheit werden bestimmte
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Temperamentsfaktoren sichtbar, die mit einem erhöhten Risiko für spätere Alkohol- und Drogenprobleme einhergehen. Dazu werden eine mangelnde Ich -Kontrolle, die durch Impulsivität, emotionale Labilität, niedrige Frustrationsschwelle und geringer Vitalität gekennzeichnet ist sowie einer geringen Ich-Stabilität, welche sich in geringer Vitalität, geringem Selbstvertrauen und defizitärer Stressverarbeitung äußert. Ebenso Prädiktoren für einen späteren Alkoholkonsum können antisoziales Verhalten und aggressive Tendenzen in der Kindheit sein. In einer Zwillingsstudie konnten Slutske et al. (1998, zit. nach Leppin, 2000, S. 76) einen starken Zusammenhang zwischen (antisozialen) Verhaltensstörungen in der Kindheit und Alkoholabhängigkeit im Erwachsenenalter feststellen (Leppin, 2000, S. 75ff.).
Nach Untersuchungen der Persönlichkeit Alkoholkranker gibt es keine spezielle und zwangsweise in die Alkoholabhängigkeit führende Suchtstruktur, jedoch scheinen beispielsweise Wahlfreiheit (im Gegensatz zur zwangsweisen Verabreichung) und speziell auf Alkoholwirkungen bezogene Erwartungshaltungen (Wirkungserwartungen) allgemeine Voraussetzungen für die Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit zu sein. Des Weiteren sprechen empirische Studien dafür, dass sich eine gehäufte Alkoholabhängigkeit bei Menschen mit dissozialer oder antisozialer Persönlichkeitsstörung entwickelt. Außerdem scheint das Trinken von Alkohol ein Selbstheilungsversuch für Menschen mit Angststörungen zu sein. Depressionen werden eher als die Folge und nicht die Ursache exzessiven Alkoholkonsums gesehen (DHS, 2003, S. 32). Küfner (1980, zit. nach Janker & Merklinger, 1988, S. 16) kommt zu fünf Unterscheidungsmerkmalen, die zwar nicht für alle Alkoholiker zutreffen, die jedoch bei einer Großzahl der Alkoholikerpersönlichkeit auftritt: 1. In seinen Persönlichkeitseigenschaften liegt der Alkoholiker zwischen der Gruppe der Neurotiker und der Gruppe der Psychopathen. 2. Der Alkoholiker ist unfähig, Spannungen und Anstrengungen auszuhalten, Schwierigkeiten und Enttäuschungen zu ertragen und zu überwinden. 3. Aufgrund mangelnden Durchhaltevermögens misslingen dem Alkoholiker meist Dinge, die er in großartiger Weise tun möchte.
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4. Der Alkoholiker leidet unter Angst und Schuldgefühlen (im Gegensatz zum Psychopathen).
5. Dem Alkoholiker mangelt es an emotionaler Wärme, er ist in sozialen und interpersonalen Situationen schlecht angepasst und hauptsächlich auf sich selbst konzentriert.
Sher und Trull (zit. nach Küfner, 1996, S. 59) unterscheiden des Weiteren zwei Typen, die sich in ihrer Persönlichkeit im Wesentlichen voneinander abgrenzen. Typ 1 ist ein eher neurotischer Typ, gekennzeichnet durch soziale Anpassung, Angst und depressive Reaktionen, sowie einem negativem Selbstbild. Typ 2 dagegen kann als psychopathisch bzw. soziopathisch bezeichnet werden und ist allgemein durch eine geringere soziale Anpassung und Normorientierung, sowie durch eine größere Impulsivität charakterisiert.
2.2.4 Soziokulturelle Faktoren
Die Trinksitten einer Gesellschaft werden stark geprägt durch ethnische und kulturelle Faktoren. Der Umgang mit Alkohol wird in manchen Kulturen sogar durch strenge religiöse Vorschriften geregelt. Allgemein gilt jedoch, dass in der Begrenzung von Suchtproblemen Strafmaßnahmen, wie Verurteilungen oder Inhaftierungen, weniger wirksam sind als Maßnahmen, die die Verfügbarkeit (Griffnähe) einschränken. So sind Alterseinschränkungen beim Verkauf oder Steuern, die den Preis der alkoholischen Getränke steigen lassen, erheblich wirksamer. Äußerst zerstörend kann sich der Alkoholkonsum auswirken, wenn der Umgang mit Alkohol nicht in die Riten und Normen einer Kultur eingebunden ist, wie das Beispiel der amerikanischen Indianer oder der australischen Aborigines zeigt.
Als besonderer Risikofaktor für erhöhten Alkoholkonsum erwies sich die Arbeitslosigkeit, aber vor allem bei heranwachsenden Jugendlichen sind auch die konsumbezogenen Normenbildungen Gleichaltriger (peer group) prägend (DHS, 2003, S. 31). Hier scheint der Einfluss der Gleichaltrigen auf die Ausbildung des Trinkverhaltens größer als der der Eltern zu sein. Der Alkoholkonsum ergibt sich oft aus der Anpassung an gruppenspezifische Verhaltensweisen. Insbesondere Jugendliche möchten durch den Konsum eine Gruppenzugehörigkeit erwerben
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und bekräftigen. Je nach Konsum können die ihren Status in der Peergroup verbessern. Der Peergroup kommt demnach eine entscheidende Rolle in der frühen Phase der „Alkoholkarriere“ zu, denn sie bildet den sozialen Kontext, in dem die Jugendlichen mit ihrem Trinken positive Reaktionen erzielen können und folglich bestätigt werden. Dabei kann es durch soziale Gewohnheit und physiologische Toleranzbildung schnell zu einer problematischen Konsumhöhe kommen (Berger & Legnaro, 1980, S. 118ff.). Sicher ist, dass das negative Verhalten der Gleichaltrigen ein wichtiger Einflussfaktor darstellt, jedoch hängt es von den familiären und persönlichen Ressourcen ab, wie viel Bedeutung es tatsächlich einnimmt (Leppin, 2000, S. 71).
2.2.5 Zusammenfassung
Abschließend kann man sagen, dass es den Grund für Drogenkonsum undmissbrauch nicht gibt. Multiple Einflussfaktoren spielen eine Rolle. Das komplexe Zusammenspiel aus genetischer Vulnerabilität, elterlichem Erziehungsverhalten, individuellem Temperament, Modelleinflüssen von Peer-Gruppen, aber auch der Verfügbarkeit bestimmter Substanzen, sowie konkreten Erwartungen und Einstellungen führt letztendlich zur Entwicklung von Substanzkonsummustern (Leppin, 2000, S. 84). Das Ursachendreieck (Abb. 3) bestehend aus Droge, Persönlichkeit und Umwelt stellt das Bedingungsgefüge zusammengefasst dar. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass die Persönlichkeit den Hauptausschlag für eine Suchtentstehung gibt. Die Umwelt hat einen mehr oder weniger starken Einfluss auf die Persönlichkeit und stellt für sich allein betrachtet, keine Ursache im eigentlichen Sinn dar, wohingegen die Droge selbst im Wesentlichen austauschbar ist und eher für eine Lebensunfähigkeit steht (Haushahn, 1996, S. 123).
2.3 Die subjektive Bedeutsamkeit des Alkoholkonsums
Die Skala der Funktionen des Trinkens für das Individuum scheint lang. Antons und Schulz (1990) kamen zu dem Ergebnis, das die vielfältige Verwendung des
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Alkohols zeigt, dass man nicht von einem einzigen dominanten Trinkmotiv oder einem speziellen Verstärker ausgehen darf, sondern von einer großen Anzahl positiver Wirkungen. Vom überwiegenden Teil der Trinkenden wird Alkohol in vielen unterschiedlichen Situationen als positiv erlebt. Nach Antons und Schulz ist die erlebte Wirkung des Alkohols stark kontextabhängig und nicht nur die Verwendung, sondern ebenso die erlebten Wirkungen sind erheblich von Lernprozessen abhängig. Weder die Spannungsreduktionsthese, noch die Meinung, Alkohol mache aggressiv, konnten bisher experimentell eindeutig bestätigt werden. Es hat sich durch die Untersuchungsergebnisse über die Breite des Motivspektrums bestätigt, dass niemand der befragten Personen ausschließlich gesellschaftliche Funktionen des Trinkens genannt hat. So ist dem Großteil normaler Alkoholkonsumenten eine beträchtliche Zahl von Wirkungen bekannt, die zum Teil auch als Trinkgründe in Erscheinung treten. Demnach sind Antons und Schulz (1990, S. 105) folgender Meinung: „Als besonders wichtige Bedingung des sozial integrierten Alkoholkonsums sehen wir die Maskierung des Wirkungstrinkens hinter der sozial akzeptierten und tolerierten Verwendung für ganz bestimmte Zwecke: Geselligkeit, Gemütlichkeit, Kontaktfreudigkeit, etc.“ Folgende Tabelle (Tab. 3) gibt einen Überblick über häufig genannte Trinkmotive, wobei zwischen Kenntnis der positiven Wirkungen (Potenzielle Trinkmotivation = PM) und tatsächlichen Trinkgründen (Aktualisierte Trinkmotive = AM) unterschieden wird.
Tab. 3: Potenzielle und aktualisierte Trinkmotive in Bezug auf verschiedene Lebensbereiche (Antons & Schulz, 1990, S. 96, überarbeitet durch die Verfasserin)
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2.4 Alkohol und Sport
Nachdem nun der Alkohol und seine Wirkmechanismen ganz allgemein behandelt wurden, wird jetzt speziell auf Alkohol in direktem Zusammenhang mit Sport eingegangen. Da sich das Thema dieser Arbeit auf den Alkoholkonsum im Fußball bezieht, ist es wichtig zu erkennen, wie sich die Substanz Alkohol speziell auf Funktionen auswirkt, die für den Sportler elementar sind.
2.4.1 Alkohol und Muskelarbeit
Was die Muskelarbeit betrifft, so wirkt sich Alkohol schon bei weniger als 0,5 Promille Blutalkoholgehalt nachteilig auf die hauptsächlichsten Elemente des körperlichen Leistungsvermögens aus. Die Muskelkraft wird nicht über die Muskelfaser direkt, sondern durch Vermittlung der Bewegungsnerven beeinflusst. In einem Versuch von Kraepelin (zit. nach Biener, 1981, S. 30) zeigte sich, dass sich der Bewegungsreiz nach Alkoholeinnahme zwar erhöht, die Bewegungskraft jedoch gemindert wird, was nachweist, dass sich damit die gesamte Arbeitsleistung verschlechtert.
Nach Alkoholaufnahme werden zahlreiche unzweckmäßige Mitbewegungen durchgeführt, weswegen die Muskeln frühzeitig ermüden. Übungen werden eckig, unökonomisch und minderwertig, d.h. das harmonische Zusammenspiel der Muskelgruppen wird gestört. Allgemein wird die verminderte Muskelleistung nach Alkoholaufnahme als eine Störung in der Muskelkoordination beschrieben (ebd.). Nachweisbare Folgen der Alkoholeinwirkung für die Gesamtmotorik umfassen eine Störung des Gleichgewichts, des Reflexgeschehens sowie der koordinativen Gesamtabstimmung (Weineck, 1998, S. 561). In weiteren Versuchen zur Muskelleistung beim 100-m-Lauf zeigte sich, dass alle alkoholisierten Probanden schlechtere Leistungen zeigten. Gerade auch für Mittel-oder Langstreckenläufer wird der Alkohol durch die vorzeitige Ermüdungswirkung als Sauerstoffräuber verhängnisvoll. Ebenso wird die Kreislauffunktion durch Alkohol wesentlich unökonomischer. Schon 1897 wurde von militärärztlicher Seite aus verlautet, dass der Wert des Alkohols als Energieaktivator der Muskelkraft illusorisch sei. Die Anregung durch Alkohol sei nicht nur flüchtig,
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Julian Hübner, 2009, Alkoholkonsum im Fußballsport, München, GRIN Verlag GmbH
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