2
Gemeinsam betreten die beiden die von Kerzenschein erhellte Kapelle von
Whitehall, geschmückt mit von Gold- und Silberfäden durchwirkten Wandteppichen, auf denen das Wirken der Apostel dargestellt ist. Es erklingt das feierliche Wedding Anthem, God the Father, God the Son von John Bull. Der Bischof von Bath - and - Wells tritt vor die Hoheiten, um die Hochzeit von „Themse und Rhein“ zu beschließen. Entsprechend dem Book of Common Prayer wird der Gottesdienst in englischer Sprache abgehalten. Die Bibeltexte werden in der neuesten „autorisierten Fassung“ (King James Bible) verlesen. Friedrich hat seine Antworten auswendig gelernt. Szene 2
Den frisch Vermählten wird vor dem Palast von Whitehall eine besondere Attraktion geboten - ein heiliger Georg in goldenem Harnisch, weinrotem Umhang und prachtvollem goldenem Helm mit rotem Federbusch auf einem Schimmel sitzend zwingt einen Drachen nieder. Eine ganze Viertelstunde ist diese Kunstfigur unter reger Anteilnahme des Volkes zu bewundern. Der „Siegreiche“ übergibt dem jungen Paar in einer mit duftendem rotem Brokat ausgeschlagenen Schatulle Perlen und Diamanten. Rund 40 Jahre später erblickt Elisabeth-Charlotte, die Enkelin der „Winter-Queen“, am 27. Mai 1652 im Schloss von Heidelberg das Licht der Welt. Sie sieht so klein und schmächtig aus, dass man um ihr Leben besorgt ist und sie so schnell wie möglich taufen lässt. Man gibt dem Mädchen die Vornamen ihrer Großmutter väterlicherseits, der Königin von Böhmen, und ihrer Mutter. Liselotte wird im Englischen Flügel des Schlosses untergebracht. Sie ist von ganz anderem Kaliber als ihr ängstlicher Bruder und hat ein äußerst ausgelassenes Wesen, das ihre Gouvernanten und Diener immer wieder aus der Fassung bringt. Sie beachtet ihre Puppen wenig und spielt bevorzugt mit den Holzschwertern und -gewehren ihres Bruders.
Nach 30 Jahren Ehe gesteht sie in einem Brief an ihre Halbschwester Louise: „Den es ist mir all mein leben leydt gewesen, ein weibsmensch zu sein, und churfürst zu sein, wehre mir, die wahrheit zu sagen, beßer ahngestanden, alß Madame zu sein; aber weillen es gottes willen nicht geweßen, ist es ohnnötig, dran zu gedenken...“ Szene 3
Liselotte spielt mit Holzschwertern und Holzgewehren ihres Bruders in einer in Eichenholz getäfelten Galerie des sogenannten Englischen Flügels des Heidelberger Schlosses. Ihre Gouvernante, Els von Quaadt („verbittertes altes Mädchen“) hebt das kleine Mädchen hoch und möchte es wegtragen - Liselotte zappelt wild und schlägt ihrer Gouvernante mit den Füßen in die Beine, so dass diese mit ihr auf dem Arm vornüber zu Boden fällt. Sofort ist Liselotte wieder auf den Beinen, vollführt wilde Purzelbäume und rast davon. Els von Quaadt stöhnt vor sich hin: „O fuy fuy c’n’est pas a souffrir [oh, das ist unerträglich] ...“
Die etwa 7 Jahre alte Liselotte schleicht früh morgens („... um 5 Uhr mit ein gutt stück brot“) mit einem Stück trockenem Brot in der Tasche aus dem Schloss und klettert im großen Obstgarten auf einen Kirschbaum, um sich mit den saftigen Früchten voll zu stopfen. In der Ferne ist bereits ein kräftiges Morgenrot zu sehen. Wenig später tritt Liselotte samt Gouvernante Anna Katharina von Offeln („herzliebe Jungfer Offeln“) und Angehörigen des väterlichen Hofes unter großem Abschiedsschmerz ihre erste Reise zur Verwandtschaft nach Hannover an. Sie sollten drei Wochen unterwegs sein. Die insgesamt 4 Jahre, die Liselotte am Hof von Hannover verbringt, sind die wohl glücklichsten ihres Lebens. Szene 5
Liselotte sitzt neben der „Jungfer Offeln“ in der Kutsche und umklammert fest mit beiden Händen eine Zitrone, während das Gefährt laut ratternd den Neckar überquert. Weitere Fuhrwerke und Kutschen folgen mit Edelleuten des Vaters, Dienerinnen und Gepäck. Die Gouvernante von Offeln beugt sich zu Liselotte: „Hertzallerliebst Liselotten, mich deucht ihr betrübnus ist fürüber gangen.“ Liselotte nicht und blickt aus dem Fenster. 59 Jahre später (ca. 1718) erinnert sich die nun alt gewordene Madame in ihrem Kabinett in Saint-Cloud am Schreibtisch* mit Hirschkuh-Füßen sitzend in einem Brief an ihre erste Reise: „Wie ich nach Hannover ging, wendt ich 3 tag, umb nach Franckfort zu kommen; erstlich schlieff ich zu Weinheim, die andre nacht zu Bensheim undt die 3 nacht, deucht mich, schlieffen wir ahn ein ort nahe bey Franckfort, aber nicht zu Franckfort selber, undt hernach ein ort in Heßen undt darnach nach Cassel, von Cassel nach Minden undt von Minden nach Hannover. Ich erinere es mich, alß wens heutte wehre.“ Anschließend steckt sie den Brief in einen Umschlag, drückt ihr Siegel mit dem Doppelwappen - die Lilien auf dem einen und das Wittelsbacher Wappen auf dem anderen - hinten auf.
Während eines Aufenthalts Liselottes bei ihrer Großmutter, der Königin von Böhmen („The Winter Queen“), in Den Haag im selben Jahr (ca. 1659), äußert diese in einem Brief an ihren Sohn, Liselottes Vater: „There was last night a sad business betwixt your sister and Lisslotte. She saide in English, that her brother had a better face than she had. which she understood and manie a teare was shed for it, but I maintained that she had the better face, which must [=most] ioyed her. She is extreme good natured, which makes her to be beloved heere of everie bodie. You cannot imagine how well she dances.”
*Boulle Technik, bedeckt mit einem grünen Tuch
4
Im Haag (ca. 1660) besucht Liselotte zusammen mit ihrer Großmutter, der Königin von Böhmen, die Prinzessin von Oranien (Maria Stuart, Tochter Karls I. und Gemahlin des Prinzen Wilhelm II. von Oranien). Ihr Sohn ist Wilhelm III., zukünftiger König von England und Feind Ludwigs XIV. Szene 6
Liselotte spielt in einem mit dunklem Holz getäfelten Raum mit Prinz Wilhelm (ihrem Cousin). Liselotte fragt dann plötzlich den Prinzen: „Dites moi, je vous prie, qu’est cette femme qui a un si furieux nes? [Sagt mir, ich bitte Euch, wer ist diese Dame, die eine so fürchterliche Nase hat?]“ Wilhelm lacht und antwortet: „C’est la Princesse roiale, ma mere. [Das ist die Princesse Royale, meine Mutter].“ Da erschrickt Liselotte und schweigt. Wilhelm umschlingt Liselotte, und beide rollen auf dem türkischen Teppich herum, auf dem sie sich befinden. Liselottes Großmutter („The „Winter Queen“) öffnet vorsichtig, einen Spalt weit, die Tür und blickt voll Stolz auf ihre Enkelin. Im März 1660 verlässt Liselotte mit ihrer Entourage Den Haag und begibt sich zurück nach Hannover. Die Übernachtung auf einem Gutshof in Cloppenburg, im Großherzogtum Oldenburg, wird allerdings zu einem Abenteuer. Nachts bricht in den Stallungen plötzlich ein Feuer aus, das innerhalb kürzester Zeit auch das Wohngebäude erfasst. Szene 7
Der Page von Ohr stürmt in das Schlafgemach Liselottes, reißt sie aus dem Bett, nimmt sie auf den Arm und rennt mit ihr hinaus, während auf dem Flur die Flammen bereits durch den Fußboden und aus den Fenstern schlagen. Auf dem Weg nach draußen begegnen ihnen Pagen, die, mit Silbergeschirr und Kleidern beladen, ins Freie eilen. Ein älterer Mann versucht, mit Bier zu löschen.
Anfang Juli 1663 trifft Liselotte, begleitet von ihrer neuen Erzieherin, Madame Trelon, wieder in Heidelberg ein. Von klein auf liebt sie „Specksalat“ (Kraut mit Speck) und lässt sich manches Mal mitten in der Nacht von einer ihrer Kammerzofen große Teller Kraut mit Speck bringen - trotz aller Verbote ihrer Jungfer Kolb. Szene 8
Liselotte (11 Jahre alt) wird eines Abends von der Jungfer Kolb zu Bett gebracht. Kaum hat die Kolb die Schlafkammer verlassen, öffnet eine Kammerzofe die Tür und stellt einen Silberteller mit Specksalat auf die Türschwelle. Liselotte springt aus ihrem Bett, packt den Teller und beginnt sofort, Kraut in sich hinein zu stopfen. Sie hat kaum „3
5
gutte maul voll geschluckt“, als sie draußen auf der hölzernen Stiege Schritte hört. Aus Furcht, ertappt zu werden, wirft sie den vollen Teller mitsamt Serviette aus dem Fenster („... werfe mein serviet mitt sambt dem silbern theller mitt salat zum fenster `nauß...“). Liselotte hat nun nichts mehr, um sich den Mund abzuwischen. („...hatte also nichts mehr, das maul abzuwischen.“) Da geht auch schon die Tür auf und der Kurfürst („...der Churfürst unßer papa...“) betritt die Kammer. Der Vater sieht Liselotte mit dem „fetten maul und kinn“ und sagt: „Sacrement, Liselotte, ich glaub, ihr schmirt euch etwaß auff den gesicht.“ Worauf Liselotte antwortet: “Es ist nur mundpomade, die ich wegen der gespaltenen leffzen (Lippen) geschmirt habe“. Ihr Vater sagt darauf: „ihr seyd schmutzig.“ Liselotte beginnt zu lachen, was den Vater sehr erbost. Er weist sie augenblicklich zurecht: „Seid ihr närrisch geworden, so zu lachen, Kindt.“ Kurz darauf betritt auch Liselottes Stiefmutter, die Raugräfin, die Kammer und äußert an den Kurfürsten gewandt: „ah, wie richts in der cammer nach specksalat.“ Da bemerkt der Kurfürst „den possen“ und sagt: „Das ist denn euer mundtpomade, Liselotte.“ Liselotte gesteht „Ja, so ist’s“, und der Kurfürst beginnt zu lachen. Ab Mitte der 1660er Jahre macht man sich in zunehmendem Maß Gedanken über eine Vermählung Liselottes.
Am 30. Juni 1670 stirbt Madame, Henriette von England, Herzogin von Orléans und Gemahlin Monsieurs, des einzigen Bruders Ludwigs XIV. in Saint Cloud (wohl an den Folgen von Gift, das man ihrem Getränk beigemischt hat). Dieses Ereignis und die sich daraus ergebenden Konsequenzen bringen einen Briefwechsel in französischer Sprache zwischen der pfälzischen Prinzessin Anna Gonzaga und ihrem Schwager Karl Ludwig (Liselottes Vater) in Gang. Man beginnt allmählich zu überlegen, dass Monsieur eine gute Partie sei. Karl Ludwig von der Pfalz ist bald davon überzeugt, mit dieser Verbindung ein rentables Geschäft für sein Haus zu machen. Das einzige Problem ist die Religion, doch Liselotte wird schließlich zum katholischen Glauben konvertieren. Mitte Oktober 1671 bricht Liselotte todtraurig von Heidelberg auf, um in Metz Monsieur, ihren zukünftigen Gemahl, anzutreffen. Ihr Vater, ihre Tante, sowie der Bruder und Halbbruder begleiten sie bis Straßburg. Szene 9
Liselotte, ihr Vater, ihre Tante Sophie, ihr Bruder Karl, ihr Halbbruder Karllutz (13 Jahre) und ihre Gouvernante besteigen im Hof des Heidelberger Schlosses die Kutschen. Der Abschied ist schmerzlich und es fließen Tränen in Strömen. Um die Traurigkeit zu vertreiben, stimmen Karl Ludwig und Sophie in der Kutsche ein altes Lied aus ihrer Jugendzeit an: „Live, live min, nuen meutten wey nun scheyden, scheyden, bitteres scheyden ist denn Todt.“
6
Die Kutschen fahren langsam Richtung Süden, über Wiesloch, Bruchsal, Karlsruhe und Rastatt. Bei Kehl überqueren sie den Rhein. In Straßburg steigen die Reisenden im Gasthof „Zum Ochsen“ ab. Hier nimmt Liselotte von ihrer Familie Abschied. Eine Kutsche bringt sie nach Châlons, wo sie Monsieur erstmalig begegnen wird. In Metz macht man Halt, bekehrt die zukünftige Madame zum katholischen Glauben und verheiratet sie, stellvertretend und im Namen von Monsieur, mit dem Herzog von Plessis-Praslin, Marschall und ehemals Erzieher Monsieurs. Unterdessen nähert sich Monsieur der neuen Herzogin von Orléans in seiner Karosse. Szene 10
Monsieur, Philippe Herzog von Orléans, prachtvoll gekleidet und mit einer großen schwarzen Perücke (mit zahlreichen Bändern geschmückt) auf seinem Haupt, sitzt in einer Prachtkarosse und rollt inmitten von Beifallsrufen, Ehrensalven, Feuerwerken sowie Trompeten- und Fanfarenklängen der neuen Madame entgegen. Die Angehörigen seines Hofstaats tragen aufwendige Livreen und umringen die Kutsche zu Pferde und zu Fuß.
Am 20. November 1671 findet die erste Begegnung beider, begleitet von ihrem Gefolge, zwischen Châlons und Tilloy-en-Bellay statt. Szene 11
Monsieur und Madame steigen aus ihren Kutschen und erweisen einander ihre Reverenz, wobei Anna Gonzaga (aus dem Gefolge Madames) die Vorstellung übernimmt. Die neue Herzogin von Orléans errötet, als sie Monsieur (12 Jahre älter als Madame) erblickt. Ein kleiner, aufgetakelter Mann auf hohen Absätzen in einer Wolke von Parfüm steht vor ihr. Er trägt ein von Edelsteinen glitzerndes Gewand, eine große schwarze Perücke, die über und über mit Bändern geschmückt ist und auf seinen Wangen befindet sich Rouge. Hinter Monsieur und Madame haben ihre Entourage (Teile ihres Hofstaates) Aufstellung genommen. Monsieur wendet sich angesichts Liselottes zu seinen Höflingen um und sagt mit hochgezogenen Augenbrauen halblaut zu ihnen: „Oh! Wie kann ich mit der schlafen?“ Die Favoriten Monsieurs kichern leise. Louis de Rouvroy, Duc de Saint-Simon, zeichnet folgendes Bild Monsieurs: „Monsieur war ein kleiner, beleibter Mann, der wie auf Stelzen einherging, so hoch waren die Absätze seiner Schuhe, stets war er mit Schmuck behangen wie eine Frau, mit zahllosen Ringen, Armbändern mit funkelnden, kostbaren Edelsteinen, dazu eine lange schwarze, breit herabfallende, gepuderte Perücke und überall Bänder und Schleifen. Eine Wolke verschiedenster Wohlgerüche umgab ihn, er war stets in jeder Weise sorgsamst gepflegt. Man sagte ihm sogar nach, daß er heimlich Rouge auflege. Seine Nase war sehr lang, der Mund und die Augen schön, das Gesicht voll, aber ebenfalls sehr lang.“ (zit. nach Saint-Simon, Memoiren, M I, S.286 f.)
7
Die Flitterwochen verbringt das Paar in Villers-Cotterêts, einem Schloss, das Teil der Apanage Monsieurs ist. Die Festlichkeiten, die hier nun stattfinden, machen dem Ruf Monsieurs alle Ehre. Szene 12
Bei einem der Bankette, in einem mit dunklem Holz getäfelten und mit Blumengirlanden geschmückten Saal in Villers-Cotterêts, servieren in Silber gekleidete Nereiden und Liebesgötter den frisch Vermählten Desserts, wobei Monsieur ganz versessen auf die Konfitüre ist. Der Saal ist von sanftem Kerzenschein erhellt. Wenig später wird Madame ihrem königlichen Schwager in Villers-Cotterêts zum ersten Mal begegnen. Beide verstehen sich auf Anhieb ausgezeichnet. Bald darauf besucht Madame Saint-Cloud und das Palais-Royal, die zwei wichtigsten Residenzen Monsieurs. Dort wird sie den Hofdamen und Edelleuten seines Gefolges vorgestellt. Bald, am Anfang ihrer Ehe, wird Madame Zeugin eines eigenartigen nächtlichen Gebarens ihres Gatten. Szene 13
Monsieur begibt sich, wie immer, mit einem Rosenkranz (mit vielen Medaillen behängt) ins Bett, den er anbetet, ehe er einschläft. Nach Beendigung seines Gebets wundert sich Madame, die neben ihm liegt, über deutlich hörbares, plötzliches Gerassel. Monsieur führt den Rosenkranz unter der Decke herum. Madame spricht Monsieur mit folgenden Worten darauf an: „Dieu me le pardonne, mais je soupconne que Vous faites promener vos réliques et vos images de la Vierge dans un Pays qui lui est inconnù Gott möge mir verzeihen, aber ich glaube, Ihr führt Eure Reliquien und Marienbildchen in einem Land spazieren, das ihnen unbekannt ist.“ Monsieur antwortet: „Taisés Vous, dormés, Vous ne savez ce que Vous dites Schweigt und schlaft; Ihr wisst nicht, was Ihr da redet]“. Monsieur fügt lachend hinzu: „Vous, qui avez été Huguenotte, Vous ne savez pas le pouvoir des réliques et des images de la sainte Vierge. Elles garantissent de tout mal les parties qu’on en frotte [Ihr als ehemalige Hugenottin wisst nichts von der Macht der Reliquien und Marienbilder. Sie bewahren die Körperteile, über die man damit reibt, vor allem Übel].“ Madame entgegnet: „Je Vous demande Pardon Monsieur mais Vous ne me parsuaderez point, que c’est honorer la Vierge, que de promener son image sur le parties déstinées á òter la virginité [Verzeiht mir, Monsieur, aber Ihr könnt mir nicht weismachen, dass man die Jungfrau dadurch ehrt, dass man mit ihrem Bild über die Körperteile streicht, die dazu bestimmt sind, die Jungfräulichkeit zu rauben].“ Monsieur, immer noch lachend, sagt zu Madame: „Je Vous pries ne le dites à personne [Ich bitte Euch, erzählt niemandem etwas davon].“
8
Madame begleitet Ludwig XIV. oftmals zum Reiten oder auch auf die Jagd. Der König ist hocherfreut, eine so gesunde und sportliche Frau in seiner Familie zu haben, die seine Leidenschaft für Pferde, Hunde, für Wälder und die Jagd teilt. Bei einem Jagdunfall in den Wäldern von Fontainebleau im Verlauf des Jahres 1676 wird allen Höflingen deutlich, wie sehr der König seine Schwägerin schätzt. Szene 14
Ludwig XIV., Madame und einige Höflinge reiten, nachdem schon ein Hase erlegt worden ist, gemächlich über eine Lichtung. Madames Rock sitzt nicht und sie will ihn richten. In dem Moment, in dem sie sich in ihrem Sattel erhebt, rast ein Hase aus dem Gebüsch. Die Jagdgesellschaft nimmt sofort die Verfolgung auf - auch Madames Pferd schießt los. Es dauert nicht lange und Madame fällt aus ihrem Sattel in das Gras. Der König eilt seiner Schwägerin sofort zur Hilfe - ganz bleich vor Schreck (...bleich wie der todt...). Madame ruft aus: „Hab mir gar kein wehe gethan undt bin nicht auff den Kopff gefallen.“ Der König steigt vom Pferd und betastet sofort den Kopf von Madame. Madame sagt: „Sire, bin auffs wenigst nicht taumblich.“ Ludwig XIV. ist sichtlich erleichtert und hilft Madame auf. Schnell sitzt sie wieder hoch zu Pferde, und umgeben von einer Hundemeute begeben sich Madame und der König zum Rest der Jagdgesellschaft.
Madame trägt, und zwar nicht nur bei der Jagd, oftmals eine große Herrenperücke, darüber einen Dreispitz. Die übrige Gewandung besteht aus einem Jackett mit langen Schößen, unter dem eine Art Weste zu sehen ist, und einem Rock mit Schleppe. Aus dieser Leidenschaft für die Jagd entwickelt sich zwischen Ludwig XIV. und seiner Schwägerin eine herzliche Freundschaft. Madame bewundert dessen Geschick als Jäger sowie seine Unerschrockenheit. Ludwig XIV. wiederum schätzt Madame aufgrund ihres aufgeschlossenen Wesens. Sie ist lustig, ihre ungenierten, von gesundem Menschenverstand geprägten Äußerungen amüsieren ihn. Madame schreibt über diese Zuneigung an ihre Tante, Sophie von Hannover, im Jahre 1678 folgendes: „In dießem augenblick gehe ich mitt unßerm König spatziren reitten; er ist ein warlich gutter braffer herr, ich hab ihn recht lieb ...“
Auch Monsieur weiß die Fröhlichkeit seiner Gemahlin zu schätzen, die ihm in zweieinhalb Jahren Ehe zwei gesunde Söhne geschenkt hat. So ist seine Sorge groß, als Madame im März 1675 schwer erkrankt und vor allem aufgrund der Unfähigkeit der Ärzte beinahe ihr Leben lassen muss. Eine Reihe heftiger Fieberanfälle hat Madame außer Gefecht gesetzt. Ihre und Monsieurs Ärzte wissen keinen Rat mehr, nachdem sie Madame mit zahlreichen Aderlässen und Klistieren an den Rand des Todes gebracht haben. Aus diesem Grund wird ein Scharlatan aus Deutschland herbei geholt, der sich als Arzt des Bischofs von Straßburg ausgibt.
Der Scharlatan steht an Madames Bett und flößt ihr eine auf einem Esslöffel befindliche „Droge“ ein. Monsieur befindet sich an der anderen Seite des Betts, blickt Madame besorgt an und spricht zu ihr: „Oh, Madame, Ihr seid voll des Fiebers. Möget Ihr Euch bessern.“ Die Wirkung der „Droge“ ist entsetzlich. Madame bekommt einen Hustenanfall, einen Schweißausbruch und schnappt nach Luft. Der Arzt des Bischofs von Straßburg möchte ihr noch eine Dosis verabreichen, doch Monsieur entreißt ihm den Löffel und schleudert ihn auf den Boden. Die dritte Dosis, die sich in einem kleinen Fläschchen auf der Kommode neben Madames Bett befindet, wirft Monsieur augenblicklich ins Feuer des Kamins. Den Scharlatan entlässt Monsieur mit den Worten: „Hinfort mit ihm. Er ist ein schauderhafter Quacksalber.“ Kurz darauf betritt ein Priester den Raum, gibt Madame die heilige Kommunion und die letzte Ölung. Noch am selben Abend geht es Madame aber wieder etwas besser. Ihre robuste Konstitution siegt schließlich über die Unfähigkeit der Ärzte. Monsieur wird sich wenig später Lorbeeren auf dem Schlachtfeld verdienen. Im März 1677 nimmt er an der Belagerung von Valenciennes teil, das am 17. März kapituliert. Am 2. April beginnt er mit einem relativ großen Heer die Belagerung von Saint-Omer. Als man ihm meldet, dass der Prinz von Oranien sich mit mehr als 30.000 Mann auf dem Anmarsch befindet, um die Stadt zu entsetzen, beauftragt er einen seiner Generalleutnants mit der Belagerung und bricht mit dem Gros seiner Bataillone auf, um sich dem Gegner zu stellen. Die beiden Heere stehen sich bei dem Berg Cassel gegenüber, und am 11. April entbrennt eine erbitterte Schlacht. Szene 16
Monsieur lässt sich in seinem Zelt von einem Pagen einen Spiegel vorhalten, damit er sich die Perücke zurecht rücken kann, während draußen bereits die Schlacht beginnt. Er klopft dem Pagen auf die Schulter und plappert vor sich hin: „Ich erwarte, wie Ihr Euch wohl denken könnt, mit brennender Ungeduld den Sieg.“ Szene 17
Daraufhin eilt er hinaus, besteigt sein Pferd, das ein junger Offizier ruhig hält und begibt sich in das Zentrum seiner Truppen, das er befehligt. Die Marschälle Luxembourg und d’Humières befehligen den linken und den rechten Flügel. Monsieurs Brustpanzer wird von etlichen Kugeln gestreift und das Pferd unter ihm angeschossen. Dem Chevalier de Lorraine an seiner Seite wird die Krempe seines Hutes weggerissen, und er selber an der Schläfe verletzt. Nach mehrstündigem erbittertem Kampf tritt der Feind den Rückzug an. Auf dem Schlachtfeld bleiben 6000 Tote und 3000 Verletzte sowie Waffen und Munition im Überfluss, 60 Fahnen, Feldzeichen und Standarten zurück.
Arbeit zitieren:
Wolf Birkenbihl, 2010, Lieselotte von der Pfalz und der Hof von Versailles - "Madame sein ist ein ellendes Handwerck", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Filmwissenschaft: Lieselotte von der Pfalz und der Hof von Versailles - "Madame sein ist ein ellendes Handwerck" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Filmwissenschaft: neuer Titel erschienen: Lieselotte von der Pfalz und der Hof von Versailles - "Madame sein ist ein ellendes Handwerck"
Wolf Birkenbihl hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare