Der Dessauer Familie Heymann wird am 6. September 1729 ein kleiner Junge geboren, welcher den Namen Moses erhält und später zum Stern der Haskala- der jüdischen Aufklärung werden wird. Die Heymanns ahnten damals noch nicht, dass ihr Söhnchen einmal der Vorreiter der jüdischen Emanzipationsbewegung in Deutschland wenn nicht gar in ganz Europa, als Berliner Sokrates sowie als Brückenbauer und Vermittler zwischen Juden und Christen gelten wird. Der Vater Mendel erkannte aber schon früh die Hochbegabung seines Sohnes und förderte ihn trotz geringer finanzieller Mittel sehr gut. Bereits als 10- jähriger lernte Moses Hebräisch und Aramäisch, auch begann er mit dem Talmudstudium bei dem berühmten Oberrabbiner David Fränkel in diesem Alter. Mit 13 Jahren (andere Quellen sprechen von 14 Jahren) folgte er seinem Lehrer nach Berlin. In den nächsten Jahren wird er sich dort unter ärmsten Verhältnissen und beinahe autodidaktisch die Sprachen Deutsch, Latein, Französisch und Englisch beibringen, sowie sich mit der Philosophie und der christlichen Lebensweise vertraut machen. Auf diesem Fundament beginnt Moses Mendelssohn 1750 mit seiner philosophischen „Öffentlichkeitsarbeit“, welche ihm in seinen 57 Lebensjahren viel Bewunderung und Freundschaften aber noch vielmehr Kritik, Verletzungen und Kummer einbringen wird. Speziell die ständigen Rechtfertigungen gegen die Anfeindungen wegen seines jüdischen Glaubens verletzten ihn tief. Obgleich Mendelssohn viele berühmte Theologen und Philosophen, unter ihnen Kant und Herder beistanden und verteidigten, führten diese Auseinandersetzungen bei Mendelssohn zu einer Schaffenskrise. Mendelssohn pflegte Freundschaften zu vielen der Großen Schriftsteller und Philosophen seiner Zeit. Sein vielleicht engster Freund Gotthold Ephraim Lessing nahm seinen jüdischen Freund als Vorbild für die Figur des „Nathan der Weise“ und setzte ihm so ein Denkmal. Eine andere tiefe Freundschaft verband Mendelssohn mit dem jungen Geschichtsprofessor und Philosophen Thomas Abbt aus Rinteln. In ihren Briefen diskutierten die beiden Philosophen vor allem die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele und über Platons Werk „Phaidon“, in dem die letzten Tage des Sokrates vor dessen Hinrichtung beschrieben werden. Als 1767 Abbt achtundzwanzigjährig stirbt, widmet ihm Mendelssohn seinen „Phaedon - oder über die Unsterblichkeit der Seele in drey Gesprächen“. Mendelssohn hegte allerdings schon seit seiner Übersetzung des platonischen „Phaidon“ den Wunsch aus Platons Thesen mehr Beweiskraft für Gottes Wirken „heraus zu kitzeln“. So schreibt er in einem Brief an seinen Freund
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Iselin: „Die (…) Arbeit besteht aus einer Idee, die ich schon seit vielen Jahren liebkose. Es ist, einen Phädon, oder Gespräch von der Unsterblichkeit der Seele nach der Anlage des Plato zu schreiben, aber Ausdrücklich von Plato eigentlich nichts als die Anlage zu borgen, (…)Ich beschloß daher zum Theil die Beweisgründe durch kleine Veränderungen nachdrücklicher und überzeugender zu machen, zum Theil auch solche Beweise hinzuzuthun, die uns die neuere Weltweisheit an die Hand giebt, (…)“1. In seinem „Phädon“ führt Mendelssohn den Beweis für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, den Fortbestand der persönlichen Individualität und sogar über die Existenz Gottes. Dabei gelingt Mendelssohn die Verbindung zwischen klassischen jüdisch - christlichen und antiken Vorstellungen. Moses Mendelssohns gelang mit seinem Werk „Phädon“ ein „Bestseller“, den viele große Denker des 18. und 19. Jahrhunderts kannten. So zum Beispiel setzten sich Goethe und Mozart mit „Phädon“ auseinander.
Wie bereits angedeutet, bezieht sich Mendelssohns Phädon auf das platonische Original, welches zwischen 385 und 378 vor unserer Zeitrechnung entstand. Darin werden die letzten Stunden und Tage des Sokrates vor seiner Hinrichtung und den Gesprächen mit seinen Freunden und Schülern, die ihm im Kerker besuchen, geschildert. Phädon ist in einer Dialogform in drei Gesprächen abgefasst. Die Rahmenhandlung dieser Gespräche ist ein Bericht des Phädon über die Hinrichtung Sokrates und dessen letzte Stunden.
Ich möchte mich nun im Folgenden mit dem zweiten Gespräch auseinandersetzen: Dieses umfasst hauptsächlich den Dialog zwischen Sokrates und dem Simmias beziehungsweise dem Cebes. Wobei den Schülern die Rolle des Zweiflers anheimfällt und Sokrates seine Thesen über die Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gottes verdeutlicht.
Der Dialog beginnt damit, dass Simmias und Cebes verkünden einige Verständnisfragen zu haben, sich aber nicht getrauen diese im Hinblick auf Sokrates nahe Hinrichtung zu stellen, da sie ihnen zu nichtig vorkommen. Sokrates entgegnet ihnen, dass er seinen baldigen Tod nicht als beängstigend empfinde und vergleicht sich mit einem Schwan, welcher im Angesicht des Todes sein schönstes Lied erklingen lässt. Sokrates betont keine Angst vor dem Tod zu haben: „(…) Ich bin ein
1 Tree, S. 2007,Moses Mendelssohn, 1.Auflage, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck, S. 49 3
Priester dieses Gottes: und in Wahrheit! er hat meiner Seele ein ahnendes Gefühl von der Seligkeit nach dem Tode eingeprägt, das allen Unmuth vertreibt, und mich, nahe an meinem Tode, weit heiterer seyn läßt, als in meinem ganzen Leben.“ (S. 78f) So beginnt Simmias seinen Einwurf damit, dass er manchmal an der Unsterblichkeit zweifle, weniger wegen des Mangels an Glauben als wegen ihrer Unbeweissbarkeit. Daraufhin erwidert ihm Sokrates, dass die Seele unsterblich sein muss, da ansonsten die menschliche Vernunft nur ein betrügerischer Traum sein kann und sich kein Mensch folglich darauf verlassen könnte. Auch wäre dann der Mensch nicht Ausdruck göttlicher Vollkommenheit. Sondern nichts anderes als „Vernunftfreies Vieh“ und die Todesangst würde dem Menschen alle Lebensfreude nehmen. Sokrates hat nun keinen Zweifel mehr an der göttlichen Bestimmung des Menschen, denn ein Vertrauen in das Wirken Gottes und der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele befreien den Menschen von allen irdischen Nöten und bringen die Wahrheit zurück in die Harmonie. Diese Harmonie sei die Harmonie des Erkennens. Sie lässt den Menschen ohne Schwierigkeiten, mittels der Vernunft, die göttlichen Gesetze halten und seinen Platz in der Schöpfung annehmen. Simmias resümiert nun Sokrates Ausführung, dass sich die Unsterblichkeit in einer engen Verbindung zwischen Körper und Seele zeige. Da sich der Körper aber nach dem Tode auflöst, muss die Seele dies entweder auch tun oder über Vorstellungskraft verfügen. Da aber die natürliche Kraft nichts Geschaffenes vernichten kann, muss die Seele nach dem Tod weiter bestehen. Simmias bemerkt dazu, dass diese These noch nicht genügend untermauert sei. Denn wenn der menschliche Körper mit einem Gebäude verglichen wird und die Seele mit der Symmetrie des Hauses, so müsste die Symmetrie noch nach dem Abriss des Gebäudes bestehen und das sei doch eher unwahrscheinlich. So sind auch alle Lebewesen aus Teilen zusammengesetzt und diese Teile zerfallen nach dem Tode wieder. Wie kann man also beweisen, dass die Seele nicht eins dieser Teile ist, fragt Simmias. Die Vernunft allein kann die Unsterblichkeit aus diesem Blickwinkel nicht erfassen. Cebes fragt nun Sokrates wie die Seele nach dem Tode fortdauere. Wird die Seele Vernunft und Erinnerungsvermögen haben? Wenn nicht wäre diese Form der Unsterblichkeit keine Glückselige, so Cebes. Es muss also eine Vergleichbarkeit zwischen der jetzigen und jenseitigen Existenzform geben, denn wenn man ein besseres Leben erwartet braucht man einen Vergleich, dass es Früher schlechter war. Da fällt ihm Phädon in das Wort und beginnt mit Sokrates einen Dialog über das Erlangen der Wahrheit
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Yvonne Büchner, 2010, Moses Mendelssohn und der Weg zur Glückseligkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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