INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL SEITE
1. Einleitung 1
2. Regionale Rahmenbedingungen und Hintergründe 2
2.1 Historischer und politischer Hintergrund Österreichs 2
2.2 Bevölkerung und ethnische Minderheiten in Österreich 4
3. Konstruktion von Regionalität: Inhaltliche Ebene 6
3.1 Konstruktion von Regionalität durch die Rahmenhandlung
3.1.1 Handlung und Schauplatz 6
3.1.2 Figurgenanalyse 7
3.1.3 Die Häkelmetapher 10
3.2 Konstruktion von Regionalität durch authentischen Hintergrund
3.2.1 Die Roma-Morde 12
3.2.2 Tourismus vs. Fremdenfeindlichkeit 14
4. Konstruktion von Regionalität durch Sprache 15
4.1 Österreichische Dialekte und Merkmale des Wienerischen 15
4.2 Sprachliche Besonderheiten des Textes 17
4.3 Gebrauch von Zitaten im Text 20
5. Schluss
6. Literaturverzeichnis
II
1. EINLEITUNG
Eine überdimensionale Supermarkttheke aus Chrom und Glas. Das meiste, was man sieht, ist mit eiskremfarbenen Häkelüberzügen, meistens rosa, überzogen, für manche Dinge kann man vielleicht auch Filz nehmen, jedenfalls ein weiches stumpfes Material, das immer an Handarbeiten erinnern soll. Im Verlauf des Textes wird an Häkelwaren herumgebessert, geflickt etc. Die Schauspieler sollen damit, fast unmerklich beginnend, sukzessive immer stärker beschäftigt sein. Am Ende ist eine Handarbeitslandschaft entstanden. Auch die Schauspieler sind dann mit Hüllen überzogen. 1
Dieses Zitat aus dem Stück Stecken, Stab und Stangl soll einen Einstieg in das sowohl sprachlich als auch inhaltlich unikale Stück Elfriede Jelineks geben, das im Jahre 1995 als „eine Art Epitaph“ 2 für die vier Roma, die im Februar des gleichen Jahres im Burgenland Opfer eines Sprengstoffattentates wurden, erschienen ist. Schon im Titel zeigt sich die „Vieldeutigkeit der Sprachflächen“ 3 , da man mit den Bezeichnungen Stecken, Stab und Stangl diverse Bedeutungen assoziieren kann. Die Schwierigkeit aber auch der Reiz in den Texten Elfriede Jelineks liegt in der „formal-sprachlichen Einzigartigkeit“ 4 ihrer Texte, die radikale Inhalte aufweisen. Hintergrund der Analyse des Stückes ist die Fragestellung, inwieweit im Stück zum einen durch Sprache und zum anderen inhaltlich Regionalität konstruiert wird.
Basierend auf dieser Frage werden in Kapitel 2 zunächst die historischen und politischen Rahmenbedingungen und Hintergründe Österreichs dargelegt. Zudem soll die Situation der Bevölkerung und die der in Österreich lebenden ethnischen Minderheiten aufgezeigt werden.
Kapitel 3 und 4 umfassen die eigentliche Analyse des Textes, wobei Kapitel 3 sich mit der Konstruktion von Regionalität auf inhaltlicher Ebene beschäftigt, während Kapitel 4 die Konstruktion von Regionalität auf sprachlicher Ebene be-handelt. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass eine genaue Trennung der sprachlichen und der inhaltlichen Ebene nicht immer eindeutig getroffen werden kann, da die Ebenen zum Teil sehr eng miteinander verknüpft sind.
1 Jelinek, Elfriede: Stecken, Stab und Stangl. Göttingen, Rowohlt, 1990, S. 17. Im Folgenden werden Zitate aus dem Primärtext mit Seitenangabe im laufenden Text angegeben.
2 Ebd. Vorwort, S. 2.
3 Carp, Stefanie (im Interview mit Elfriede Jelinek): „Ich bin im Grunde ständig tobsüchtig über die Verharmlosung“: http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/fstab.htm (18.12.02). Im Folgenden zitiert als: Carp, Stefanie (im Interview mit Elfriede Jelinek).
4 Caduff, Corina: Ich gedeihe inmitten von Seuchen. Elfriede Jelinek - Theatertexte. Bern, 1991, S. 39.
1
Die inhaltliche Ebene, die in Kapitel 3 behandelt werden soll, umfasst zwei Unterpunkte: Punkt 2.1 beschäftigt sich mit der durch die Rahmenhandlung des Stückes konstruierte Regionalität, Punkt 2.2 erläutert die durch die authentischen Hintergründe, die dem Stück zugrunde liegen, geschaffene Regionalität. Unter den ersten Punkt fallen sowohl die Darstellung der inhaltlichen Seite des Stückes, als auch die Figurenanalyse. Hinzu kommt der eng damit verbundene Aspekt der Häkelmetapher. Der zweite Punkt umfasst, im Zuge der Darstellung der authentischen Hintergründe des Stückes, die Auseinandersetzung mit der Ermordung der Roma und mit der Situation Österreichs, als ein Land in dem Tourismus und Fremdenfeindlichkeit nebeneinander existieren.
In Kapitel 4 soll im Zuge der sprachlichen Analyse des Textes der österreichische Dialekt sowie die Merkmale des Wienerischen aufgezeigt werden. Ferner werden die sprachlichen Besonderheiten des Textes veranschaulicht und es wird dargelegt, inwieweit durch die im Text gebrauchte Sprache Regionalität konstruiert wird. Schließlich wird noch eine spezielle Besonderheit näher behandelt, und zwar der Gebrauch von Fremdzitaten im Text, welcher anhand von Beispielen dargestellt werden soll.
Ferner befinden sich kürzere Sekundärtexte, die als Quellen benutzt wurden, im Anhang dieser Arbeit.
2. REGIONALE RAHMENBEDINGUNGEN UND HINTERGRÜNDE
2.1 Historischer und politischer Hintergrund Österreichs 5
Als mitteleuropäische Republik grenzt Österreich heutzutage im Nordosten an die Tschechische Republik und die Slowakei, im Osten an Ungarn, im Süden an Slowenien und Italien, im Westen an die Schweiz und an Liechtenstein und im Nordwesten an Deutschland. Die geographische Lage und die historische Entwicklung des Landes spielen eine große Rolle bezüglich der Immigrationsprobleme des Landes und stellen somit eine Grundlage für die Beschäftigung mit dem
5 Die historische Angaben in diesem Kapitel basieren, soweit nicht anders vermerkt, auf folgenden Quellen:
1) Republik Österreich: www.austria.gv.at. Im Folgenden zitiert als: Republik Österreich. 2) CD-ROM: Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie. © 1993-1998 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. (Kapitel: „Österreich“). Im Folgenden zitiert als: Microsoft Encarta, „zitiertes Kapitel“.
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Stück Stecken, Stab und Stangl dar. Aus diesem Grunde folgt zunächst ein kurzer historischer Abriss zur Entstehung Österreichs.
Im 19. Jahrhundert sah sich der transnationale habsburgische Zentralstaat, in dem die deutsche Kultur noch immer dominierte, zunehmend den zentrifugalen Kräften des Nationalismus ausgesetzt. Nach dem Verlust seiner Vormachtstellung in Deutschland stimmte Kaiser Franz Joseph daher im Jahre 1867 der Etablierung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn zu. Beide Teile des Reiches verfügten sodann über ein eigenes Parlament. Zu den gemeinsamen Aufgaben der Regierung gehörten jedoch lediglich die Außen-, die Verteidigungs- und -mit Einschränkungen- die Wirtschaftspolitik. Eine weitere Föderalisierung der Monarchie fand nicht statt. Dieser Ausgleich von 1867 führte dazu, dass sich auch die Autonomiebestrebungen der anderen Nationalitäten in Österreich-Ungarn verstärkten. Außer Ungarn 6 und Deutschen lebten in dem Vielvölkerstaat mit vielen Sprachen und Kulturen Tschechen, Slowaken, Kroaten, Polen, Ungarn, Slowenen und auch Juden. Österreich besaß keine Kolonien in Übersee und sah sich infolgedessen nie mit Einwanderern aus Übersee resultierend aus dem Kolonialismus konfrontiert, so wie es beispielsweise in Großbritannien der Fall war. 7 Die größte und am heftigsten nach Unabhängigkeit strebende Minderheit stellten die etwa 6,5 Millionen Tschechen im Land dar. Doch jegliche Autonomiebestrebungen der nationalen Minderheiten wurden durch Ungarn abgewehrt, das nicht bereit war, an der politischen Struktur, die mit dem Ausgleich geschaffen worden war, irgendwelche Änderungen zuzulassen.
Die Verfassung von 1867 bestimmte das politische System im österreichischen Teil der Doppelmonarchie bis 1918. Allerdings erfuhren ihre liberalen Grundsätze in der Praxis starke Einschränkungen. Die Aristokratie beispielsweise wahrte durch das Zensuswahlrecht ihren Einfluss auf den Staat; die Minister waren allein dem Kaiser verantwortlich, der gegebenenfalls auch ohne das Parlament regieren konnte. Mit der zunehmenden Industrialisierung kam es auch in Österreich zu einer Verschärfung der sozialen Spannungen, einem Anwachsen der nationalen
6 Zur Vereinfachung werden im Folgenden die männlichen Formen benutzt.
7 Hemetek, Ursula: “Preconditions, Minorities in Austria, Historical and Political Background”: http://csumc.wisc.edu/mki/Resources/Online_Papers/MusicConfPapers/HemetekPaper.pdf (19.04.03). Im Folgenden zitiert als: Hemetek, Ursula: “Preconditions, Minorities in Austria, His-torical and Political Background”.
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Bewegungen und zur Entstehung politischer Massenparteien. Auch der Antisemitismus nahm signifikant zu.
Mit der Konstitution Österreichs von der Doppelmonarchie zu einer demokratischen Republik im Jahre 1918, ging nach einer Volksabstimmung als einziger ter-ritorialer Neugewinn das Burgenland von Ungarn an Österreich. Der Kleinstaat fand nur mühsam seinen Platz in dem territorial und politisch neugeordneten Europa.
Bereits im Jahre 1933 endete die demokratische Phase der österreichischen Geschichte in der Zwischenkriegszeit und nach einer Zeit als Ständestaat folgte die Phase der nationalsozialistischen Besetzung Österreichs. Der „als freiwillig bezeichnete Anschluß“ 8 Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte am 13. März 1938, Österreich wurde zur Ostmark des Großdeutschen Reiches und leistete unter anderem wegen seiner labilen innerstaatlichen Verhältnisse keinen militärischen Widerstand. Anfang April 1938 wurde in Österreich von der SS das Konzentrationslager Mauthausen errichtet und die ersten Verhaftungen von Gegnern des Nationalsozialismus und von Juden wurden durchgeführt. 9 In dieser Zeit wurden auch mehr als 16.000 Österreicher in Konzentrationslagern ermordet und ebenso viele gingen in den Gefängnissen zu Grunde. Von den mehr als 67.000 österreichischen Juden, die in Vernichtungslager deportiert wurden, erlebten kaum mehr als 2.000 das Ende des Krieges. Dazu kamen 247.000 Österreicher, die in der Wehrmacht des Dritten Reiches ihr Leben verloren oder als vermisst gemeldet wurden. Die Zahl der durch Bomben getöteten Zivilpersonen belief sich auf 24.000. Erst nach Abschluss des Österreichischen Staatsvertrages 1955 rückten die alliierten Truppen aus der bis dahin wiederhergerichteten „unabhängigen“ Republik Österreichs ab und die Neutralität Österreichs wurde beschlossen. Österreich wurde daraufhin in die Vereinten Nationen aufgenommen und sicherte sich einen anerkannten Platz im europäischen Gefüge. Seit 1995 ist Österreich im Zuge der europäischen Integration Mitglied der europäischen Union.
2.2 Bevölkerung und ethnische Minderheiten in Österreich
Zunächst einmal hat Österreichs Ursprung in einem Vielvölkerstaat zur Folge, dass noch immer Menschen verschiedenster Herkunft dort leben. Zudem ist dies
8 Kammer, Hilde u.a.: Nationalsozialismus: Begriffe aus der Zeit der Gewaltherrschaft 1933-1945. Hamburg, 1992, S. 13.
9 Vgl. ebd., S. 16.
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durch Österreichs heutige geographische Lage zu erklären, die seit je her schon Kreuzungspunkt der Verkehrsrouten zwischen den großen europäischen Wirtschafts- und Kulturräumen ist. Österreich grenzt an acht teilweise ehemals kommunistische Staaten und war daher angesichts seiner Position als westliches Land schon des öfteren Ziel von Flüchtlingswellen, wie im Jahre 1956 aus Ungarn, 1968 aus Tschechien und 1981 aus Polen und 1992 aus Bosnien. 10 Während des Bürgerkrieges in Bosnien und Herzegowina kamen beispielsweise etwa 50.000 Flüchtlinge aus diesem Land nach Österreich.
Die Gesetze bezüglich der Staatsangehörigkeit in Österreich sind relativ beschränkt, obwohl heute etwa 93 Prozent der Bevölkerung Österreicher sind und der Ausländeranteil eher gering ist. Er stieg von 1991 bis 2001 von 6,6 auf 8,8 Prozent an, 11 wobei der Großteil davon in der Hauptstadt Wien lebt. Zu den zahlenmäßig stärksten Minderheiten in Österreich zählen Deutsche, Kroaten, Ungarn (vor allem im Burgenland), Slowenen (überwiegend in Kärnten), Tschechen (besonders in Wien) und jeweils eine kleinere Gruppe Italiener, Serben und Rumänen. Ethnische Minderheiten, die schon seit mindestens drei Generationen an einem bestimmten Ort leben und daher als österreichische Staatsbürger gelten, gehören der sogenannten autochthonen Volksgruppe 12 an und erhielten im Zuge dessen spezielle Rechte. Die burgenländischen Roma, die seit dem 16. Jahr-hundert in diesem Gebiet leben, sind eine von sechs autochthonen Volksgruppen. Das österreichische Bundeskanzleramt definiert diese Volksgruppen 13 als „in Teilen des Bundesgebietes wohnhafte(n) und beheimatete(n) Gruppen österreichischer Staatsbürger mit nichtdeutscher Muttersprache und eigenem Volkstum“. 14 Zur Kultur der Roma und der Sinti 15 ist zu sagen, dass sie zwar eine eigene Sprache sowie eine eigene Kultur haben und auf eine eigene Geschichte zurückblicken
10 Vgl. Hemetek, Ursula: “Preconditions, Minorities in Austria, Historical and Political Back-ground”.
11 Vgl. Republik Österreich: www.austria.gv.at (Land und Leute: Bevölkerung) (19.04.03).
12 Interessanterweise stammt der Begriff ‚autochthon’ aus dem Bereich der Biologie und bezeichnet ursprünglich Tier- und Pflanzenarten, die im Zuge der Evolution an einem bestimmten Ort heimisch geworden sind, wie die Menschen dieser Volksgruppen, in diesem Falle in Österreich.
13 Der Begriff der „Volksgruppe“ als politischer Begriff existiert erst seit dem Volksgruppengesetz des Jahres 1976.
14 Bundeskanzleramt: Definition Volksgruppen: www.bka.gv.at/bka/volksgruppen/definition.html (19.04.03).
15 Die Begriffe ‚Roma’ und ‚Sinti’ dienen zur Unterscheidung der vor 600 Jahren eingewanderten Sinti im Gegensatz zu den im 19. Jahrhundert eingewanderten Roma.
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Arbeit zitieren:
Verena Jannemann, 2003, Konstruktion von Regionalität in Elfriede Jelinek: Stecken, Stab und Stangel - Eine Handarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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