1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem deutschen Glasmaler Ludwig Schaffrath, der seit den 1960er Jahren zu den führendsten Künstlern auf diesem Gebiet zählt. Die Arbeit will, nach einer kurzen Biografie, die Stil- und Gestaltungsmittel des Künstlers darlegen und erläutern. Schließlich soll noch anhand von einigen ausgewählten Beispielen eine chronologische Entwicklung aufgezeigt und letztendlich zusammengefasst werden.
2. Biografie Ludwig Schaffrath
Ludwig Schaffrath zählt zu den bedeutendsten Glasmalern der deutschen Gegenwartskunst und genießt durch seine Lehrtätigkeiten und ausgeführten Arbeiten im In- und Ausland einen besonderen Ruf, der es ihm ermöglicht, als freier Künstler zu arbeiten. Geboren wurde Schaffrath im Juli 1924 im nordrheinwestfälischen Alsdorf bei Aachen. Nach dem Besuch der Schlüterschule in Nienborg-Heek, einer Werkschule für christliche Kunst, wird er 1947 Assistent und Mitarbeiter von Professor Anton Wendling an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und bleibt dort bis 1954 am Lehrstuhl für Freihandzeichnen. In den Jahren bis 1975 arbeitet Ludwig Schaffrath freischaffend als Künstler, wobei er sich neben der Glasmalerei auch der Bildhauerei zuwendet. 1975 nimmt er am Burleighfield House in Loudwater, England eine Lehrtätigkeit an und unterrichtet und leitet dort die Master Class. In seiner Zeit in Großbritannien ging er auf Einladung des British Craft-Council in England, Schottland und Wales auf Vortragsreisen. 1976 bis 1978 lehrte Schaffrath an den Universitäten von Berkeley und der Pilchuck Glass School in Stanwood, USA, wo er auch eine Vortragsreise unternahm.1981 führte ihn ein Lehrauftrag nach Australien, zum einen an die University of Adelaide und zum anderen an das Caulfield Institute of Technology in Melbourne. Dort ermöglichte das Goethe-Institut und das Crafts Board of Australia Council Schaffrath eine Vortragsreise durch Australien. In den Jahren 1981 bis 1984 lehrte er an verschiedenen Universitäten in Japan, unter anderem in Tokio, Osaka und Kioto.
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Auch in Japan unternahm Schaffrath Vortragsreisen.1985 bis 1993 war Ludwig Schaffrath Professor an der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Er kehrte 1997 nach Japan zurück, um dort erneut zu lehren. Im Jahre 1999 erhielt Schaffrath den Lifetime Achievement Award der Glass Art Society USA und 2003 den großen Preis für monumentale Kunst im öffentlichen Raum des japanischen Verkehrsministeriums für seine Arbeiten an den Bahnhöfen in Omiya und Osaka. Mittlerweile lebt und arbeitet Ludwig Schaffrath in Alsdorf. 1
3. Das Werk
Ludwig Schaffrath hat sich im Laufe seiner langjährigen Arbeitstätigkeit immer weiter entwickelt und seine Glasarbeiten stets neu erfunden, wobei er trotzdem immer seiner Symbol- und Farbensprache, sowie seinem Grundgedanken über Glasfenster treu blieb. Ein immer wiederkehrendes Merkmal in den Glasarbeiten von Ludwig Schaffrath ist vor allem die schon fast teppichhafte Flächengestaltung des Gesamtfensters, die partiell von Prismengläsern oder geometrischen Einschüben durchbrochen wird. Schaffrath arbeitete immer wieder mit großen Formenkontrasten, wobei sich große, freie Flächen und kleinteilige, oft parallel geführte Glasstreifen gegenüberstehen. Er benutzt eine klare und einfache Formensprache. Seine Arbeiten sind stark tektonisch; seine Glasfenster sind harmonisch in das architektonische Ganze hineingefügt und bilden ein einheitliches Gesamtbild. Im Vordergrund stehen bei Schaffrath meist abstrahierte Strukturen, vor allem geologische und auch morphologische Gebilde, aber er nutzt auch die Strukturen christlicher Symbole, wie etwa das Labyrinth oder die Rose. Seine Werke sind stark graphisch geprägt; Linien aller Art treten bei ihm in den Vordergrund 2 . Schaffrath hält sich meist bei der Farbgebung zurück und lässt stattdessen das einfallende Licht auf den Betrachter wirken. Selten dominiert eine der Grundfarben, wenn eine Farbe hervortritt, dann ist es meistens ein Blauton in verschiedensten Abstufungen. Ein Großteil seiner Werke besteht aus farblosem Glas oder Glas in tonigen Weiß- oder Grauwerten, die durch das Einfügen opaker oder Strukturgläser abgestuft werden. In diese farblosen Flächen arbeitet er meist farbige Einzelakzente oder ganz neue Glaselemente ein, wie zum Beispiel
1 http://www.ludwigschaffrath.de (8.3.2008)
2 Boonen, Philipp: Oasen in Glas und Stein, In: Schaffrath, Ludwig (Hrsg.): Oasen in Glas und
Stein, Aachen 1986
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Prismen oder Glasstäbe 3 . Schaffraths neueste Arbeiten hingegen weisen sich durch Farbigkeit aus, die zumeist Ton in Ton gehalten ist, und durch eine kühle Farbgebung bestechen.
Eine Nähe von Schaffraths Werk zu den Werken seines Lehrers Anton Wendling ist offensichtlich. Wendling entwickelte in seiner Ausführung der Fenster der Chorseiten des Aachener Doms seine so genannten „Lichtteppiche“, die aus durchbrochenen Kreuz- und Kreisformen bestehen. Schaffrath übernahm die Idee der Transzendenz mit Hilfe von Ornamenten in seinen Werken. 4 Offenbar stehen Schaffraths Ideen und Ausführungen auch der Gruppe ZERO sehr nahe. 1958 von Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker gegründet, brach diese Gruppe von deutschen Künstlern mit der herrschenden Tafelbildtradition, um nach dem Krieg bei Null (engl. zero) zu beginnen. Gestaltungsmittel, die dann schließlich von Schaffrath übernommen wurden, sind die vorherrschende Farbe Weiß, sowie die Einbezugnahme ‚kunstfremder’ Elemente, wie Licht oder Luft. 5 Mit der Gruppe ZERO gab es in den 1960er Jahren einen erneuten Aufschwung der ‚kinetischen Kunst’, die die Bewegung als solches zum Prinzip der Gestaltung erhebt 6 , was Schaffrath ebenso in seinen Glasarbeiten ausführt und dies als ‚Lichtbahnen’, die zum Teil in Wellenbewegungen auslaufen, umsetzt.
4. Chronologische Betrachtung einzelner bedeutender Werke
Im Folgenden soll nun die Entwicklung von Ludwig Schaffrath anhand einer Betrachtung einzelner ausgewählter Glasarbeiten in chronologischer Abfolge dargelegt und die immer wiederkehrenden Stilmerkmale aufgezeigt werden, die in den 1960er Jahren bis in die 1990er Jahre hinein entstanden sind.
3 Oellers, Adam C.: Deutsche Glasmalerei des 20. Jahrhunderts. In: Ausst.Kat. Lichtblicke:
Glasmalerei des 20. Jahrhunderts in Deutschland, Linnich, Deutsches Glasmalerei-Museum, 1997
4 Oellers 1997 (wie Anm.3), S. 24
5 Altman, Lothar (Hrsg.): Knaurs Lexikon Malerei und Graphik, München 2004, S. 633
6 Altman 2004 (wie Anm.5), S.314
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4.1 Die Weißglasfenster der 1960er Jahre
Bei dem ersten ausgewählten Beispiel handelt es sich um 2 der 32 Fenster des Kreuzgangs am Dom zu Aachen, der den Domherrenfriedhof und den Kreuzgarten an vier Seiten umschließt. Schaffrath arbeitete von 1962 bis 1965 an diesen Fenstern. (Abb.1) 7
Die Aufgabe, die Schaffrath erhielt, die Fenster für den Kreuzgang zu entwerfen und zu fertigen, benötigte besonderer Aufmerksamkeit. Zum einen hatten und haben die Gangseiten des Kreuzganges besondere Funktionen. Sie dienen als Zugang zur Schatzkammer des Doms von der Straßenseite und als Durchgang für die Chorsänger von der Domsingschule. Des Weiteren stellte sich die Aufgabe für Schaffrath kompliziert dar. Es galten die Auflagen, die vorhandene Baustruktur zu erhalten, das heißt, die Fenster mussten in die gegebenen gotischen Fensterformen eingebracht werden. Die Gänge hatten und haben eine starke Frequentierung durch Personen - Klerus und auch kirchenfremd - und schließlich musste die besondere Lage am Friedhof respektiert werden, der einen Ort der Besinnung darstellt. Schaffraths Lösung war das Motiv des ‚Epitaph’. 8 Ein Epitaph ist ein Gedächtnismal für einen Verstorbenen, das nicht identisch mit der Grabstelle an Wänden, Pfeilern oder Außenwänden einer Kirche angebracht ist. 9 Schaffrath lässt die Fenster des Kreuzgangs ganz ohne Schrift, Bild und vor allem Farbe auskommen. Dadurch entsteht eine Transparenz zum Kreuzgarten hin und durch die Rundumführung des Gangs ergibt sich ein geschlossenes Gesamtbild. Die Form des transparenten Glases als Werkstoff verwandelt den Raum in eine Zone der Besinnung und der Meditation. Die reichliche Fülle der Natur kann durch die ungetrübten Weißglasfenster in den Raum eindringen und somit die Fenster mit Licht und Farbe füllen, je nach tages- oder Jahreszeit in verschiedenster Art.
7 Abb. 1: 2 von insgesamt 32 Fenstern am nördlichen Gang, je 360x215 cm, in: Schaffrath 1986
(wie Anm.2)
8 Stephany, Erich: Vorwort. In: Pfaff, Konrad (Hrsg.) : Ludwig Schaffrath - Glasmalerei und
Mosaik, Krefeld 1977, S. 16
9 Altman 2004 (wie Anm.5), S.162
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Dieses Höchstmaß an künstlerischer Integrationsfähigkeit lässt eine Kommunikation zwischen Innenraum und Binnenhof, zwischen innen und außen, zu. 10
Wie in Aachen, so hat Schaffrath auch in der Kirche St. Michael in Schweinfurt, entstanden 1967, die Form der Weißglasfenster benutzt.(Abb.2) 11 Doch anders als in den Kreuzgangfenstern in Aachen, bestehen die großflächigen Fenster der Kirche St. Michael aus parallelen Glasstreifen, die durch mehr oder minder dicke, vertikale und horizontale Schraffuren durchsetzt sind und somit den Lichtwert dämpfen, der in den Innenraum der Kirche eintritt. Schaffrath reduziert die Formen auf das geringste geometrische Muster.
Diesen Effekt hat er auch in Troisdorf an der Kirche St. Maria-Königin (Abb.3) 12 1961 angewandt, jedoch tritt anstelle der Schraffuren eine andere Art der Ausführung. Das großflächige Dreiecksfenster besteht aus Weißglas, dessen Lichteinfall durch die einzelnen kleinen Betonsteine gedämpft wird. Auch hier lässt Schaffrath kein bildliches Motiv erkennen. Das Gesamtwerk steht im Vordergrund, um die Atmosphäre des Innenraumes in einer geistigen Art und Weise zu verdichten.
Doch nutzt Schaffrath auch feinere, kleinteiligere Formen in seinen Weißglasfenstern, wie beispielsweise in den Obergadenfenstern des Doms zu Würzburg aus dem Jahre 1964 (Abb.4) 13 . Es entsteht der optische Eindruck einer räumlichen Schichtung, da einzelne Formen fast schon überlappend angebracht wurden. Trotzdem herrscht, wie auch in den Fenstern in Aachen, Schweinfurt und Troisdorf die Horizontale vor.
Diese Beispiele von Weißglasfenstern machen den Abschied vom Glasfarbbild deutlich. Der Weggang vom lehrhaften, mit moralischen Fingerzeigen durchsetzten Fensterbild. Schaffrath geht weg von Fabel, Figur und Farbklang und verleiht dem Fenster einen Wandcharakter, ganz ohne die architektonischen Zwänge des Fensterrahmens zu beachten, mit Ausnahme der Kreuzgangfenster in Aachen. Das Verhältnis vom Bauwerk zu den Wänden wird immer wichtiger, denn für Schaffrath ist maßgeblich, dass das Gebäude ein Außen und ein Innen
10 Stephany 1977 (wie Anm.8) S. 16
11 Abb. 2: St. Michael, Schweinfurt, Foto privat
12 Abb. 3: St. Maria Königin, Troisdorf, in: Pfaff, Konrad (Hrsg.) : Ludwig Schaffrath -
Glasmalerei und Mosaik, Krefeld 1977, S. 59
13 Abb. 4: Obergadenfenster, Dom zu Würzburg in: Pfaff 1977 (wie Anm.8), S.42
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Stefan Jung, 2008, Stil- und Gestaltungsmittel des Künstlers Ludwig Schaffrath, München, GRIN Verlag GmbH
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