Sebastian Bluschke
4. Semester
Pro-Seminar
,,Improvisation in musikpsychologischer und interkultureller Perspektive"
Universität Leipzig SoSe 2009
Inwieweit tangieren Voraussetzungen des
Gedächtnisses die Fähigkeit zur
Improvisation?
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung Seite 3
Gedächtnisbegriff Seite 3
Ultrakurzzeitgedächtnis / Echogedächtnis Seite 5
Kurzzeitgedächtnis Seite 7
Langzeitgedächtnis Seite 9
Deklaratives und implizites Wissen Seite 12
Motorisches Gedächtnis Seite 14
Schlusswort Seite 15
Verzeichnis der zitierten Literatur Seite 16
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Einleitung
Gehirn und Geist dieser Dualismus gehört zu den letzten Mysterien der modernen
Wissenschaft. So sehr sich diese These auch dem Vorwurf der Übertreibung stellen muss, das
sprichwörtliche Körnchen Wahrheit lässt sich dennoch erkennen. Trotz der vielen technischen
Neuerungen an bildgebenden Verfahren in Forschung und Medizin der letzten Jahrzehnte, ist
die Funktionsweise des knapp drei Pfund schweren, (nach Wilhelm Busch)
,,blumenkohlähnlichen" Gebildes nur ansatzweise geklärt. Für den Menschen von besonderer
Bedeutung ist dabei das Gedächtnis, mit dessen Hilfe der Einzelne Vergangenes mit der
Gegenwart vergleichen kann, um seine Zukunft selbst zu gestalten.
Vorliegende Arbeit versucht einen Überblick über den aktuellen Erkenntnisstand der
Neurophysiologie und psychologie zum Thema Gedächtnis zu geben. Das spezielle
(musikwissenschaftliche) Interesse liegt dabei in der Verbindung zwischen den verschiedenen
Ausprägungsformen des Gedächtnisses und der Fähigkeit zur musikalischen Improvisation.
Ausgangsbasis und Orientierung hierfür war der Text ,,Wissen und Gedächtnis" von Herbert
Bruhn aus dem Buch ,,Allgemeine Musikpsychologie".
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Trotz umfangreicher Studien zum Sachverhalt Musik und Gehirn waren keine
wissenschaftlichen Publikationen aufzufinden, die sich direkt dem Thema Gedächtnis und
Improvisation widmen. Im Anschluss an jedes Kapitel findet sich deshalb jeweils ein kurzes
Fazit, welches die Bedeutung der einzelnen Gedächtnisprozesse für die musikalische
Improvisation anzudeuten versucht.
Gedächtnisbegriff
Obwohl das Gedächtnis schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
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Gegenstand der
wissenschaftlichen Forschung ist, gibt es kaum eine einheitliche Vorstellung darüber, auf
welche Art und Weise das Gehirn es dem Menschen überhaupt ermöglicht, dauerhaft
Erfahrungen zu sammeln, spezialisierte Fähigkeiten auszubilden oder reproduzierbares
Wissen zu erlangen. Als allgemein konsensfähig erweist sich die These, das Gedächtnis sei
das Vermögen, ,,vergangene Wahrnehmungen nach einer kognitiven Verarbeitung mehr oder
weniger dauerhaft zu speichern."
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1
Bruhn, Herbert: Wissen und Gedächtnis. In: Allgemeine Musikpsychologie, hrsg. von Thomas H. Stoffer und
Rolf Oerter, Göttingen 2005, Hogrefe Verlag für Psychologie, S. 537-590.
2
Bruhn S. 540: Die Arbeit Über das Gedächtnis von Hermann Ebbinghaus aus dem Jahre 1885 gilt als Ursprung
der psychologischen Forschung über das Gedächtnis.
3
Bruhn, Herbert: Gedächtnis und Wissen. In: Musikpsychologie. Ein Handbuch. Hrsg. von Herbert Bruhn, Rolf
Oerter und Helmut Rösing, Reinbeck 1993, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, S. 539.
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Die Art und Weise, wie dies geschieht, ist bis heute noch nicht vollständig geklärt. Nach
aktuellem Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass jede zentralnervöse
Verarbeitung von Informationen über Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen verläuft, den
sogenannten Synapsen. Jede Übertragung eines Nervenimpulses über eine solche Synapse
kann zu einer Veränderung der Stärke von eben dieser führen. Somit schlägt sich jedes
Ereignis, das vom Gehirn verarbeitet wird, auch mehr oder weniger im Gedächtnis nieder.
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Neben der Stärke erhöht sich mit der Zeit auch die Anzahl der Verbindungen selbst, je nach
Eigenheit und Dauer der entsprechenden Gehirnaktivität.
Ein Großteil der Forschung argumentiert nun direkt auf physiologischer Ebene: Gedächtnis
ist die Fähigkeit der Nervenzellen im Gehirn, die Anzahl und Stärke ihrer Verbindungen
zueinander über eine bestimmte Zeit zu verändern (d.h. zu erhöhen). Jede Aktivität zwischen
zwei Nervenzellen kann jedoch zu chemischen Veränderungen führen, die diese Aktivität
zeitlich überdauern, und somit könnte
Gedächtnis als Charakteristikum aller Nervenzellen
angesehen werden.
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Es verwundert daher auch kaum, dass aus dieser Perspektive das
Erinnerungsvermögen des Menschen schnell zum ,,Nebeneffekt"
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der verschiedenen Arten
der Informationsverarbeitung im Gehirn erklärt wird.
In den 50er Jahren entwickelte sich eine bis heute allgemeinhin akzeptierte Theorie zur
Unterteilung des Gedächtnisses in Analogie zur Computertechnologie in Lang- und
Kurzzeitgedächtnis.
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Erst in den letzten Jahrzehnten entwickelte sich daneben auch die
Vorstellung eines Ultrakurzzeitgedächtnisses. Diese Abstufungen sollten jedoch nicht als drei
voneinander grundsätzlich verschiedene Speicherorte im Gehirn angesehen werden. Sie
beschreiben vielmehr unterschiedliche Prozesse: ,,Die Aufnahme und Verarbeitung
eingehender Reize, deren Bereithaltung für unmittelbar zu erledigende weitere Aufgaben
sowie der Niederschlag der Informationsverarbeitung in der sich langfristig ändernden Stärke
der Verbindungen zwischen Nervenzellen."
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Diese Prozeduren sind also als funktional
verschieden zu betrachten und sind nicht struktureller Natur. Bisher gibt es keinerlei Beweise
für die anatomische Verschiedenheit der einzelnen Gedächtnisvorgänge. Die aktuelle Theorie
besagt sogar, dass mindestens 2 Gedächtnisprozesse, nämlich das Lang- und
Kurzzeitgedächtnis, dieselbe anatomische Struktur auf unterschiedliche Weise nutzen.
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4
Spitzer, Manfred: Musik im Kopf. Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk.
Stuttgart 2002, Schattauer, S. 125.
5
Snyder, Bob: Music and memory. An introduction. Massachusetts 2000, The MIT Press S. 4.
6
Bruhn S. 542
7
Bruhn S. 540-541
8
Spitzer S. 118
9
Snyder S. 4
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