1. Dokumentation der Arbeit
Ich beschäftige mich eingehend mit dem Thema ‚Klassenfahrt in der Sekundarstufe I’. Zunächst werde ich die allgemeinen Ziele einer Klassenfahrt vorstellen und eventuelle Probleme und Chancen für Schüler/ Schülerinnen und Lehrer/ Lehrerinnen aufgreifen. Was kann ich aus einer Klassenfahrt mitnehmen, was verändert sich danach vielleicht oder hat so ein Ereignis überhaupt Einfluss auf die Klassengemeinschaft? Dann beschreibe ich die konkreten Durchführung einer Klassenfahrt. Um Praxisbezug herzustellen interviewe ich im weiteren eine
Schülerin zu ihrer letzten Klassenfahrt. Lässt sich die Theorie wirklich wie geplant verwirklichen? In meiner persönlichen Einschätzung werde ich diese Problematik näher beleuchten und ein Resümee ziehen. Zum Abschluss stelle ich die verwendete Literatur dar und füge Beispiele für Hilfsmaterialien im Anhang bei. Im weiteren Verlauf verwende ich stellvertretend für Schüler/ Schülerinnen und
Lehrer/Lehrerinnen vereinfacht den maskulinen Genus Schüler bzw. Lehrer.
2. Begründung für Ziele
Klassenfahrt ist, für Schüler wie für Lehrer gleichermaßen, eine neue, ungewohnte und aufregende Situation. Jeder von uns erinnert sich an eine solche Fahrt, an einzelne Erlebnisse daraus, an kleinere oder größere Katastrophen. Sie geben noch Jahre später Anlass zum Schmunzeln oder Nachdenken. Eine Klassenfahrt bleibt in Erinnerung als etwas Besonderes, einen festen Bestandteil der Schulzeit an den man meist gerne zurückdenkt. Hier bietet sich die Gelegenheit Mitschüler ungezwungen besser kennen zulernen, eine andere Seite an Ihnen zu entdecken. Freundschaften entstehen leichter, denn gemeinsame Erlebnisse besitzen eine starke Bindekraft und das wiederum stärkt die Klassengemeinschaft . ‚ Alle sitzen in einem Boot’, das fördert den Zusammenhalt, Kommunikation und Solidarität unter den Schülern. Das Verlassen der gewohnten Umgebung bewegt die Phantasie und sorgt für eine Aufweichung verfestigter Rollen; Ein neues, intensiveres Begegnen kann stattfinden. Die Klassenfahrt bietet dem Lehrer die Möglichkeit Teilnehmer an der Welt der Schüler zu werden. Ein „rund - um - die - Uhr“ Zusammensein gibt Einblicke ins
Schülerleben, in der pädagogischen Literatur oft auch „Unterleben“ 1 genannt (Einblicke ins Schülerleben, die sich offizieller Kontrolle der Institution Schule entziehen.) Eine Klassenfahrt ist eine sogenannte „außerschulische Aktivität“, d. h. eine allgemeine Initiative die den engen Rahmen des Schullebens überschreitet und den Spielraum erweitert. Vergleichbare Aktivitäten sind u.a. Wandertage, Klassenfeste, usw. Im Verlauf der Klassenfahrt kommt es zu zahlreichen ‚außenunterrichtlichten Aktivitäten’, Tätigkeiten die nicht von der Schule getrennt sind, sondern Lernen und Leben, Produktion und Reproduktion einander näher bringen. Dem Lehrer bietet sich im Verlauf der Fahrt die Chance, neue, verblüffende Eigenschaften und Talente seiner Schüler zu entdecken. Es bietet sich Zeit für Gespräche, die in den Pausen normalerweise zu kurz kommen oder in formellen Sprechstunden möglicherweise gar nicht erst entstehen. Die Klassenfahrt besitzt unvermeidlich einen gewissen ‚Urlaubscharakter’, begleitet von zahlreichen Erwartungen wie Aufregung und Spaß. Allerdings dürfen Klassenfahrten nicht ausschließlich dem F reizeitbereich zugeordnet werden. Ganz im Gegenteil, sie können besonders wünschenswerte Schule sein, Teil eines ganzheitlichen, kraftvollen Schullebens. Es kommt zur ‚ Realbegegnung’. Dem Schüler bietet sich Entfaltungsraum für seinen kindlichen Spiel-, Erlebnis- und Tätigkeitsdrang (‚lebendige Schule’). Durch eigenes Handeln (z. B. Feuer machen, Basteln mit Naturmaterialien) gewinnen die Kinder unmittelbare, und sinnliche Erfahrungen. An dieser Stelle sprechen wir vom sogenannten ‚Mehrperspektivischen Unterricht’ bei dem mehrere Sinne und Betrachtungsweisen gefordert sind. Der Schüler wird selbsttätig, übernimmt soziale Aufgaben, er räumt den Tisch ab, bezieht Betten, hilft Mitschülern. Viele Kinder sammeln, abhängig vom Zielort, Erfahrungen in einer anderen Lebensumwelt, das Landkind kommt in die Stadt oder umgekehrt. Dennoch lässt eine solche Fahrt auch viele Fragen offen: Verhalten sich die Schüler anders als Zuhause oder in der Schule? Welche „konservativen“ oder „progressiven“ Normen und Wertvorstellungen herrschen in den Elternhäusern? Warum entstehen hier gerade neue Freundschaften und dort neue Feindschaften zwischen Kindern? Warum sondert sich gerade dieser Junge ab und warum hat gerade dieses Mädchen soviel Heimweh? All diese dem Lehrer bisher ungestellte Fragen verdeutlichen die Probleme und Chancen einer Klassenfahrt. Es kommt zu einer Befreiung des Lehrer-Stereotyps: Schüler haben Gelegenheit den „Menschen“ nicht nur als
1 Siehe Homfeldt/ Kühn, S.10.
Rollenträger kennen zulernen, sonder auch zu erleben, wie er abwäscht, ein Spiel verliert, umgekämmt aussieht, etc. Er wirkt auf der Klassenfahrt viel mehr, durch seine Persönlichkeit, durch das was er tut, als im Schulalltag, wo das Gesagte Vorrang hat. Möglicherweise kehrt der Schüler mit der Erkenntnis zurück „Hey, mein Lehrer ist eigentlich ein cooler Typ“. Es kommt zum Aufbau einer gefühlsmäßigen Bindung, die im schulischen Umgang sehr hilfreich sein kann.
Ebenfalls kommt es zu einer Befreiung vom ‚Schüler-Stereotyp’: Die Klassenfahrt ist auch für den Lehrer eine ‚Woche der Wahrheit’. Er lernt die Schüler in
Lebensbereichen kennen, in denen es nicht nur um das Erbringen von schulischen Leistungen geht. Das Verhalten beim Essen, Aufräumen, bei Freizeitaktivitäten, etc. zeigt ihm viele unbekannte Seiten seiner Schüler und hilft ihm, sie ganzheitlich zu verstehen. Die Aktivitäten sind während der Fahrt nicht in Zeitblöcke a´45 Minuten genormt, ebenso können Unterbrechungen beliebig oft gemacht werden oder willkürlich ausgedehnt werden, ganz nach Bedarf. Die Andersartigkeit der Umgebung kann die Bereitschaft des Schülers, (aber auch des Lehrers!) öffnen, sich mit Neuem auseinander zusetzen: Sie macht für neue Eindrücke empfänglicher. Die Ortsveränderung weicht das gewohnte Verhaltensrepertoire auf und schafft damit günstige Vorraussetzung für viele Lernziele. Die Klassenfahrt bietet großzügigen, pädagogischen Freiraum für fächerübergreifende und ganzheitliche Lernprozesse. Die Planung und Organisation seitens der Schüler und dem Lehrer ermöglicht es beiden Seiten ihre Interessen, Bedingungen und Vorstellungen zu kombinieren und einzubringen. Selbstverständlich muss diese Planung im Rahmen der „Richtlinien für Schulwanderungen und Schulfahrten (WRL)“ 2 stattfinden.
3. Durchführung
3.1. Vorüberlegungen
Vor Beginn der Planung einer Klassenfahrt muss ich mir als Lehrer eine ganz wichtige und essenzielle Frage stellen: Fahren oder nicht Fahren? (Entscheidungsprozess). Zahlreiche Faktoren müssen durchdacht werden: Gibt es gravierende Erziehungsschwierigkeiten in der Klasse? Stellt ein disziplinloses Kind oder sogar eine disziplinlose Gruppe für sich selbst oder Mitschüler eine ernsthafte
2 Siehe Jülich, S. 1
Gefahr dar? Oder ist eher eine erzieherische Besserung durch die Fahrt zu erwarten? Muss ich mich als Lehrer um ein Kind so intensiv kümmern, dass die berechtigten Interessen der anderen darunter leiden und der Sinn der Klassenfahrt dadurch in Frage gestellt wird? Oder kann sich die Gemeinschaft der Anderen positiv auswirken? Es ist unabdingbar zu prüfen, ob es die Situation der Klasse (Disziplin, Alter, K rankheiten) erlaubt auf große Fahrt zu gehen. Diese Entscheidung muss der Lehrer, im Vorfeld, ganz für sich allein treffen. Bei begründeten Bedenken kann eine Schüler von der Teilnahme ausgeschlossen werden 3 . Die Vorbereitungsphase bietet viele Möglichkeiten um unterrichtlichte und ausserunterrichtliche Aktivitäten miteinander zu verbinden. Schüler erhalten die Gelegenheit Ideen zur Fahrt als Teil ihrer eigenen Praxis zu entwickeln und sich aus der passiven Erwartungshaltung heraus zulösen und die Dinge der Schule selbst in die Hand zu nehmen. Es entstehen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Begegnung zwischen Schüler und Lehrer. Hier stellt sich die Frage: Wie offen wird die Fahrt mit den Schülern diskutiert und wie weit von ihnen mitbestimmt? In dieser Phase darf der Lehrer nicht das eigentliche Ziel einer Klassenfahrt aus den Augen verlieren, es geht darum die Selbstständigkeit und das Verantwortungsbewusstsein der Schüler zu fördern. Vorerst muss eine Reihe von Fragen aus erzieherischer Verantwortung heraus dem Schüler gegenüber entschieden werden. Dann kann man die Schüler dazu bringen, die weiteren Entscheidungen in der Folge mitzutragen. In den meisten Fällen bezieht der Lehrer die Schüler zunächst bei der Absprache des Zielortes mit ein. Durch Vorschläge bekommen sie die Möglichkeit aktiv mitzuwirken. Sie sollten einen Themenkatalog aufstellen und Fragen zum Ablauf der Fahrt formulieren, aus denen der Lehrer dann die eigentliche Planung vornimmt. Zu jeder Klassenfahrt gehören umfangreiche Vorbereitungen, Absprachen mit dem Schulleiter und den Kollegen. Des Weiteren sind viele Formalitäten zu erledigen und organisatorische Fragen zu klären. Wie weit soll die Mitwirkung der Schüler gehen? Dies ist eine wesentliche Frage der Fahrt, denn mit Selbstorganisation nimmt der Umfang der vorbereitenden Aktivitäten auch in zeitlicher Hinsicht zu. Zu dieser Vorbereitung gehören u. a.:
-Aufteilung der Klassen in Gruppen (vor allem nach den Wohnbedingungen des Aufenthaltsortes,...);
3 Klassenkonferenz, gemäß § 18 AschO und siehe Jülich S. 16ff.
- Organisation der Verpflegung und Selbstverköstigung (Klärung des Speiseplans, Absprache welche Lebensmittel mitzunehmen sind, Informationen einholen, wo günstig eingekauft werden kann, Transportsituation lösen,...);
-Klärung des Tagesablaufes (z. B. (Aufstehen und Zubettgehen, Essenszeiten, Dienstleistungen,...);
- Klärung der Freizeitaktivitäten;
- Vereinbarung der Verhaltensregeln;
Dies sind nur einige zu organisierende Bestandteile der Fahrt, die ich im Detail später näher beleuchten werde. Grundschulklassen weisen auf Klassenfahrten eine Besonderheit auf, nämlich die große Unselbstständigkeit und der damit verbundene Zeitaufwand der begleitenden Erwachsenen. Die Kinder können ihr Bett nicht selbst beziehen, den Schrank nicht einräumen, ihren Koffer nicht packen, wissen nicht was sie anziehen sollen oder haben Heimweh. Hier empfiehlt sich genügend Begleitpersonen, Ersatzbettwäsche, Heftpflaster und vielleicht sogar ein paar extra Kuscheltiere einzuplanen. Etwas ältere Schüler dagegen erfordern weitaus mehr Nervenstärke. Als Lehrer muss man auf die Einhaltung des ‚Gesetzes zum Schutze der Jugendlichen in der Öffentlichkeit’ penibel achten. Oftmals steht dies im Widerspruch zum Elternhaus einiger Kinder, dennoch sollte man am Besten „päpstlicher als der Papst sein“. Es erfordert viel Feingefühl und Geschick das Maximum: ‚Soviel Freiheit wie möglich, sowenig Verbote wie nötig’ auszuschöpfen. Ein Elternabend sichert das vorläufige Einverständnis der Vorgesetzten, Kollegen und Eltern in der Planungsphase und es können eventuell auftauchende Probleme, z. B. gesundheitlicher oder finanzieller Art, besprochen werden. Hier sollte ein vertrauliches Gespräch seitens des Lehrers angeboten werden, denn oft sind viel Probleme durchaus lösbar. In manchen Bundesländern sind dazu Zustimmung der Lehrerkonferenz, des Schülerbeirats oder ähnlicher Gremien nötig, in der Regel machen diese aber keine Schwierigkeiten. Wichtige Bedürfnisse der Schüler dürfen nicht unbeachtet bleiben, diese sind etwa: ? Zu einer Gruppe gehören, Zusammengehörigkeit erleben; ? Bedürfnisse nach körperlicher Bewegung, nach Ortsveränderung ? Neugier; etwas entdecken, erforschen, etwas gestalten können, Gefühle zeigen; ? Sich persönlich durchsetzen, Anerkennung, Ermutigung und Liebe erfahren; ? Etwas leisten und sich darüber freuen; ? Humor, Lebensfreude, Übermut, Necken, Blödeln...;
? Spielen, Spannung erleben, Abenteuerlust, die eigenere Grenzen kennen lernen; ? Alle fünf Sinne gebrauchen;
Hochwertige Aktivitäten auf Klassenfahrten sprechen möglichst viele dieser Bedürfnisse an. Eine Klassenfahrt sollte unter ein bestimmtes Thema gestellt werden, auf die das Programm ganz individuell abgestimmt werden kann.
3.2. Auswahlkriterien „Wer die Wahl hat, hat die Qual“
3.2.1 „Ziel“ sicher (Zielgebiet und Unterkunft)
Ist der Stein erst mal ins Rollen gebracht, löst er oft eine Frageflug aus: „Wohin fahren wir denn?“, wollen die Kinder wissen und sind dann meist auch mit einem Riesen-Angebot an mehr oder weniger realistischen Antworten bei der Hand. Wichtig ist es, dass es bei der Klassenfahrt in erster Linie um das Erzieherische geht, das eigentliche Ziel ist sekundär. Die Klassengemeinschaft kann an der Ostsee genauso wie in München gefördert werden. Der Ort hat auf Hilfsbereitschaft, Zusammenarbeit und Freundschaftsbildung keinen unmittelbaren Einfluss.
Besonders wichtig ist, dass der Zielort „wettersicher“ ist. Das heißt nicht, dass man eine Sonnengarantie erwartet, sondern das der Ort bei jedem Wetter etwas ‚hergibt’. Z. B. ein Hallenbad, Museen, Höhlen, Betriebe, usw. derartige Einrichtungen machen wetterunabhängig. Natürlich kann man mit der Klasse auch im Regen wandern, aber das macht nicht soviel Spaß und die Verletzungsgefahr ist erheblich größer. Das Reiseziel sollte eine gewisse l andschaftliche Attraktivität aufweisen und Möglichkeiten für Aktivitäten bieten. Speziell bei längeren Aufenthalten sind Freizeitparks, Dampferfahrten, Bergwerke, u. ä. willkommene Abwechselungen. Allerdings sieht es die vorgesetzte Dienstbehörde oftmals n icht gern, wenn Lehrer zu sehr ‚in die Ferne schweifen’ wo doch ‚das Gute so nah liegt’. Einige wichtige Grundsätze sollten unbedingt beachtet werden:
Arbeit zitieren:
N. Hoffmeister, 2002, Klassenfahrten, München, GRIN Verlag GmbH
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