Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Besiegt, befreit und zerstört. Politik und Gesellschaft in Deutschland
nach dem zweiten Weltkrieg. Ein Überblick. Seite 9
2.1 Provisorisch oder souverän: Die Gründung der BRD zwischen
Widerspruch und Chaos. Seite 9
2.2 Die Symbollosigkeit ist das einzige Symbol des deutschen
Zustands. Seite 12
3. War Schwarz-Rot-Gold die einzige Möglichkeit nach dem Zweiten
Weltkrieg ? Seite 15
4. Vom Oppositionellen zum Sympathisanten, vom Demokraten zum Imperialisten:
Hoffmann von Fallersleben in den Fehlinterpretationen der Zeit. Seite 22
5. Vom Heidnischen zum Politischen: Der Bundesadler als legitimer
Nachfolger des Pleitegeiers. Seite 30
6. Schluss Seite 37
7. Literaturverzeichnis Seite 39
2
1. Einleitung
Sommer. Sonne. Die Straße ist voller Menschen. In der großen Menge kann man abtauchen, sich gar verlieren. Doch verloren fühlt sich hier keiner. Nur diejenigen, die nicht Schwarz-Rot-Gold tragen, sind isoliert. Die Fußball WM 2006 in Deutschland hatte alle begeistert und jeder feuerte die Nationalmannschaft an. Auf den sogenannten Fanmeilen, ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold. Wer sich früher zu den Nationalfarben bekannte, wurde nicht selten mit argwöhnischem Blick betrachtet. Das änderte sich 2006. Nun durfte jeder mit Stolz sein Land feiern. Die Staatssymbole wurden anerkannt, aber nicht mehr in Frage gestellt, was bedauerlich war, denn meiner Meinung nach sollte man die Symbole kennen, mit denen man seine Mannschaft anfeuert.
Das Ziel der Arbeit ist, die Geschichte der Symbole herauszuarbeiten und die Gründe der Einführung im Hinblick auf den Widerspruch zur Hauptstadtfrage und zum Grundgesetz zu analysieren. Das NS-Regime war 1945 gescheitert und die neue BRD wollte sich von den alten Strukturen abgrenzen. Ebenso sollte das geteilte Deutschland wieder vereint werden. Die Einigungsbestrebungen durfte die BRD aber in ihrer Entwicklung nicht aufhalten. Zwei Aufgaben, die der junge Staat gleichermaßen bewältigen musste. Hieraus ergibt sich der Titel: Symbole für ein Provisorium? Die Einführung der Staatssymbole in der BRD: „Schwarz-Rot-Gold“, „Deutschlandlied“ und „Bundesadler“.
Dabei wird im ersten Teil der Arbeit an das Thema herangeführt und der historische Kontext erläutert. Der umfangreiche zweite Teil der Arbeit untersucht jedes Symbol isoliert. Der Schluss führt die Ergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick.
Ein großer Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Mythos, der Tradition und der Geschichte der einzelnen Symbole. Hierfür werden editierte Quellen aus der Literatur verwendet und analysiert. Dabei war es nötig die Texte zu vergleichen, weil sich viele Autoren widersprachen oder die Quellen nicht schlüssig erläutert waren. Der andere Teil, bei dem es um die Einführung der Symbole geht, wurde mit zeitgenössischen Quellen bearbeitet. Umfragen wurden vereinzelt herangezogen, um verschiedene Theorien zu begründen. Den größten Aufschluss über die damalige öffentliche Meinung in der BRD vermittelt aber die Presse. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die überregionalen Zeitungen der frühen Nachkriegszeit, weil sie im Internet nahezu vollständig und leicht zugänglich sind. In der Arbeit werden Artikel aus „Der Spiegel“, „DIE ZEIT“ und „The Times“ zur Analyse verwertet. Diese Auswahl soll kurz begründet werden: „The Times“ zeichnet sich durch die betont rationale Berichterstattung aus Deutschland aus. Entscheidend für die Wahl war, dass
3
die Autoren der Times distanzierter berichteten als die Journalisten der nationalen Presse. Dies ist besonders bei innenpolitischen Kontroversen wichtig. „DIE ZEIT“ wurde nur verwendet, wenn der Autor des Artikels exakt zu identifizieren war und wenn keine andere Quelle ähnliches Material liefern konnte. Denn der Stil der Zeitung war nationalistisch und taktlos 1 . Erst als Gerd Bucerius die Zeitung nach einem Gerichtsverfahren zugesprochen wurde, änderte sich dies 2 . Hauptsächlich werden in der Arbeit Artikel aus dem Spiegel analysiert. Das liegt vor allem daran, dass die Zeitschrift sich zu einer angloamerikanischen und anti-faschistischen Tradition bekannte und die Artikel bis auf wenige Ausnahmen eine oppositionelle Position einnahmen. Trotzdem müssen die Quellen im Einzelnen auch beim Spiegel sehr genau geprüft werden, denn die guten Kontakte von Verleger Augstein und den Journalisten Wolff und Mahnke zu anderen Verlagen, zur FDP und zum BND fallen besonders auf 3 . Nach Hachmeister nahm Augstein die NS-Vergangenheit dieser und anderer Mitarbeiter bewusst in Kauf, um von ihren Erfahrungen zu profitieren 4 . Heute verschweigt „Der Spiegel“ im Gegensatz zur ZEIT diese Vergangenheit nicht 5 . Im Folgenden werden nur einschlägige Werke rezipiert, die hauptsächlich für die Arbeit verwendet wurden und die neue Ansätze in der Forschung etablieren konnten. Andere Werke, wie zum Beispiel „Schwarz, Rot und Gold. Biographie einer Fahne“ von Bernd Guben 6 , konnten auf weiten Strecken nicht überzeugen, ebenso wenig wie Otto Busch und Anton Schernitzky 7 .
Einen herausragenden Beitrag für die Forschung, besonders zur Flagge und zum Adler, haben die Historiker Veit und der Heraldiker Neubecker mit „Die deutschen Farben“ 8 geleistet, was bis heute grundlegend für das Thema ist. Unter dem Eindruck des Flaggenstreites geschrieben, weisen die Historiker eine enorme liberale Auffassung für die damalige Zeit auf. Die Autoren formulieren die These, dass eine deutsche Fahne die verschiedenen politischen Strömungen integrieren muss, um von der gesamten Bevölkerung anerkannt zu werden.
1 Vgl. Heide von der, Mathias; Wagener, Christian, „Weiter rechts als die CDU“. Das erste Jahrzehnt der „Zeit“, in: Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, hrsg. v. Lutz Hachmeister und Friedemann Siering, München 2002, S. 165.
2 Vgl. ebd. S.183.
3 Vgl. Hachmeister, Lutz, Ein deutsches Nachrichtenmagazin. Der frühe „Spiegel“ und sein NS-Personal“, in: Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945, hrsg. v. Lutz Hachmeister und Friedemann Siering, München 2002, S. 87ff, 92, 96ff und 118f. Zur Analyse des Spiegels ausführlich vgl. Nolting, Winfried; Arntzen, Helmut (Hrsg.), „Der Spiegel“ 28 (1972). Analyse, Interpretation, Kritik (=Literatur und Presse - Karl-Kraus-Studien 3), München 1977.
4 Vgl. ebd. S. 107.
5 Vgl. Wiegrefe, Klaus, „Entnazifiziert war entnazifiziert“. Ex-Verlagsdirektor Hans Detlev Becker, 85, über ehemalige Nationalsozialisten im SPIEGEL, in: Der Spiegel 2 (2007), S. 165.
6 Guben, Bernd, Schwarz, Rot und Gold. Biographie einer Fahne, Berlin/Frankfurt a.M 1991.
7 Busch, Otto; Schernitzky, Anton, Schwarz-Rot-Gold. Die Farben der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Tradition und Bedeutung, Offenbach 1952.
8 Vgl. Veit, Valentin; Neubecker, Ottfried, Die deutschen Farben, Leipzig 1928.
4
Überdies belegen sie, dass Schwarz-Rot-Gold nicht die alten Reichsfarben sind, wie lange Zeit angenommen wurde.
Ein Großteil der Autoren schmückt sich mit Verweisen auf Wentzckes Werk „Die deutschen Farben“ (Erstausgabe von 1927), obwohl enorme Kritikpunkte geäußert werden. Wentzcke ist ein konservativer Historiker und Burschenschafter, der die Zeit der NS-Herrschaft glorifiziert, obwohl er Schwarz-Rot-Gold für die BRD empfiehlt. Seine These ist, dass es keinen Zusammenhang zwischen Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot gibt und das Flaggen zur nationalen Willensbildung beigetragen haben. Dies wurde bis heute nicht bestritten. In die Reihe der Studentenhistoriker gesellt sich Lönnecker 9 . Lönnecker bestätigt Veits und Neubeckers These, untermauert sie und vertritt zudem die Ansicht, dass die damaligen Burschenschaften die Vorreiter der Demokratiebewegung waren.
Elisabeth Fehrenbach fordert in ihrem Aufsatz „Über die Bedeutung der politischen Symbole im Nationalstaat“ von 1971, dass bei der Glaubwürdigkeit von Symbolen die sozialpsychologische Untersuchung durch historische Fragestellungen ergänzt werden muss. Des Weiteren ist die historische Dimension enorm wichtig für politische Symbole, weil sie der Bestimmungsfaktor ihrer Echtheit ist.
Wördehoff verzichtete in „Flaggenwechsel“ (1990) auf Nachweise, kann aber mit einer ausführlichen, wissenschaftlichen Methodik und guten Einschätzungen aufwarten. Seine These lautet: Die Diskussionen zur deutschen Nationalflagge haben in der Geschichte immer das Empfinden des Volkes widergespiegelt.
Der einzig vollständige und ausführliche Beitrag zu den Staatsymbolen ist „Schwarz-Rot-Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945“ von Peter Reichel aus dem Jahr 2005. Er stellt die These auf, dass an dem Umgang der Bevölkerung mit ihren Symbolen - in seiner Darstellung beschränkt er sich nicht nur auf die offiziellen Staatsymbole - der Umgang mit dem Staat zu erkennen sei. Dabei bescheinigt der Autor, dass trotz der beschädigten Geschichte der Symbole, die Bevölkerung einen guten Umgang mit ihnen hat. Er blickt optimistisch in die Zukunft, was ein Jahr vor der Fussballweltmeisterschaft 2006 eine sehr weitblickende Einschätzung war.
Weil die Analyse „State Symbols“ (2001) von der US-Amerikanerin Feinstein geschrieben wurde, kann sie mit einer distanzierten Sichtweise glänzen. Obwohl sie mit ihrer Theorie, Briefmarken als Staatssymbole gelten zu lassen, ein relativ unbekanntes Forschungsfeld bearbeitet, sind die für diese Arbeit belangreichen Analysen zur Flagge, Wappen und Hymne
9 Lönnecker, Harald, Rebellen, Rabauken, Romantiker. Schwarz-Rot-Gold und die deutschen Burschenschaften, in: Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole, hrsg. v. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2008.
5
oftmals stark verkürzt und oberflächlich. Ihre These greift Bekanntes auf - Staatsymbole decken Werte auf, mit denen Staaten gerne in Verbindung gebracht werden wollen - und führt diese weiter: Die Annahme von Staatssymbolen zeigt die Akzeptanz der Staatsform 10 . Bevor überhaupt die zentralen Fragen zur Staatssymbolik formuliert werden können, sollte deutlich werden, was ein Symbol ist: Ein Symbol ist ein wahrnehmbares Zeichen, das stellvertretend für etwas nicht Wahrnehmbares steht. Dieses Zeichen übermittelt komplexe Sachverhalte in kompakter Form. Im Gegensatz zur Metapher ist die Bedeutung eines Symbols nicht exakt zu definieren, weil Inhalte immer im jeweiligen Kontext von unterschiedlichen Akteuren bestimmt werden. Somit wird ein Symbol unendlich interpretierbar 11 . Der Staat hingegen benötigt eine gewisse inhaltliche Übereinstimmung seiner Symbole. Denn Staatssymbole sollen dem Bürger den Staat zeigen und darüber hinaus seine Werte- und Leitvorstellungen vermitteln. Wenn alle Bürger unterschiedliche Interpretationen von den Staatssymbolen haben, ist das nicht möglich 12 . Für Staatssymbole unumgänglich ist der Mythos. Denn ohne diesen ist das Symbol eine willkürliche Erfindung, ohne Bezug zum Empfänger und somit wertlos. Der Mythos der Moderne, besonders der Geschichtsmythos, ist eine identitätsstiftende Konstruktion, die ein Ereignis narrativ aufbereitet. Dabei werden einige historische Zusammenhänge ausgespart und andere unterstrichen, um sich so den gegenwärtigen Stimmungen der Empfänger zu bedienen 13 . Manche bekräftigen sogar, „daß hinter den Zeichen und Geschichten Sinndeutungen stehen, die für die Menschen so (lebens-)wichtig sind, daß die Grenze zwischen Profanem und Sakralem überschritten wird.“ 14
10 Vgl. Feinstein, Margarete Myers, State Symbols. The Quest for Legitimacy in the Federal Republic of Germany an the German Democratic Republic, 1949-1959 (Studies in Central European histories), Boston 2001, S. 68.
11 Vgl. o.V., Symbol, in: Brockhaus Enzyklopädie Bd. 21, Mannheim 1993, 517f und Dörner, Andreas, Politischer Mythos und Symbolische Politik. Sinnstiftung durch symbolische Formen, Opladen 1995, S. 39.
12 Vgl. Klein, Eckart, Staatssymbole, in: Handbuch des Staatsrechts der Bundesrepublik Deutschland, hrsg. v. Joseph Isensee, Paul Kirchhof, Heidelberg 1987 ( 3. Aufl. 2003), S. 193, Möbius, Ben, Die liberale Nation. Deutschland zwischen nationaler Identität und multikultureller Gesellschaft, Opladen 2003, S. 189f, Hartmann, Jürgen, Staatsymbole, in: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, Paderborn 2002, S. 659 und ausführlicher Hartmann, Jürgen, Staatssymbole/Staatszeremoniell, in: Staatskultur im Wandel (Beiträge der 69. Staatswissenschaftlichen Fortbildungstagung vom 14. bis 16. März 2001 an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer), hrsg.v. Hermann Hill (= Schriftenreihe der Hochschule Speyer 150), Berlin 2002, S. 40f.
13 Vgl. Münkler, Herfried; Hacke, Jens, Politische Mythisierungsprozesse in der BRD; in Wege in die neue Bundesrepublik. Politische Mythen und kollektive Selbstbilder nach 1989, hrsg.v. dies. (= Eigene und fremde Welten. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Vergleich, Bd. 13), Frankfurt a.M./New York, S.18, Leggewie, Claus, Der Mythos des Neuanfangs - Gründungsetappen der Bundesrepublik Deutschland: 1949 - 1969 - 1989, in: Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit, hrsg. v. Helmut Berding, Frankfurt a.M 1996, S. 278ff und erweiternd: Münkler, Herfried, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009.
14 Voigt, Rüdiger, Mythen, Rituale und Symbole der Politik, in: Politik der Symbole, Symbole der Politik, hrsg.v. Rüdiger Voigt, Opladen 1989, S. 10. Vgl. ebenso Dörner, Politischer Mythos, S. 42ff.
6
Wenn der Bürger das Angebot vom Staat annehmen soll, sich mit den Symbolen zu identifizieren 15 , dann wird er das nur tun, wenn er an sie glaubt oder ihren Mythos anerkennt. Die zentralen Fragen bei der folgenden Analyse sind: Welche politischen Ereignisse sind entscheidend für die Gründung der BRD? Welche Folgen haben diese Ereignisse für die Einführung der Symbole? Warum werden Schwarz-Rot-Gold, Deutschlandlied und Adler als Symbole gewählt? Welche Bedeutung haben Geschichte, Tradition und Mythos bei der Wahl? Was ist die Intention der Wahl? Entstehen Kontroversen bei der Einführung? Wenn ja: Welche und Warum? Wenn nein: Was ist der Grund für das Desinteresse? Wie werden die Symbole von den Bürgern angenommen? Was verbinden sie mit dem jeweiligen Symbol? Diese Leitfragen führen zu aufschlussreichen Ergebnissen. Im ersten Kapitel wird erklärt, dass durch den sich anbahnenden Kalten Krieg die USA die Bundesrepublik als Partner brauchten, woraufhin sie den alten Kriegsgegnern mehr Souveränität gewährten. Dennoch wollten die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates die Wiedervereinigung nicht komplett verbauen. Ein Widerspruch zwischen provisorischer und souveräner Staatsform war das Ergebnis. Die gesellschaftlichen Auswirkungen auf die symbollose Zeit waren, dass ein Großteil der Bevölkerung sie als Beleidigung empfand, was revanchistische und chauvinistische und restaurative Ansichten hervorrief.
Das zweite Kapitel klärt, dass trotz der demokratisch, liberalen Tradition Schwarz-Rot-Gold in der waagerechten Balkenform nicht die einzige Möglichkeit war. Die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates entschieden sich jedoch dennoch für den heutigen Dreifarb, weil sie ein authentisches Symbol einführen wollten, weil viele den Widerstand gegen das NS-Regime in den Farben sahen und weil Alternativ-Vorschläge politisch untragbar gewesen wären. Der bei der Flaggenfrage vermiedene Streit entstand bei der Hymnenfrage. Im dritten Kapitel wird herausgestellt, dass Bundespräsident Heuss eine neue Hymne empfiehlt, da er im Deutschlandlied restaurative Bedürfnisse des deutschen Volkes befriedigt sieht. Bundeskanzler Adenauer setzt mit großer Mehrheit der Bevölkerung die dritte Strophe als Nationalhymne aus Gründen der Authenzität und der Gewohnheit wieder ein. Im vierten Kapitel wird analysiert, dass der Adler die längste Geschichte aller Symbole in der BRD aufweisen kann. Vom heidnischen Symbol der Antike entwickelte er sich zu einem weltlichen Symbol des Mittelalters. Während der Paulskirche und der Weimarer Republik war er ein Zeichen der demokratischen Reichseinheit, bei Bismarck und Hitler ein Zeichen der Vormachtstellung.
15 Vgl. Hartmann, Staatsymbole, S. 659. Mehr zu dem Thema vgl. Brunn, Gerhard, Germania und die Entstehung des deutschen Nationalstaates. Zum Zusammenhang von Symbolen und Wir-Gefühl, in: Politik der Symbole, Symbole der Politik, hrsg. v. Rüdiger Voigt, Opladen 1989, S. 101-122.
7
Obwohl der Adler im Laufe der Zeit so unterschiedliche Interpretationen erhielt, wählte man ihn zum Wappentier, um die BRD als Nachfolger der Weimarer Republik zu präsentieren. Alle drei Symbole konnten ab irgendeinem Punkt ihrer Geschichte auf eine zur Staatsräson der BRD passende demokratische, liberale und auf nationale Einheit bedachte Tradition verweisen. Während aber Schwarz-Rot-Gold immer den gleichen Mythos besaß, wurden Adler und Hymne immer zu den unterschiedlichen politischen Zielen unterschiedlich interpretiert. Zwar kann festgehalten werden, dass die Entscheidungsträger die BRD in die demokratisch, liberale Tradition der Symbole stellen wollten, doch die Wunsch- und Leitvorstellungen, so lautet meine These, standen nicht im Einklang mit den Vorstellungen der Bevölkerung. Die Einführung der Staatssymbole war auch im Hinblick auf den provisorischen Charakter der Hauptstadt und des Grundgesetzes von Chaos und Widerspruch geprägt und ließen keine einheitliche politische Leitlinie erkennen. Im Gegensatz zur bisherigen Forschungsleistung stellt diese Arbeit die Staatssymbole in den historischen Kontext, analysiert ihre Traditionen und hebt die damalige öffentliche Meinung an Hand von zeitgenössischen Quellen hervor. Es kann festgestellt werden, dass politische Symbole politische Leitvorstellungen aufzeigen. Darüber hinaus ergibt sich aber auch, dass der Umgang der Bevölkerung mit ihren Symbolen ebenfalls die politische Einstellung der Bevölkerung wiedergibt.
8
2. Besiegt, befreit und zerstört. Politik und Gesellschaft in Deutschland nach
dem zweiten Weltkrieg. Ein Überblick.
2.1 Provisorisch oder souverän: Die Gründung der BRD zwischen Widerspruch und Chaos.
Mai 1945: Deutschland war zerstört und besetzt. Nach den zwölf Jahren Diktatur und Gewaltherrschaft mussten die Siegermächte ein neues politisches System etablieren. Ausgehend von dem Beschluss von Casablanca, Deutschland eine bedingungslose Kapitulation aufzuzwingen 16 , strebten die Alliierten eine einheitliche Neuordnung 17 Deutschlands an. Es kam jedoch anders 18 : Der für die politische Zukunft Deutschlands wichtigste Beschluss der darauffolgenden letzten Konferenz der drei Siegermächte USA, Großbritannien und der UdSSR in Potsdam war, dass jede Besatzungsmacht in ihrer Zone eigenhändig und ohne Beschluss des Kontrollrates Entscheidungen fällen durfte. Die Zusammenarbeit der Verwaltungszonen war nun abhängig von den Besatzungsmächten 19 . Der alte Plan, Deutschland als wirtschaftliche Einheit aufzubauen, verlief ab nun im Nichts. Mit der russischen Oktoberrevolution von 1917 hatten bereits die starken ideologischen Differenzen zwischen der Sowjetunion und den USA begonnen. Am 14. August 1941, auf dem britischen Schlachtschiff HMS Prince of Wales, deutete sich mit dem Verfassen der Atlantik-Charta an, was sich in Jalta (4. Februar - 11. Februar 1945) und Potsdam (17. Juli -2. August 1945) verfestigte: Das in der Not geschmiedete Bündnis zwischen den USA und der Sowjetunion zerbrach. Churchill wird in Jalta erkannt haben, dass die britische „balance of power“-Politik nicht mit dem Machtstreben Stalins zusammenpasst. Deshalb sprach er in Potsdam bereits von einer aufkommenden Blockbildung 20 und im März 1946 vom „Eisernen Vorhang“ 21 . Trumans Politik bestand bis zum Eintritt der UdSSR in den Krieg mit Japan aus
16 Vgl. Niclauß, Karlheinz, Der Weg zum Grundgesetz. Demokratiegründung in Westdeutschland 1945-1949, Paderborn/München/Wien/Zürich 1998, S.11.
17 Der Vorschlag von französischer Seite, Deutschland in viele, kleine souveräne Teilstaaten zu unterteilen, wird von allen anderen schnell verworfen. Vgl. Schwarz, Hans-Peter, Vom Reich zur Bundesrepublik. Deutschland im Widerstreit der außenpolitischen Konzeptionen der Besatzungsherrschaft 1945-1949, Neuwied/Köln 1980, S. 179-199, besonders S. 188f.
18 Vgl. Hälg, Anja, Jalta (4.-11.2.1945), in: Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55, hrsg.v. Wolfgang Benz, Berlin 1999, S. 212f.
19 Vgl. Grötemaker, Manfred, Potsdamer Konferenz (17.7.-2.8. 1945), in: Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55, hrsg.v. Wolfgang Benz, Berlin 1999, S. 215f und erweiternd Mai, Gunther, Alliierter Kontrollrat, in: Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55, hrsg.v. Wolfgang Benz, Berlin 1999, S. 230ff.
20 Vgl. Grötemaker, Potsdamer Konferenz, S. 214.
21 Vgl. Wolfrum, Edgar, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006, S. 23f.
9
Arbeit zitieren:
Markus Hanfler, 2009, Die Einführung der Staatssymbole in der BRD, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Geschichte: neuer Titel erschienen: Die Einführung der Staatssymbole in der BRD
Geschichte: neuer Titel erschienen: Die Einführung der Staatssymbole in der BRD
Markus Hanfler hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare