"Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert-
jetzt schlagen wir zurück "
Das Videobild als Material
k ünstlerischer Arbeit
Inhalt
1 Einleitung 4
2 Allgemeine Einführung in Arbeitsweise und Gestaltungsprinzipien des Medium Video
4
3 Die Ästhetik der Videokunst 6
4 Die Entwicklung und Verwendung des Videobildes als künstlerisches Material 7
4.1 Die erste Phase: Die Ästhetik der "Realzeit" 8
4.1.1 Zu Beginn eine Rebellion. 8
4.1.2 Do It Yourself - das erste eigene Videomaterial. 10
4.1.3 Ich sehe mich sehe mich. - das Closed-Circuit Verfahren 11
4.1.4 Die Geburt eines neuen Selbstbildnis. 14
4.1.5 Das immaterielle Videobild. 16
4.1.6 Der Einzug der Videokunst ins Fernsehprogramm. 17
4.2 Die zweite Phase 19
4.2.1 Die Ästhetik der "Realzeit" ist tot - eine neue Zeitästhetik für eine neue
K ünstlergeneration. 19
4.2.2 Digitalität, Bearbeitung und Adaption, Appropriation der Bilder als Objet trouvée
22
4.2.3 Wieder die Auseinandersetzung mit den Fernsehbildern. 23
4.2.4 Konstruktion der Narration durch den Betrachter. 24
4.2.5 Abhärtung der Zuschauer durch Bilderüberflutung 26
4.2.6 Kurzes Fazit 27
4.3 Dritte Phase. 27
4.3.1 Interaktion zwischen Betrachter und Videobild 27
4.3.2 Der Rezipient als Protagonist 29
5. Schluss. 32
6 Literaturverzeichnis 34
7 Abbildungsverzeichnis. 35
3
1 Einleitung
Video als Medium ist ungefähr drei Generationen alt. Seit den Olympischen Spielen in Berlin 1936, die durch den Einsatz von Videotechnik erstmals live ausgestrahlt werden konnten, hat es umfassende Gestaltungskonzepte, -innovationen und Realisationen her-ausgefordert. Die Videotechnik wurde zur realitätsnahen Reproduktion und zur Information erfunden, erst eine Generation später wurde die Videotechnik aus ihrem funktionalen Rahmen gelöst. In die Kunst zog das Medium dann erst durch die Einführung des "Portapack", der relativ handlichen Ausführung einer Videokamera der Firma Sony, im Jahre 1965 ein. Ich möchte in meiner Arbeit zuerst allgemein in die Arbeitsweisen, Gestaltungsprinzipien und Ästhetik der Videokunst einführen. Der Hauptteil der Arbeit geht dann auf die Veränderungen ein, denen das Videobild als Material künstlerischer Arbeit seit jener Zeit bis heute ausgesetzt war, bedingt durch den künstlerischen Zeitgeist, aber besonders auch aufgrund der raschen technologischen Entwicklung des Mediums. An-hand einiger Arbeiten der Künstler Nam June Paik, Dan Graham, Bill Viola, Paul Garrin, Lynn Hershman und anderen möchte ich diese Veränderungen exemplarisch aufzeigen.
2 Allgemeine Einführung in Arbeitsweise und Gestaltungsprinzi-
pien des Medium Video
"Was ist Video ? Video ist ein technisches Verfahren zur elektromagnetischer Aufzeichnung von Bildern. Grob gesagt, ein Tonband, mit dem man filmen kann. Doch lässt sich damit nicht nur die Sportschau aufzeichnen, mit Video kann jeder sein eigenes Fernsehen machen." 1
1 Herzogenrath 1982, S .1.
4
In der Arbeit mit Video werden als technologische Mittel zum einen Videokamera, Vi-deorecorder, Videoband sowie Computerprogramme zur digitalen Bildbearbeitung verwendet. Diese technischen Grundlagen sind auf Reproduzierbarkeit und Nicht-Originalität angelegt. Wesentliche Merkmale des Verfahrens bestehen zum einen in der sofortigen Kontrolle der Bilder, Gleichzeitigkeit von Vorgang und Abbild, von Realität und Reproduktionen, zum anderen in zahlreichen elektronischen Möglichkeiten (z.B. Kombination mit Synthesizern, Blue Box, Feedback usw.) So können künstliche Realitäten, Interaktion, Digitalität und Transformation erzeugt werden. Da nicht wie in der Malerei eine Leinwand als Bildträger dient, sondern die Wiedergabe der Bilder auf Fernsehgeräten, Monitoren oder mit Hilfe von Projektoren erfolgt, ist eine Darstellung in verschiedensten Räumlichkeiten mit unterschiedlichsten Lichtverhältnissen möglich. Daraus resultieren verschiedenste Kombinationsmöglichkeiten in der Komposition von Gesamtkunstwerken.
Ein wesentlicher Teil der künstlerischen Gestaltung eines Videobandes liegt in der möglichen Manipulation des Zeitablaufs. (Slow-Motion und Zeitraffer, schnelle und langsame Schnittfolge) Daraus entwickelten sich im Laufe der Jahre unterschiedliche Ansätze, wie die Ästhetik der "Realzeit", die als erste Strömung genannte werden kann, und die Ästhetik der "imaginären Zeit" 2 , auf welche ich später genauer eingehen werde. Die "Augenblicklichkeit", das gleichzeitige Aufnehmen und Wiedergeben (CLOSED-CIRCUIT), die damit verbundene Echtzeitwiedergabe (realtime) sowie die synchrone Aufnahme von Bild und Ton zählen zu den wichtigsten Möglichkeiten des Mediums Video. Mit diesen Mitteln kann eine einmalige Aktualität ohne Anfang und Ende hergestellt werden. Dadurch kann der Betrachter für die Zeitlichkeit von Wahrnehmungsakten sensibel gemacht werden.
Einen wesentlichen Aspekt der Gestaltungsprinzipien in der Videokunst stellt auch die Eigenständigkeit des Künstlers in der Ausführung seiner Arbeit dar, was eine große Veränderung der Aufnahmesituation gegenüber dem Film im klassischen Sinn mit sich bringt. Alle Funktionen bei der Produktion eines Bandes, von der Idee über die Regie, die Darstellung und die Aufnahme bis hin zur Verarbeitung im Schnitt und der elektronischen Nachbearbeitung kann der Videokünstler theoretisch selbst ausführen:
2 Torcelli 1996, S. 169.
5
"...alles hab ich gemacht: die Produktion, die Regie, das Buch, die Kamera, die Beleuchtung, den Ton, die Darsteller, den Schnitt, die Maske, das Kostüm. Ich mag Spezialistentum nicht, weil es weite Strecken des Gehirns und viele Teile des Körpers immer mehr und mehr verkümmern lässt...Indem ich alles selbst gemacht habe, konnte ich mich endlich universell verwirklichen. Es war die Aufhebung der Trennung von Kopf-und Handarbeit." 3 Friederike Petzold 1982
Diese Eigenständigkeit des Künstlers und das damit verbundene Alleinsein bei der Arbeit ist ein wesentlicher Grund für das Entstehen von sehr eindringlichen und intimen Dialogen zwischen Kamera und Künstler.
Video als Medium bietet außerdem auch die Möglichkeit der Beschäftigung mit musikalischen, bzw. akustischen Gestaltungsmöglichkeiten, die sogar gleichberechtigt mit dem Bild sein kann. Der Übergang zum Videoclip ist daher oft fließend. Bis in die heutige Zeit entwickelte sich das Medium stark hin zu einer Verschmelzung mit Computertechnologie. In dieser Verschmelzung kann ein Videobild auf jegliche Art und Weise manipuliert oder auch ausschließlich am Bildschirm generiert werden. Außerdem ist der Betrachter ist im Laufe dieser Entwicklung selbst Bestandteil des Kunstwerkes geworden, durch zunehmende Integration und Interaktion zwischen Mensch und Computer. Im Cyberspace sind konventionelle Sub- und Objektivitäten aufgelöst.
3 Die Ästhetik der Videokunst
Walter Benjamins Überlegungen entsprechend besitzt das beliebig reproduzierbare Videobild keine Aura 4 , aber auch in anderer Hinsicht verändert Videokunst, als eine elektronische Kunst tradierte Kunstbegriffe. Die überlieferten Begriffe der Kunsttheorie und -rezeption werden fragwürdig, denn die Videokunst ist eine ,,Ganzkörpererfahrung",
3 Herzogenrath 1982, S. 105.
4 Benjamin, 1979.
6
wie sie es in der bisherigen Kunstgeschichte nicht gab. Der Betrachter ist nicht mehr in der Rolle eines stillen Wahrnehmenden, sondern wird aus seiner Passivität gerissen, um mit seiner körperlichen und geistigen Fähigkeit das Bild zu beeinflussen. Das mediale Bild existiert meist nicht im unverändertem Status, es hat seine Erscheinung in der Ausstrahlung des Monitors ohne jegliche Permanenz. Es kann unendlich multipliziert werden, ohne seiner Authentizität beraubt zu sein. So entfällt der sonst übliche Standard von Kunst, Sammler- oder Investitionsobjekt zu sein. Videoarbeiten können wie keine Kunst zuvor, räumliche Illusionen schaffen. Eine Entgrenzung der Kunst in das Leben hinein ist durch die Videokunst, besonders mit interaktiven Arbeiten möglich geworden. Sie fordert den Betrachter auf, sich auf eine neue Wahrnehmungs- und Handlungsebene einzulassen, wodurch eine Ästhetik des Handelns entsteht.
4 Die Entwicklung und Verwendung des Videobildes als künstle-
risches Material
Ich möchte nun zum Hauptteil meiner Arbeit kommen. Grundsätzlich lassen sich die Ansätze der künstlerischen Arbeit mit dem Medium Video in drei unterschiedliche Bereiche unterteilen, wobei neben allgemein-künstlerischen Tendenzen die technologische Entwicklung des Mediums ausschlaggebende Impulse gab. Die erste Phase ist in der Zeit von 1963 bis Mitte der 70er Jahre einzuordnen. Von hier bis zur Mitte der 80er Jahre ist die zweite Phase anzusetzen, in der sich eine neue Ästhetik entwickelt, die bis heute noch die Videokunst wesentlich bestimmt. Die dritte Phase dagegen ist bedingt durch eine sprunghafte Entwicklung der Medientechnologie. In ihr liegt der Grundstein für die aktuelle Medienkunst, auf die ich jedoch nicht weiter eingehen werde. An verschiedenen Beispielen möchte ich die unterschiedlichen Ansätze exemplarisch veranschaulichen. 5
5 Wesentliche Anregung zu diesem Kapitel verdanke ich Violetta Torcelli, Video Kunst Zeit, 1996.
7
4.1 Die erste Phase: Die Ästhetik der "Realzeit"
4.1.1 Zu Beginn eine Rebellion
"Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert- jetzt schlagen wir zurück ! Ich möchte die Elektronik humanistischer, bewußter für die Problematik der darzustellenden Realität und diese sichtbarer machen. Ich liebe die anti-technische Technologie." Nam June Paik 6
Der Beginn der Videokunst lässt sich auf den März 1963 datieren. In einer Ausstellung des Koreaners Nam June Paik ,,Exposition of music - Electronic television" in der Wuppertaler Galerie Parnass werden auf zwölf Fernsehgeräten Fernsehbilder gezeigt, die durch die Verwendung von an der Bildröhre angebrachten Magneten verändert und verzerrt werden. Teils zufällig, teils vorbestimmt zeichnet Paik so elektronische Li-nien.(Abb.1)
6 Paik in: Herzogenrath 1983.
8
Arbeit zitieren:
Simone Henninger, 2003, "Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert - jetzt schlagen wir zurück!" - Das Videobild als Material künstlerischer Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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