II
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ................................................................................................................. II
1. Einleitung 1
2. Theoretische Grundlagen 3
2.1. Der handlungs - und produktionsorientierte Literaturunterricht 3
2.1.1. Entstehungshintergrund des handlungs- und produktionsorientierten 3
Literaturunterrichts 3
2.1.2. Grundlegende Konzeption und Zielsetzung des handlungs- und 4
produktionsorientierten Literaturunterrichts 4
2.1.3. Verfahrensweisen des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts 6
2.1.4. Kritikpunkte am handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht 8
2.2. Leseförderung- Motivation zum Lesen 9
2.2.1. Zum Begriff der Leseförderung 9
2.2.2. Das Kinderbuch als Mittel der Leseförderung 10
2.2.3. Kriterien zur Auswahl einer geeigneten Ganzschrift für den Unterricht 11
2.3. Die Ganzschrift Wuschelbär von Irina Korschunow 13
2.3.1. Zur Autorin Irina Korschunow 13
2.3.2. Zum Inhalt des Kinderbuches 14
2.3.3. Formale Analyse des Kinderbuches 15
3. Planung der Unterrichtseinheit 16
3.1. Thema der Unterrichtseinheit 16
3.2. Stellung der Unterrichtsstunden in der Unterrichtseinheit 16
3.3. Bemerkungen zur Lerngruppe 17
3.3.1. Eigenarten der Lerngruppe 17
3.3.2. Lernverhalten und Leistungsvermögen 18
3.3.3. Zur Lernausgangslage der Lerngruppe 18
3.4. Lernziele der Unterrichtseinheit 19
3.5. Erläuterung und Begründung der Ziel- Inhaltsentscheidungen 20
3.6. Begründung für die Auswahl der Ganzschrift Wuschelbär 22
3.7. Methodische Überlegungen zur Unterrichtseinheit 23
3.7.1. Handlungs- und produktionsorientierte Verfahrensweisen 23
3.7.2. Arbeits- und Organisationsformen 23
3.7.3. Medien 24
III
4. Darstellung ausgewählter Unterrichtsstunden 25
4.1. Darstellung der 3 Unterrichtsstunde: Wuschelbär ist eifersüchtig Wir entwickeln ein
Rollenspiel zu Wuschelbärs Verhalten gegenüber Benjamin und dem weißen Bären 25
4.1.1. Themenbezogene Zielsetzung 25
4.1.2. Lernausgangslage 26
4.1.3. Sachanalyse des Lerngegenstandes 26
4.1.4. Begründung und Erläuterung der Ziel- Inhaltsentscheidungen 27
4.1.5. Begründung und Erläuterung der methodischen Entscheidungen 28
4.1.6. Geplanter Stundenverlauf 30
4.1.7. Reflexion der Unterrichtsstunde 31
4.2. Darstellung der 5 Unterrichtsstunde: Wuschelbär im Wald - Wir erfinden einen Traum
von Wuschelbär 32
4.2.1. Themenbezogene Zielsetzung 32
4.2.2. Lernausgangslage 32
4.2.3. Sachanalyse des Lerngegenstandes 33
4.2.4. Begründung und Erläuterung der Ziel- Inhaltsentscheidungen 33
4.2.5. Begründung und Erläuterung der methodischen Entscheidungen 36
4.2.6. Geplanter Stundenverlauf 37
4.2.7. Reflexion der Unterrichtsstunde 38
4.3. Darstellung der 8 Unterrichtsstunde: Verschiedene Angebote an Aufgabenstellungen
zur Ganzschrift Wuschelbär 39
4.3.1. Themenbezogene Zielsetzung 39
4.3.2. Lernausgangslage 40
4.3.3. Sachanalyse des Lerngegenstandes 40
4.3.4. Begründung und Erläuterung der Ziel- Inhaltsentscheidungen 41
4.3.5. Begründung und Erläuterung der methodischen Entscheidungen 42
4.3.6. Geplanter Stundenverlauf 44
4.3.7. Reflexion der Unterrichtsstunde 45
5. Schlussbetrachtung 46
Literaturverzeichnis 50
1
1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit wird der handlungs- und produktionsorientierte Umgang mit der
Ganzschrift „Wuschelbär“ von Irina Korschunow im Deutschunterricht einer dritten Klasse
dargestellt.
Zur Wahl dieses Themas bewegte mich zum einen mein persönliches Interesse an
Kinderliteratur und zum anderen die starke Bedeutung von Büchern im Leben von Kindern und
Jugendlichen. Insbesondere die rasant veränderten Medienbedingungen in der heutigen Gesellschaft stellen m.E. eine Konkurrenz für das Medium Buch dar. Die kindliche Lebenswelt
wird immerzu drastischer durch die elektronischen Medien wie bspw. Fernsehen, Computer und
Video beeinflusst. Daraus entstand eine öffentliche Diskussion in der Gesellschaft über die
Gefährdung der Printmedie n, insbesondere der Ablösung des Buches durch die elektronischen Medien. Die Leseförderung gilt daher als eine wichtige Aufgabe, die einerseits von den Eltern
und andererseits in der Schule angegangen werden muss. In einer Studie der Stiftung Lesen 1 zum Lesealltag von Kindern und Jugendlichen gaben die 12- bis 13-Jährigen das Fernsehen als
wichtigstes Medium an. Hinsichtlich der Ergebnisse der „PISA-Studie 2000“ 2 zeigte sich, dass
deutsche Schüler 3 unterdurchschnittliche Kenntnisse und Fähigkeiten in der Lesekompetenz aufwiesen. Die Bundesrepublik Deutschland erreichte unter 31 Teilnehmerstaaten in diesem
Bereich den 21. Platz. Damit unterstützen beide Studien die These, dass einerseits die Bedeutung der technischen Medien im Leben der Kinder und Jugendlichen zugenommen hat
und andererseits die Lesefertigkeit der Schüler sich verringerte.
Die Kinder- und Jugendliteratur ist der Einstieg in den Umgang mit Literatur und fördert die
lesende Aneignung von Texten. Der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht
stellt dabei eine Möglichkeit dar, den Umgang mit Kinder- und Jugendbüchern im Deutschunterricht zu integrieren. Aus diesem Grund steht im Mittelpunkt dieser Arbeit der
handlungs- und produktionsorientierte Umgang mit der Ganzschrift „Wuschelbär“ unter
besonderer Berücksichtigung der Leseförderung.
In diesem Zusammenhang sollen Antworten auf folgende Leitfragen gefunden werden.
1. Tragen die Verfahren des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts
zu einem Aufbau bzw. Erhalt der Lesemotivation von Grundschülern bei?
2. Inwieweit fördern die Verfahren des handlungs- und produktionsorientierten
Literaturunterrichts die schülerbezogene Erschließung und Interpretation eines Textes?
1 Vgl. Stiftung Lesen (1996), 1.3.
2 Vgl. OECD PISA-Studie, http://www.mpib-berlin.mpg.de/pisa/.
3 Im Folgenden impliziert der Begriff Schüler auch Schülerinnen.
2
Die Auseinandersetzung und Vertiefung dieser Fragestellungen erfolgt in drei Hauptteilen. Der erste Teil befasst sich mit den theoretischen Grundgedanken zu der Unterrichtseinheit. Zunächst wird der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht betrachtet, indem die Entwicklung, die grundlegende Konzeption und Zielsetzung, die Verfahrensweisen sowie die Kritikpunkte an dieser Unterrichtsform aufgezeigt werden. Anschließend wird in diesem Zusammenhang Bezug zu der Leseförderung genommen. Nach einer diesbezüglichen theoretischen Begriffsklärung wird auf das Medium Buch als Mittel der Leseförderung eingegangen und Kriterien zur Auswahl einer geeigneten Ganzschrift für den Unterricht dargestellt. Im letzten Abschnitt des Theorieteils befindet sich eine Erläuterung der Ganzschrift „Wuschelbär“, aus der ein Abriss zur Autorin Irina Korschunow als auch eine inhaltliche sowie formale Analyse des Kinderbuches hervorgeht.
Der zweite Hauptteil dieser Ausarbeitung umfasst neben der Begründung zur Buchauswahl die Planung der Unterrichtseinheit. Dabei werden das Thema, der zeitliche Ablauf, die Lernziele, die Bemerkungen zur Lerngruppe sowie die didaktischen und methodischen Überlegungen angeführt.
Der dritte Hauptteil dieser Arbeit beinhaltet die praktische Umsetzung und Darstellung des Unterrichts. Hierzu w erden drei Unterrichtsstunden ausführlich betrachtet, in denen die Zielsetzung, die Lernausgangslage, die Sachanalyse, die didaktischen und methodischen Entscheidungen, der geplante Stundenverlauf und die Reflexion der Unterrichtsstunden dargestellt werden.
In einem abschließenden Fazit wird im letzten Teil dieser Ausarbeitung eine Reflexion des gesamten Unterrichtsvorhabens im Hinblick auf die praktische Durchführung vorgenommen.
3
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht
2.1.1. Entstehungshintergrund des handlungs - und produktionsorientierten
Literaturunterrichts
In den sechziger Jahren wurde die Literaturwissenschaft durch Konzeptionen der
Rezeptionsästhetik ergänzt, wodurch der individuelle Leseakt erkannt und erfasst wurde.
Hieraus entstanden die anfänglichen konkretisierbaren Ansätze eines handlungs- und
produktionsorientierten Literaturunterrichts. Unter dem Begriff der Rezeptionsästhetik vereinen
sich literaturtheoretische Ansätze, die sich auf die Rezeption literarischer Texte und die Rolle
des Lesers beziehen. Die Rezeptionsästhetik beinhaltet, dass ein Text kein statisches Gebilde
darstellt. Vielmehr wirkt der Text auf Leseprozesse ein. Der Leser wird bei der Rezeption durch
die Unbestimmtheit eines Textes zu subjektiven Gedankenvorgängen herausgefordert. Somit
wird der Leser zum Mitproduzenten des Autors. Die Rezeption von Texten ist dadurch kein
vollständig verobjektivierbares Geschehen, sondern erheblich von der momentan deutenden
Aktivität des Lesers geprägt. 4 Allerdings blieb der Rezeptionsprozess Anfang der siebziger Jahre noch weitgehend auf den
kognitiven Bereich ausgerichtet. Die einseitige Erziehung des „kritischen Lesens“ förderte zwar
ein emanzipierendes und aktives Verhalten in der Gesellschaft, vernachlässigte jedoch das
individuelle Lesesubjekt selber. 5 In den achtziger Jahren dagegen gewannen zunehmend verschiedene Strömungen und Einflüsse im Literaturunterricht an Bedeutung, die neben der
kognitiven auch die affektive und psychomotorische Seite des Lesens stärker einbezogen. 6 Aus dieser Entwicklung heraus nahm seit den neunziger Jahren der Einfluss der kritischen
Komponente ab und förderte somit die Durchsetzung einer poetischen Kompetenz. Dieser liegt
die Vorstellung zugrunde, dass der Leser die Fähigkeit besitzt in eine poetische und fiktionale
Welt einzutreten, sie verstehen und in ihr sich frei bewegen sowie kreativ-produktiv arbeiten
kann. 7 Somit führte einerseits die Kritik an einem analytischen und interpretierenden Unterricht und andererseits die zunehmende Berücksichtigung einer individuell-sinnlichen Leseart zu der
Entwicklung eines handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts.
4 Vgl. Waldmann (1994), S. 471f.; Vgl. Payrhuber (2001), S. 121.
5 Vg l. Schuster (2001), S. 76f.
6 Vgl. ebd., S. 80.
7 Vgl. Haas (1997), S. 24f.
4
2.1.2. Grundlegende Konzeption und Zielsetzung des handlungs - und
produktionsorientierten Literaturunterrichts
Der Begriff des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts beinhaltet zwei
Grundformen des aktiv-produktiven Tuns. Einerseits sollen die Schüler im Unterricht mit
gegebenen Texten zu praktischem Handeln ermutigt werden, wobei der aktive Gebrauch ihrer
Sinne verfeinert wird (Handlungsorientierung). Hier wäre bspw. das musikalische, spielende
und darstellende Arbeiten mit einem Text zu nennen. Andererseits ist das produktive Erzeugen
von neuen Texten, Teiltexten und Textvarianten für die Motivation und Kreativität von
Bedeutung (Produktionsorientierung). Hierbei steht das kognitive Vermögen der Schüler im
Vordergrund. 8
Der literaturdidaktische Ansatz des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts
steht in enger Verbindung mit Elementen aus der Freinet-Pädagogik, dem Offenen Unterricht,
dem Praktischen Lernen sowie dem kreativen Schreiben. 9 Der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht hat zum Zweck, dass das Verstehen eines literarischen
Textes entwickelt bzw. gefördert wird. Die poetische Machart, die Aussage und die Wirkung
eines Textes sollen den Schüler durch emotional-ganzheitliche, identifizierende, poetische und
kognitive Zugänge verdeutlicht werden.
Dieser Ansatz beinhaltet, dass die traditionellen Verfahren im Literaturunterricht, in denen die
kognitive Auseinandersetzung mit dem Text im Mittelpunkt steht, dem Schüler die Motivation
am Lesen nimmt. Insbesondere Schüler, die ei n langsames Lernvermögen offenbaren oder eine
stärkere praktische Begabung aufweisen, können bei den auf kognitive Ziele ausgerichteten
Inhalten den Anschluss an den unterrichtlichen Diskurs verlieren. Deshalb versucht der
handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht verschiedenen Lerntypen gerecht zu
werden. Dies zeigt sich, indem die Schüler in ihrer Sinnlichkeit, ihren Gefühlen, ihrer Phantasie
und ihrem Tätigkeitsdrang angesprochen werden. 10 Somit werden die Interessen und Fähigkeiten der Schüler berücksichtigt und die Zielsetzung erfüllt, dass die Schüler für das
Lesen und den Umgang mit der Sprache motiviert werden.
Ferner stützt sich die Konzeption des handlungs- und produktionsorientierten
Literaturunterrichts auf die Vorstellung, dass Lesen ein aktiver und produktiver Vorgang ist.
Der Leser versieht dabei den Text mit eigener Bedeutung, sodass sich der Text in ihm entfalten
kann. Durch diesen kreativ-produktiven Vorgang rückt der analytische Umgang mit Texten in
den Hintergrund. Die Schüler, die einen Text anderweitig deuten und empfinden als analytisch
vorgegeben, sind demzufolge minder benachteiligt.
8 Vgl. Haas/Menzel/Spinner (1994), S. 18.
9 Vgl. Haas (1997), S. 27 ff.
10 Vgl. Haas/Menzel/Spinner (1994), S. 17.
5
Obwohl die Vertreter des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts die
kognitive Herangehensweise an Texte im traditionellen Literaturunterricht kritisieren, soll in
dieser Unterrichtsform der analytische Umgang mit Texten nicht ausgeschlossen werden. Diese
Ansicht begründet sich aus der Forderung, dass im Umgang mit Literatur ein kritisches und
bewusstes Lesen der Schüler erhalten bleiben soll. 11 Die Ausgangslage für derartig analytisch- intellektuelle Prozesse erstreckt sich jedoch auf die Ausbildung von Leselust und die
Fundierung der Lesebereitschaft. 12
Im handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht wird die Auseinandersetzung mit
Texten stärker betont. Das Ergebnis ist nicht primär entscheidend, sondern der Prozess der dahin führt. Aus diesem Grund sollen die Schüler dazu angeregt werden, eigenständig zu
überlegen, welche Herangehensweisen sie bei der Arbeit an einem Text anwenden können.
Zudem sollen die Schüler bei der Auswahl eines Textes mitbestimmen können, wodurch sich
eine emanzipatorische Kompetenz bei ihnen entwickeln kann. 13
Der handlungs- uns produktionsorientierte Literaturunterricht geht zwar von einem einheitlichen
Ansatz aus, jedoch weist dieser in Bezug auf seine Zielsetzungen und Methoden in der Literatur Unterschiede auf. Haas setzt seinen Schwerpunkt in dieser Unterrichtsform auf die sinnlich-
individuelle Aneignung von Literatur. Er wendet unterschiedliche Formen des sprachlichen,
bildnerischen und musikalischen Gestaltens an, die einen aktiven und lustvollen Weg zur
Literatur schaffen. Hierbei ist ihm der individuelle Zugang des Schülers von starker
Bedeutung. 14 Bei Menzel stehen die operativen Methoden im Mittelpunkt. Hiermit soll den Schülern ein
experimentierender Umgang mit Textelementen angeboten und zum Beobachten von inhaltlichen und formalen Aspekten angeregt werden. Daher besteht bei ihm eine starke
Verbindung zwischen produktiven Verfahren und einer entsprechenden Textanalyse. 15 Spinner strebt dagegen mithilfe der produktiven Verfahren an, die innere Vorstellungskraft der Schüler zu entwickeln. Ferner betont er die Förderung der Wahrnehmungs- und
Empathiefähigkeit in Zusammenhang mit den produktiven Verfahren. 16 Waldmann, der den Begriff produktionsorientierter Literaturunterricht geprägt hat, sieht den
Schwerpunkt in einem aktiven und produktiven Umgang mit Literatur. Dem Schüler soll die
11 Vgl. Waldmann (1994), S. 476.
12 Vgl. Haas/Menzel/Spinner (1994), S. 18.
13 Vgl. ebd., S. 18f.
14 Vgl. ebd., S. 25.
15 Vgl. ebd., S. 25.
16 Vgl. ebd., S. 25.
6
Möglichkeit gegeben werden mit dem Text eigene Erfahrungen zu machen. Hierbei ist es ihm
bedeutsam, dass die Schüler einen ersten Zugang zur Literatur finden. 17
Literaturtheoretische Diskussionen unterstützen die pädagogisch-didaktische Begründung des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts. Die Rezeptionsästhetik stützt diese Unterrichtsform, weil aus ihr hervorging, dass Lesen keine ausschließliche Informationsentnahme aus einem Text ist, sondern dass der Sinn eines Textes vom Leser mitgestaltet und beeinflusst wird. Der handlungs- und produktionsorientierte Umgang fördert didaktisch diese Mitgestaltung, indem die Schüler angeregt werden, eigene Vorstellungen zu
äußern und diese in verschiedenen Formen gestaltend auszudrücken. 18
2.1.3. Verfahrensweisen des handlungs - und produktionsorientierten Literaturunterrichts
Für den handlungs- und produktionsorientierten Umgang mit Literatur gibt es verschiedene Verfahrensweisen. Diese beinhalten gemeinsam, dass die Schüler über einen Text aktiv nachdenken und mit ihm produktiv umgehen, wobei dieses nicht immer klar voneinander zu separieren ist.
Im Folgenden werden die Verfahrensweisen, die sich in vier Bereiche unterteilen lassen, erläutert. Einige dieser Verfahrensweisen sind im Zusammenhang mit der aufgeführten Unterrichtseinhei t im vierten Teil der Arbeit praktisch dargestellt.
Der erste Bereich, das textproduktive Verfahren, lässt sich zum einen in das Restaurieren und Antizipieren von Texten und zum anderen in das Transformieren von Texten unterteilen. Beim Restaurieren und Antizipieren steht die Wiederherstellung eines Textes im Mittelpunkt. Um das Original wiederherzustellen, ist eine intensive Auseinandersetzung mit den vorhandenen Textteilen notwendig. Das Original wird im Anschluss an Operationen im Ganzen gelesen und d anach in Verbindung mit eigenen Erfahrungen interpretiert. Bei der Transformation dient der Originaltext als Ausgangspunkt für das produktive Umgehen mit ihm. Auch hierbei soll der Anfang nicht auf dem Interpretationsgespräch basieren. Vielmehr ist eine
in dividuelle Annäherung an den Text oder die Form seiner Beantwortung bedeutsam. 19
Ausgewählte Beispiele für das Restaurieren und Antizipieren:
• Die Schüler setzen einen Text aus seinen Teilen selber zusammen (z.B. ein Gedicht aus
einzelnen Versen).
• Die Schüler erstellen ein eigenes Gedicht aus vorgegebenen Reimwörtern eines Gedichtes.
17 Vgl. Waldmann (1994), S. 474f.
18 Vgl. Haas/Menzel/Spinner (1994), S. 18.
19 Vgl. ebd., S. 20.
7
Ausgewählte Beispiele für das Transformieren:
• Die Schüler schreiben zu einem Text eine mögliche Fortsetzung.
• Die Schüler schreiben aus veränderter Perspektive einen Text um.
Der zweite Bereich, das szenische Gestalten, und der dritte Bereich, das visuelle Gestalten,
sowie der vierte Bereich, das akustische Gestalten, sprechen in höherem Maße als die
textproduktiven Verfahren verschiedene Sinne (Sehen, Hören, körperliches Empfinden) an.
Ausgewählte Beispiele für das szenische Gestalten:
• Die Schüler stellen auf spielerische Weise einen Text oder Textteil dar (auch als Puppen- Marionetten-, Schattenspiel oder als Videoszene).
• Die Schüler stellen eine Textstelle pantomimisch dar.
• Die Schüler stellen eine Textsituation als lebendes Bild dar.
Ausgewählte Beispiele für das visuelle Gestalten:
• Die Schüler zeichnen oder malen Bilder zu einem Text.
• Die Schüler erstellen zu einem Text Bildcollagen.
• Die Schüler stelle n eine Literaturzeitung her.
Ausgewählte Beispiele für das akustische Gestalten:
• Die Schüler experimentieren mit verschiedenen Vortragsweisen beim Lesen.
• Die Schüler vertonen einen Text (z.B. mit Orff-Instrumenten). 20
Bei der Auswahl der Verfahren ist entscheidend, dass ein Bezug zum Text stets erhalten bleiben
muss. Die gewählte Methode muss dem Text und dem Ziel angemessen sein. Jedes Verfahren
ist immer nur in Abstimmung mit dem Text, seinem Inhalt, seiner formalen Struktur, der didaktischen Absicht sowie der Reaktionen und Aktionen der Schüler zu wählen. 21 Eine beliebige Applikation verschiedener Methoden auf unterschiedliche Texte lässt sich nicht
vornehmen.
Die Ergebnisse, die beim handlungs- und produktionsorientierten Umgang mit den
verschiedenen Verfahrensweisen entstehen, sind nicht vorhersehbar. Die literarischen Texte
können bei den Schülern verschiedene Reaktionen auslösen, die in einer Vielzahl von
unterschiedlichen Ergebnissen deutlich werden. Auch wenn die Resultate von den
Vorstellungen des Lehrers abweichen und sich schwer nachvollziehen lassen, ist eine
20 Vgl. Haas/Menzel/Spinner (1994), S. 24.
21 Vgl. Spinner (1997), S. 27.
8
eigenständige geistige Aktivität der Schüler gegeben. Die Individualität des Schülers bleibt
dadurch im Unterricht bewahrt.
2.1.4. Kritikpunkte am handlungs - und produktionsorientierten Literaturunterricht
In der Literatur existieren verschiedene Kritikpunkte am handlungs- und produktionsorientierten
Literaturunterricht. Im Folgenden werden ausgewählte Einwände gegen diese Form des
Unterrichts aufgezeigt und inhaltlich behandelt.
Ein wesentlicher Kritikpunkt besteht darin, dass die Verfahrensweisen des handlungs- und
produktionsorientierten Literaturunterrichts durch Eigengestaltungen der Schüler von dem Text
ablenken und somit nicht dem natürlichen Leseprozess entsprechen. 22 Zwar lässt sich das Verändern des Textes für den Unterricht bejahen, jedoch ist eine Ablenkung vom Inhalt nicht
gegeben, da eine genauere und tiefere Textwahrnehmung angeregt wird. Dadurch intensiviert
sich die Auseinandersetzung mit einem Text und wirkt einer flüchtigen Rezeption entgegen. 23 Ein weiterer Vorwurf beinhaltet, dass sich die Methoden des handlungs- und
produktionsorientierten Literaturunterrichts verselbständigen. 24 Diesem Einwand liegt die Vorstellung zugrunde, dass der Textinhalt an Bedeutung verliert und die verschiedenen
Verfahren als Selbstzweck im Unterricht eingesetzt werden. Unter Berücksichtigung einer
intensiven Planung ließe sich allerdings eine Verselbständigung der Methode vermeiden. Dazu
gehört insbesondere eine entsprechende Anpassung der Verfahren an den jeweiligen Text, die
Lerngruppe und die angestrebten Unterrichtsziele. Das Unterrichtsgespräch über den
authentischen Text muss dabei in die Planung einbezogen werden. Auch die Verbindung zum
ursprünglichen Text darf durch die freie Produktion von eigenen Texten nicht aufgehoben
werden, da der Originaltext die Anregungen für die kreative Produktion darstellt. 25 Aus praktischer Sicht lässt sich anführen, dass das Produzieren in einer Unterrichtsstunde eine
zu große Zeitspanne einnimmt, sodass die Auswertungsrunde nicht zum Abschluss gebracht
werden kann und der Lernprozess unterbrochen wird. 26 Tatsächlich ist hierin ein Grundproblem im handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht gegeben. Um dieser
Zeitknappheit entgegenzuwirken, würde sich eine zeitliche Ausweitung der Schulstunde unter
Rücksichtnahme der Konzentrationsfähigkeit der Schüler anbieten.
Auch die Nichtwürdigung von einzelnen Schülerleistungen ist kritisch zu betrachten. Aufgrund
dieser geringen Beachtung kann die Schreibmotivation nachlassen. Folglich ist für die Lehrkraft
zu empfehlen, dass sich die Vorstellungen der Schülerleistungen abwechseln, sodass alle
Schüler in bestimmten Abständen gewürdigt werden. In diesem Zusammenhang sollte das Ziel
22 Vgl. Haas/Menzel/Spinner (1994), S. 22.
23 Vgl. ebd., S. 22.
24 Vgl. ebd., S. 22.
25 Vgl. ebd., S. 22f.
26 Vgl. Neumann/Hass/Spinner/Menzel (1994), S. 9f.
9
eines Auswertungsgespräches klar formuliert sein, da ansonsten spontane Rückmeldungen auf
Schülerproduktionen in unterschiedliche Richtungen divergieren. Jedoch sei an dieser Stelle
nicht zu vernachlässigen, dass im handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht der
individuelle Arbeitsprozess des Schülers von gleicher Bedeutung ist wie die zielstrebige
Auswertung. 27 Das Rezipieren der Schülertexte und die anschließende Organisation des Lernprozesses kann dabei eine höhere Arbeitsleistung der Lehrperson erfordern, die auch mit
Unsicherheit innerhalb der Auswertung verbunden sein kann. Jedoch werden nunmehr nicht ausschließlich Initiations- und Kontrollfunktionen ausgeführt, sondern die Lehrperson tritt auch
als Berater, Begleiter und Ideengeber der Schüler in Erscheinung, woraus eine
Entlastungssituation resultieren kann. 28
2.2. Leseförderung- Motivation zum Lesen
2.2.1. Zum Begriff der Leseförderung
In den siebziger Jahren beinhaltete der Begriff Leseförderung eine spezielle Aufgabe der
Grundschule zur Verbesserung der Leistung leseschwacher Schüler in den Anfangsklassen. Die
Schüler wurden im differenzierten Unterricht oder in Förderstunden besonders unterstützt. Diese Maßnahmen sind in der Grundschule weiterhin von Bedeutung, gleichwohl sich der
Begriff Leseförderung inzwischen deutlich erweitert hat. Gegenwärtig ist die Leseförderung
eine Aufgabe, die alle Möglichkeiten des pädagogischen, kulturellen, politischen und
publizistischen Handelns umfasst. Diese zielen darauf ab, den Umgang mit Printmedien (Buch,
Zeitung, Zeitschrift) bei Kindern und Jugendlichen zu steigern. 29 Die Zielgruppe stellen nicht mehr ausschließlich Schüler mit Problemen in der Lesetechnik oder Sinnentnahme dar, sondern
schließt alle Kinder und Jugendlichen mit ein. Ebenso sind innerhalb der Leseförderung alle Schulstufen und Schulformen mit einzubeziehen. Der Grund für eine derartige Ausweitung liegt
in der zunehmenden Besorgnis, dass das Lesen als kulturelle Praxis verschwinden kann. 30 Die Ausbreitung der elektronischen Medien (Fernsehen, Computer, Video) in der Gesellschaft stellen eine Konkurrenz für das Lesen dar. Eine selbstverständliche Annahme des Leseinteresses
bei Kindern ist nicht gegeben. Unter diesem Gesichtspunkt leitet sich die Leseförderung als
Notwendigkeit ab, die das Lesen als eine universelle Grundfertigkeit in der Gesellschaft zu
verstärken versucht. Da hierdurch die individuelle Teilnahme am politischen und kulturellen
27 Vgl. Neumann/Hass/Spinner/Menzel (1994), S. 9f.
28 Vgl. ebd., S. 10f.
29 Vgl. Stiftung Lesen (1996), 6.5.
30 Vgl. Hurrelmann (1994), S. 17.
10
Leben und die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen ermöglicht wird, ist die Lesefertigkeit von grundlegender Bedeutung.
In der Literatur wird die Leseförderung in vier Grundformen unterteilt. Die erste Grundform, die direkte Leseförderung, bezeichnet das unmittelbare pädagogische Handeln bezüglich der Lesebereitschaft von Kindern und Jugendlichen (z.B. Autorenlesungen). Die zweite Grundform, die Vermittlungsförderung, kennzeichnet Maßnahmen, die Informationen und Empfehlungen an Eltern, Lehrer, Bibliothekare etc. geben. Die dritte Grundform, die Kampagneformen der Leseförderung, propagiert das Lesen zu einem öffentlichen Thema. Die vierte und letzte Grundform, die Leseförderung im Medienverbund, umfasst Maßnahmen, bei denen eine bewusste Verbindung von elektronischen Medien und Printmedien angestrebt wird. Alle vier
Grundformen können sich auch vermischt vorfinden lassen. 31
Die Leseförderung steht in enger Beziehung zur Schreibförderung. Diese zielt in gleichem Maße auf eine aktive Auseinandersetzung mit den Medien ab, indem u.a. Bücher in die Methoden der Schreibförderung einbezogen werden.
Innerhalb der Leseförderung wird trotz pädagogischer Unterstützung eine Verschulung des Lesens nicht angestrebt. Im Mittelpunkt steht die Sicherung der Lesemotivation, die Vermittlung von Lesefreude und die Vertrautheit mit Büchern sowie die Entwicklung und Stabilisierung von Lesegewohnheiten. Um diese Aufgaben erfüllen zu können, soll der analytische Umgang mit Literatur im Schulunterricht in den Hintergrund treten. Statt dessen muss die Literatur in den Horizont der Schüler gebracht werden, sodass das Lesebedürfnis angesprochen wird und sich dadurch Neugierde entwickeln kann. Die Schüler machen somit die
Erfahrung, dass Lesen persönliche Befriedigung und soziale Kompetenzen vermitteln kann. 32
Die Handlungsfelder der Leseförderung sind n icht auf den Deutschunterricht beschränkt, vielmehr müssen andere Unterrichtsfächer, die Schulöffentlichkeit, die Kooperation mit den Eltern sowie Institutionen des literarischen Lebens (z.B. Bibliotheken, Buchhandlungen,
Autoren, Theatern) einbezogen werden. 33
2.2.2. Das Kinderbuch als Mittel der Leseförderung
In der Literatur wird insbesondere das Kinder- und Jugendbuch als Medium der Leseförderung gesehen. Die Kinder- und Jugendliteratur ermöglicht dem Rezipienten erste Leseerlebnisse, die als bereichernd und lohnend in Bezug auf die Bedürfnisse nach Abenteuer, Ablenkung und
31 Vgl. Stiftung Lesen (1996), 6.5.
32 Vgl. Hurrelmann (1994), S. 17.
33 Vgl. ebd., S. 17f.
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Astrid Becker, 2003, Handlungs- und produktionsorientierter Umgang mit der Ganzschrift "Wuschelbär" von Irina Korschunow in einem 3. Schuljahr, München, GRIN Verlag GmbH
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