Sebastian Bluschke
4. Semester
Proseminar ,,Instrumentenkunde"
Universität Leipzig SoSe 2009
Der Arpeggione
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Einleitung
Die Frage nach dem ,,wahren" Wert eines Instrumentes im Vergleich von Historie und
Gegenwart lässt sich nicht allein daran messen, wie beliebt es zu verschiedenen Zeiten war,
welche berühmten Persönlichkeiten es spielen und gespielt haben oder wieviele
Kompositionen dafür geschrieben wurden. Oft genug entscheiden Glück und Schicksal oder
der Zeitgeist, wie ein Instrument von der Gesellschaft aufgenommen wird.
Der Arpeggione gehört zu den Kuriositäten in der Geschichte des Instrumentenbaus. Folgende
Arbeit will das Wenige wissen, welches zur Beschäftigung mit einem solch unbekannten und
wenig verbreiteten Instrument zur Verfügung steht, zusammenfassen und geordnet
wiedergeben. Dabei soll der Begriff ,,Arpeggione" geklärt, Bau, Stimmung und Klang
beschrieben und Herkunft und Entwicklung des Instruments verfolgt werden.
Der Begriff ,,Arpeggione"
Am 19. November 1828 starb der Wiener Komponist Franz Schubert, nachdem im selben Jahr
Schuberts einzig öffentliches Konzert mit eigenen Werken stattgefunden hatte. Der mit 31
Jahren viel zu früh Verstorbene hatte gerade in den letzten Jahren seines Lebens noch einen
großen Schaffensdrang vor allem im Bereich der Instrumentalmusik, obwohl er aufgrund
einer Syphilisinfektion immer wieder mit ständigen Krankheiten zu kämpfen hatte.
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In seinem Nachlass fand sich auch das Autograph seiner heute noch bekannten a-Moll-Sonate
in 3 Sätzen (Allegro moderato, Adagio, Allegretto) für Arpeggione mit Piano-Forte (D 821),
deren Arbeit er vermutlich im November 1824 beendet hatte.
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Schubert komponierte oft rasch
und ohne Klavier ganz aus der Vorstellung heraus. Auch das Autograph der Sonate bildet da
keine Ausnahme: Es vermittelt einen hastig niedergeschriebenen Eindruck, verwendet häufig
Abkürzung und enthält einige nachträgliche Korrekturen sowie eine größere Radierung.
Dennoch ist es lesbar und unmissverständlich zu deuten. Lange Zeit war der Verbleib dieses
Autographs ungeklärt, heute befindet es sich in der Bibliothèque Nationale in Paris.
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Der Begriff Arpeggione war zu Schuberts Lebzeiten und auch noch bis in die zweite Hälfte
des 19. Jahrhunderts scheinbar völlig unbekannt. Es lassen sich weder Artikel in den
verschiedenen Nachschlagewerken der Musik dieser Zeit noch etwaige Erwähnungen von
Zeitgenossen zu diesem Instrument finden. So scheint auch Schuberts Biograph Kreissle von
1
Wörner, Karl H.: Geschichte der Musik. Ein Studien- und Nachschlagebuch. Göttingen 1993, Vandenhoeck &
Ruprecht, S. 655-656.
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Kinsky, G: Musikhistorisches Museum von Wilhelm Heyer in Cöln, Katalog Bd. 2. Köln 1912, S. 175.
3
Geiringer, Karl: Schubert's Arpeggione Sonata and the ,,Super Arpeggio". In: The Musical Quarterly 65 (1979)
S. 513.
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Hellborn über diesen Begriff verwundert gewesen zu sein und stellte 1865 die Theorie auf,
der Arpeggione sei wohl eine Art kleine Harfe. Dies wiederum legt die Vermutung nahe, dass
von Hellborn selbst das Autograph nie zu Gesicht bekommen haben muss, da sich in ihm
klare Beschreibungen und Anweisungen zum Wechsel zwischen pizzicato und arco finden
lassen.
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Der beginnende Druck der Schubert-Sonate um 1871 scheint der allmählichen Verbreitung
des Namen Arpeggione den nötigen Vorschub geleistet zu haben, so dass diese
Instrumentenbezeichnung bis heute nicht nur den Musikforschern oder Instrumentenkundlern
allein ein Begriff ist.
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Nach einer Manuskript-Kopie, welche sich im Besitz der in Wien
ansässigen Gesellschaft der Musikfreunde befand, publizierte J.P. Gotthard als Erster das
Arpeggione-Werk für die Öffentlichkeit. Seine Edition enthielt ein wertvolles Vorwort, das
alle wichtigen Informationen zu dem seltsamen Instrument enthielt, dem die Sonate gewidmet
war. Diese Einführung wurde später ein wichtiger Ausgangspunkt für alle weiteren
Beschäftigungen mit dem Thema Arpeggione. Es enthält neben Angaben zum Erfinder auch
die Erwähnung eines bekannten Spielers aus dieser Zeit sowie eine Aufzählung verschiedener
möglicher Namen für das Instrument.
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Dem Instrument selbst jedoch verhalf es nicht dazu, von mehr Leuten gespielt zu werden,
denn ,,nicht einmal der Erstdruck von Schuberts Komposition, [der lediglich] in einer
Bearbeitung für Violine/Violoncello oder Pianoforte zu vier Händen [erfolgte,] weckte ein
sonderliches Interesse an dem inzwischen völlig unbekannten Instrument."
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Erstmalige
Beachtung schenkte man dem Arpeggione in der ersten Ausgabe des Grove's Dictionary of
Music and Musicians von 1879. In der nur sieben Jahre später veröffentlichten zweiten
Auflage des Dictionnaire pratique et raisonné des instruments de musique anciens et
modernes von Albert Jacquote jedoch ignorierte man es schon wieder vollständig.
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In einigen Publikationen wird Schubert die Wortneuschöpfung ,,Arpeggione" zugesprochen.
Dies erscheint jedoch als eher unwahrscheinlich, da Schubert nicht dafür bekannt ist, den
Instrumenten, für die er komponierte, irgendwelche extravaganten Namen zu geben. Möglich
ist, dass ein Wiener Instrumentenmacher diesen Begriff zu verantworten hat, der damit seine
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Geiringer S. 514
5
Drescher, Thomas: Guitare-violoncell / Arpeggione. In: MGG2, Sp. 1691.
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Geiringer S. 514
7
Valder-Knechtges, Claudia: Kuriosium der Musikgeschichte. Gerhart Darmstadt und sein Arpeggione. In:
Musikforum 3 (2005),S. 44.
8
Geiringer S. 514
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unabhängige Originalität im Vergleich mit den anderen Instrumentmachern der Stadt
beweisen wollte.
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Die genaue Wortherkunft ist bisher jedoch ungeklärt.
Der österreichische Musikwissenschaftler Karl Geiringer rechtfertigte die Namenswahl des
Instruments, indem er die Schubert-Sonate unter spieltechnischen Aspekten analysierte. Dabei
fand er gehäuft auftretende und für das Instrument charakteristische Arpeggios: Vier- und
Fünftonakkorde, bei denen der Basston vom Rest des gebrochenen Akkordes durch ein oder
zwei Saiten getrennt ist sowie diverse Arpeggios unter Einbeziehung von Leersaiten.
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Die Sonate wird heutzutage meist von Cellisten oder auch Bratschisten, seltener auf der
Violine gespielt. Der Part der Arpeggione des einzig noch vorhandenen Werks für dieses
Instrument muss dabei zwangsläufig auf ein Instrument mit nur 4 Saiten und einer anderen
Stimmung angepasst werden,
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wobei ein zu frühes Absetzen der einzelnen Töne der diversen
Akkordbrechungen unumgänglich ist und damit der wahre Charakter der Schubert-Sonate
kaum gewahrt werden kann.
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Das Instrument ,,Arpeggione"
Nachdem im letzten Kapitel die Wortherkunft des Arpeggione-Begriffs untersucht worden ist,
soll nun das Instrument selbst erklärt werden.
Die Literatur der Entstehungszeit hält eine große Zahl verschiedenartiger Namen für das
damals neue Instrument bereit, die sich zumeist sehr deutlich auf den Bau, die Spielweise
oder den Klang beziehen: Knie-Guitarre, Guitarre-violoncell oder Violoncell-guitarre,
Chitarra con (bzw. col) arco oder Bogen-Guitarre und auch guitarre d'amour oder
Sentimental- bzw. Liebesguitarre.
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Die Wahl der Namen lässt bereits erahnen, dass es sich
bei dem Arpeggione um eine Mischform der beiden Saiteninstrumente Gitarre und
Violoncello handelt.
Das Erscheinungsbild erinnert zuerst an das einer Baßviole
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oder eben eines Violoncellos,
von welchem die Arpeggione die gewölbte Decke und die Steghöhe erhalten hat.
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Von der
Gitarre stammen der 8-förmige Korpus ohne Randüberstehungen und der flache Boden.
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Die
Akustik des hohlen Körpers wird durch C-Löcher (anstatt F-Löcher) auf Höhe der Zargen
begünstigt. Die Saiten laufen über ein gewölbtes Griffbrett mit fest eingelassenen, oft 24
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Ebd. S. 521
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Geiringer S. 521
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Valder-Knechtges, Kuriosium, S. 43-44
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Valder-Knechtges, Kuriosium, S. 44; vgl. dazu auch Geiringer S. 521
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Valder-Knechtges, Kuriosium, S. 44
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Kinsky S. 175
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Valder-Knechtges, Kuriosium, S. 44
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Drescher Sp. 1691
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