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literarische Vorlage für den Kinofilm diente. 2 Über diese Darstellung folgt der Brückenschlag zur modernen Interpretation des Themas mit Verweisen auf gesellschaftliche Strukturprobleme und Grundkonflikte als Voraussetzung der weiterführenden Bearbeitung und Analyse im zweiten Teil des Kapitels.
1.1 Entstehungszusammenhänge
Zahlreiche Variationen der uns heute im deutschsprachigen Raum in Form des bekannten Volksmärchens vorliegenden Geschichte finden sich in den verschiedensten mündlichen Überlieferungen und Volkssagen Europas, wobei sich die Erzählweise der Gebrüder Grimm als die nunmehr populärste auszeichnet. 3 Anzumerken ist hier, dass aus deren Bearbeitung drei unterschiedliche Versionen hervorgingen, wobei schließlich die zuletzt veröffentlichte Fassung der in den zeitgenössischen Märchenbüchern zu findenden Geschichte entspricht. 4
Vergleichbare Inhalte der erzählerischen Handlung finden sich im weiteren germanischen, wie auch im romanischen Sprachraum. Beispielhaft findet sich indes die Kernhandlung im Konflikt zwischen heranwachsendem Mädchen und dessen Mutter oder auch Stiefmutter verbunden mit verschieden Motiven, so die von der Mutter zunächst vergossenen drei Blutstropfen oder jenes der Retter oder Begleiter des Schneewittchens, die im deutschsprachigen Raum bekannten sieben Zwerge; ebenso allerdings die in alternativen Erzählungen erscheinenden Räuber oder Ritter gleicher Anzahl. 5
Mehr zufällig stellen sich die Parallelen im Erzählrahmen der Geschichten aus Tausend und einer Nacht
Geschichte des Prinzen Kamr und der Prinzessin Bedur ein, wobei durch Tötung eines Tieres mit dessen Fleisch und Organen der Tod eines Protagonisten, in
2 Vgl. Rölleke, Heinz: Die Brüder Grimm als Märchensammler und -bearbeiter, in: Lange,
Günther (Hrsg.): Märchen Märchenforschung Märchendidaktik, 1. Auflage, Balt-
mannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2004, 33-41.
3 Vgl. Szonn, Gerhard: Die Weisheit unsere Märchen, 1. Auflage, Berlin: Verlag für Wissenschaft
und Bildung, 1993, 46/47.
4 Vgl. Rölleke, Heinz (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der
handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812, 1. Auflage, Cologny-
Geneve: Fondation Martin Bodmer, 1975, 244-265.
5 Vgl. Röhrich, Lutz: "und weil sie nicht gestorben sind ...". Anthropologie, Kulturgeschichte und
Deutung von Märchen, 1. Auflage, Köln: Böhlau Verlag, 2002, 242.
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diesem Fall der des besagten Prinzen, vorgetäuscht wird. 6 Oftmals werden dem Entstehungskontext bestimmte lokale Begebenheiten zugeordnet, wobei für diese keine nachweislichen Belege mit Bezug zur tatsächlichen Thematik Schneewittchens zu finden sind; vielmehr werden ortsgebundene Variationen des Stoffes in ihrer Anpassung an geografische oder historische Eigenheiten aus einem fälschlichen Umkehrschluss heraus als eigentlicher Ursprung gedeutet so etwa im Falle der mitteldeutschen Ortschaft Alfeld. 7
1.2 Interpretationen
Die Betrachtung der im Schneewittchen-Märchen immanenten Thematik verweist auf zwei getrennte Bereiche: Diese umfassen zunächst die Analyse der im Mutter-Tochter Konflikt vorhandenen strukturellen, gesellschaftlichen Problematik, zudem eine davon getrennte Veranschaulichung der verwandten Symbolik und Motive. 8 Besonders anschaulich generiert sich die gylanische Konkurrenzproblematik um den Aspekt Schönheit
Gefahr für die jüngere und zugleich wehrlosere Generation verschärft durch den, wenn auch passiv geäußerten, männlichen Anspruchsgedanken: Der Spiegel hält der Königin ihre verblassende Schönheit angesichts des sich zur (geschlechtsreifen) Frau entwickelnden Mädchens vor. Zugleich begegnet man in diesem Aspekt des Verhaltens der Herrscherin auf dem Weg einer christlichen Interpretation der ersten der sieben Todsünden, dem Hochmut. 9 Dieser den verschiedenen Erzählmuster- und Variationen gemeinsame Kerncharakter verweist auf eine strukturell im weitläufigen, europäischen Kulturraum immanente Gesellschaftsproblematik hinsichtlich des Bildes und der Rolle des weiblichen Geschlechtes, wobei das hierbei durch eine allgemeine Betroffenheit manifestierte Interesse den Erfolg der klassischen Erzählung wie
6 Vgl. Lewald, August (Hrsg.) Tausend und eine Nacht. Arabische Erzählungen, 1. Auflage,
Stuttgart: Verlag der Classiker, 1838, 841.
7 Vgl. Sander, Eckhard: Schneewittchen: Märchen oder Wahrheit? Ein lokaler Bezug zum
Kellerwald, 1. Auflage, Gudensberg-Gleichen: Wartberg Verlag, 1994, 35, 75-80.
8 Vgl. Mieth, Dietmar: Medien und Alltagskultur, in: Holderegger, Adrian (Hrsg.):
Kommunikations- und Medienethik. Interdisziplinäre Perspektiven, 1. Auflage, Freiburg i.B.:
Herder Verlag, 1999, 136/137.
9 Vgl. Röhrich, Lutz: "und weil sie nicht gestorben sind ...". Anthropologie, Kulturgeschichte und
Deutung von Märchen, 1. Auflage, Köln: Böhlau Verlag, 2002, 244.
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auch der moderneren Zeichentrickadaption sicherlich mit bedingte. 10 Geradezu in klassischer Weise weist die Geschichte eine Zahlensymbolik auf; einschlägig sind hierbei die Drei und die Sieben als mystische Zahl, beide verschiedensten Auslegungen unterworfen, letztere göttlichen Drei (insbesondere in der christlichen Symbolik irdischen Vier 11 Insgesamt entfaltet das Märchen seine im soziologischen Kontext vorhandene Relevanz somit neben der im quasi ödipalen Grundkonflikt vorliegenden Problematik und der damit verbundenen innerfamiliären Struktur eines Gesellschaftsaufbaues, ebenso durch das selbst in der modernen Adaption Disneys mit ihren Abweichungen von der grimmschen Erzählung noch deutlich vorhandene in der Passivität der Heldin gespiegelte Frauenbild verbunden mit einer Reduzierung auf ihre optischen Attribute. 12 Die auf diese Weise vermittelten Normen und Werte entsprechen bei Weitem nicht dem Typus einer verantwortlichen, selbstbestimmten und darüber mündigen Person: Sie sind demnach nicht allein Teil eines abzulehnenden und überkommenden Frauen-, sondern auch Menschenbildes. Nicht zuletzt besitzt die Vermittlung eines derartigen Inhaltes angesichts dessen Handhabung als Kindergeschichte eine nicht von der Hand zu weisende medienethische Bedeutung vor dem Gedanken und Anspruch einer sozial verantwortlichen Mediennutzung. 13
2. Medienethische Kontroversen
Die Entwicklung moderner Medien ist unabdingbar verknüpft mit einer ihnen stets zu Teil werdenden kritischen Wahrnehmung und Bewertung. Unter Rückgriff auf den hier behandelten Kinofilm sollen folgend auf diesen bezogene medienethische Kontroversen über den zuletzt benannten Aspekt hinaus im
10 Vgl. Frei, Karin: Gute böse Stiefmutter: Sieben Porträts und ein Leitfaden, 1. Auflage, Zürich:
Limmat Verlag, 2005, 20-22.
11 Vgl. Von Bonin, Felix: Kleines Lexikon der Märchensymbolik, 1. Auflage, Ahlerstedt: Param
Verlag, 2009, 29, 109.
12 Vgl. Röhrich, Lutz: "und weil sie nicht gestorben sind ...". Anthropologie, Kulturgeschichte und
Deutung von Märchen, 1. Auflage, Köln: Böhlau Verlag, 2002, 260.
13 Vgl. Funiok, Rüdiger: Grundfragen einer Publikumsethik, in: Holderegger, Adrian (Hrsg.):
Kommunikations- und Medienethik. Interdisziplinäre Perspektiven, 1. Auflage, Freiburg i.B.:
Herder Verlag, 1999, 242-244.
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Stefan Haas, 2010, Medienethische Bewertung der Schneewittchenverfilmung von Walt Disney, München, GRIN Verlag GmbH
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