___________________________________ 1.Gliederung und Inhaltsverzeichnis - 2 -
1 Gliederung und Inhaltsverzeichnis
1 GLIEDERUNG/INHALT 2
2 EINLEITUNG 5
2.1 RELEVANZ DES THEMAS. 5
2.2 ZIEL DER ARBEIT 8
3 DEFINITION UND KLÄRUNG ZENTRALER BEGRIFFE. 14
3.1 RECHTSEXTREMISMUS 14
3.2 FASCHISMUS 18
4 DER THEORETISCHE RAHMEN DER ARBEIT. 20
4.1 PIERRE BOURDIEU 20
4.1.1 Der Habitus. 21
4.1.2 Die sozialen Klassen 26
4.1.3 Der soziale Raum 29
4.1.3.1 Der Raum der sozialen Positionen. 30
4.1.3.2 Der Raum der Lebensstile. 32
4.1.3.3 Die Homologie der Räume 32
4.1.3.4 Das soziale Feld 35
4.1.4 Die Kapitalarten 36
4.1.4.1 Das ökonomische Kapital 37
4.1.4.2 Das kulturelle Kapital 38
4.1.4.3 Das soziale Kapital. 40
4.1.4.4 Das symbolische Kapital. 42
4.2 DIE SOZIALEN MILIEUS 43
4.2.1 Milieu, ein Begriff mit Tradition. 43
4.2.2 Der Milieuforschungsansatz von Vester u.a. 45
5 DER STAND IN DER RECHTSEXTREMISMUSFORSCHUNG 56
5.1 DARSTELLUNG DER VERSCHIEDENEN FORSCHUNGSRICHTUNGEN 56
5.1.1 Sozialisationsbezogene Erklärungsansätze 57
5.1.2 Modernisierungstheoretische Erklärungsansätze. 60
5.1.3 Geschlechtsbezogene Erklärungsansätze 63
5.1.4 Konflikttheoretische Erklärungsansätze 64
5.1.5 Entwicklungsdynamische Erklärungsansätze 66
5.2 ZUSAMMENFASSUNG DER FORSCHUNGSRICHTUNGEN 68
5.2.1 Wie werden die Jugendlichen verortet, bzw. beschrieben? 69
5.2.2 Was wird für die rechtsextreme Karriere als förderlich
dargestellt ? 72
___________________________________ 1.Gliederung und Inhaltsverzeichnis - 3 -
6 HYPOTHESEN 74
7 METHODE DER ERHEBUNG UND DER AUSWERTUNG 78
7.1 DAS NARRATIVE LEBENSGESCHICHTLICHE INTERVIEW 78
7.2 DIE HABITUSHERMENEUTISCHE´ INTERPRETATION. 81
8 DIE ERHEBUNG. 84
8.1 DER INTERVIEWLEITFADEN 84
8.2 SCOUTING-/INTERVIEW -SITUATIONSBESCHREIBUNG 89
8.2.1 Situationsbeschreibung der Scouting-Phase´ 89
8.2.2 Situation während des Interviews mit Pascal´ 91
8.2.3 Situation während des Interviews mit Timm´ 92
9 DIE AUSWERTUNG DER INTERVIEWS 94
9.1 DARSTELLEN DER INTERVIEWS. 94
9.1.1 Das Interview mit Pascal´ 94
9.1.1.1 Herkunftsfamilie 95
9.1.1.2 Kindheit und schulische Laufbahn. 98
9.1.1.3 Ausbildung und Beruf. 99
9.1.1.4 Partnerschaft 101
9.1.1.5 Freizeit und Lebensstil 102
9.1.1.6 Politikverständnis. 106
9.1.1.7 Zukunftspläne 109
9.1.2 Das Interview mit Timm´ 111
9.1.2.1 Herkunftsfamilie 111
9.1.2.2 Kindheit und schulische Laufbahn. 114
9.1.2.3 Ausbildung und Beruf. 117
9.1.2.4 Partnerschaft 121
9.1.2.5 Freizeit und Lebensstil 123
9.1.2.6 Politikverständnis. 125
9.1.2.7 Zukunftspläne 128
9.2 AUSWERTEN/NACHZEICHEN DER ENTSCHEIDENDEN ELEMENTE DER
RECHTSEXTREMEN KARRIEREN 129
9.2.1 Stationen der rechtsextremen Karriere bei Pascal´ 129
9.2.2 Stationen der rechtsextremen Karriere bei Timm´ 133
9.3 HABITUSBESCHREIBUNG. 137
9.3.1 Habitusbeschreibung von Pascal´ 137
9.3.2 Habitusbeschreibung von Timm´ 139
9.4 MILIEUZUGEHÖRIGKEIT 142
9.4.1 Milieuzugehörigkeit von Pascal´ 143
9.4.2 Milieuzugehörigkeit von Timm´ 144
___________________________________ 1.Gliederung und Inhaltsverzeichnis - 4 -
10 SCHLUSSBETRACHTUNG 148
10.1 VERGLEICH DER INTERVIEWS. 148
10.2 RESÜMEE 150
11 LITERATURVERZEICHNIS 152
_____________________________________________________ 2. Einleitung - 5 -
2Einleitung
2.1 Relevanz des Themas
Das Thema Rechtsextremismus löst eine Vielzahl von
unterschiedlichen Gefühlen bei dem jeweiligen Rezipienten aus. Eines davon ist sicherlich die Ohnmacht dem wachsenden Ausmaß des Rechtsextremismus in der Alltagswelt gegenüber. Immer wieder lassen Zeitungsmeldungen, wie die folgende, den Leser aufhorchen:
„Mehr rechte Straftaten
Die Zahl rechtsextremer und antisemitischer Straftaten hat im zweiten Quartal deutlich zugenommen. [...]“ 1
Wobei der alltagsweltliche Kontakt des `Normalbürgers´ zu `den Rechtesextremen´ zumeist über die Berichterstattung der Medien geschieht, schon da jugendliche Rechtsextreme in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen sorgten. So spielt für mich und meine Arbeit das Ausmaß des Rechtsextremismus eine entscheidende Rolle bei der Bearbeitung, da es die Aktualität u nd den Bezug zur Gesellschaft widerspiegelt. Um das Ausmaß des Rechtsextremismus zu beschreiben, möchte ich mich an dieser Stelle zunächst an die
Verfassungsschutzberichte der letzten Jahre halten:
Gerade im vergangenen Jahr hat das Thema Rechtsextremismus erheblich an Umfang und Prägnanz in den Verfassungsschutzberichten gewonnen. Im Verfassungsschutzbericht des Jahres 2001 beginnt das Kapitel zur Entwicklung des Rechtsextremismus mit folgenden Worten: „Die Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten ist im monatlichen Vergleich 2001 rückläufig. Trotz Rückgangs des gesamten rechtsextremistischen Personenpotentials war ein Anstieg im gewaltbereiten und neonazistischen
1 HAZ vom 25.07.02, Seite 2
HAZ steht für Hannoversche Allgemeine Zeitung, im folgenden wird die
Abkürzung HAZ verwendet.
_____________________________________________________ 2. Einleitung - 6 -
Spektrum zu verzeichnen [...].“ 2 Dieses ist ein Trend, der sich beständig seit den 90er Jahren fortsetzt (s.u.). Das neonazistische Personenpotential steigt 2001 erstmals seit 1996 wieder an. Insgesamt zeigte die Neonazi-Szene 2001 stärkere Präsenz durch den „Kampf um die Straße“. „Kampf um die Straße“ ist NPD-Jargon und meint Demonstrationen. 3 Der Verfassungsschutzesbericht für das Jahr 1999 spricht von einer Zunahme der von Rechtsextremisten verübten Gewalttaten um 5,4% im Vergleich zu 1998. Außerdem soll der „als gewaltbereit eingeschätzte `harte Kern´ der Szene“ im gleichen Bezugsraum um ca. 10% zugenommen haben. 4 Dieser „harte Kern“ wächst beständig: von 1999 zu 2000 um fast 8% 5 und von 2000 zu 2001 nochmals um über 7%. 6 Für das Jahr 2000 wurde vom Bundesinnenministerium Anfang 2001 ein neuer Höchststand gemeldet. So ist die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten im Jahre 2000 um 58,9% und die der Gewalttaten um 33,8% gegenüber 1999 gestiegen. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass die registrierten Straftaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischen Hintergrund von 10.037 auf 15.951 gestiegen sind. Die Zahl der Gewalttaten stieg von 746 auf 998 an. 7 Im Jahre 2001 wurde wieder das Niveau von 1999 erreicht. Im Jahr 2000 fällt Niedersachsen mit einem Anstieg um 73% besonders auf, jedoch wurde insgesamt fast die Hälfte der Gewalttaten in Ostdeutschland begangen. Dies ist, wenn man sich vor Augen hält, dass der ostdeutsche Bevölkerungsanteil nur 21% beträgt, besonders bemerkenswert. 8 So lag die Zahl der Gewalttaten mit erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischen Hintergrund je 100.000 Einwohner im Jahre 2000 in Ostdeutschland bei 2,21 und in Westdeutschland bei 0,95. 9
2 Verfassungsschutzbericht 2001, Seite 24
3 Vgl. Verfassungsschutzbericht 2001, Seite 24 f
4 Vgl. HAZ vom 05.04.00, Seite 2
5 Vgl. Verfassungsschutzbericht 2000, Seite 21.
6 Vgl. Verfassungsschutzbericht 2001, Seite 31
7 Vgl. Verfassungsschutzbericht 2000, Seite 23 ff.
8 Vgl. HAZ vom 08.02.01, Seite 2 und Seite 5
9 Vgl. Verfassungsschutzbericht 2000, Seite 29
_____________________________________________________ 2. Einleitung - 7 -
Mecklenburg-Vorpommern
Die rechtsextremen Gewalttaten, über die in den Sommermonaten 2000 fast täglich und in den Jahren 2001 und 2002 immer noch mit einer Beständigkeit in der Presse - und nicht nur in der deutschen - berichtet wurde, geben doch immer ein besonderes Gefühl des Unverständnisses. Erklärungsansätze fallen dem Bürger jedoch spontan ein, wenn er genauer hinsieht, wo und von wem diese Taten begangen wurden - die strukturschwachen ostdeutschen Regionen belegen in der Statistik die obersten Ränge, wenn es um rechtsextreme Gewalttaten g eht. Die jeweiligen Presseartikel geben zum Teil eigene Erklärungsansätze, die einfach und einprägsam sind, denn dieses Phänomen, „...zu ``erklären´´, indem ad hoc Ursachen von Rechtsextremismus eingeführt werden...“ ist weit verbreitet. 11 So soll möglichst schnell eine Ursache-Wirkung-Beziehung hergestellt werden, die zum Verständnis beitragen soll. Da aber Erklärungsansätze auch immer einer Prognose dienen sollten, also in
10 Vgl. Verfassungsschutzbericht 2000, Seite 31
_____________________________________________________ 2. Einleitung - 8 -
weitester Form soziale Regelmäßigkeiten der Vergangenheit und Gegenwart auf die Zukunft projizieren, sollten sie näher auf ihre Anwendbarkeit als Vorhersageinstrument geprüft werden. 12
2.2 Ziel der Arbeit
Die Erklärungsansätze, die einem während der Lektüre der Zeitungen durch den Kopf schießen und welche dort eben auch schon z.T. preisgegeben werden, möchte ich verständlicher machen bzw. hinterfragen, indem ich zu den objektiven Gegebenheiten auch das Subjekt dieser Taten als solches betrachten möchte.
Zur Verwirklichung dieses Ziels scheint mir das narrative biographische Interview e in geeignetes Mittel zu sein. In dieser Interviewform setzt der Interviewte eigene Akzente und muss sein Handeln z.T. vor dem eigenen biographischen Hintergrund erklären. Diese Erklärungen sind nicht immer offenbar, sondern bedingen zumeist einer Interpretation. Auf diese Weise wird der Interviewte in seiner komplexen Persönlichkeit dargestellt und z.T. erklärt. Hiermit wird zunächst unverständliches Handeln des Interviewten (z.B. eine rechtsextreme Straftat) zumindest nachvollziehbar. So soll diese Arbeit nicht eine Theorie des Rechtsextremismus im Allgemeinen zum Ziel haben, sondern eher empirisch Wirkungszusammenhänge im „Kleinen“ darstellen, um bestimmte Ursache-Wirkung- Beziehungen zu stützen bzw. sie auf ein gewisses Fundament zu stellen. 13 Auf diese Weise können nicht nur Darstellungs- oder Erklärungsmittel erarbeitet werden, sondern es könnte evtl. sogar ein `validiertes´ Vorhersagemittel geschaffen werden. Mit
11 Vgl. Winkler 1996, Seite 27 f
12 Vgl. Winkler 1996, Seite 27
13 Es gibt auch andere Arbeiten, die einen ähnlichen Themenkomplex wie den meinigen
behandeln; zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten der jeweiligen Betrachtungen soll das
Kapitel 5 (Der Forschungsstand) Aufschluss geben. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass
die `üblichen´ Arbeiten keine `habitushermeneutische´ Interpretation (siehe Kapitel 7.2)
und Milieu-Zuordnung in dem Sinne leisten, wie es in dieser Arbeit gemacht wird
(hinausgehen über eine, auch ausführliche, Subjektbeschreibung).
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einem solchen Vorhersagemittel könnten Ansätze zur aktiven Prävention des Rechtsextremismus und seiner Entstehungsbedingungen einhergehen. Ein solches Vorhersagemittel kann jedoch leider aufgrund des bescheideneren Umfangs kein Ziel dieser Arbeit darstellen. Es soll hier lediglich angedacht bleiben, und im weiteren wird auf die Studie von Wilhelm Heitmeyer in Bielefeld verwiesen werden, der mit `problemzentrierten Interviews´ eine ganz ähnliche Erhebungsmethode gewählt hat. Heitmeyer koppelt seine qualitativen Resultate sogar eng an die Ergebnisse einer quantitativen Querschnittstudie. 14
Eine Fragestellung dieser Arbeit ist die nach der sozialen Herkunft der Jugendlichen. In diesem Zusammenhang wird auch der Habitus der `Rechtsextremen´ geklärt, und es wird der Frage nachgegangen, in wiefern man von einer Transmission (siehe auch Kapitel 4.2.2) seitens der Elterngeneration sprechen kann. Es ist ein persönliches Interesse zu ergründen, über welche Wege Jugendliche zu `Rechtsextremen´ werden. Ich möchte mit meinen Interviews so in gewisser Weise Transparenz schaffen. Es sollen der Habitus und die Herkunftsmilieus der Interviewten offen gelegt werden. Mit der `habitushermeneutischen´ Interpretation (siehe auch Kapitel 7.2) werden die Handlungsspielräume, - muster und persönliche Grenzen der Interviewten erkannt und erklärt. Ein besonderes Augenmerk soll hierbei auf die Primärsozialisation gelegt werden. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass gerade in diesem Stadium die Schienen für den weiteren Verlauf der Biographie eines Menschen gelegt werden. Zu diesem Zeitpunkt der Sozialisation werden die Prinzipien z ur Konstruktion und Bewertung der Sozialwelt im Individuum angelegt. Erik H. Erikson sagt sogar, „daß ein Kind und selbst ein Säugling - vielleicht sogar schon der Foetus - auf höchst sensible Weise das Milieu `reflektiert´, in welchem sie aufwachsen.“ 15 Bis zum fünften Lebensjahr entwickeln sich nach Erikson beim heranwachsendem Kind die drei Komponenten seiner Persönlichkeit: das Urvertrauen, die Autonomie und
14 Vgl. Heitmeyer 1993, Seite 49 ff
15 Erikson 1971, Seite 120
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die Initiative. 16 Die Empfänglichkeit für rechtextremes Gedankengut ist so auch durch die Primässozialisation vorbestimmt. Ob und wie sich diese Empfänglichkeit auswirkt wird durch andere Ereignisse (z.B. peer- group) in einen Lebenslauf bestimmt. Diese Ereignisse sollen anhand der Darstellung der `rechtsextremen Karrieren´ gezeigt werden. An dieser Stelle der Arbeit sollen die gewonnenen Ergebnisse mit anderen Ergebnissen aus dem aktuellen Forschungsstand verglichen werden. Hier wird geklärt, in wieweit sich die Herkunftsmilieus der verschiedenen Täter gleichen, evtl. sogar die selben sind. Ich möchte d urch diese Vorgehensweise sehen, ob meine dritte Hypothese, - dass es bestimmte Milieus gibt, deren Mitglieder empfänglicher für rechte Themen und Gewalt zu sein scheinen, - zutrifft. So findet meiner Meinung nach in diesen Milieus schon eine, wenn auch nur diffuse, `rechte´ Sozialisation statt. Ich gehe davon aus, dass es eine milieuspezifische Disposition zum Rechtsextremismus gibt, bzw. dass es milieuspezifische Lösungsansätze gibt, wenn es um die Bewältigung von bestimmten Problemen (des Alltags) geht. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass die rechtsextreme Gesinnung dieser Personen im weitesten Sinne eine zwingende `Wirkung´ des Habitus ist, es also keine anderen Strategien und
Handlungsmöglichkeiten für den jeweiligen sozialen Akteur gibt. Der `rechtsextreme Ausdruck´ ist nur eine der Möglichkeiten, die diesen Milieus zur Bewältigung ihrer Problem nahe steht. Nach meiner ersten Hypothese, die anhand der Interviews erprobt werden soll, stellt die `rechtsextreme Gesinnung´ eher ein Mittel zur Realitätsbewältigung dar. Sie dient also der Suche nach Sinn, Selbstbestätigung und Geborgenheit. Diese Jugendlichen erfahren solches zumeist dann durch die Gruppenzugehörigkeit. Die rechtsextreme Gesinnung hat also eine Orientierungsfunktion im Identitätsfindungsprozess während der Adoleszenzphase, oder wie Erikson es nennt, zu Zeiten der Identitätsdiffusion. 17 Diese vermittelt sich oft über die einfache Tatsache,
16 Vgl. Erikson 1971, Seite 57 ff
17 Vgl. Erikson 1971, Seite 106 ff
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dass Feindseligkeiten gegen Dritte immer die eigene Gruppe und somit auch die eigene Position stärken. 18
Der Verfassungsschutzbericht 2000 sagt über die rechts-extremistische Skinhead-Szene folgendes: „Die Szene setzt sich überwiegend aus Jugendlichen und Heranwachsenden zusammen. In ihren Cliquen verbinden sich Aggressivität und Gewaltbereitschaft mit einem meist nicht programmatisch- ideologisch geprägten, sondern eher diffusen rechtsextremistischen Weltbild, dass von fremdenfeindlichen, nationalistischen, antisemitischen und den Nationalsozialismus
verherrlichenden Einstellungen beherrscht wird.“ 19
Natürlich gibt es aber auch in der rechtsextremen Szene einen Kern, der fest hinter dem rechtsextremen Gedankengut steht. Nur erscheint mir dieser Kern der ideologisch standfesten Nationalsozialisten zahlenmäßig eher gering und im fortgeschrittenen Alter zu sein. Dieses muss leider eine Annahme bleiben, die zur Diskussion offen steht, da ich sie mit dieser Arbeit weder belegen noch widerlegen kann.
Zusammenfassend soll diese Arbeit also zeigen, welche Erfahrungen die Interviewten in ihrer Vergangenheit dementsprechend geprägt haben, dass sie die Lösung ihrer Probleme im Rechtsextremismus `sehen´. D.h. wann, wo und wie wurden die Weichen in ihrer Sozialisation in Richtung des Rechtsextremismus gestellt? Wie verläuft eine solche rechtsextreme Karriere? Kann man ihre Einstellungen und ihre Handlungsweisen im Kontext ihrer sozialen Umwelt (persönlichen Vergangenheit;
Herkunftsmilieu) evtl. verstehen (bzw. erklären)?
Es sollen also persönliche situative Handlungsmuster dargestellt und erklärt werden, der soziale Sinn der Akteure dargestellt werden (siehe Kapitel 4.1.1). Auch soll es hierbei um die Frage gehen, ob die rechtsextreme Gesinnung schon als ein System von Grenzen, das andere
18 Vgl. Hartmann 1985, Seite 106 f
19 Verfassungsschutzbericht 2000, Seite 34
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Lösungsstrategien ausschließt, fest im Habitus der interviewten Jugendlichen `verankert´ ist, oder ob sie sich in einem Stadium des Identitätsfindungsprozess befinden; und in dieser Situation, eben auch in Verbindung mit den erworbenen Dispositionen des Herkunftsmilieus, besonders anfällig für rechtsextreme Gesinnung, Handlungen und evtl.
auch Gewalt sind. So ist Verstehen im Sinne von wertfrei nachvollziehen - nicht aber gutheißen - gemeint: „Sich gedanklich an den Ort zu versetzen, den der Befragte im Sozialraum einnimmt, um ihn von diesem Punkt aus zu fordern und von dort aus sozusagen Partei für ihn zu ergreifen [...], heißt eben nicht, das Selbst auf den anderen zu projizieren [...]. Vielmehr geht es darum, ein generelles und genetisches Verständnis der Existenz des anderen anzustreben, das auf der praktischen und theoretischen Einsicht in die sozialen Bedingungen basiert, deren Produkt er ist“. 20
Ich möchte so die Handlungen und Einstellungen aus dem Blickwinkel der Betroffenen nachzeichnen um zu verstehen, um nachzuvollziehen, um evtl. andere Handlungsalternativen zu entwickeln, die Gegenmaßnahmen und ein Gegenlenken denkbar machen. Damit geht meine Arbeit über eine bloße Objektbeschreibung hinaus, indem ich die Akteure von innen, also von ihrem persönlichen Standpunkt aus, interpretiere und zeige, welchen subjektiven Nutzen sich die Jugendlichen aus ihren rechtsextremen Denk-und Handlungsweisen vor dem Hintergrund ihrer Lebensbedingungen versprechen.
Ein Vergleich mit verschiedenen Theorien zur Entstehung des deutschen Faschismus (nach Reich, Kühnl, etc.) ist in diesem Zusammenhang durchaus sinnvoll, da mit ihnen der qualitative Unterschied des heutigen Rechtsextremismus zum Dritten Reich gezeigt werden kann. Die psychologischen Theorien (besonders Wilhelm Reich und Erich Fromm) des Faschismus lassen sich mit dem Habitus-Konzept Bourdieus gut in Beziehung setzen.
20 Bourdieu 1997, Seite 786
_____________________________________________________ 2. Einleitung - 13 -
____________________________ 3. Definition und Klärung zentraler Begriffe - 14 -
3Definition und Klärung zentraler Begriffe
3.1 Rechtsextremismus
Die in dieser Arbeit vorgestellten Jugendlichen werden als rechtsextrem bezeichnet werden. So wird, wie schon der Titel dieser Arbeit aussagt, mit dem Begriff des Rechtsextremismus gearbeitet. Bei der vorbereitenden Sichtung verschiedenster Literatur, die sich mit dem rechten Spektrum allgemein beschäftigt, habe ich feststellen müssen, dass der Begriff jedoch nicht einheitlich verwendet wird. Mal wird der Begriff zur Beschreibung einer politischen Grundeinstellung verwendet; mal liegt in ihm ein Aktionismus zugrunde, der sich zu meist in Form von Gewalt äußert. Am häufigsten wird er jedoch als eine Art Symbiose beider Dimensionen verstanden und trägt so auch zu falschen Schlussfolgerungen bei, indem die Dimensionen verwischt und z.B. falsche Aspekt zu rechtsextremen Mustern hinzugezählt werden. Es werden jedoch ebenso Menschen als rechtsextrem bezeichnet, die sich zu der Wählerschaft einer rechten Partei zählen. Auch ist seine Trennschärfe zu anderen Begriffen nicht klar. Es existiert eine Vielzahl von Begriffen, die das rechte Spektrum beschreiben sollen (Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus, Rechts-Fundamentalismus, Faschismus,
Nationalsozialismus, Neonazismus, Neofaschismus, ...). Der Begriff des Rechtsextremismus wird jedoch in der Mehrzahl der Arbeiten verwendet. Er scheint viele Facetten des rechten Spektrums affektiv abzudecken, da er allgemein sprachlich am weitesten verbreitet ist. Er kann somit als eine Art Überbegriff/Sammelbegriff verstanden werden, der aber nicht undiskutiert verwendet werden sollte, da es zurzeit selbst in der wissenschaftlich Auseinandersetzung noch keinen einheitlichen Gebrauch und kein übereinstimmendes Verständnis im Umgang mit dem Begriff gibt. 21 Der Begriff des Rechtsextremismus zeigt auch besonders deutlich, dass hier von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen anerkannte
21 Vgl. Kowalsky/ Schroeder 1994, Seite 9f.
____________________________ 3. Definition und Klärung zentraler Begriffe - 15 -
„Haltungen ins Extreme gezogen werden.“ 22 Vor diesem Hintergrund halte ich es nicht nur für sinnvoll, sondern auch für dringend notwendig, den Begriff des Rechtsextremismus vor jeder sich damit befassender Arbeit zu klären, bzw. die in ihm steckenden Deutungsmuster offen zulegen.
Als eine Grundebene des Rechtsextremismus ist der „politische Extremismus“ allgemein anzusehen. Er definiert sich im Groben durch seinen normativen Gegenbegriff dem „demokratischen Verfassungsstaat“. So wendet sich der „politische Extremismus“ in erster Linie gegen den „demokratischen Verfassungsstaat“, bzw. gegen seine Werte und Normen. Zu den fundamentalen Werten des „demokratischen Verfassungsstaates“ zählen unter anderem die Gewaltenteilung, der Schutz der persönlichen Freiheitssphäre, die Verhinderung von Machtmissbrauch und
Willkürherrschaft, der Pluralismus, der Minderheitenschutz, etc. 23 Sowohl der Links- als auch der Rechtsextremis mus zeichnen sich durch Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen und zum Teil auch gegenüber bestimmten Minderheiten aus. Beiden wird eine „Bereitschaft zur gewaltsamen Durchsetzung ihrer Ziele.“ 24 zugerechnet. Linksextremisten gehen jedoch von einer absoluten Gleichheit aller Menschen aus, wobei es für Rechtsextremisten gerade um die „naturgegebene Ungleichheit der Menschen“ 25 geht. Diese Ideologie der Ungleichheit umfasst zwei
Dimensionen. Die erste zielt auf individuelle Abwertung ab. Sie umfasst rassistische und sozialdarwinistische Einordnungen und eine eugenetische Einteilung von Leben in wertvolles und unwertes Leben. Die zweite Dimension baut auf diese persönliche Abwertung auf und zielt so auf eine Ausgrenzung der Personen, bzw. Gruppen. Die Ausgrenzung soll hierbei lebenslang auf der sozialen, ökonomischen, kulturellen, rechtlichen und politischen Ebene geschehen. 26 Dementsprechend lässt sich auch der Begriff des Rassismus als Sammlung von Unterschieden zur Konstruktion
22 Leiprecht 1992, Seite 9
23 Vgl. Frindte 1995, Seite 28f.
24 Frindte 1995, Seite 29
25 Frindte 1995, Seit e 29
26 Vgl. Heitmeyer 1993, Seite 13
____________________________ 3. Definition und Klärung zentraler Begriffe - 16 -
von einheitlichen Gruppen, die es - auch mit Durchsetzung von Gewaltauszugrenzen gilt, verstehen. 27
Auf eine weitere Unterscheidung zwischen Links-und
Rechtsextremismus möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Der Rechtsextremismus mit seinen vielfältigen Definitionen soll weiter in den Fokus dieses Kapitels rücken.
Wodurch zeichnet sich also gerade der Rechtsextremismus aus? Es gibt verschiedene Ansätze, den Begriff des Rechtsextremismus zu definieren. Allen ist jedoch mehr oder weniger gemeinsam, dass sie dem Rechtsextremisten einen besonderen Hang zur Gewalt bescheinigen. Diese Gewalt äußert sich in der Regel durch fremdenfeindliche Übergriffe/Gewalttaten. In diesem Zusammenhang bleibt zu klären, was denn genau mit fremdenfeindlich gemeint ist. Ich möchte mich an die Definition des nordrhein- westfälischen Innenministeriums halten, welche in dessen Verfassungsschutzbericht 1993 veröffentlicht wurde: „Fremdenfeindliche Straftaten werden als Delikte definiert, die in ihrer Zielrichtung gegen Personen begangen werden, denen Täter (aus intoleranter Haltung heraus) aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes ein Bleibe- oder Aufenthaltsrecht in seiner Wohnumgebung oder in der gesamten Bundesrepublik Deutschland bestreiten oder gegen sonstige Personen oder Institutionen/ Objekte/ Sachen begangen werden, bei denen Täter aus fremdenfeindlichen Motiven heraus handeln.“
Ich denke, diese Definition ist allumfassend und ihr ist so in diesem Rahmen nichts hinzuzufügen.
Die Gewalt ist ein tragendes Moment für die meist jungen Rechtsextremisten. Diese Jugendlichen sind schon durch ihre Biographie
27 Vgl. Frindte 1995, Seite 31ff
____________________________ 3. Definition und Klärung zentraler Begriffe - 17 -
oft an Gewalt gewöhnt. Sie haben in ihrer Sozialisation Gewalt als „Mittel“ zur Lösung von Konflikten kennen gelernt, und so scheiden andere Lösungsalternativen für sie oft aus. „Deshalb ist Gewalt für manchen dieser Jugendlichen eher etwas Positives: Sie schafft eindeutige Situationen. Wer bei einer Prügele i gewinnt, hat Recht.“ 28 So haben sie in ihrem täglichen Kampf ums Dasein früh gelernt, dass Gewalt `Recht und Gerechtigkeit´ schaffen kann. Für sie gibt es selten eine Alternative, wenn sie in ihrer Umwelt bestehen wollen. Mit der rechtsextremen Gesinnung ist also zumindest eine Gewaltakzeptanz eng verbunden. Gewalt dient auch als Mittel, die eigenen Ideologien, die dieser Gesinnung zugrunde liegen, zu verteidigen bzw. zu rechtfertigen.
Nach Wilhelm Heitmeyer, der sich ausführlich mit rechtsextremen Jugendlichen beschäftigt hat, führt sogar ein direkter Weg aus der Ideologie der Ungleichheit der Menschen über die Gewaltakzeptanz zur Gewaltausübung. Er geht davon aus, dass die Ideologie der Ungleichheit der Menschen für die jeweiligen Verfechter eine derart starke „sinnhafte Überzeugung“ darstellt, „die (unbedingt) der Durchsetzung bedarf“. So führt für Heitmeyer der Weg zur Durchsetzung aufgrund der „strukturellen gewalthaltigen `Aufladung´“ dieser Ideologie direkt zur Gewaltakzeptanz und zum Aktivwerden mittels Gewalt. 29
Ich habe bisher also drei zentrale Eigenheiten des Rechtsextremismus erläutert: die Ablehnung des Verfassungsstaates (es wird ein autoritäres Staatsbild verfolgt), die (zumindest) Gewaltakzeptanz und die Ideologie der Ungleichheit. Diese drei Punkte finden sich in fast allen Definitionen des Rechtsextremismus wieder. Diese unterscheiden sich jedoch in ihre jeweiligen Gewichtung.
28 Schröder 1992, Seite 42
29 Vgl. Heitmeyer 1993, Seite 14
____________________________ 3. Definition und Klärung zentraler Begriffe - 18 -
3.2Faschismus
Kurze Klärung des Begriffs des Faschismus:
1) Laut Duden: Eine nach dem Führerprinzip organisierte, nationalistische, antiliberale und antikommunistische Bewegung.
2) Faschismus kommt von dem lateinischen Wort fascio = Bund, Verein daraus folgt: Faschisten = Bündler
3) Symptomatisch für faschistische Systeme:
• prokapitalistische Funktionen
• Symbiose zwischen faschistischer Partei und Wirtschaft,
Bürokratie und Armee
• Verselbständigung der Exekutiven mit allgemeinen Zielsetzungen
und propagandistischen Rechtfertigungen
„Faschismus bedeutet in den Worten des Politologen Reinhard Kühnl `die radikale Negation jeglicher Humanität´.“ 30 Der Faschismus strebt die Vernichtung der politischen Rechte, also des Rechtsstaats an. Er hat gerade in Deutschland enge historische Bezugspunkte und vertritt Ansichten, die auch das Thema Rechtextremismus beinhaltet. Der deutsche Faschismus muss als besondere (und besonders grausame) Variante angesehen werden. Heutige Rechtsextremisten verteidigen oft Geschehnisse und Praktiken des deutschen Faschismus (Neonazis). Es findet eine oberflächliche Identifikation statt. Oft ohne fundiertes historisches Wissen, was sich auch bei den vorliegenden Interviews deutlich zeigt. Als Neofaschist werden Akteure verstanden, die eine Staatsrevolution zur „Wiederherstellung faschistischer Herrschaft fordern.“ 31 Die Neofaschisten stehen für das faschistische (Werte- ) System
30 Leiprecht 1992, Seite 10
31 DGB-Bundesvorstand Abteilung Jugend (1982) zitiert in Leiprecht 1992, Seite 11
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ein, lehnen aber in der Regel den geschichtlichen deutschen Sonderweg mit seinem Antisemitismus weitgehend ab.
_________________________________ 4. Der theoretische Rahmen der Arbeit - 20 -
4Der theoretische Rahmen der Arbeit
Im folgendem werde ich mich der Theorie von Pierre Bourdieu widmen, und anschließend werde ich die sozialen Milieus Deutschlands darstellen, wobei ich mich hierbei auf das Milieu-Konzept von Vester u.a. stützen möchte. 32 Die Theorie Pierre Bourdieus ist elementar zum Verständnis meiner Arbeit, da sich meine Interpretationen, Darstellungen und Zuordnungen der interviewten Personen auf das Habituskonzept und den sozialen Raum, so wie Bourdieu beides versteht, beziehen. Vorweg möchte ich jedoch ganz kurz den Lebensweg von Pierre Bourdieu anhand der wesentlichen Stationen nachzeichnen.
4.1 Pierre Bourdieu
Am 01. August 1930 wird Pierre
Bourdieu in Denguin, Pyrénées Atlantiques, geboren. Seine intellektuelle Laufbahn lässt ihn kontinuierlich nach oben steigen. Sie beginnt 1948 an der Lycée Louis- le-Grand in Paris, danach besucht er die Eliteschule Supérieure. In den Jahren von 1958 bis 1960 lebt Bourdieu in Algier und ist dort als Assistent an der Faculté des lettres tätig. 1964 wird er
Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Soziales. Dann kommt 1982 die Berufung an das Collège de France und 11 Jahre später die höchste französische akademische Auszeichnung, die Médaille d’or des Centre National de Recherche Scientifique. Zu seinen berühmtesten Werken gehören die Bücher „La distinction“ von 1979 und „Le sens pratique“ von 1980.
32 Vgl. Vester 1993
_________________________________ 4. Der theoretische Rahmen der Arbeit - 21 -
Bourdieus politisches Engagement der 90ger Jahre zielt darauf ab, mit der „Internationalen der Intellektuellen“ einen Gegenpol zur Globalisierung und zur Macht der Finanzmärkte zu gründen. Außerdem möchte er mit der Versammlung der „Sozialstände in Europa“ den europäische Einigungsprozess kontrollieren und begleiten.
Am 23. Januar 2002 stirbt Pierre Bourdieu in Paris. 33
4.1.1 Der Habitus
Da der Habitus „das zentrale Konzept“ 34 innerhalb der Soziologie Bourdieus ist, habe ich die Beschreibung der Habitustheorie vorangestellt. Weitere „theoretische Begriffe und Modelle der Bourdieuschen Soziologie“ 35 (soziale Klasse, sozialer Raum und die Kapitalsorten) werden der Anschaulichkeit halber je einzeln im Folgenden erläutert. Das diese Teilaspekte der Bourdieuschen Theorie sich wechselseitig bedingen, ergänzen und bei der Betrachtung eines sozialen Akteurs immer im ganzen gedacht werden sollten, wird im praktischen Teil (Kapitel 9) der Arbeit deutlich werden.
Der Begriff des Habitus von Bourdieu war in der Soziologie nicht neu, auch Hegel, Husserl Weber, Maus, Geiger und Durkheim haben schon damit gearbeitet. Und neben Bourdieu hat auch Elias ein Habitus-Konzept entwickelt. Doch bei Bourdieu spielt dieses Konzept eine besonders zentrale Rolle, da er damit im Wesentlichen seine „Theorie der Praxis“ begründet. Die `Theorie der Praxis´ soll den Dualismus zwischen Subjektivismus und Objektivismus überwinden helfen. Der Habitus als zentraler Punkt der `Theorie der Praxis´ „nimmt gleichsam eine Mittel-Position zwischen der individualpsychologischen Tiefenstruktur einerseits und dem kognitivistischen- universalistischen Ideensystem andererseits
33 Vgl.: http://www.suhrkamp.de/autoren/bourdieu/bourdieubio.htm
34 Schwingel 1995, Seite 56
35 Schwingel 1995, Seite 15
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ein“. 36 So kommt Bourdieu mit dem Habitus zu einer praxeologischen Erkenntnisweise, die, wie Geigers Mentalitätsbegriff auch, die „geistigseelische Disposition und unmittelbare Prägung des Menschen durch seine soziale Lebenswelt und die von ihr ausstrahlenden, an ihr gemachten Lebenserfahrungen und [...] Lebens- und Weltdeutungen oder auch Gedankengefüge“ 37 zusammenfasst. Bourdieu will hiermit den, seiner Meinung nach, „künstlich(en) [... ,] „grundlegendste(n) und verderblichste(n)“ 38 Gegensatz zwischen Subjektivismus und
Objektivismus überwinden und das Nützliche beider Erkenntnisweisen zur Erklärung der Praxisformen sozialer Akteure heranziehen. Somit begründet der Habitus eine „Theorie des Erzeugungsmodus der Praxisformen“. 39
Bourdieu verbindet sein Habitus-Konzept „mit dem Modell des sozialen Raums“ 40 . Durch empirische Forschung hat er drei wesendliche Grundtypen des Habitus gefunden, die sich im Modell des sozialen Raums (s.u.) von einander trennen lassen: Im unterem Sektor des Raumes findet er den Habitus der Notwendigkeit, im mittlerem Sektor den Habitus der Prätention und im oberem Sektor den elitären Habitus der Distinktion. Anhand dieses Modells kann man sozialen Milieus (s.u.) bestimmte Habitus zuweisen, bzw. diese empirisch ermitteln.
Nun möchte ich erklären, was Bourdieu unter dem Begriff des Habitus versteht und wie der Habitus entsteht. Der Habitus ist ein Dispositionssystem sozialer Akteure. 41 Dieses System ist ein dauerhaftes, welches zum einen als strukturierte Struktur, zum anderen aber auch als strukturierende Struktur wirkt. Es ist also ein „Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen“ 42 sozialer Akteure. Mit strukturierter Struktur meint Bourdieu, dass jeder soziale Akteur
36 Vester 1993, Seite 193
37 Vester 1993, Seite 191
38 Schwingel 1995, Seite 35
39 Schwingel 1995, Seite 54
40 Vester 1993, Seite 193
41 Vgl. Schwingel 1995, Seite 53
42 Schwingel 1995, Seite 55
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„gesellschaftlich prädeterminiert ist“. 43 Der eigene Wille lenkt den Akteur also nicht einzig, sondern seine persönliche (vergessene) Geschichte nimmt a uch Einfluss auf seine Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata. Somit ist der „Habitus [...] also gesellschaftlich - und damit zugleich historisch - begingt, d.h., er ist nicht angeboren, sonder beruht auf (individuellen und kollektiven) Erfahrungen“. 44 Der Habitus bietet dem sozialen Akteur ein Orientierungswerkzeug innerhalb er sich in der sozialen Welt sicher bewegen kann. Dieses Orientierungswerkzeug hilft dem sozialen Akteur, Situationen einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Dieses kann als eine Art Instinkt verstanden werden, den „Bourdieu als den sozialen Sinn („le sens pratique“) bezeichnet“ 45 (s.u.).
Der Habitus ist, da er, wie oben dargestellt, als vergessene Geschichte anzusehen ist, klassenspezifischen Faktoren unterworfen. In seiner Genese ist der Habitus von der jeweils vorgefundenen Sozialstruktur, bzw. Stellung im sozialen Raum, determiniert. Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von einer sozialen Konditionierung durch die Klassenlage. 46 „Die Konditionierung, die mit einer bestimmten Klasse von Existenzbedingungen verknüpft sind, erzeugen die Habitusformen als System dauerhafter und übertragbaren Dispositionen [...].“ 47 Somit ist der Habitus also ein Produkt der Geschichte und immer geprägt durch die Umstände seiner Entstehung. Die vom Habitus produzierten Praktiken sind so eng an die jeweilige Klassenlage der Familie in seiner frühen Genese gebunden. Durch die Inkorporierung der materiellen, kulturellen und sozialen Existenzbedingung seiner frühen Genese ist der Habitus aber auc h durch ein System von Grenzen bestimmt; „[...], d.h. kontingente soziokulturelle Verhältnisse werden im Zuge der habituellen Inkorporation zu etwas Selbstverständlichem“. 48 Diese Grenzen wirken als „aktive
43 Schwingel 1995, Seite 55
44 Schwingel 1995, Seite 56
45 Schwingel 1995, Seite 57
46 Vgl. Bourdieu 1982, Seite 174 f
47 Bourdieu 1987, Seite 98
48 Schwingel 1995, Seite 62
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Präsenz früherer Erfahrungen“ 49 und bestimmen „die Art und Weise der Ausführung von Praktiken“ 50 durch den sozialen Akteur. Die Inkorporation ist eine „Verinnerlichung der Äußerlichkeit“ 51 der Vergangenheit, wobei die spezifische Logik der einverleibten `Organismen´ weiter existiert und „dauerhaft, systematisch und nicht mechanisch“ 52 auf den Habitus wirkt (ihn auch verändern kann). So sind die Praxisformen durch die Entstehungsgeschichte des Habitus bestimmt, nicht aber die Praktiken an sich. Der soziale Akteur kann innerhalb seiner Grenzen durchaus erfinderisch tätig sein und individuelle Praxisformen ausbilden, die nicht vorhersehbar sind. Es öffnet sich also innerhalb der Grenzen ein Feld von Möglichkeiten für den Akteur. Man kann hierbei vom eigenen Stil sprechen.
Trotzdem ist in jeder Klasse eine bestimmte Homogenität der Habitusformen anzutreffen: „In Wirklichkeit jedoch werden die besonderen Habitusformen der verschiedenen Mitglieder derselben Klasse durch ein Verhältnis der Homologie vereinheitlicht [...].“ 53 Bourdieu nennt dieses auch „die Homologie der Räume“ (siehe auch Kapitel 4.1.3.3) und meint damit, dass es klassenspezifische Praktiken gibt, die auch schon durch die unterschiedliche Kapitalstruktur im sozialen Raum gegeben sind. 54 Ein Ergebnis ist auch der durch die Art der Reproduktion geschaffene Stabilisierung der sozialen Strukturen. Es ist
wahrscheinlicher, dass Mitglieder der selben Klasse ähnliche Erfahrungen machen, die den Habitus prägen. Auf diese Weise konditioniert der Habitus den sozialen Akteur auf die eigene Klasse. Diese äußert sich auch durch ein unbewusstes „Meidungsverhalten“, welches den „Habitus alle Erfahrungen zu bevorzugen sucht, die dazu taugen, ihn zu verstärken“ 55 und andere eben meidet.
49 Bourdieu 1987, Seite 101
50 Schwingel 1995, Seite 65
51 Bourdieu 1987, Seite 102
52 Bourdieu 1987, Seite 102
53 Bourdieu 1987, Seite 113
54 Vgl. Bourdieu 1982, Seite 286 ff
55 Bourdieu 1987, Seite 114
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Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Habitusform eines sozialen Akteurs in seinem „roten Faden“ einer Art Idealtyp seiner zugehörigen Klasse gleicht. Diese Homologie der Habitusformen innerhalb der Klassen lässt sich durch die in ihr ähnlichen Lageressourcen (Kapitalsorte und - verteilung s.u.) und durch ähnliche Lageerfahrungen (soziale Laufbahn) erklären. So bildet sich auch über die klassenspezifische Verteilung der Ressourcen und sozialen Erfahrungen der klassenspezifische Habitus aus, der wiederum klassenspezifische Geschmacksformen und Arten der Lebensführung hervorbringt (Raum der Lebensstile, siehe auch Kapitel „Der soziale Raum“ 4.1.3). 56 Hierbei spielt der Hysteresis- Effekt, der Verharrungseffekt, des Habitus auch eine Rolle. Der Habitus ist immer konditioniert von einen frühen
Entstehungsbedingungen, er kann sich so schlecht n euen Bedingungen, geschaffen z.B. durch einen sozialen Aufstieg, anpassen. Dem Habitus haftet in der neuen Umgebung, repräsentiert durch die anderen sozialen Akteure, die in der neuen sozialen Position schon länger beheimatet sind, immer etwas fremdes an, womit der Träger immer wieder an seine Herkunft erinnert.
Dennoch ist der Habitus nicht starr, sondern „in unaufhörlichem Wandel begriffen“ 57 , da die sich täglich vollziehende Sozialisation des Akteurs immer wieder auf den Habitus wirkt.
Anschließend möchte ich noch kurz auf den sprachlichen Ursprung des Wortes Habitus eingehen. Der Begriff Habitus kommt aus dem Lateinischem und bedeutet laut Duden: Erscheinung, Haltung [...], Besonderheiten im Erscheinungsbild eines Menschen. Auch der Begriff Habitus, wie ihn Bourdieu verwendet, ist auf die körperliche Hexis (Beschaffenheit) bezogen, da, nach Bourdieu, der Habitus auf die Körperhaltung Einfluss nimmt und selbst die Art zu sprechen beeinflusst. 58
56 Vgl. Bourdieu 1982, Seite 277 ff und Bourdieu 1987, Seite 97 ff
57 Schwingel 1995, Seite 60
58 Vgl. Schwingel 1995, Seite 58
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Die Habitustheorie kann uns später, wenn es um Aussagen zu den interviewten Jugendlichen geht, helfen, da sie den Schematismus des sozialen Sinns der Jugendlichen offen legen kann. Ihr sozialer Sinn ist praktisch ihr `Instinkt´, der es ihnen ermöglicht, auch auf ungewisse Situationen und Mehrdeutigkeiten in der Praxis sicher reagieren zu können. 59 So können wir später den allgemeinen Orientierungssinn der Jugendlichen in ihrer eigenen sozialen Umwelt und damit auch ihren moralischen Sinn verstehen lernen. Mit dem moralischem Sinn meine ich die Art und Weise, mit der s ie ihr eigenes Handeln von sich selber vertreten, also ihre eigene moralische Instanz, vor der sie sich bewähren müssen.
4.1.2 Die sozialen Klassen
Bourdieus Klassenkonzept steht in der Tradition „der theoretischen Konzeptualisierung und empirischen Ana lyse sozialer Ungleichheits-Verhältnisse.“ 60 Er verbindet allerdings zwei unterschiedliche
Theorietraditionen. Zum einen greift Bourdieu auf die Klassentheorie von Karl Marx zurück, die die Klassen über den Zugang zu den Produktionsmitteln definiert. Zum anderen greift er die Schichtungstheorie von Max Weber auf, die zusätzlich den Stand einführt. Die unterschiedlichen Stände zeichnen sich durch die für sie eigenen Formen der Lebensführung aus. Die beiden Theorien kann man in dieser Reihenfolge dem Objektivismus und dem Subjektivismus zuordnen. Bourdieu versucht auch (s.o.) hierbei, den inhärenten Dualismus beider Strömungen zu überwinden, indem er die jeweiligen Vorteile in seiner Konstruktion des sozialen Raums verbindet (siehe hierzu auch Kapitel „Der soziale Raum“ 4.1.3).
59 Vgl. Bourdieu 1987, Seite 190 f
60 Schwingel 1995, Seite 100
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Als ein Ergebnis der empirischen Forschung zu den „feinen Unterschieden“ 61 ist Bourdieus mehrdimensionales Klassenkonzept anzusehen. Die beschriebenen Theorien von Marx und Weber sind eindimensionale vertikale Systeme. Auch Bourdieu begreift die Klassen durch eine vertikale Hierarchie, doch spaltet er die gefundenen drei großen sozialen Klassen zu Klassenfraktionen auf, die sich wiederum horizontal verteilen. Die horizontale Verteilung innerhalb dieser Klassen ist durch die Verteilung der verschiedenen Kapitalsorten (s.u.) bestimmt.
Für Bourdieu sind die Klassen horizontal heterogen: „Eine soziale Klasse ist definiert weder durch ein Merkmal (nicht einmal das am stärksten determinierende wie Umfang und Struktur des Kapitals), noch durch eine Summe von Merkmalen (Geschlecht, Alter, soziale und ethnische Herkunft - z.B. Anteil von Weißen und Schwarzen, von Einheimischen und Immigranten, etc. - Einkommen, Ausbildungsniveau, etc.), noch auch durch eine Kette von Merkmalen, welche von einem Hauptmerkmal (der Stellung innerhalb der Produktionsverhältnisse) kausal abgeleitet sind. Eine soziale Klasse ist vielmehr definiert durch die Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen [...].“ 62 Hier wird deutlich, dass die Klassen, wie Bourdieu sie versteht, vielschichtiger sind. Sie bilden sich nicht allein durch ein Merkmal, wie z.B. das Kapitalvolumen. Das Kapitalvolumen und die Struktur des Kapitals zählt Bourdieu jedoch zu den einflussreichsten Merkmalen, und spricht diesem Faktor das größte funktionale Gewicht zu. 63 „Umfang und Struktur des Kapitals verleihen in diesem Sinne den von den übrigen Faktoren (Alter, Geschlecht, Wohnort etc.) abhängigen Praktiken erst ihre spezifische Form und Geltung.“ 64 Dieses wird deutlich, wenn man sich die Bildungsbeflissenheit von Teilen der Mittelschicht ansieht und erkennt, dass sie aus dem Gefühl eines Mangels entsteht. Die Bildungsbeflissenheit ist hier eine Strategie, um ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber der Oberklasse im kulturellem Kapital auszugleichen.
61 Vgl. Bourdieu 1982
62 Bourdieu 1982, Seite 182
63 Vgl. Bourdieu 1982, Seite 184 f
64 Bourdieu 1982, Seite 185
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Obwohl die Klassen für Bourdieu also durch eine interne Heterogenität bestimmt sind, wirken sie nach außen jedoch weitgehend geschlossen, da sie sich relational zu anderen Klassen unterscheiden. Eine soziale Klasse ist auch in ihrer Abgrenzung zu anderen Klassen erkennbar; sie definiert sich durch das, was sie darstellt und durch das, was sie ablehnt, was ihr also fremd ist. Es gibt objektive
Unterscheidungsmerkmale und inkorporierte Klassifikationsschemata, die in der alltäglichen Praxis die sozialen Akteure spalten.
Bourdieu hat in seiner empirischen Untersuchung zu den „feinen Unterschieden“ 65 drei große soziale Klassen unterschieden. Er nennt zu erst die Oberklasse mit ihrem Sinn für Distinktion, als Zweites die Mittelklasse, die sich durch Bildungsbeflissenheit auszeichnet und zu letzt die Unterklasse mit dem Habitus der Notwendigkeit. So sind wesentliche Züge des Klassenhabitus genannt; Bourdieu unterscheidet die Klassen aber auch nach jeweils unterschiedlichem Geschmack und verschiedenen Strategien, die sich aus der unterschiedlichen Verteilung der Kapitalsorten und dem jeweils verschiedenen Kapitalvolumen ergeben.
Wie schon erwähnt sind die Klassen nicht homogen. Sie unterscheiden sich innerhalb durch eine unterschiedliche Kapitalverteilung und durch unterschiedliche Lebensstile. Bourdieu unterteilt deswegen die drei großen Klassen in weitere Klassenfraktionen.
Die Oberklasse trennt Bourdieu in die herrschende und die beherrschte Fraktion. Die herrschende Fraktion zeichnet sich durch ein `Mehr´ an ökonomischem Kapital in Relation zum kulturellem Kapital aus (s. auch Kapitel „Die Kapitalarten“). Zu dieser Fraktion zählt Bourdieu z.B. die Unternehmer. Die relationale Verteilung der Kapitalsorten ist bei der beherrschten Fraktion der Oberklasse genau umgekehrt. Zu dieser Fraktion zählt Bourdieu auch sich als Intellektuellen.
65 Bourdieu 1982
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Der Mittelklasse (Kleinbürgertum) spricht Bourdieu die größte Mobilität im sozialen Raum zu. Die Mobilität kann man auch als ein Art Unbestimmtheit begreifen, denn die Mittelklasse ist sowohl Attraktions(Aufstieg) als auch Repulsionskräften (Abstieg) ausgesetzt. Bourdieu unterteilt die Mittelklasse dementsprechend auch in drei Fraktionen, die der Bewegung im sozialem Raum entsprechen: absteigendes Kleinbürgertum (z.B. Handwerker und kleine Händler), exekutives Kleinbürgertum (z.B. Angestellte) und neues Kleinbürgertum (meist neue Berufsfelder z.B. in Mode, Werbung und Handel).
Die Unterklasse (Volksklasse) wird von Bourdieu in keine weiteren Fraktionen aufgeteilt. Bezeichnend ist, dass der Habitus und der Geschmack dieser Klasse nach Bourdieu zu einem großen Teil aus dem Mangel am Notwendigen des Lebens entsteht.
4.1.3 Der soziale Raum
Das Modell des sozialen Raums ist ein Ergebnis der empirischen Untersuchung Bourdieus der Nachkriegsgesellschaft (60er - 70er Jahre) in Frankreich. Es ist der Versuch, die soziale Welt einer modernen Klassengesellschaft bzw. die Klassenverhältnisse analytisch darzustellen. Diese Analyse ist detailliert in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“, erschienen als deutsche Übersetzung bei Suhrkamp 1982, dargestellt. Auch wenn sich die Analyse der französischen Gesellschaft widmet, hat sie „in strukturtheoretischer Hinsicht Gültigkeit für alle Klassengesellschaften“. 66
Bourdieu will den vorherrschenden Dualismus innerhalb der empirischen Sozialforschung zwischen Objektivismus und Subjektivismus überwinden. Seiner Meinung nach „sind die meisten empirischen Sozialforscher häufig explizit oder implizit bereit, eine Theorie zu akzeptieren, in der die Klassen auf bloß hierarchisch gestaffelte, nicht aber
66 Schwingel 1995, Seite 102
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antagonistische `Schichten´ reduziert sind [...]. 67 Den Gegensatz bildet der Subjektivismus (Schichttheorie), welchen er eher dem Theoretiker als dem praktischen Forscher (Empiriker) zu spricht. Bourdieu h at nun aber ein Modell des sozialen Raumes geschaffen, welches „eine integrierende Analyse der unterschiedlichen, von Klassen- und Schichtungstheorien thematisierten Formen sozialer Ungleichheit ermöglichen soll.“ 68
Der soziale Raum besteht aus zwei Sub- Rä umen, die sich homolog zu einander verhalten, dem der sozialen Positionen und dem der Lebensstile. Im folgendem werde ich die beiden Räume darlegen und anschließend die Homologie zwischen ihnen erklären.
4.1.3.1 Der Raum der sozialen Positionen
Der Raum der sozialen Positionen ist konstruiert durch das Kapitalvolumen, die Kapitalstruktur und die soziale Laufbahn. Der Raum ist wie ein Koordinatensystem aufgespannt, wobei das Kapitalvolumen die y- Achse und die Kapitalstruktur die x- Achse bilden. Die soziale Laufbahn muss man sich als Vektor vorstellen. Hiermit soll ein sozialer Auf- oder Abstieg einer sozialen Klasse oder einer Klassenfraktion dargestellt werden. Das Kapitalvolumen setzt sich aus der Menge des ökonomischen, des kulturellen und des sozialen Kapitals (s.u.) zusammen. Es ist so eine einfache Summe der in der Untersuchung festgestellten Kapitalsorten. Die Kapitalstruktur berücksichtigt das relationale Verhältnis der gewichtigsten Kapitalsorten. Es zeichnet auf der x - Achse die Verteilung von ökonomischem zu kulturellem Kapital auf. Das soziale Kapital spielt hierbei eine eher untergeordnete Rolle. Es ergibt sich so folgendes Koordinatensystem:
67 Bourdieu 1982, Seite 380
68 Schwingel 1995, Seite 102
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kulturellesKapital (+)
ökonomisches Kapital (-)
Dementsprechend findet man z.B. einen Hochschullehrer in diesem Raum eher im oberen, linken Quadranten, einen Unternehmer eher im oberen, rechten und einen Arbeiter eher im unteren, rechten Quadranten. Bei dieser Einordnung wird schon deutlich, warum man die vertikale Achse (y) auch als Herrschaftsachse bezeichnet, wobei die herrschende Fraktion der Oberklasse (s.o.) im oberen, rechten Quadranten anzufinden ist. Diese Positionierung ergibt sich daraus, dass in den heutigen Klassengesellschaften immer noch das ökonomische Kapital das bedeutendere Machtmittel ist. Somit zeigt die Herrschaftsachse auch die unterschiedlichen Chancen der jeweiligen sozialen Akteure an, da mit zunehmendem Kapitalvolumen die Summe der sozial anerkannten Machtmittel ebenfalls steigt. Hier ist eine `Chancen- Ungleichheit´ manifestiert, welche sich bei Bildungsaufsteigern laut Bourdieu immer wieder zeigt. 69
Die soziale Position ist sozialstatistisch erfassbar, da sie sich aus den jeweiligen objektiven ökonomischen, kulturellen und sozialen
69 Diese soll an dieser Stelle nur kurz angesprochen sein. Weiteres dazu findet sich bei
Bourdieu in „Die feinen Unterschiede“ im Kapitel 6. Hier beschreibt Bourdieu die
Bildungsbeflissenheit mancher Teile der Mittels chicht und zeigt auf, warum sie trotz des
Akkumulierens von kulturellen Kapitals nie wirklich ganz (von oben anerkannt) aufsteigen
können.
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Bedingungslagen einer Gruppe oder eines sozialen Akteurs zusammensetzt. Sie ähnelt einer Momentaufnahme, die, durch die soziale Laufbahn ergänzt, etwas an Dynamik gewinnt. Diesen Teil des sozialen Raums könnte man dem Objektivismus (Strukturalismus) zuordnen.
4.1.3.2 Der Raum der Lebensstile
Der Raum der Lebensstile ist für Bourdieu „die repräsentierte soziale Welt“ 70 , denn hier werden die „klassifizierbaren Formen der Praxis und Produkte“ 71 sichtbar. Dieser Teil des sozialen Raums liegt dem eher subjektivistischen Begriff des Standes, wie Max Weber (s.o.) ihn beschrieb, näher. Denn der „Begriff des Lebensstils [...] zielt auf [...] die symbolischen Merkmale der Lebensführung, die sich nicht allein aus der objektiven Verfügung ökonomischen und kulturelle Ressourcen [...], sondern aus [...] `subjektiven´ - Wahrnehmungen, ästhetischen Wertschätzungen und Wahlpräferenzen erklären.“ 72 Hier werden „bevorzugte Nahrungsmittel, Musik, Automobile, Literatur,
Wohnverhältnisse, Sportarten usw.“ 73 statistisch und qualitativ gesammelt und sozialen Akteuren und damit Positionen im sozialen Raum zugeordnet. Hierbei wird deutlich, dass zu bestimmte sozialen Positionen auch bestimmte Lebensstile passen. Hier spricht man von der Homologie der beiden Räume.
4.1.3.3 Die Homologie der Räume
Die beiden beschriebenen Räume kann man sich auch als zwei Folien vorstellen, die nahezu deckungsgleich übereinander passen. Dieses ist die oben genannte Homologie der beiden Räume. So kann man einer bestimmten sozialen Position einen bestimmten Geschmack zuordnen.
70 Bourdieu 1982, Seite 278
71 Bourdieu 1982, Seite 278
72 Schwingel 1995, Seite 107
73 Schwingel 1995, Seite 107 f
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