Inhalt
1 Habitus und soziale Ordnung 4
1.1 Geschmack und Klasse 4
1.1.1 Legitimer Geschmack 4
1.1.2 Vulgärer Geschmack 6
1.1.3 Mittlerer Geschmack 7
1.1.4 Klassenlage, Geschmack und Distinktion 8
1.2 Habitus 10
1.3 Soziale Felder 12
1.4 Illusio und Hysteresis 15
1.5 Körperlichkeit und Habitus 16
Habitus -Theorie und Medienproduktion
2 20
2.1 Legitimer Geschmack und Herrschaft 20
2.2 Zusammenspiel von Güterproduktion und Geschmacks- 21
produktion
2.3 Bourdieu über das Fernsehen 24
Schlussbemerkung 27
Literaturverzeichnis 28
Einleitung
Als 1979 Bourdieus La distinction. Critique sociale du jugement (Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 1987) erschien, war dies im Großen und Ganzen ein der Öffentlichkeit präsentierter, empirischer Beleg seiner Habitus-Theorie, die sich als sein Lebenswerk verstehen lässt. Durch seine ethnologischen Studien im französisch besetzten Algerien der 50er und 60er Jahre wurde Bourdieu auf die gesellschaftlichen Unterschiede aufmerksam, die sich in der sozialen Praxis der Bevölkerungsmitglieder äußerten. So gut wie gar nicht vom rationalen Geist der westlichen Industrienationen erfasst, schienen die Handlungen der kabylischen Bauern völlig anderen Regeln zu folgen, wie sie der junge Franzose von seiner Heimat kannte. Dieses Erlebnis kann wohl als der Zeitpunkt gelten, in dem aus dem studierten Philosoph auch ein Soziologe wurde. Wieder zurück in Frankreich folgte Bourdieu nun der Hypothese, dass sich ähnliche Verhaltensunterschiede nicht nur zwischen Gesellschaften, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft finden müssten, insbesondere, wenn derselben eine ausgeprägte soziale Hierarchie zugrunde liegt. So fand er denn auch heraus, dass die Besetzung sozialer Positionen innerhalb der französischen Gesellschaft nicht zufällig ist, sondern eng mit der Verfügung über bestimmte Kapitalien, maßgeblich ökonomischer und kultureller Art, zusammenhängt. Diese Kapitalien, über die ein Individuum vermittels sozialer Beziehungen (soziales Kapital) beispielsweise innerhalb der Familie verfügen kann, tragen maßgeblich zum schulischen Erfolg und damit wiederum zur Vermehrung des kulturellen Kapitals bei, welches seinerseits in Form von Bildungstiteln und Berufsabschlüssen den Zugang zum ökonomischen Kapital bestimmt. Dies hielten Bourdieu und Passeron 1964 in Les héritiers. Les étudiants et la culture fest, einer Studie zum französischen Bildungssystem. So gesehen ist es bei Weitem keine neue Erkenntnis, wenn in Deutschland angesichts der Ergebnisse der letzten PISA-Studien auf die Korrelation von sozialer Herkunft und Bildungsweg aufmerksam gemacht und angesichts der „Entdeckung“ eines abgehängten Prekariats von vererbter Armut gesprochen wird. Im Sommersemester 2006 wurde im Rahmen des Seminars „Geschichte und Systematik der Mediengestaltung“ an der Bergischen Universität Wuppertal die Studie Die feinen Unterschiede in Form eines Referats vorgestellt. Wichtige Ergebnisse der Studie sowie eine allgemeine Erklärung des Phänomens Habitus wurden ebenso referiert, wie der Versuch, einen Bezug zur Medienproduktion herzustellen. Im Folgenden soll es nun darum gehen, diese Ausführungen zu vertiefen und auf weitere wichtige Begriffe der Bourdieu´schen Theorie einzugehen
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wie etwa den des sozialen Feldes, der Hexis und Hysteresis. Zudem soll die Körperlichkeit der Habitus-Theorie ins Blickfeld gerückt werden. Als Theorie, welcher maßgeblich die Inkorporierung der sozialen Welt in den körperlichen Leib zugrunde liegt, stellt sich die Frage, ob die ethnographischen Entdeckungen Bourdieus auch ein körperlich-materielles Fundament haben, kurz, ob sich die Reproduktion sozialer Ordnung auch auf Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnisse erklären lässt. In Anlehnung an Lindemann wird deshalb ein Konzept der Inkorporierung vorgestellt, ein Versuch, der sich bei Bourdieu so nicht findet. Im Bezug auf Krais und Gebauer und ihre Auseinandersetzung mit dem Habitus-Begriff soll die physiologische Materialität des Habitus in Form neuronaler Netzwerke bzw. Schemata aufgezeigt werden.
Entlang dieser Ausführungen wird aufs Neue der Versuch unternommen, die Erkenntnisse in Zusammenhang mit Medienproduktion und Medienkonsum zu bringen. So lassen beispielsweise die Ausführungen von Adorno und Horkheimer in Dialektik der Aufklärung, es handle sich hierbei um einen Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis, einen deutlichen Bezug zur strukturierten und strukturierenden Struktur des Habitus bei Bourdieu erkennen. An geeigneter Stelle werden derartige Bezüge aufgezeigt. Zuletzt soll dann noch vorgestellt werden, was Bourdieu selbst zu Fernsehen und Journalismus anzumerken hat.
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1 Habitus und soziale Ordnung
1.1 Geschmack und Klasse
Bei den feinen Unterschieden handelt es sich um eine empirische Studie auf Grundlage qualitativer Interviews und ethnografischer Beobachtungen einerseits und quantitativer Fragebogen andererseits. Insbesondere aufgrund der standardisierten Methode konnten zwischen den Jahren 1963 und 1968 insgesamt rund 1.200 Personen befragt werden. Diese wurden nach sozialen und geografischen Gesichtspunkten ausgewählt, sie unterschieden sich somit einerseits in der Zugehörigkeit zur sozialen Klasse (vermittels des ausgeübten Berufes) und andererseits im Wohnort (Paris, Lille oder Provinz). 1 Es ging im wesentlichen darum, Geschmacksurteile und Lebensstile systematisch zu erfassen und Unterschiede in ihren Ausprägungen aufzuzeigen. Von weiterem Interesse war dann, ob diese Unterschiede mit der Klassenzugehörigkeit korrespondieren und was im Falle einer Bestätigung der Grund hierfür sein könnte.
Bei der Auswertung stellte sich heraus, dass die Vermutung, Lebensstil und Geschmack stünden in Zusammenhang mit der Klassenzugehörigkeit, bestätigt werden konnte. Diesem Umstand trug man in der Formulierung von drei Geschmacksdimensionen Rechnung: dem legitimen, dem mittleren und dem populären Geschmack. 2
1.1.1 Legitimer Geschmack
Diese Form des Geschmacksurteils kennzeichnet im Wesentlichen eine ästhetische Einstellung und das, was Bourdieu den reinen Blick nennt. Die ästhetische Einstellung drückt sich bei der Betrachtung von Kunstgegenständen insbesondere im Primat der Form über die Funktion aus. 3 Der ästhetische Betrachter ist demnach mehr als jeder andere in der Lage, zwischen dem Gegenstand der Abbildung und seinem Abbild zu unterscheiden. Es ist für ihn nicht so wichtig, was gezeigt wird, sondern wie es gezeigt wird. Eine Fotografie, die Kohlköpfe zeigt, kann für ihn genauso schön sein, wie jene, die eine Erstkommunion abbildet, interessanter ist erstere für ihn aber allemal. 4 Was sich hier einstellt, ist eine Form ästhetischer Distanzierung, die anerkennt, dass das, was man sieht, eben nicht mehr ist als man
1 Vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1987, S. 784f. 2 Vgl. ebd., S. 36f. 3 Vgl. ebd., S. 58 4 Vgl. ebd., Tabellen auf S. 70 u. 72
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sieht und vor allem: auch nicht mehr sein will und mehr sein muss. Das Vermögen des Ästheten besteht deshalb auch darin, „gegenüber bereits ästhetisch konstituierten Objekten [...] eine rein ästhetische Betrachtungsweise einzunehmen und [...] beliebige oder gar ‚vulgäre‘ [...] Gegenstände zu ästhetischen zu stilisieren [...].“ 5 Insbesondere in der Auseinandersetzung mit den vulgären Dingen zeigt sich seine transponierbare Einstellung 6 , wenn er etwa beim Anschauen eines leichten Filmes seine Aufmerksamkeit weg von den Protagonisten und deren Handlung hin zu den abstrakten Formen wendet. Durch die Wahrnehmung und Dechiffrierung von Stilmerkmalen setzt er das zu Sehende in Relation zu bereits Gesehenem, wodurch ihm ein Urteil bar jeder emotionalen Involviertheit möglich ist. Der legitime Geschmack verweigert sich daher jeder Form des Sich-einbringens, der leichten Verführung und der kollektiven Begeisterung. 7
Der reine Blick ist nun eben eine Form des Sehens, worin sämtliche dieser Fähigkeiten kumulieren. Ihn zeichnet eine Unvoreingenommenheit durch das Weltliche bzw. Gesellschaftliche aus, welche eine Distanz zu den Dingen überhaupt erst ermöglicht. Der reine Blick beinhaltet deshalb „einen Bruch mit der alltäglichen Einstellung zur Welt, und bezeichnet darin gerade auch einen Bruch mit der Gesellschaft.“ 8 Er ermöglicht, alles Menschliche - Leidenschaften, Empfindungen und Gefühle - aus der Betrachtung herauszuhalten, ebenso wie alles Gewöhnliche.
Was ist aber nun eigentlich das Legitime am legitimen Geschmack? Wie wir gleich noch sehen werden, ist der legitime Geschmack im Vergleich zu seinem Pendant, dem vulgären Geschmack, unvoreingenommen, es lässt sich auch sagen, er ist gewissermaßen unverdorben. Der legitime Geschmack ist befreit von der Befangenheit, die der Lebensalltag vermittelt, er ist somit rein und für-sich. Das mag zwar ein qualitativer Unterschied sein, aber Legitimität, gedacht als eine Form der Rechtmäßigkeit oder Gesetzmäßigkeit mit Anspruchscharakter, ergibt sich hieraus noch nicht. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn Legitimität hier ein Herrschaftsverhältnis des oberen Geschmacks über alle Klassen hinweg meint. Dann nämlich müsste in der Tat der legitime Geschmack der herrschenden Klasse durch die niederen Klassen anerkannt sein. Ob das sein kann oder vielleicht sogar ist, soll hier zunächst ausgeklammert bleiben. Um es einfacher zu machen, soll der legitime Geschmack an dieser Stelle nur aus der Warte der Herrschenden bzw. Oberschicht als einer Klasse für-sich betrachtet werden. Es ist ganz klar, dass der legitime Geschmack innerhalb dieser Kreise selbst legitim ist, sich die Angehöri- 5 Ebd.,S. 80
6 Ebd., S. 56 7 Vgl. ebd., S. 68f. 8 Ebd., S. 62
5
gen zu den Prinzipien dieses Geschmacksurteils bekennen und die ihm unterliegende Logik anerkennen. Erst durch diese Anerkennung und hiernach ausgerichtetem Verhalten, ist ein störfreier sozialer Verkehr innerhalb dieser Kreise möglich und erst durch diese Anerkennung (die, wie wir sehen werden, freilich kein Akt bewusster Handlung sein muss) kann Geschmack überhaupt legitim sein. Im gleichen Zug wird dieser jedoch auch zu einem Konstituens der herrschenden Klasse, das Exklusivität verleiht, indem es Grenzen schafft und Ausschluss ermöglicht. Der legitime Geschmack ist somit das herrschende Urteil innerhalb der Oberschicht und all diejenigen, die sich zu dieser Schicht zählen, haben sich dieser Herrschaft zu unterwerfen. 9 Gleiches gilt für Aufsteiger aus unteren Gesellschaftsschichten: Ein Zugang zu den oberen Kreisen wird ihnen nur dann möglich, wenn sie den dort vorherrschenden Geschmack anerkennen und dadurch aufs Neue legitimieren. All diejenigen hingegen, denen dies Kraft ihres kulturellen Erbes nicht möglich ist oder die sich bewusst dieser Anerkennung verweigern, bleiben außen vor.
1.1.2 Vulgärer Geschmack
Das Urteil des vulgären Geschmacks steht gewissermaßen in Opposition zu dem des legitimen. Es zeichnet sich besonders dadurch aus, dass es nicht differenziert, so ist ihm beispielsweise keine Unterscheidung von Kunst und Alltag inne, was auf zweierlei Art zum Ausdruck kommt. Zum einen wird erwartet, dass ein Bild eine Funktion erfüllt oder ihm eine Gebrauchsweise zugeordnet werden kann. 10 Ein reines Für-sich-stehen vermag dieser Geschmack nicht anzuerkennen. Zum anderen lässt der vulgäre Geschmack keine Trennung von Abgebildetem und Abbildung zu, für ein schönes Foto beispielsweise ist nicht nur die Art der Darstellung relevant, sondern vielmehr auch die Schönheit des abgelichteten Gegenstandes bzw. Szenarios - so macht sich ein Sonnenuntergang auf einem Foto immer gut, Kohlköpfe hingegen sind eher hässlich und viel mehr noch: nichtssagend. 11 Das Geschmacksurteil des Vulgären ist in jedweder Form präjudiziell und eigentlich findet gar keine Auseinandersetzung mit dem zu beurteilendem Gegen-stand statt, sondern nur mit sämtlichen Schemata (gut/böse, schön/hässlich, kon-form/nicht konform), die diesem vorgelagert sind. Findet sich beispielsweise kein Vorbild in der Natur, an dem man die Abbildung messen könnte, so greift der
9 Dabei mag es freilich so sein, dass diese Herrschaft nicht als solche empfunden wird. Wer nichts anderes kennt als den goldenen Käfig, wird schwer feststellen können, ein Gefangener zu sein. Für die Angehörigen dieser Klasse ist der legitime Geschmack einfach ohne Alternative, ebenso wie es für die anderen der vulgäre ist. 10 Vgl. ebd., S. 82f. 11 Vgl. ebd., Tabellen auf S. 74 u. 76
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vulgäre Geschmack auf die seiner sozialen Umwelt innewohnende Moral und Norm zurück. 12 Alles in allem erkennt Bourdieu in diesem Geschmacksurteil auch eine anti-kantianische Ästhetik, die dem Interesse der Sinne folgt, statt einem interesselosem Wohlgefallen. Mehr als jeder andere, lässt sich der vulgäre Geschmack von Oberflächlichkeit und Glanz verführen, er „ist jederzeit noch barbarisch, wo er die Beimischung der Reize und Rührungen zum Wohlgefallen bedarf, ja wohl gar diese zum Maßstabe seines Beifalles macht.“ 13 Diese Form der Naivität und Leichtgläubigkeit führt auch dahin, dass der vulgäre Geschmack mehr als jeder andere geschaffen ist, um zu amüsieren und dies, wie Neil Postman gezeigt hat, im Zweifelsfall bis zum Tode. 14
1.1.3 Mittlerer Geschmack
Während legitimer und vulgärer Geschmack in einem antagonistischen Verhältnis zueinander stehen, welches auch dadurch gekennzeichnet ist, dass sich jeweils der eine nicht ohne Verneinung des anderen beschreiben lässt 15 , ist der mittlere Geschmack beides und doch nichts von beidem - legitim und vulgär. Wie wir noch sehen werden, sind Klassenlage und Geschmacksurteil auffallend miteinander verbunden und sich Kraft des eigenen kulturellen Erbes bzw. Kapitals einem der beiden Geschmäcker zurechnen zu können, ist gleichsam mit einem gesellschaftlichen Auf- oder Abstieg verbunden. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der mittlere Geschmack, der schon allein deshalb nicht genau beschrieben werden kann, weil er sich in Abhängigkeit der Nähe zu einer seiner Grenzen (nach oben oder unten) verändert. Im Bestreben eines sozialen Aufstieges etwa ist er in der Lage sich die minderbewerteten Werke der legitimen Künste zu eigen zu machen und sich dezidiert von den Tendenzen des vulgären Geschmacks abzusetzen. Gleichermaßen ist er aber auch noch den legitimsten Werken der minderwertigen Künste gegenüber aufgeschlossen. 16 Da sich das kulturelle Kapital des mittleren Geschmacks maßgeblich aus der schulischen Bildung speist und hierin, mehr als bei den oberen Klassen, das Verständnis gründet, durch gute Schulbildung eine aussichtsreiche soziale Position zu erreichen, ist er mehr als der legitime und vul-
12 Vgl.ebd., S. 82
13 Immanuel Kant zit. n. Bourdieu a.a.O., S. 83f.
14 Vgl. Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt a.M. 1988
15 So schreibt Bourdieu beispielsweise, „dass sich der ‚reine‘ Blick nur schwer beschreiben läßt, ohne daß im selben Akt auch der naive Blick, gegen den jener sich definiert, beschrieben wird -und umgekehrt.“ (Bourdieu a.a.O., S. 63) Diesen Interdependenzen verleiht der Autor dann auch im Arrangement der Kapitel seines Werkes Ausdruck. Im Wechsel folgen hier die Beschreibungen zu ästhetischer Einstellung, reinem und barbarischem Geschmack, populärer Ästhetik, ästhetischer Distanzierung und anti-kantianischer Ästhetik. 16 Vgl. Bourdieu a.a.O., S. 38 sowie die Histogramme auf S. 40f.
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Christian Heitland, 2006, Habitus und Medienproduktion, München, GRIN Verlag GmbH
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