vom Buch zum Film als ein wesentlicher Schritt der kulturtheoretischen Menschheitsgeschichte beschreiben, indem er die menschlichen Wahrnehmungen gravierend verändert, ferner neben Replikation der Realität nun endlich möglich macht was lange gewünscht. Das Streben der Menschen nach alternativen ‚topoi‘, nach Handlungsräumen in welchen alles möglich scheint, ist durch die neue Kunst des Films zum Greifen nahe. Angetrieben durch Neugier und dem Drang der Realisierung des ‚Utopieprojekts‘, sowie der „Idee der Akkumulation“ (Foucault 1992: S.43) schritt die Technikentwicklung voran, bis der alternative
Handlungsraum ist als Medienwirklichkeit in unsere Realität eingedrungen ist. Nun prangt er als (Medien)Raum, als Gegenplatzierung in welchen die Diskurse und Erkenntnisbedingungen eingeschrieben sind, ja als wirksamer, wirklicher Ort, als tatsächlich realisierte Utopie in unserer Lebenswelt. (vgl. Foucault 1992: S.39) Michel Foucault bezeichnet diese Orte, die Realisierungen der Utopie als „Heterotopien“. (ebd.) In ihnen ist es nun möglich einen Ort zu schaffen an dem alle Zeiten sich vereint, alle Ideen, Formen und alles Wissen zusammengeschlossen sind um im Zustand einer Art Generalarchiv der „Idee der Akkumulation“ (Foucault 1992: S.43) gerecht zu werden.
3. Klassiker der Filmtheorie
Dass diese bedeutenden Errungenschaften, alsbald die Zuwendung von Philosophen und Denkern nach sich zogen und zu den ersten modernen Medientheorien führten, muss nicht näher erklärt werden. So war das Kino ein neu gefundenes Fressen für die Theoretiker und Ästhetiker der Moderne, die die neuartigen Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven reflektierten. Bekannteste Namen unter ihnen, ohne deren Nennung wohl kaum ein filmtheoretischer Essay auskommen wird, sind die frühen Medienphilosophen: Dziga Vertov und Béla Balázs welche als Theoretiker die dem (Ton)Film ihre Aufmerksamkeit schenkten, neben klingenden Namen wie Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Rudolf Arnheim ferner die Autoren des „Manifest zum Tonfilm“ S.M. Eisenstein, W.I. Pudowkin und G.W. Alexandrow. Sie alle setzen sich, wenngleich mit unterschiedlichsten Foki, mit den neuen Medium auseinander und suchten das Wesen des Films zu erkunden, ferner die Auswirkungen von Selbigem auf die Zivilisation zu hinterfragen. So waren die
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frühen Filmtheorien von sehr verschiedenen Auffassungen geprägt, sah man doch das Kino als technologische Innovation einerseits, das über die Belustigung des Publikums zur Entstehung der Massen beitrug, als bahnbrechende Kunstform andererseits. Vor allem Dziga Vertov sah mit dem Film, unter welcher er ein neues Verfahren des künstlerischen Ausdrucks verstand, die Verlagerung des menschlichen Fokus von den bisherigen Künsten, welche sich um die Jahrhundertwende in all ihren Auswüchsen zeigten, was zu einem Verlust der Perspektive und des Stils führte, auf das „Kino Auge“ (Vertov: 2000 S. 246 ), einhergehend. Als Faszinationsgenerator zog der Kinosaal das Publikum an und generierte dieses in eine, von allen Gefühlen, aller Persönlichkeit und allen Wesensmerkmalen befreite seelische, einheitlich denkende Totalität, die Gustav LeBon und andere Theoretiker, als Geburtsstätte der Masse bezeichnet. Mit Le Bon sieht Vertov die Wirklichkeitswahrnehmung der Menschen durch den Kinobesuch verändert, so würde das Publikum lediglich durch das Auge der Kamera sehen, mit welchem ein paar Wenige versuchen die Massen moralisch zu erziehen. (vgl. Leonhard 1999: S. 162) Als besondere Kunstform vermag das Kino somit nicht nur die Realität zu reproduzieren sondern neu, in gewünschter Form zu konstruieren. So sind die ersten Lumiérschen Filme ‚lediglich‘ Aufnahmen von Alltagsgeschehen, die alltägliche Handlungen abbildeten. Die erste inszenierte Filmsequenz folgte alsbald aus der Feder der Gebrüder Lumiere mit „Der übergossene Gärtner“ einer Filmsequenz, welche als die erste Komödie in die Filmgeschichte einging. Aufbauend auf diesen Entwicklungen kamen einige Theoretiker, unter ihnen Rudolf Arnheim, auf die Argumentation, dass der Film selbstständig von der Wirklichkeit ist. So ist Selbiger doch Schauplatz realer Handlungen einerseits, durch seine Bedingtheit auf die Leinwand flache Ansichtskarte andererseits. Mit Arnheim, welcher vor allem die Verortbarkeit des Films zwischen Foto und Theater betont, welche sich bereits durch dessen Entstehung, der die Fotografie, in diesem Bereich vor allem die Chronofotografie, vorangegangen waren, wird die Verbindung von Film und Theater, vor allem durch das Schauspiel das der Film verlangt, klar. Was den Film jedoch garvierend vom Theater unterscheidet ist seine technische Reproduzierbarkeit, durch welche er in identischer Form hunderte Male abgespielt werden kann, was dem Theater durch seine situative und momenthafte Bedingtheit, im „Hier und Jetzt“ ein Ding der Unmöglichkeit ist.
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3.1. Walter Benjamin
Den Blickpunkt auf die technische Reproduzierbarkeit forciert Walter Benjamin und prophezeit einen damit einhergehenden Verfall der Aura. Mit der kunstfertigen Abbildbarkeit der modernen Medien, hat sich, der von den Techniken des Films, der Montage, ferner aller neuen Medien begeisterte, Walter Benjamin
auseinandergesetzt, welcher mit seinem Text „das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ einen der wichtigsten, meistrezipierten, frühen Medientheorien schuf. Darin charakterisiert Benjamin den Film als eine mit dem Verlust der Aura, unter welcher er den jeweiligen Kunstwert eines originalen Kunstgegenstands versteht, einhergehendes Schwinden des einmaligen Daseins des Werks, der die Echtheit des Originals in eine Erschütterung der Tradition führe. Durch diese Entwicklung ginge der Kultwert des Werks zugunsten seines Ausstellungswerts verloren. Den Ursprung dieser Entwicklung sieht Benjamin mit Rudolf Arnheim in der Fotografie, mit welcher erstmals das einmalige Original nicht mehr Wert hat als dessen Kopie. Die Kumulation dieser Entwicklung sieht der Theoretiker in der Filmkunst deren Bilder dem Publikum wie Geschosse entgegen treten würden, was im Bezug auf die Einführung des Films durch die Luhmierschen Filme, insbesondere durch die Aufnahmen „die Ankunft eines Zuges“ welche das Publikum, durch die Befürchtung des überrollt-Werdens durch das auf sie zukommende Geschoss in Gestalt der Lokomotive, in Angst und Schrecken versetzte. Negative Tendenzen sieht Walter Benjamin vor allem im flüchtigen und wiederholbaren Charakter der Kameraaufnahme, durch welche die Welt sich mittels der Reproduktion von Einzigartigkeit zur Gleichartigkeit kumuliere. Mit Benjamin sehen vor allem Manuel Ortega und Elias Canetti ähnliche Phänomene, bedingt durch die Massenmedien auftretend, welche sich in einer analogen Denkweise und in einer unbestimmten, sich beständig wandelnden Zivilisation, ferner dem Verlust aller alten Sozial- und Beziehungsformationen zeige, die mit einer Zerstörung der Vergangenheit einhergingen, was zu verminderten Abstraktionsfähigkeiten und einem tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft führe. Den negativen Tendenzen ungeachtet sieht Benjamin die Annäherung des Films an das reale Leben fortschrittlich und kann der Reproduzierbarkeit auch Gutes abgewinnen insofern, dass sich vor allem durch Fotografie und Film Momente für 4
Arbeit zitieren:
Catrin Neumayer, 2009, Filmgeschichte - ein kurzer Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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