Gliederung
1. Einleitung 3
2. Überblick: die politische und soziale Ausgangslage im Südosten des
K önigreichs Polen-Litauen 1768 und die Entstehung des Zaporoher
Kosakentums 4
3. „Frei zu sein wie ein Kosak und reich wie ein Szlachcic“: die
Haidamaken -Bewegung als Teil des Kosakenmythos in der Ukraine 6
3.1. Der Haidamaken-Aufstand von 1768: Ausbruch und Verlauf 7
3.2. Orthodoxe versus Unierte Kirche: die religiöse Symbolik der
Kolijiv ščyna 9
3.3. Sozialbanditen oder Helden? Die Wirkungsweise und
Funktionalit ät der Haidamaken in der ukrainischen bzw.
polnischen Historiographie 12
4. „In jedem Ukrainer lebt ein Kosake“: die Zaporoher Sič
nach dem Scheitern der Kolijivščyna (Zusammenfassung) 17
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1. Einleitung
„Cossacks were not people, but a way of life.” 1
Die so genannte Kolijivščyna 2 des Jahres 1768 im Gebiet der rechtsufrigen Ukraine bildet in der Geschichtsschreibung der Ukraine einen wichtigen Teil des Mythos des Kosakentums, der wiederum als Beginn der ukrainischen Nationsbildung dient. Der Aufstand war der Versuch der Kosaken und der ukrainischen Bauern das „Unvermeidliche zu vermeiden“ 3 , und zwar die administrative und wirtschaftliche Unterwerfung des Siedlungsgebiets der Kosaken durch das Königreich Polen-Litauen und Russland. Bei der Kolijivščyna handelt es sich um einen Bauernaufstand, der von Mitgliedern der kosakischen Unterschicht geführt wurde und richtete sich in erster Linie gegen die polnische Grundherrschaft über die ukrainischen Bauern. Die Rebellion des Jahres 1768 stand in der Tradition eines Kosakenaufstandes ohne ein solcher zu sein. 4 In Verbindung mit wirtschaftlichen und innenpolitischen Problemen, trug der Bauernaufstand zur endgültigen Zerschlagung und Ende des polnischen Staates 1795 entscheidend bei. Die Arbeit macht es sich zur Aufgabe, die Gründe und den Verlauf des Aufstands kurz darzustellen, wobei besonderes Augenmerk der religiösen Symbolik während des Aufstands gilt (Teil 1), in einem weiteren Schritt wird nach der Verarbeitung des historischen Ereignisses in der ukrainischen bzw. polnischen Geschichtsschreibung gefragt werden (Teil 2). Insbesondere die religiösen Konflikte, liefern einen gehaltvollen Erklärungsansatz darüber, in welchem Zustand sich die Beziehungen zwischen Polen-Litauen und der Ukraine 5 zum Zeitpunkt der Kolijivščyna befanden. Der religiöse Aspekt ist Schlüsselfaktor zur historischen Einordnung der Kolijivščyna. 6
Die Forschungsfrage(n) lauten: Welchen Rolle spielte der religiöse Aspekt während des Aufstands und wie fallen die Urteile über den Aufstand in den
1 Reid, Anna: A Journey through the history of Ukraine, Boulder 200, S. 31.
2 Kolijivščyna geht auf die russische/ukrainische Bezeichnung koli/kili für Lanze oder Schwert zurück. Diese
waren typische Waffen für Aufständische in damaliger Zeit.
3 Reufsteck, Jens: Bauern als Kosaken. Die Kolijivščyna des Jahres 1768, in: Löwe, H.-D. (Hg.): Volksaufstände in
Rußland, Wiesbaden 2006, S. 294-324, hier: S. 294.
4 Vgl. Ebd., S. 294.
5 Einen unabhängigen Staat Ukraine gab es im 18. Jahrhundert freilich noch nicht. Zur Vereinfachung wird in
der Folge jedoch von der Ukraine gesprochen, womit das Grenzgebiet zwischen dem Zarenreich und Polen-
Litauen gemeint ist.
6 Vgl. Skinner, Barbara: Borderlands of Faith. The Origins of a Ukrainian Tragedy, in: Slavic Review 64, 2005, S.
88- 116, hier: S. 91.
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Geschichtschreibungen Polens und der Ukraine aus, und ist die Kolijivščyna als nationaler Mythos einer unabhängigen bzw. demokratischen Ukraine geeignet?
2. Überblick: die politische und soziale Ausgangslage im Südosten des Königreichs Polen-Litauen 1768 und die Entstehung des Zaporoher Kosakentums
„The Cossacks are for Ukraine´s national consciousness what Cowboys are to the Americans. Unlike the remote and sanctified Rus princes, Cossacks make heroes Ukrainians can relate to.” 7
Im Gebiet der Zaporoher Sič lebten mehrheitlich freie Kosaken, die im Unterschied zu den so genannten Register-Kosaken nicht den polnischen Magnaten unterstellt waren. Die Sič befand sich geographisch zwischen den Ufern des Dnepr und den Grenzen des polnischen Königreichs sowie des muslimisch geprägten Krim-Khanats. Bis zum Jahre 1711 existierte in jener Gegend der bislang einzige Kosakenstaat. Hervorgegangen aus dem erfolgreichen Aufstand von 1648 war er der bisher einheitlichste Siedlungsraum der Kosaken und das wichtigste Zentrum kosakischen Lebens. 8 Deshalb wurden die dort lebenden Bauern von den polnischen Verwaltern als potentielle Bedrohung für die soziale Ordnung des polnischen Staates eingeschätzt. 9 Eine Befürchtung, die sich bereits in einigen gewaltsamen Aufständen als gerechtfertigt erwiesen hatte. Der äußerste Südosten des damaligen Königreichs Polen-Litauen war Mitte des 18. Jahrhunderts auch das letzte Rückzugsgebiet für ukrainische Bauern, die der Leibeigenschaft und dem Frondienst der polnischen Gutsherren entfliehen wollten. Im Siedlungsgebiet des so genannten Wilden Feldes hatten sich neben den Bauern all diejenigen angesiedelt, die sich der Autorität der polnischen Obrigkeit entziehen wollten. Ihre Flucht war eine Reaktion auf die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen unter polnischer Herrschaft. Die freien Kosaken lebten zunächst unter loser polnischer Kontrolle und weitgehender Selbstverwaltung. Sie wählten ihre Anführer (Hetman, Otaman) selbst und trafen gemeinsam Entscheidungen. Die Gemeinschaft verfügte bis ins 18. Jahrhundert hinein über durchaus demokratische Elemente.
7 Reid, Anna: Borderland. A Journey through the History of Ukraine, Boulder 2000, S. 30.
8 Die offizielle Bezeichnung für das staatsähnliche Gebilde lautete Vi`isko Zaporiz`ke (Zaporoher Armee).
9 Vgl. Magosci, Paul Robert: A History of Ukraine, Toronto 1998, S. 229.
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Mit der Zeit entstanden drei Kategorien von Kosaken: die freien Kosaken, die Söldnerkosaken, die zeitweise von Polen angeworben wurden (vor allem als Grenzwächter gegen die Tataren), und schließlich die Registerkosaken, die direkt dem polnischen König unterstanden und als Ausgleich Freiheiten und Privilegien erhielten, über die sonst nur die Mitglieder der szlachta verfügten. 10 Für Polen war das Verhältnis zu den Kosaken im Südosten ihres Reiches kompliziert. Einerseits wollte und konnte man auf sie als Grenzwächter kaum verzichten, andrerseits wurde das Kosakentum immer autonomer. Hinzu kamen Überfälle und Aufstände, unterstützt von Bauern gegen die polnische Herrschaft. Dabei ging es um Autonomierechte oder Soldzahlungen. 11
Unmittelbar vor dem Ausbruch des Haidamaken 12 -Aufstandes war neben den sozioökonomischen Schwierigkeiten auch eine Verschärfung der religiösen Gegensätze im Gebiet der Zaporoher Sič zu beobachten. 13 Die Religion spielte vor allem in den Beziehungen des polnischen-litauischen Königreiches zum Russischen Zarenreich eine wichtige Rolle. Der orthodoxen Kirche und Geistlichen stand im Grenzgebiet beider Entitäten eine immer selbstbewusster werdende Unierte Kirche gegenüber. Die Unierten waren dem Papst unterstellt, feierten die kirchliche Zeremonie jedoch nach den Ritualen der Orthodoxie. Die Kosaken verstanden sich demgegenüber als Hüter der Orthodoxie. Oft richtete sich die Gewalt der Kosaken auch gegen die jüdischen Verwalter der Polen. 14 Die Religion musste für politische Machtinteressen herhalten. Die russische Zarin Katharina II. benutzte die orthodoxe Bevölkerung in Polen (die so genannten Dissidenten) zur Rechtfertigung politischer Einflussnahme. Anfang 1768 wurde deshalb ein russisch-polnischer Vertrag unterzeichnet, der die polnische Verfassung unter russische Garantie stellte. Ein quasi-Protektorat über Polen war entstanden. Dies rief den Protest einer Gruppe polnischer Adeliger hervor, die sich in der Konföderation von Bar organisierten, um die innere wie äußere Unabhängigkeit Polens gegenüber dem Zarenreich zu verteidigen. Die von der Konföderation durchgeführten paramilitärischen Angriffe
10 Vgl. Bürgers, Jana: Kosakenmythos und Nationsbildung in der postsowjetischen Ukraine, Konstanz 2006, S.
33.
11 Vgl. Ebd., S. 33.
12 Haidamaken bezeichnet die kosakischen Kämpfer, die sich in der ukrainischen Widerstandbewegung gegen
die polnische Oberherrschaft zur Wehr setzten.
13 Vgl. Skinner: Borderlands, S. 91.
14 Deshalb entstand der Vorwurf des Antijudaismus der Kosaken, der jedoch keiner historischen Prüfung
standhält, da die Juden nicht das Hauptziel darstellten, sondern nur aufgrund ihrer Verwaltungstätigkeit in
Visier der Aufständischen gerieten.
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gegen russische Einheiten führten nun zu einer militärischen Bedrohung der dort lebenden ukrainischen Bauern. Als die Truppen der Konföderierten in Richtung eines Hauptlagers der Zaporoher Kosaken zogen, ergriff die Orthodoxen Panik. Sie befürchteten das nächste Opfer der Barer Konföderierten zu sein, weil sie Russland nahe standen. So fiel der Beschluss zu einem präventiven Angriff auf die szlachta. 15
3. „Frei zu sein wie ein Kosak und reich wie ein Szlachcic“: die Haidamaken-Bewegung als Teil des Kosakenmythos in der Ukraine
Die Ukraine befand sich seit dem 17. Jahrhundert im Rivalitätsgebiet zwischen den beiden Machtzentren des Zarenreiches und dem Königreich Polen-Litauen. In unmittelbarer Grenznähe hatten sich die Zaporoher Kosaken angesiedelt. Mitte des 18. Jahrhunderts verfügten die Kosakenverbände in den verschiedenen Teilen des heutigen ukrainischen Staatsgebietes über unterschiedliche große Autonomie. Das Zaporoher Gebiet galt als Paradies für diejenigen, die sich keinem Gutsherren oder der Leibeigenschaft unterordnen wollten. Im polnisch-kontrollierten Teil der Ukraine erhofften sich die Bauern die Unterstützung durch Russland bei der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. So führten sozio-ökonomische und religiöse Unzufriedenheit, zusammen mit einer pro-russischen Haltung zur Gefährdung der politischen Stabilität an der südöstlichen Grenze Polen-Litauens. 16 Der folgende Abschnitt untersucht den äußeren Verlauf der Kolijivščyna, fragt nach den Gründen und bringt die religiöse Symbolik des Aufstands in Verbindung mit den wirtschaftlichen Zielen der Aufständischen.
Mit dem Erwachen eines starken Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert wuchs bei den Ukrainern das Interesse an der eigenen Vergangenheit. Es entwickelte sich eine eigenständige Geschichtskonzeption, die vor allem in Abgrenzung zu Russland bzw. der Sowjetunion die Entwicklung und Staatsbildung der Kosaken für die eigene Historie beanspruchte. Die Geschichte des Landes scheint demnach untrennbar mit den Kosaken verbunden, die „Gegenwart des nationalen Wiederwachens in der Ukraine ohne eine Neubelebung des Kosakenmythos und die Revitalisierung des
15 Vgl. Subtelny, Orest: Die Zeit der Het`manate (17.-18.Jahrhundert), in: Golczewski, Frank (Hg.): Geschichte
der Ukraine, S. 92-125, hier: S. 122.
16 Magosci: History, S. 294.
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Stefan Forstmeier, 2010, Sozialbanditen oder Helden?, München, GRIN Verlag GmbH
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