Falko Neubert Fachhochschule Potsdam Studiengang KulturArbeit / 1.Semester Studio Stadtkultur
Die Darstellung der Großstadt in der Literatur des
beginnenden 20. Jahrhunderts
Vorwort
1. Einleitung 1.1 Abriss über die Situation der Großstädte zur Jahrhundertwende 1.2 Zeitgenössische Kritik 1.3 Die Soziologie der Großstadt nach Georg Simmel 2. Rainer Maria Rilke "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" 2.1 Biographie R. M. Rilke 2.2 Textausschnitt 2.3 Inhalt und Form des Werkes als Reflexion der Dissoziierung und Entfremdung des Großstadtmenschen 3. Frühexpressionistische Lyrik 3.1 Berlin als Geburtsstadt des Expressionismus 3.1.1 Alfred Lichtenstein: "Gesänge an Berlin" 3.2 Expressionismus - Avantgarde ohne konkrete Utopie 3.2.1 Johannes R. Becher: "De profundis" Literaturverzeichnis
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Vorwort
Seit es Städte gibt, setzen sich Menschen mit dem Leben in ihnen und ihrem eigenen konkreten Erleben des städtischen Alltags auseinander. Vor allem Künstler und Geisteswissenschaftler beschäftigten sich in den vergangenen Jahrhunderten in zunehmendem Maße mit Fragen und Problemen, die das Stadtleben aufwarf. So versuchten sie zu klären, ob das Leben in einem künstlich geschaffenen Umfeld überhaupt der Natur des Menschen entspricht, oder ob er daran nicht eher zugrunde geht, ob er stark und flexibel genug ist, sich neuen Anforderungen zu stellen und anzupassen, oder aufgrund seiner Unfähigkeit in die Isolation getrieben wird. Seit dem 19.Jahrhundert entstanden immer mehr Großstädte, und die Fragen verschärften sich: Ist hier ein menschenwürdiges Dasein überhaupt noch möglich? Oder läßt die Flut von Menschen und Maschinen, das endlos erscheinende Meer von Häusern und Straßen jede Gefühlsregung verkümmern, erstickt jedes über den profanen Alltag hinausgehende Denken im Keim?
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Darstellung der Großstadt vor circa 100 Jahren, speziell im Bereich der Literatur. Sie versteht sich als Einblick und Anregung, da naturgemäß bereits eine Fülle an Material zu diesem Thema existiert. In der Einleitung gehe ich kurz auf die Situation der großen Städte in der damaligen Zeit ein, lasse ein Paar kritische Stimmen zu Wort kommen und stelle die Ansichten von Georg Simmel (einer der bedeutendsten Soziologen dieser Zeit) zu diesem Thema vor. Danach wende ich mich Rainer Maria Rilke zu, der - obwohl eher Lyriker - den "ersten modernen deutschen Roman" 1 um diese Zeit geschrieben hat: "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". Der dritte Teil bleibt der frühexpressionistischen Lyrik vorbehalten; hier soll die Verbindung der prosperierenden
1 Rainer Kirsch, Nachwort, in: R. M. Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Leipzig 1989 (Verlag Phillip Reclam jun.), S.188
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und pulsierenden Großstadt Berlin und dem aufkommenden Expressionismus - der "ersten wirklichen Großstadtkunst in Deutschland überhaupt" 2 - aufgezeigt werden.
2 Jost Hermand, Das Bild der "großen Stadt" im Expressionismus, in: Klaus R. Scherpe, Die Unwirklichkeit der Städte, Reinbek bei Hamburg 1988, S.66
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1. Einleitung 1.1 Abriss über die Situation der Großstädte zur Jahrhundertwende
Im 19.Jahrhundert wurde Europa von enormen ökonomischen und politischen Veränderungen geprägt. Das immer stärker werdende Bürgertum trieb die Industrielle Revolution voran, welche eine Beschleunigung des technischen Fortschritts initiierte, die bis heute anhält. Dampfmaschinen - später Verbrennungsmotoren - wurden erfunden und in Fabriken und Lokomotiven eingesetzt, wodurch Massenproduktion und Massentransport möglich wurden. Das Proletariat, welches sich zu großen Teilen aus ehemaliger Landbevölkerung rekrutierte, die auf der Suche nach Lohn und Brot war, wurde immer größer. Die Industriearbeiter wurden nach und nach zu Teilen einer großen Maschinerie reduziert und waren letztlich absolut austauschbar, spätestens nach der Einführung neuer Arbeitsmethoden durch Taylor und der Erfindung der Fließbandarbeit durch Ford.
Kriege wurden im 19.Jahrhundert vor allem um Rohstoffquellen und Absatzmärkte geführt, in den Kolonien ebenso wie in Europa selbst. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 beispielsweise endete mit einem Sieg Deutschlands, neben Saarland und Elsaß-Lothringen (wichtiges Kohle-Stahl-Zentrum) erhielt das Deutsche Kaiserreich (das sich nach Ende dieses Krieges gründete) 5 Milliarden Goldfranc an Reparationsleistungen von Frankreich. Diese Summe verhalf der deutschen Wirtschaft zu einer unerhörten Konjunktur, die sogenannte "Gründerzeit" brach an. In deren Folge wurde die deutsche Bourgeoisie noch stärker, obgleich sie (offiziell) noch kein wesentliches politisches Mitspracherecht besaß. Das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" war sehr wohlhabend, der Wert der industriellen Produktion verdoppelte sich in der Zeit zwischen Reichsgründung und 1890. Dennoch verarmten und verelendeten die unteren Schichten der Gesellschaft immer mehr, man sprach vom "Lumpenproletariat". Das große Angebot an Arbeitskräften hielt die Löhne niedrig und die Arbeitszeiten gleichbleibend hoch; erst gegen Ende des Jahrhunderts erkannte die Wirtschaft (und vor allem Politiker wie Bismarck), daß durch Sozialleistungen und Vorsorge die Produktivität erhalten bzw. gesteigert werden kann und soziale Unruhen im Zaum gehalten werden. Die Industriellen siedelten ihre Fabriken
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vorzugsweise in oder in der Nähe von größeren Städten an, wodurch Arbeiterviertel mit dunklen Mietskasernen und mehreren Hinterhöfen wucherten. Die Zustände waren zum großen Teil menschenunwürdig: ganze Großfamilien drängten sich in kleinen Räumen zusammen, die Betten waren im Schichtsystem belegt (wohnungslose Fremde, sogenannte "Schlafgänger", bezahlten für die Übernachtung); Toiletten wurden von allen Bewohnern eines Hauses gemeinsam benutzt, fließendes Wasser war kein Standard. Unter diesen Umständen gediehen Krankheiten, mitunter Epidemien ausgezeichnet; Inzest, Prostitution und Kriminalität waren Normalzustand. Aber auch im Inneren der Städte, in den besseren Vierteln, wuchs das Chaos. Die Industrie verlegte ihre Verwaltungsapparate in die Innenstädte, Banken und Warenhäuser (und somit beginnender Massenkonsum) siedelten sich an. Es existierten noch keine kommunalen Institutionen mit städteplanerischen Funktionen, wer sich ein Grundstück leisten konnte, baute nach Gutdünken. Der Verkehr wurde immer dichter, neben Pferdefuhrwerken, Kutschen und Fußgängern beanspruchten in zunehmendem Maße Pferdebahnen (später elektrische Bahnen) und Automobile ihren Raum. Doch nicht nur Größe und Dichte einzelner Städte nahmen zu, auch ihre Anzahl innerhalb Europas nahm mit großer Geschwindigkeit zu. Gab es um 1800 noch 21 Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern, waren es um 1900 bereits 147. Damit wohnten etwa 10% der europäischen Gesamtbevölkerung in Großstädten, 3 welche dadurch zu Ballungszentren ökonomischer und politischer Kräfte und zu Knotenpunkten des Transports, des Handels und der Kommunikation avancierten. Diese Städte erlangten weitestgehenden überregionalen Einfluß und bestimmten Richtung und Tempo des modernen Lebens sowie der technischen Entwicklung. Die Menschen aber, welche in diesen wimmelnden, geschäftigen Ameisenhaufen lebten, wurden vor ganz neue Herausforderungen gestellt: In diesem Großstadtdschungel, in dieser kalten, fremden, künstlichen Umgebung nicht nur das Dasein zu fristen, sondern ums Überleben zu kämpfen.
3 Clemens Zimmermann, Die Zeit der Metropolen. Urbanisierung und Großstadtentwicklung, Frankfurt a. M. 1996, S.32-33
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1.2 Zeitgenössische Kritik
"Der Steinkoloß 'Weltstadt' steht am Ende des Lebenslaufes einer jeden großen Kultur. Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch wird von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen, besessen, zu ihrem Geschöpf, ihrem ausführendem Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht. [...]" 4
So vielfältig wie das Leben der Großstadt, so differenziert äußern sich Geistesgrößen und Künstler über Wahrnehmungen, Erfahrungen und Folgen dieses Lebens für die Menschen. Dabei beeinflußten Herkunft und Stand sowie unterschiedliche Forschungs- und Arbeitsgebiete den Blickwinkel der Betrachtung entscheidend. So kommen Philosophen, Psychologen, Mediziner, Soziologen und Architekten zu durchaus unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Standpunkten. Kulturpessimisten neigen natürlich dazu, die Stadt insgesamt zu verdammen, da sie, als Hort von Kriminalität, Krankheit und Prostitution, die Sitten verderbe, die Moral verkommen läßt und die Menschen in ihr somit verrohen. Auch ist das hektische, lärmerfüllte Treiben in den Straßen wohl nichts für feinfühlige Menschen. Mediziner wie der Heidelberger Wilhelm Erb beobachten eine "wachsende Nervosität", hervorgerufen durch das "raffinierte und unruhige" Großstadtleben. 5 Ganz neue Diagnosen werden gestellt: "Neurasthenie" (nervöse Erschöpfung) wird die Modekrankheit um die Jahrhundertwende. Von Willy Hellpach werden Begriffe wie "pathogene Stadt" und "ville panique" geprägt, um die seiner Meinung nach ungesunde Lebensweise in der Stadt zu beschreiben und er stellt fest: "[...] der sinnenkitzelnde, sinnenbetäubende Charakter der Stadt hat in der Großstadt unserer Tage einen unerhört hohen Grad erreicht. Die Stadt ist die typische Trägerin jenes Sinnes- und Nervenzustandes der Reizsam-
4 OswaldSpengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, München 1995, S.673
5 Wilhelm Erb, Über die wachsende Nervosität unserer Zeit, Akademische Rede, Heidelberg 1893
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keit , der unsere Generation historisch charakterisiert " 6 Friedrich Engels wie-
derum ist nach einem Spaziergang in London schlicht beeindruckt von der
6 Willy Hellpach, Unser Genußleben und die Geschlechtskrankheiten, in: Mitteilungen der Deutschen
Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, 1905, Bd. II, Nr.5/6
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Falko Neubert, 2000, Die Darstellung der Großstadt in der Literatur des beginnenden 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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