Lebenskreise im Mittelalter
Geschichte der mittelalterlichen Teilöffentlichkeiten und ihrer Medien Einblattdrucke und Flugblätter im städtischen Kontext
Marktplatztheater der Stadt
Mediziner, Scharlatan und Quaksalber Bettler und Gauner
1. Einleitung
Das Thema dieser Hausarbeit sind die Medien des Mittelalters, dabei insbesondere die frühen Druckmedien, wie Einblattdrucke. Außerdem wird der Übergang von Mündlichkeit zur Schriftlichkeit behandelt und ein Einblick in das „Marktplatztheater“ der Stadt gegeben. Schon im Mittelalter hat man über große Entfernungen miteinander kommunizieren können, auch wurde das Wissen schon gespeichert und archiviert. Nachrichten wurden genauso verbreitet, wie der neueste „Klatsch und Tratsch“. Medien wurden damals schon zu vielerlei Zwecken eingesetzt, sie dienten der Unterhaltung, Werbung und wurden damals schon von den Menschen zu Propagandazwecken missbraucht.
Medien werden im Groben in drei große Bereiche untergliedert 1 :
a.) Primärmedien: Menschmedien
b.) Sekundärmedien: Druckmedien
c.) Tertiärmedien: Elektronische Medien Bei den Menschmedien ist der Mensch selbst das zentrale Medium. Er speichert in seinem Gedächtnis zum Beispiel ein Schauspiel ab und führt dies auf einer Bühne dem Publikum vor. Bis 1400 haben die Menschmedien nach und nach ihre Dominanz eingebüßt und wurden von anderen, neueren Medien überlagert oder ersetzt. 2
Typische Sekundärmedien sind Bücher, Zeitungen und diverse Druckarten. Einblattdrucke und Flugblätter, auf die ich später noch intensiver eingehen möchte, zählen ebenfalls zu den Sekundärmedien. 3
Vollständigkeitshalber seien auch die Tertiärmedien erwähnt, die aber für meine Arbeit nicht weiter relevant sind, weil es sich hierbei um elektronische Medien, wie zum Beispiel Fernsehen, Kino oder Radio handelt, die zur Zeit des Mittelalters noch nicht existierten. 4
2. Lebenskreise im Mittelalter
Nahezu alle Wissenschaftler, die sich mit dem sozialen Leben im Mittelalter auseinander ge- setzt haben, unterscheiden verschiedene Lebensbereiche oder Berufsgruppen in dieser Zeit. 5
In der Forschung ist man sich also einig, dass es gemäß der Stände und sozialen Schichten,
Vgl. Faulstich, W.: Medien und Öffentlichkeiten im Mittelalter 800-1400, S. 31. Vgl. Ebd., S. 31.
unterschiedliche Lebenskreise gegeben haben muss. Die einzelnen Lebenskreise waren zu- nächst relativ abgeschlossen und es gab kaum sozialen Kontakt untereinander. Dieses System lässt sich auch heute noch am Schachspiel ablesen, welches nach der damaligen Hierarchie der Stände aufgebaut ist. Die höchsten Figuren, also die mit der größten Macht, sind die Königin und der König (Hof und Burg). Gefolgt werden sie von den Bischöfen, im Spiel durch die Läufer symbolisiert. Die nächst tiefere Stufe haben die Adeligen und Ritter inne, sie werden beim Schach als Pferde dargestellt. Darauf folgen die Landvögte, Richter sowie die hohen Beamten, sie treten beim Schach als Türme auf. Das Fundament der Gesellschaft wird von den Bauern (mehr als 90% der Bevölkerung lebten auf dem Land 6 ) gebildet, in der realen
Welt und auch beim Schach sind sie am zahlreichsten vertreten. Ihre Möglichkeiten sind aber sehr begrenzt und eindimensional. 7
3. Geschichte der mittelalterlichen Teilöffentlichkeiten und ihrer Medien
Es gab zwischen den Jahren 800 und 1400 ca. 15 verschiedene Einzelmedien. Wie in Kapitel zwei bereits angesprochen, gab es im Mittelalter eine ganz besondere soziale Konstellation. Die verschiedenen Binnenöffentlichkeiten hatten ihre ganz eigenen Medien. Während die Schreibmedien teilweise dieselben waren, unterschieden sich die Menschmedien in allen Bereichen der verschiedenen Lebenskreise. Für Hof und Burg gab es Hofnarr und Sänger als Menschmedien und das Blatt war als Schreibmedium vorhanden. Auf dem Land bzw. Dorf gab es gar keine Schreibmedien, da annähernd alle Menschen dieser Schicht Analphabeten waren. Als Menschmedien traten hier die Erzähler und das ritualisierte Fest mit Spiel in Erscheinung. An Klöstern und Universitäten wurden Buch und Brief als Schreibmedien verwendet. Die Menschmedien waren hier durch den Magister vertreten. Im Kirchenraum galten die kunstvollen Glasfenster der Gotteshäuser, Ölgemälde sowie der Brief als Schreibmedien. Das Kirchentheater, der Pfaffe und der Prediger werden in diesem Lebens- kreis zu den Menschmedien gezählt. Schließlich kommt die Stadt mit ihrem Menschmedium, dem Marktplatztheater (siehe Kapitel 5) und den Schreibmedien Blatt und Brief. 8
Historisch gesehen, gab es von 800 – 1400 eine deutliche Entwicklung von Mündlichkeit hin zur Schriftlichkeit. Für die meisten Menschen, die in dieser Zeit lebten, vollzog sich dieser Wechsel jedoch wenig einschneidend, weil die Mehrzahl der Bevölkerung nicht nur An-
alphabeten waren, sondern sich zudem die neuen Datenträger nicht leisten konnten. Folglich blieben die Primärmedien die Hauptmedien der Epoche. 9
Die entscheidende Umwälzung resultierte aus der Bevölkerungsexplosion der zweiten Ent- wicklungsphase, zu Anfang des 11. Jahrhunderts bis ca. 1250. Die ehemals abgeschlossenen Teilgebiete und deren traditionelle Grenzen, wurden durch die intersystemischen Medien der Zeit gesprengt. Intersystemische Medien sind zum Beispiel Fahrende die zwischen den verschiedenen Teilöffentlichkeiten pendelten und somit in verschiedenen sozialen Milieus verkehrten 10 . Der Narr, zum Beispiel, war also kein festes Charakteristikum des Hofes mehr,
man kannte ihn, von nun an auch, vermehrt in der Stadt. So wurden auch die traditionellen Bauernspiele auf dem Land stark von städtischer und kirchlicher Seite beeinflusst, aufgeweicht und zum Teil sogar durch andere Spiele ersetzt. Diese Entwicklung beschließt das Ende der Teilöffentlichkeiten und minimiert die Verlässlichkeit sowie die Anwendbarkeit der Menschmedien als Steuerungsinstrumente. 11 Die traditionellen Menschmedien erlitten
auch einen Funktionsverlust in Fragen von Erziehung, Bildung und Weltwissen. Die Menschen waren nicht mehr in der Lage, das ganze angesammelte Wissen, das sich durch immer neuere Erkenntnisse rasch weiter entwickelte, auf mnemotechnischer 12 Basis zu
konservieren und somit für die Nachwelt zu speichern. Die Menschmedien wurden auf diesem Sektor arbiträr und verloren somit an Bedeutung. Gleichzeitig begann sich, als lo- gische Konsequenz, ein eigener Markt für Druck- und Schreibmedien zu etablieren. Zum Ende des Mittelalters hatten die Menschmedien als Medientypus nur noch im Unterhaltungs- genre (Schauspieler, Sänger usw.) ihre einstige hohe Priorität. Die Entwicklung von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit war die erste mediale Weltveränderung in der Geschichte der Menschheit. 13
Nun möchte ich diesen Wandel anhand eines ausgewählten Beispiels, dem Historiographen, konkret erläutern. Die Aufgabe des Menschmediums Historiograph war die Speicherung und Wiedergabe von Geschichte. Zur Zeit vor den Schreibmedien war der Historiograph ein „Geschichten-Erzähler“, der sich mythologisches Wissen aneignete und dies, durch die Form der Erzählung, an seine Mitmenschen weitergab. 14 Durch die mediale Umwälzung verlor
Vgl. Faulstich, W.: Medien und Öffentlichkeiten, S. 269.
10 Vgl. Abbildung 2 im Anhang.
11 Vgl. Faulstich, W.: Medien und Öffentlichkeiten, S. 270.
12 Vgl. Ebd., S. 128.
13 Vgl. Ebd., S. 271f.
14 Vgl. Faulstich, W.: Medien und Öffentlichkeiten, S. 32.
dieses traditionelle Menschmedium seine Gültigkeit als Medium und wurde schließlich durch andere mediale Funktionen ersetzt. Das einstige Medium wurde zum Instrument degradiert. Der Historiograph verwendete nun Schreibmedien wie Blatt, Heft und Buch für seine Auf- zeichnungen. Diese Medien, die höhere und qualitativ bessere Speichermöglichkeiten boten, wurden nun mit historischen Daten gefüllt und der Historiograph entwickelte sich vom Geschichten-Erzähler zum Geschichte-Schreiber. 15 Das gesammelte Wissen war nun präzise
abrufbar und die Originalquellen blieben erhalten.
4. Einblattdrucke und Flugblätter im städtischen Kontext
4.1 Einblattdrucke
Einblattdrucke gibt es seit dem 14. Jahrhundert. Aus Holzplatten wurden Holzschnitte ange- fertigt, die anschließend mit Farbe versehen wurden und mithilfe einer Presse auf ein Stück Papier gedrückt wurden. In einigen Fällen sind auf einem Blatt auch mehrere unabhängige Drucke zu sehen, diese sollten im Nachhinein auseinander geschnitten werden. Diese Methode wurde aus ökonomischen Zwecken angewandt. 16 Religiöse Bilder waren vor der
Erfindung des Holzschnittes für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich. Durch die Neuentwicklung dieser Maschine musste nicht mehr jedes Werk per Hand hergestellt werden. So konnte das stetig wachsende Bedürfnis nach privaten biblischen Bildnissen gestillt und die Produktion quantitativ gesteigert werden. 17
Als Einblattdruck publizierte Texte können sehr umfangreich sein. Der größte gefundene Ein- blattdruck bis zum Ende des 15. Jahrhunderts ist das „Rigaer Riesenblatt“, es fasst mehrere Schriftstücke zusammen und hat insgesamt 630 Zeilen. In diesem Dokument geht es um die Verkündigung des Urteils über einen Rechtsstreit zwischen der Stadt Riga und dem deutschen Orden aus dem Jahre 1487. Es wurden mehrere Schriften zusammengefasst, weil alle von Bedeutung für die Urteilssprechung waren. Die einzelnen Großfoliobögen leimte der Drucker (Matthäus Brandis) nach der Produktion zusammen. 18
Die Möglichkeit, Schriften und Bildnisse plakatieren zu können und somit relativ einfach viele Menschen gleichzeitig anzusprechen, wurde natürlich auch schon im Mittelalter zum
Vgl. Ebd., S. 32f.
Vgl. Pascher, H.P.: Die Einblattdrucke des 15. Jahrhunderts im Stift St. Paul und in anderen Kärntner Bibliotheken, S. 9.
Vgl. Spieß, K.H.: Medien der Kommunikation im Mittelalter, S. 290f.
Vgl. Spieß, K.H.: Medien der Kommunikation, S. 291f.
Arbeit zitieren:
Bastian Einck, 2007, Medien im Mittelalter, München, GRIN Verlag GmbH
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