Die Frage nach dem „Wer ist der Mensch?“ hallt über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg bis in die Ewigkeit fort, denn nur dort wird der Mensch die letzte Antwort auf diese fundamentalste Frage seiner Existenz finden und solange bleibt menschliche Erkenntnis inbezug auf seine letztendliche Natur zeitlich bedingt und unvollkommen. Aus der Bedingtheit seiner Erkenntnis inbezug auf sein wahres Wesen findet er daher nur Zeit-Raum bedingte Antworten, die kultureller Natur sind. Dies ist insofern wichtig, als dass menschliche Denken und Handeln, das von seiner Selbsterkenntnis abhängig ist, daher gleichermaßen zeit-räumlich bedingt und kulturell determiniert ist. Die das Fundament der Kulturen bildende Antwort auf die Frage nach der Natur und dem Wesen des Menschen führt über die zeiträumliche Relativierung der Antwort zu einem gewissen kulturellen Determinismus. Da die Frage weder wissenschaftlich noch philosophisch mit letzter Klarheit zu beantworten ist, weil der überzeitliche komplementäre Pol, dessen Einbeziehung in eine ganzheitliche Beantwortung der Frage gleichermaßen erforderlich ist, sich seinem Blickfeld und -winkel entzieht, sind die Antworten notwendigerweise zeiträumlich und somit kulturell bedingt. Und seine relative Antwort auf die Frage nach dem „Wer ist der Mensch?“, läßt ihn seine Welt in Abhängigkeit von der Antwort auf diese Frage sein individuelles und soziales Leben gestalten. Kultur ist also nicht nur durch das äußere Umfeld bedingt, das raum-zeitlich angepasste diverse
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Problem- und Dilemmalösungen erfordert, sondern auch durch die innere Raum-Zeit bedingte Antwort auf der Frage nach dem „Wer bin ich“? Da der Mensch keine umfassende Erkenntnis im Hinblick auf diese zentrale Frage seiner Existenz hat und da er ebenso wie eine materielle Kontinuität und Sicherheit auch eine diese ergänzende geistige Gewissheit zur Herstellung der Kontinuität seiner selbst hat, ist er empfänglich für diverse Perspektiven, die ihm die physische und insbesondere psychische Kontinuität und Sicherheit zu bieten scheinen und dies häufig unabhängig von ihrer Wertigkeit inbezug auf das Gesamte. Mit anderen Worten er sucht einen psychologischen und topographischen Ankerplatz für seine ganzheitliche geistig-seelisch-körperliche Wesenheit.
Da diese Frage selbst die scheinbare Unlösbarkeit eines Zen Koans übersteigt und da es keine wissenschaflichen Kriterien für die Richtigkeit einer Antwort zu geben scheint, meidet der Mensch die Frage einfach, weil sie schlicht unlösbar erscheint. Das Nichtwissen oder das Nichtwissenwollen stellen ihm hier eine vage Sicherheit und Kontinuität bereit, weil sie den Geist von möglicherweise eher verunsichernden Spekulationen befreit.
Wo Wissenschaft und Philosophie kapitulieren, wenn sie nicht der Anmaßung und Maßlosigkeit bezichtigt werden wollen, sagen die Offenbarungen, wir glauben das was inbezug auf den Menschen geoffenbart wurde, obwohl wir in diesem Bereich der Erkenntnis nach menschlichen Maßstäben ebensowenig verbindliche Evidenz besitzen. Der gläubige Mensch erlangt sein erforderliches Maß an innerer wie äußerer Sicherheit und Integrität für seine Kontinuität als Mensch über diesen Glauben und die Hoffnung dass er die felsenfeste, Sicherheit bietende Wahrheit ist.
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Aufgrund der Unabdingbarkeit einer Antwort auf diese existenziell maßgebliche Frage, springen aber auch andere Anbieter auf dem Markt der Sicherheiten in diese Bresche menschlicher Schwachheit, da er kein ufer- und ankerloses Treibholz auf dem Meer des Lebens sein kann, wenn er nicht untergehen möchte. Er braucht also einen Felsen in der Brandung, ein Bewusstsein seiner selbst, das ihm Zuflucht, Schutz, Sicherheit und Kontinuität gewährt. Deshalb ist sein Geist empfänglich und willens sich in vielfältiger Weise programmieren zu lassen. Denn diese Programmierung verleiht ihm einen Kern im Bewusstsein, um das er sein Gefühls-und Geistesleben organisieren und artikulieren und die Dinge des Lebens sinnstiftend in Bezug setzen kann. Diverse Gruppenzugehörigkeiten, wie zum Beispiel die nationale, religiöse, ethnisch-linguistisch-rassische und die diversen Kulturgruppen, denen er sich im Rahmen seiner Entwicklung als soziales Wesen mehr oder weniger verbunden fühlt, können bei dieser Polbildung für die Herausbildung seiner Identität und seine Orientierung inbezug auf den Erwerb kulturell angemessener Verhaltensmuster eine Rolle spielen. In dem Kaleidoskop des menschlichen Lebens werden diese gespeicherten Programme sich dann situativ artikulieren und manifestieren. Die Ambivalenz und die Transzendenz der Programmierung:
Der bespeicherbare Bewusstseinsraum ist relativ. Gibt es einen Raum, der sich den kommunikationstechnisch und global verstärkten mächtigen Programmierungspotentialen entzieht und diese relativiert, statt sie subjektiv fälschlicherweise zu verabsolutisieren? Gibt es einen Bereich, in dem man sich jeder Bevormundung, Konditionierung und Relativierung und Beeinträchtigung des makellosen Zustandes - also einen Bereich der Freiheit - entziehen kann und dies trotz zahlloser konkurrierender eigen- und fremdkulturellen individueller und kollektiver Programme? Kann der Mensch frei sein? Das ist gleichermaßen die Frage aller Fragen, die zusammen mit der nach der Selbsterkenntnis von Pol zu Pol, vom Orient
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Arbeit zitieren:
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler, 2010, Das Brüllen des Löwen, München, GRIN Verlag GmbH
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