INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG 1
1. ENTWICKLUNGPOLITIK IM WANDEL
1.1. Entwicklung als Wachstumsprozess 5
1.2. Entwicklung als Ausdruck der Unabhä ngigkeit 7
1.3. Die Neue Weltwirtschaftsordnung im Kontext der allgemeinen 9
Entwicklungsproblematik
1.4. Dependenztheorien der 1970er Jahre 10
1.5. Das „Metropolen-Satelliten-Modell“ von André Gunder Frank 11
1.6. Entwicklung als Strukturanpassungsprozess 12
1.7. Dissoziation und autozentrierte Entwicklung nach Senghaas 15
1.8. Das Scheitern der „großen Theorien“ 16
1.9. Entwicklung durch Nachhaltigkeit und Armutsbekämpfung 17
1.10. Resumee: Neoliberalismus als neues Entwicklungsparadigma 20
2. GLOBALISIERUNG ALS „EINE CHANCE FÜR ENTWICKUNGSLÄNDER“
2.1. Globalisierung: Dimensionen eines Begriffes 22
2.2. Historischer Hintergrund der Globalisierung 23
2.3. Die Integration der Entwicklungsländer 25
in den Globalisierungsprozess
2.4. Probleme der Entwicklungsländer im Zuge 30
der ökonomischen Globalisierung
2.4.1. Protektionismus versus Freihandel 30
2.4.2. Die Rohstoff-Falle 31
2.4.3. Die Schuldenfalle und der liberalisierte Kapitalmarkt 33
3. DIE SCHIEDSRICHTER AUF DEM WELTMARKT: IWF, WELTBANK
UND WTO
3.1. Der IWF als finanzieller und ordnungspolitischer Akteur 35
3.2. Die Weltbankgruppe als „Entwicklungshelfer“ 37
3.3. Die Welthandelsorganisation als Vorreiter des Freihandels 39
3.4. Die internationalen Organisationen in der Kritik 40
4. CHANCEN UND PROBLEME FÜR ÄGYPTEN IM ZUGE DER
ÖKONOMISCHEN GLOBALISIERUNG
4.1. Länderprofil 44
4.1.2. Historische Grundlagen von Entwicklung und Unterentwicklung 45
2
4.2. Entwicklungsstrategien und politische Entwicklung
4.2.1. Arabischer Sozialismus unter Nasser 46
4.2.2. „Politik der Öffnung“ unter Sadat
4.2.3. Öffnungspolitik unter Mubarak
4.2.4. Neoliberalismus als neue Entwicklungsstrategie 55
4.3. Ägypten im Prozess der ökonomischen Globalisierung
4.3.1 Die Transformation der ägyptischen Wirtschaft seit 1991 56
4.3.3. Liberalisierung des Finanzmarktes
4.3.4. Handelsliberalisierunge n und internationale Kooperationen 59
4.4. Ergebnisse des Transformationsprozesses
4.4.1. Gesamtwirtschaftliche Entwicklung 62
4.4.2. Die Entwicklung der ägyptischen Außenwirtschaft 65
4.4.2.1. Außenhandelsentwicklung
4.4.2.2. Auslandsinvestitionen
4.4.2.3. Auslandsverschuldung 70
4.5. Soziale Folgen der Globalisierung 71
4.6. Konfliktpräventionen und blockierte Demokratie
4.6.1. Islamischer Fundamentalismus in Ägypten 75
4.6.2. Der schwierige Weg zur Demokratie 76
4.7. Resumee: Ägypten zwischen Krise und Integrationschance 79
5. SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK 82
6. LITERATURVERZEICHNIS
3
Einleitung
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die weltwirtschaftliche Verflechtung und der Freihandel ständig vorangetrieben worden. Der Startschuss hierfür war die Bretton-Wood-Konferenz von 1944, als der Internationale Währungsfonds und die Weltbank gegründet wurden. 1 Drei Jahre später wurde das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT gegründet, mit dem zahlreiche Senkungen von Zöllen und die Schaffung von Freihandelzonen verabschiedet wurden. Am Ende der bisher längsten Runde, der “Uruguay-Runde”, wurde 1995 als Nachfolgeinstitution des GATT die World Trade Organisation (WTO) gegründet. 2 Die Liberalisierung der Finanzmärkte, neue Verkehrs- und Kommunikationstechniken, kommen als Komponente der sich vernetzenden internationalen Märkte hinzu und erleichtern den weltweiten Austausch von Gütern jeglicher Art. Diese globale Entwicklung soll den kriegerischen Nationalismus der einzelnen Länder überwinden und vor allem alle Nationen, die am Prozess der Globalisierung beteiligt sind, zu mehr Wohlstand verhelfen. 3
„Vom Freihandel profitieren alle, besonders die Länder der Dritten Welt. Die Globalisierung bringt Wohlstand, Entwicklung und sozialen Fortschritt“ 4 , heißt es in der Frankfurter Allgemeinen im Oktober 2001, in der auch Mike Moore, der Chef der Welthandelsorganisation mit den Worten zitiert wird: „Die Liberalisierung der Wirtschaft dient dem Wohle aller Menschen überall auf der Welt.“ 5
Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Globalisierungskritikern, die spätestens seit der Welthandelsrunde in Seattle 1999 gegen die gegenwärtige Form des Freihandels protestieren. 6 „Eine andere Welt ist möglich!“ oder „Globalisierung von unten - entwaffnet die Finanzmärkte“ 7 sind die Leitsprüche der Nicht-Regierungs-Organisation ATTAC , der weltweit größte Zusammenschluss aus Globalisierungskritikern.
Das Wort Globalisierung wird demnach mit Hoffnungen und Ängsten bzw. Chancen und Probleme verbunden. Vor allem Entwicklungsländer spielen bei der Globalisierungsdiskussion eine erhebliche Rolle, da sie häufig als „Globalisierungsverlierer“ bezeichnet
1 Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags (2002), S.50
2 Windfuhr, M. (2002), S.890
3 Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags (2002), S.50
4 Frankfurter Allgemeine (2001), S.38
5 Frankfurter Allgemeine (2001), S.38
6 Leininger, J. (2002), S.339
7 Grefe, C./ Greffrath, M./ Schumann, H. (2002), S.7
4
werden. Es stellt sich die Frage, wo die Chancen und Probleme der Entwicklungsländer im Zuge der Globalisierung liegen. Der Versuch, die Antwort hierauf zu geben, führt unweigerlich zu einer differenzierteren Betrachtung und Analyse. Entscheidend ist, welche Theorien und Strategien es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegeben hat, um die Entwicklungsländer in den Prozess der Globalisierung zu integrieren. Des Weiteren stellt sich die Frage, welchen Anteil die Entwicklungsländer am Globalisierungsprozess haben und welche Rolle die internationalen Organisationen, der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die WTO für die Entwicklungsländer spielen. Diese Fragen sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersucht werden, können jedoch bei den insgesamt 128 Entwicklungsländern 8 weltweit nicht pauschal beantwortet werden. Aus diesem Grunde werde ich nach einem ersten allgemeinem Teil Ägypten als exemplarisches Beispiel für ein Entwicklungsland im Globalisierungsprozess untersuchen.
Dazu ist es zunächst notwenig die theoretischen Grundlagen zu schaffen. Fest steht, dass die Globalisierung alle Nationen zu mehr Wohlstand verhelfen soll. Um die Entwicklungsländer in den Prozess der Globalisierung zu integrieren, gibt es seit Beginn der 1960er Jahre unt erschiedliche Entwicklungstheorien, welche die Ursachen der Unterentwicklung und seinen Merkmalen zu erklären versuchen und in Form von Entwicklungsstrategien auf eine positive politische, vor allem aber wirtschaftliche Entwicklung abzielen. Auf diese unterschiedlichen Entwicklungstheorien soll daher im 1. Kapitel in einem historischen Kontext eingegangen werden. Gleichzeitig soll dieses Kapitel den Hintergrund der derzeitigen Entwicklungsstrategie liefern, nämlich der neoliberalen Entwicklungsstrategie, die sich seit der Verschuldungskrise der Entwicklungsländer in den 1980er Jahren 9 bis heute durchgesetzt hat.
Im 2. Kapitel sollen die Entwicklungsländer im Zusammenhang mit der Globalisierung betrachtet werden. Dazu ist es zunächst notwendig, den vielschichtigen Begriff „Globalisierung“ näher zu durchleuchten, für diese Arbeit zu definieren und den historischen Hintergrund hierfür zu liefern. Wie schon aus dem Titel der Arbeit hervorgeht, ist hier vor allem die ökonomische Globalisierung, also die weltwirtschaftliche Verflechtung gemeint. Entscheidend ist, dass die Globalisierung nicht zufällig entstanden ist, sondern dass es sich vielmehr um einen Prozess handelt, der durch politische Entscheidungen verknüpft mit technischem Fortschritt immer stärker voranschreitet. Des Weiteren soll in diesem Kapitel der Frage nachgegangen werden, wieweit die Entwicklungsländer an der Globalisierung und ihren
8 Sangmeister, H.. (2002), S. 915
5
unterschiedlichen Erscheinungsformen teilhaben. Dazu zählt unter anderem der Anteil am Welthandel, der Anteil der aus ländischen Direktinvestitionen als auch der Anteil an den liberalisierten Kapitalmärkten. Nach dieser empirischen Betrachtung wird auf Probleme der Entwicklungsländer eingegangen, die sich einer positiven Entwicklung in den Weg stellen und es diesen Ländern gleichzeitig erschwert, die Chancen der sich liberalisierenden Märkte zu nutzen.
Die wichtigsten zwischenstaatlichen Institutionen auf dem Weltmarkt sind der Internationale Währungsfond (IWF), die Weltbank (IBRD) und die Welthandelsorganisation (WTO), die in dieser Arbeit nicht außer Acht gelassen werden können, da sie im Prozess der ökonomischen Globalisierung eine erhebliche Rolle spielen. Sie fungieren quasi als Motor und Schiedsrichter der ökonomischen Globalisierung, die Regeln aufstellen und diejenigen disziplinieren, die diese Regeln nicht befolgen. Vor allem wegen der Strukturanpassungsprogramme und aufgrund eines „Demokratiedefizits“ sind sie jedoch häufig kritisiert worden, insbesondere von den ärmeren Ländern. In Kapitel 3 soll aus diesem Grunde der IWF, die Weltbank und die WTO in ihren Funktionsweisen und Grundsätzen näher untersucht und kritisch durchleuchtet werden.
Kapitel 3 schließt den ersten allgemeinen Teil ab, kann aber noch keine ausreichende Antwort darauf geben, wo Chancen und Probleme im Zuge der ökonomischen Globalisierung für die Entwicklungsländer liegen. Aus diesem Grunde folgt beispielhaft eine länderspezifische Untersuchung anhand des Entwicklungslandes Ägyptens in Kapitel 4.
Kapitel 4.1. liefert zunächst ein kurzes Länderprofil Ägyptens, um anschließend historische Grundlagen zu betrachten, von der Geburtsstunde des modernen Ägyptens 1805 über die Kolonialzeit der Engländer bis zur Revolution 1952. 10
Anschließend werden die Entwicklungsstrategien und die politische Entwicklung untersucht, die sich unter den bisher drei Präsidenten der Arabischen Republik vollzogen haben. Angefangen von der Entwicklungsstrategie des „Arabischen Sozialismus“ unter Gamal Abdel Nasser (1952-1970) über eine „Politik der Öffnung“ unter Anwar el-Sadat (1970-1981) bis zur weitergeführten Form dieser Öffnungspolitik unter dem bis heute amtierenden Präsidenten Mohamed Hosni . 11 Kapitel 4.2. schließt mit der Wirtschaftskrise Ägyptens Ende der 1980er Jahre ab, die gleichzeitig die Konfrontation mit den bekannten Strukturanpassungsprogrammen des IWF und der Weltbank bedeutete, da die ägyptische
9 Nuscheler, F. (1995), S.55
10 Friedemann, B. (1993), S.155
11 Friedemann, B. (1993), S.162
6
Regierung auf umfangreiche Kredite angewiesen war. Mit dem Ende dieser Phase ist Ägypten dem neoliberalistischen Denken ausgesetzt.
Kapitel 4.3. befasst sich mit dem darauf folgenden Transformationsprozess der ägyptischen Wirtschaft, den Ägypten zunehmend mit der Globalisierung konfrontiert. Hierbei sollen wesentliche Elemente wie Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung untersucht werden, bevor in Kapitel 4.4. die Ergebnisse dieses Transformationsprozesses dargestellt werden. Es werden sowohl die gesamtwirtschaftlichen Ergebnisse durchleuchtet als auch die Entwicklung der Außenwirtschaft, die im Prozess der Globalisierung eine entschiedene Rolle einnimmt. Zur Außenwirtschaft zählt neben der Entwicklung der einzelnen Sektoren, die Auslandinvestitionen, nämlich ausländische Direktinvestitionen und Portfolioinvestitionen, als auch die Außenverschuldung.
Kapitel 4.5. befasst sich mit den soziopolitischen Auswirkungen des vorher beschriebenen Integrationsprozesses in die sich globalisierenden Märkte. Dazu zählen hauptsächlich Arbeitslosigkeit und Armut, aber auch innenpolitische Unruhen. Extreme Gruppierungen spielen in diesem Zusammenhang eine entschiedene Rolle. Daher soll in Kapitel 4.6. im Kontext des Demokratisierungsproblems in Ägypten der islamische Fundamentalismus nähere Betrachtung finden.
Kapitel 4.7. liefert eine Schlussbetrachtung der ägyptisch-spezifischen Untersuchung. Sie soll Chancen und Probleme aufzeigen, die sich im Zuge der ökonomischen Globalisierung für Ägypten ergeben. Hierbei werden sowohl auf wirtschaftlicher, als auch politischer Ebene die Chancen und Probleme beschrieben, die in exogenen und endogenen Faktoren zu suchen sind.
7
1. Entwicklungspolitik im Wandel
Unterschiedliche Entwicklungsparadigma gaben in den bisher vier Entwicklungsdekaden Richtlinien für den Kampf gegen die Unterentwicklung an. Die wichtigsten Entwicklungstheorien und - strategien sollen in einem historischen Kontext daher im folgenden Kapitel durchleuchtet werden.
1.1. Entwicklung als Wachstumsprozess
Die Modernisierungstheorien lieferten Anfang der 1950er Jahre den ersten universellen Erklärungsversuch für Unterentwicklung. Sie versuchten anhand der sogenannten Modernisierungsstrategien eine erfolgreiche Bekämpfung der Unterentwicklung aufzuzeigen. Durch den Zuwachs an Produktivität und Effizienz im Produktionssektor, den Aufbau einer leistungsfähigen Infrastruktur und eine erhöhte Investitionstätigkeit sollte ein Wirtschaftswachstum eingeleitet werden, das zu einer Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens beitragen sollte. Als entscheidende Antriebskraft für den Entwicklungsprozess wurde die Kapitalzufuhr aus den Industrieländern angesehen. Die Hoffnung bestand darin, mit Hilfe des Wirtschaftswachstums einen den unteren Bevölkerungsschichten zu Gute kommenden "Trickle-down-effect" zu bewirken.
Walt W.Rostow Theorie "The stages of economic growth" 12 gehörte zu den bedeutendsten Modernisierungstheorien der 1960er Jahre. Daher soll sie stellvertretend für zahlreiche, verwandte Modernisierungstheorien, hier Beachtung finden. Rostow geht davon aus, dass jede Gesellschaft fünf idealtypische Entwicklungsstadien auf dem Weg der Tradition zur Modernität durchläuft 13 :
1. Traditionelle Gesellschaft ("Traditional Society") 2. Übergangsgesellschaft ("Preconditions for take-off") 3. Startgesellschaft ("Take-off-Stadium") 4. Reife Industriegesellschaft ("Drive to maturity") 5. Massenkonsumgesellschaft ("Age of mass consumption")
Während die Industrieländer in den Stadien vier und fünf angekommen seien, sei die entschiedenste Phase und das zentrale Probleme für die Entwicklungsländer das „Take-Off-
12 Nissen,H. (2002) S.864
13 Rostow, W. W. (1960), S.58
8
Stadium“, in dem es darum gehe, aus den Teufelskreis der Armut 14 auszusteigen und einen sich selbst tragenden Wachstumsprozess einzuleiten. Dieses Stadium ist nach Rostow gekennzeichnet von einer erhöhten Produktivität, die aus der Anwendung innovativer Produktionstechniken in der Landwirtschaft und im produzierenden Gewerbe resultiert, sich also aus der Dominanz des modernen Sektors über den traditionellen ergibt. Als entscheidendes Entwicklungshemmnis sah Rostow den Mangel an Kapital, das sich aus einer zu geringen Sparquote ergibt. Für einen erfolgreichen „take-off“ nahm Rostow an, dass zwischen 15 % und 20 % des BIP gespart und in produktive Investitionen überführt werden müssen.
Die Kapitallücke als Ursache des Entwicklungshemmnisses sollte nach Rostow demnach mit einer entsprechenden Kapitalzufuhr von außen, einem "Big push" 15 , überwunden werden, für den Finanzierungsmittel aus der Entwicklungshilfe als auch Direktinvestitionen gedacht waren. Im vierten Stadium würden sich Investitionen und Produktion ausdehnen, sich ein modernes Bildungssystem etablieren und neue Technologien entwickeln, sich also eine reife Industriegesellschaft aus der unterentwickelten Gesellschaft bilden. In dem letzten Stadium wäre nach Rostow die Gesellschaft soweit entwickelt, dass sich der Wohlfahrtsstaat etabliert. Mit dem Durchlaufen der Stadien würden die positiven Effekte der Kapitalspritzen der Industrieländer und des Wachstums der Entwicklungsländer nicht nur bei den Eliten hängen bleiben, sondern zur Mehrheit der Bevölkerung durchsickern. Diese These wird auch als „Trickle-down-These“ bezeichnet. 16
Da die H auptursache für die Unterentwicklung laut Rostows Theorie Kapitalmangel sei, wurde die Kapitalzufuhr aus den Industrieländern als entscheidende Antriebskraft für den Entwicklungsprozess angesehen. Es stellte sich jedoch schon in den 1960er Jahren heraus, dass die von den DAC-Ländern 17 erbrachte Summe von etwa 60 Mrd. US-Dollar als Kapitalzufuhr und andere Entwicklungshilfe die gewünschte Wirkung in den Entwicklungsländer und das Durchlaufen der oben genannten Stadien hin zu einer Industriegesellschaft nicht erreichen konnte. Als Vorbild für Rostows Theorie galt lange Zeit
14 Der Teufelskreis der Armut, auch „circulus vitiosus“ genannt, dient zur Erklärung von sich negativ
verstärkenden Prozessen, und weist auf das fast unlösbare Problem hin, den Teufelskreis zu durchbrechen.
Beispiel: geringes Einkommen - geringe Ersparnisbildung - geringe Nachfrage - geringe Investitionen - geringe
Beschäftigungseffekte - geringes Einkommen. Nohlen, D. (2002), S. 163
15 Nissen, H. (2002): S.864
16 Andersen, U. (1995): S.4
17 DAC (Development Assistance Commitee): Ausschuss der Entwicklungshilfe der OECD-Staaten, die sich
zum Ziel gesetzt haben, 0,7% ihres BSP für die ODA (Entwicklungshilfe) aufzubringen. Bisher wurde dieses
Ziel jedoch nur von kleineren Geberländern erreicht, während beispielsweise die USA im Jahr 2000 nur 0,02%
aufgebracht haben. Nohlen, D. (2002), S.174
9
die Erfahrung mit dem Marshall-Plan, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa Erfolg hatte. Der entscheidende Unterschied zu den Gesellschaften der Entwicklungsländer liegt jedoch darin, dass es sich bei den westlichen Gesellschaften nicht um Entwicklungsländer handelte, sondern um zerstörte Industriegesellschaften. Auch hier fehlte Kapital in Form finanzieller und technischer Ressourcen, jedoch verfügten die Gesellschaften über human capital, also über ausreichendes technisches und organisatorisches Know-how.
Die Kritik an Rostows Modell richtet sich daher gegen den unilinearen Erklärungsansatz für unterentwickelte Gesellschaften. Rostow geht davon aus, dass alle Gesellschaften den Entwicklungsweg industrialisierter Gesellschaften gehen würden und sich daher in eine der fünf Stadien einordnen ließe. Damit bewertet er ihm unbekannte Gesellschaften anhand westlicher Wertvorstellungen, während alternative Entwicklungswege von vorn herein ausgeschlossen wurden. Zudem richtet sich die Kritik gegen die Annahme, dass eine massive Steigerung des Faktors Kapital eine ausreichende Bedingung sei, um einen sich selbst tragenden Wachstumsprozess zu initiieren. 18
Des Weiteren setzte Rostow voraus, dass sich der Entwicklungsprozess nach einem hierarchischem Muster vollziehen würde. Jedes Wachstumsstadium ließe sich von einer höheren bzw. niedrigeren Ebene abgrenzen. In Rostows Modell bestehen zwischen den Ebenen in erster Linie quantitative Unterschiede, die sich beispielsweise anhand der Ausprägung der Spar- und Investitionsrate signifikant darstellen lassen. Es handelt sich um eine "Top-down-relation". 19 Das impliziert, dass Entwicklung von oben ausgeht, d.h. vom modernen auf den traditionellen Sektor ausstrahlt und nicht aus traditionellen Strukturen heraus entstehen kann.
1.2. Entwicklung als Ausdruck der Unabhängigkeit
Die in den 1960er Jahren entfachte Diskussion über die Inhalte der Entwicklungspolitik erhielt zu Beginn der 1970er Jahre neuen Antrieb. Dafür gab es unterschiedliche Gründe: die Zunahme der weltweiten Armut sowie die steigende Zahl verfehlter Entwicklungsprogramme. Darüber hinaus gewann die Kooperation zwischen den Entwicklungsländer an Bedeutung. Der Zusammenschluss der "Blockfreien Staaten" 20 , die Gründung der "UN-Conference on
18 Nissen, H.: S.864
19 Nissen, H.: S.864
20 Grundgedanke der „Blockfreien Staaten“ war eine gemeinsame Orientierung ihrer Außenpolitik gegenüber
den Machtblöcken im Ost-West-Konflikt. Nohlen, D. (2002), S.119
10
Trade and Development" (UNCTAD) im Jahre 1964 und die Entstehung der "Gruppe der 77" 21 drei Jahre darauf, waren entscheidende Schritte in diese Richtung. Die „Trickle-Down-These“ geriet in scharfe Kritik, die a uch durch den damaligen Weltbankpräsidenten Robert McNamara Unterstützung fand. 22 Entscheidend war, dass McNamara die Verteilungsfrage stellte und das Wachstumskonzept für einen derartigen Zustand mitverantwortlich machte. Die Erkenntnisse, dass das erreichte Wachstum eine extrem ungleiche Verteilung mit verheerenden Folgen für einen Großteil der Bevölkerung in den Entwicklungsländer hatte, führte zu der so genannten "Grundbedürfnisstrategie" 23 , die dem "Kampf der Armut" 24 einen entwicklungspolitischen Vorrang einräumte. Ein häufig genanntes Dokument in diesem Zusammenhang ist die Cocoyoc-Erklärung im Jahre 1974, die das Ende der Entwicklungsstrategie "Entwicklung durch Wachstum" kennzeichnete und die Priorität auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse setzte.
"Wir sind nach 30 Jahren Erfahrung der Meinung, dass die Hoffnung, dass schnelles
wirtschaftliches Wachstum zum Nutzen weniger zur Masse des Volkes ,durchsickern' wird, sich
als illusorisch erwiesen hat. Deshalb verwerfen wir den Gedanken: Erst Wachstum, Gerechtigkeit
25
bei der Verteilung des Nutzers später."
Die Grundbedürfnisstrategie fand zwar schnell Eingang in die Entwicklungsprogramme internationaler Organisationen, die sich mit Schlagworten wie beispielsweise "Gesundheit für alle" (WHO), "Nahrung für alle" (FAO) oder "Bildung für alle" (UNESCO) überschlugen. Gleichzeitig lief die neue Strategie jedoch Gefahr, dass die proklamierten Vorsätze dazu missbraucht wurden, die bisherige Politik beizubehalten.
21 Die „Gruppe der 77“ zählte 1967 77 Mitglieder, im Jahr 2002 133 Mitglieder. Von Tagungen er G-77 gehen
entscheidende Impulse für die Politik der Entwicklungsländer gegenüber den Industrieländer aus. Nohlen, D.
(2002): S.347
22 Nuscheler, F. (1995), S.51
23 Hauptziel der Grundbedürfnisstrategie ist die Gewährleistung der „basic needs“, zu denen u.a. die
Mindestausstattung an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Trinkwasser, sanitäre Versorgung, Bildung etc. zählen.
Sangmeister, H.(2002), S.343
24 Nuscheler, F. (1995):, S.52
25 Andersen, Uwe (1995), S.7
11
1.3. Die Neue Weltwirtschaftsordnung im K ontext der allgemeinen Entwicklungsproblematik
Die Auseinandersetzung mit der weltweiten Entwicklungsproblematik wurde schließlich durch die erste Ölkrise 1973/1974 verstärkt. Die OAPEC-Staaten 26 konnten durch die Bildung eines Rohstoffkartells die Preispolitik entscheidend beeinflussen und gleichzeitig ihre wirtschaftspolitische Macht demonstrieren. Unter dem Druck des „Ölschocks“ stieg von Seiten der Industrieländer die Bereitschaft, über eine Reform des weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Systems zu diskutieren. Auf der dritten UNCTAD-Konferenz 1972 in Santiago 27 formulierten die Entwicklungsländer schließlich ihre Forderungen und Ziele nach einer "Neuen Weltwirtschaftsordnung" (NWWO) und fanden erstmals ernstzunehmende Beachtung im Zeichen der aufkommenden Weltwirtschaftskrise.
Die NWWO sollte nicht nur den internationalen Handel, die Rohstoffpolitik, das internationale Währungssystem und einen Schuldenerlass erfassen, sondern auch Fragen zur Ernährung und Landwirtschaft sowie zu Wissenschaft und Technologie einbeziehen. Zu den zentralen Forderungen der Entwicklungsländer gehörten Reformen in der internationalen Arbeitsteilung, die Regulierung der Rohstoff- und Warenmärkte, der erleichterte Zugang der Entwicklungsländer zu den westlichen Kapital- und Warenmärkten, die Schuldenentlastung, sowie die stärkere Demokratisierung der Bretton-Woods-Institutionen. 28
Die Debatte über die Veränderungen der bisherigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern führte zur Verabschiedung zweier Dokumente durch die UN-Vollversammlung:
1. die "UN-Erklärung und das Aktionsprogramm zur Errichtung einer neuen Weltwirtschaftsordnung" vom 2.5.1974, und 2. die "UN-Charta über die wirtschaftlichen Rechte und Pflichten von Staaten" vom 12.12.1974. Diese beiden Dokumente waren für die Entwicklungsländer ein großer Erfolg, zumindest auf dem Papier. Nach zahlreichen Konferenzen und Verhandlungsrunden waren die Ergebnisse jedoch ernüchternd. Insgesamt ist festzuhalten, dass es den Entwicklungsländern unter dem Eindruck
26 Zur 1968 gegründeten "Organization of the Arab Petroleum Exporting Countries" (OAPEC) zählen heute
folgende zehn Staaten: Ägypten, Algerien, Bahrain, Irak, Katar, Kuwait, Libyen, Saudi-Arabien, Syrien sowie
die Vereinigten Arabischen Emirate. Thibaut, B.(2002), S.624
27 Diekmann, B.(1998): S.223
28 Nohlen, D. (2002), S.607
12
der ersten Ölkrise und ihrer Gruppensolidarität zwar gelang, die NWWO zu verankern, sie jedoch bei dem zweiten Schritt, der realen Umsetzung, scheiterten. 29
1.4. Dependenztheorien der 1970er Jahre
Begleitet wurde die Schaffung einer "Neuen Weltwirtschaftsordnung" von der anhaltenden Diskussion über die bestehenden Möglichkeiten alternativer Entwicklungswege. Im Mittelpunkt standen die Dependenztheorien, welche die bisher gängigen Erklärungen für Unterentwicklung auf den Kopf stellten. Unterentwicklung wurde nicht mehr als das Zurückbleiben hinter den modernen Industrieländer und als Folge einer fehlenden Integration in den Weltmarkt gesehen, sondern wurde umgekehrt als Konsequenz der Integration in den von kapitalistischen Industrieländern beherrschten Weltmarkt betrachtet. Die Ursachen der Unterentwicklung sind hierbei nicht endogener Natur wie bei den Modernisierungstheorien, sondern sind in exogenen Prozessen zu suchen. Dieser Theorieansatz weist eine enge Verwandtschaft mit Entwicklungsmodellen auf, die - im Falle der Imperialismustheorien 30 in den 1970er Jahren eine Renaissance erfuhren. Namentlich sollen hier die "Strukturelle Theorie des Imperialismus" von Johan Galtung und die "World-System-Theory" von Immanuel Wallerstein genannt werden.
Entscheidend für das Aufkommen der Dependenztheorien Ende der 1960er und Anfang 1970er Jahre war das „Zentrum-Peripherie-Modell“ von Raul Prebisch, dem ersten Generalsekretär der UNCTAD-Konferenz, zur Analyse der internationalen
Wirtschaftsbeziehungen entwickelt wurde. Bereits 1949 hatte er auf die asymmetrischen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Industrieländer und den lateinamerikanischen
29 Nuscheler, F.(1995), S. 283
30 Die Imperialismustheorien wurden entscheidend von der Lehre Karl Marx beeinflusst und stützen sich auf
zentrale Aspekte seines Werkes "Das Kapital". Zu den klassischen Ansätzen gehören die Theorien von Lenin
("Der Kapitalismus als höchste Form des Imperialismus") und Rosa Luxemburg. Sie haben gemein, dass sie die
Dominanz der Entwicklungsländer durch die Industrieländer hervorheben. Diese sei Folge der territorialen und
kapitalistischen Expansion der Industrieländer. Die territoriale Expansion diene im Verständnis
politökonomischer Imperialismustheorien vorrangig dazu, die Expansion des Kapitals zu forc ieren. In
Anlehnung an Karl Marx ergeben sich in den kapitalistischen Ökonomien "Verwertungsprobleme"
(Wachstumsprobleme). Das Kapital stoße im nationalen Rahmen auf seine Grenzen und müsse daher
expandieren. Die Ursache dafür läge in der Unfähigkeit der imperialistischen Länder, mit den Entwicklungen
permanenter wirtschaftlicher und technologischer Innovation und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen
zurechtzukommen. In den Entwicklungsländern entwickele sich durch die fremdbeherrschenden Einflüsse ein
moderner, exogen abhängiger Sektor. Dieser trage dazu bei, dass die Disparitäten innerhalb des Landes
zunähmen und somit die binnenwirtschaftlichen Strukturen in negativer Hinsicht entscheidend beeinflusst seien.
Sturm , R. (2002), S. 379
13
Entwicklungsländern hingewiesen und den Begriff der "säkularen Verschlechterung der Terms of Trade“ 31 eingeführt. Grundannahme des „Zentrums-Peripherie-Modells“ ist eine hierarchische Struktur der Weltgesellschaft, die sich historisch durch den entfalteten kapitalistischen Weltmarkt und die damit verbundene Internationale Arbeitsteilung ergeben hat. Die weit entwickelten kapitalistischen Nationen bilden das Zentrum, die unterentwickelten Nationen die Peripherie. Die Entwicklung der Industrieländer und die Unterentwicklung der Entwicklungsländer beruhen dabei auf einer abhängigen Interaktion der Peripherie mit dem Zentrum, 32 wodurch die autonome Wachstumsmöglichkeit der Peripherie begrenzt ist. Die Abhängigkeit der Entwicklungsländer ist somit ein zentraler Aspekt für die Unterentwicklung.
1.5. Das „Metropolen-Satelliten-Modell“ von André Gunder Frank
Die Dependenztheorien wurden von Prebisch Modell entscheidend beeinflusst. Auf einem Soziologenkongresses in Mexiko (1969) erhoben die lateinamerikanischen Soziologen die Dependenztheorie zu ihrem Entwicklungsparadigma. 33
Zu ihren Hauptvertretern gehörte André G under Frank. Den Ausgangspunkt seines Dependenzansatzes, der u.a. in seinem Werk „Die Entwicklung der Unterentwicklung“ zum Ausdruck kommt, beruhte auf folgender These: „[...] Die historische Forschung zeigt, dass die zur Zeit stattfindende Unterentwicklung zum großen Teil das historische Produkt der vergangenen und andauernden wirtschaftlichen und anderen Beziehungen zwischen den unterentwickelten Satelliten und den jetzt entwickelten Metropolen ist.“ 34 Er behauptete, dass sich die Welt in ein System aus Metropolen und ihren Satelliten aufgliedern lasse und "dass in dieser weltumfassenden Struktur des Verhältnisses der Metropolen zu den Satelliten die Metropolen dazu bestimmt sind, sich zu entwickeln, wohingegen die Satelliten unterentwickelt werden." 35 Die Satelliten entwickeln sich seiner Ansicht nach am besten,
31 Die "Terms of Trade" bezeichnen das Verhältnis zwischen Exportpreisindex und Importpreisindex einer
Ökonomie. Vereinfacht dargestellt, drücken die "Terms of Trade" aus, welche Menge an Exportgütern in einem
bestimmten Zeitraum aufgebracht werden müssen, um die konstante Menge an Importgütern erwerben zu
können. Eine langfristige Zunahme der aufzubringenden Exportgütermenge würde eine Verschlechterung der
"Terms of Trade" bedeuten. Bezüglich der lateinamerikanischen Entwicklungsländer nahm Prebisch an, dass
sich langfristig ihre "Terms of Trade" verschlechterten, wodurch sie gezwungen seien, eine zunehmend große
Menge an Rohstoffen aufbringen zu müssen, um Industriegüter, Fertigwaren etc. erwerben zu können.
Boeckh, A. (2002), S.784
32 Sturm , R. (2002), S.901
33 Hein, W (2000): S.81
34 Hein, W. (2000), S.80-83
35 Frank, A. G. (1975), S.173
14
wenn die Bindung an ihre Metropolen am schwächsten ist. Wenn die jeweiligen Metropolen sich von ihren Krisen erholt haben und durch eine neue Expansion der Handels- und Investitionsbeziehung die Satelliten wieder integrieren, bricht die eigenständige Entwicklung der Satelliten zusammen.
Franks Modell trug dazu bei, von einer ahistorischen und auf rein endogene Entwicklungshemmnisse beschränkte Sichtweise - wie es den Modernisierungstheorien vorzuwerfen war - abzurücken. Die stärkere Einbeziehung des "kolonialen Erbes" erfolgte erst mit dem Aufkommen der Dependenztheorien.
Die Kritik des dependenztheoretischen Entwicklungsansatzes richtet sich auf die Linearität, die auch den Modernisierungstheoretikern vorgeworfen worden war. Frank begann den Fehler, allein exogene Faktoren, die im "kapitalistischen Weltsystem" und in der "internationalen Arbeitsteilung" zu suchen waren, als einzige Verursacher für Unterentwicklung und Abhängigkeit, verantwortlich zu machen. Endogene Faktoren interpretierte Frank hingegen als Resultat der Einbindung der "Satelliten" in die "internationale Arbeitsteilung“. Ursache für Unterentwicklung, wie beispielsweise autoritärer und korrupter Regierungen, wurden nicht berücksichtigt.
Die Dependenztheorien verloren Anfang der 1980er Jahre zunächst an Bedeutung, während sich die Modernisierungstheoretiker im Kontext der Schuldenkrise in ihren Vorstellungen bestätigt fühlten. Die Antwort auf die Schuldenkrise hieß Strukturanpassung und galt gleichzeitig als Allheilmittel zur Bekämpfung der Unterentwicklung.
1.6. Entwicklung als Strukturanpassungsprozess
Infolge der weltweiten Rezession zu Beginn der 1980er Jahre, die bereits mit den beiden Ölkrisen ihren Anfang genommen hatte, griffen insbesondere die USA auf "strategische Variablen zur Gegensteuerung" zurück. Die von der USA veranlassten kreditfinanzierten Konsolidierungsprogramme bewirkten eine Verdoppelung der amerikanischen Staatsschulden von 1981-1984. 36 Begleitet wurden diese Ent wicklungen von einem weltweiten Zinsanstieg, der zu Beginn der 1980er Jahre die bereits vom Rohstoffpreisverfall, vor allem Erdöl, angeschlagene mexikanische Volkswirtschaft in die Zahlungsunfähigkeit stürzte. Ähnlich
Die Entwicklung der Unterentwicklung. In: Haftendorn, H. (Hrsg.): Theorie der Internationalen Politik.
Hoffmann und Campe, Hamburg. S.173
36 Lembeck, A. (1996), S.208
15
erging es eine Reihe anderer Entwicklungsländern. Die Schuldenkrise hatte den betroffenen Ländern das Verhandlungspotenzial genommen und die Abhängigkeiten von ihren Gläubigern, und damit zu den Industrieländern zusätzlich verstärkt.
Die Weltbankgruppe und der IWF entwickelten sich zu den entscheidenden Akteuren im Bewältigungsprozess der Schuldenkrise und unternahmen eine konzentrierte Aktion, um den wirtschaftlich und politisch geschwächten Schuldnerländern so genannte
„Strukturanpassungsprogramme“ zu verordnen. Damit ist eine gewünschte Politik des Schuldnerlandes gemeint, Haushaltsdefizite und Zahlungsbilanzdefizite abzusenken, um die Rückgewinnung von Kreditwürdigkeit wieder herzustellen. 37 Der in der vorangegangenen Dekade eingeschlagene Weg zu einer stärker an den Grundbedürfnissen orientierten Entwicklungspolitik wurde im Zuge dessen vorerst aufgegeben. Diese neoliberale Wende schlug sich im Reaganismus und im Thatcherismus nieder. Neue Schlagworte hießen „Magie des Marktes“, „Entstaatlichung“ , „Deregulierung und Privatinitiative“ 38 , und fanden in dem Monetarismus Unterstützung, der ebenso wie der Neoliberalismus auf die freie Marktwirtschaft und die „unsichtbare Hand“ des Preismechanismus setzt. 39
Den Schuldnerländern wurden zwar Kredite zu besonders günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt, allerdings mussten diese im Gegenzug auch die von Weltbank und IWF vorgegebene Konsolidierungspolitik anerkennen. Mittels neoliberaler wirtschafts- und finanzpolitischer Strukturreformen sollte die Wiedererlangung der Zahlungsfähigkeit erreicht werden und den Entwicklungsländer gleichzeitig der richtige Weg für die Weltmarktintegration liefern. Unter die SAP fielen unter anderem:
• der Abbau von Handelbeschränkungen und -kontrollen,
• die Abwertung der Landeswährungen,
37 Tetzlaff, R.(1996), S.123
38 Nuscheler, F. (1995), S.60
39 Der Monetarismus wurde von der „Chicago-Schule“ unter Führung von Milton Friedman entwickelt. Er geht
davon aus, dass es eine enge Korrelation zwischen Geldmenge und Geldwert gibt. Wirtschaftliches Hauptübel
sei die Inflation, die Investitionen im produktiven Sektor verhindere, Kapitalexporte stimuliere und
Kapitalimporte abschrecke. Niedrige Inflation und ein höchst mögliches Wachstum müsse dabei Ziel der
Entwicklungspolitik sein, welches durch ausgeglichene Haushalte und restriktive Kreditpolitik einerseits, und
durch freien Außenhandel und Kapitalverkehr andererseits erreicht werden könnte. Der freien Marktwirtschaft
und der unsichtbaren Hand des Preismechanismus soll wirtschaftspolitisch auf breiter Front so zum Durchbruch
verholfen werden. Nohlen, D.(2002), S.576
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• der Abbau der staatlichen Subventionspolitik für Agrargüter und Rohstoffe,
• die Entlastung des Staatshaushaltes durch Sozialkürzungen, oftmals in den Sozialressorts
Bildung und Gesundheit, sowie Streichung von Subventionen für Grundnahrungsmittel, Benzin, Zucker, etc., 40
• die Entlastung des Staatshaushaltes durch Lohnkürzungen,
• die Liberalisierung der Gütereinfuhr,
• die Steigerung des Wettbewerbs und der Flexibilität insbesondere in der Landwirtschaft
sowie
• die Privatisierung der Staatsbetriebe.
Nach einer Bilanz der Weltbank waren die Erfolge der Strukturanpassungsprogramme für die Schuldnerländer relativ gering, auch wenn sich ihr Budgetdefizit von 1994 um ca. 1,9 % vom BIP verringerte, die Inflationsraten abnahmen, oder zahlreiche Länder die bestehenden Handelshemmnisse beseitigt haben. 41 Auch wenn es teilweise positive Resultate der Strukturanpassungsprogramme gab, so hatte doch insbesondere die soziale Dimension der Strukturanpassungsprogramme dazu beigetragen, dass es zur heftigen Kritik an der Strukturanpassungsprogramme kam. Die Einsparungen im Gesundheits- und Bildungswesen, der Rückzug aus der Subventionspolitik, der Abbau von Arbeitsplätzen und Lohnkosten trugen dazu bei, dass sich die soziale Lage vieler Ländern verschlechterte, und sich vor allem die Massenarmut nicht reduzierte. Auch der kurzfristige Zeitrahmen für Anpassungsmaßnahmen (drei bis fünf Jahre), die mangelnde Koordination zwischen kurzfristigen Anpassungs- und langfristigen Entwicklungszielen und die Fixierung auf die neoliberale Wirtschaftsdoktrin erzielten nicht die gewünschten Effekte.
Die Weltbank sah - verallgemeinernd formuliert - die sozialen Kosten als "notwendiges Opfer" auf dem Weg zur institutionellen und wirtschaftspolitischen Strukturanpassung an. Zur Reduktion des Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizits seien Lohnverzicht, Arbeitsplatzabbau und Kürzungen im Sozialwesen unerlässlich, zumal es zu derartigen Einschnitten keine Alternative gebe. 42
Aufgrund der starken Kritik an den Strukturanpassungsprogrammen vor allem von Seiten der Entwicklungsländer schuf die Weltbank Unterstützungsprogramme zur Abfederung der
40 Tetzlaff, R.(1996), S.128
41 Tetzlaff, R. (1996), S.131
42 Tetzlaff, R.(1996), S.133
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sozialen Folgeschäden. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese eben nur bis zu einem gewissen Maße die schlechte soziale Lage der betroffenen Länder verbessern konnten bzw. dass diese nur ein Element einer „adjustment with a human face“ 43 sein konnten, nicht aber eine Lösung für eine langfristige Überwindung der Armut und der Herstellung von Bedingungen für Entwicklung.
1.7. Dissoziation und autozentrierte Entwicklung nach Senghaas
Die anhaltende Diskussion über den Sinn und Erfolg von Strukturanpassungsprogrammen legte nahe, auch weiterhin nach alternativen Konzepten zur Überwindung der weltweiten Entwicklungsprobleme zu suchen. In Anlehnung an die Dependenztheorie der lateinamerikanischen Soziologen entwickelte Dieter Sengahaas das Modell des „peripheren Kapitalismus“ 44 , das sich von den modernisierungstheoretischen Modellen distanziert, sich aber auch von Dependenztheorien wie Franks „Entwicklung der Unterentwicklung“ unterscheidet. Das Resultat des „peripheren Kapitalismus“ sei nach Senghaas „die mangelnde Rückkopplung einer Produktion von Produktionsgütern mit einer Produktion von Massenkonsumgütern unter Eingliederung des landwirtschaftlichen Sektors.“ 45 Der „periphere Kapitalismus“ trägt demnach nicht den Bedürfnissen der Entwicklungsländer, sondern denen der Industrieländer Rechnung. Strukturelle Heterogenität sei die gesellschaftliche Konsequenz in den Entwicklungsländern. Aus diesem Grunde empfiehl Senghaas eine Strategie der Dissoziation vom kapitalistischen Weltmarkt, um ihre strukturelle Abhängigkeit zu überwinden und einen Entwicklungsweg gemäß ihrer Bedürfnisse zu verfolgen. Er schlug somit eine autozentrierte Entwicklung für die Entwicklungsländer vor. Weitgehende Dissoziation vom Weltmarkt und eine autozentrierten Entwicklung stieß jedoch auf umfangreiche Kritik, insbesondere unter Vertretern der Modernisierungstheorien und des Neoliberalismus. Binnenwirtschaftliche Ausrichtung, protektionistische Maßnahmen und staatliche Einflussnahme widersprach den Vorstellungen von einer weltmarktorientierten, neoliberalen Entwicklungspolitik. Seit den Erfahrungen der Schwellenländer, vor allem in
43 Tetzlaff, R.(1996), S.134
44 Die Theorie des peripheren Kapitalismus sieht in den Entwicklungsländern ein deformiertes Wachstum durch:
1. Eine stagnierende Produktivität im nicht-exportierten landwirtschaftlichen Sektor (Unterversorgung), 2. Das
Fehlen bzw. stagnative Entwicklung von Massenkonsumgütern im Unterschied zu der florierenden Produktion
von Konsumgütern (Spiegel der Einkommensstruktur), 3.Das Fehlen bzw. stagnative Entwicklung eines
eigenständigen Produktionsgütersektors, der die Ausrüstungsgüter für die Produktion von Konsumgütern, von
Zwischenprodukten und Produktionsmittel bereitstellen würde (Technologische Abhängigkeit). Nuscheler, F.
(1995), S.169
45 Nuscheler, F.(1995), S.169
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Südostasien, sind die Annahmen des „peripheren Kapitalismus“ (zumindest in dieser starken Form) fallengelassen worden.
In einer neuen Studie plädierte Senghaas für eine „je besondere Verbindung von selektiver Integration und selektiver Dissoziation“, mit der die frühere enge Verbindung mit den Dependenztheorien verworfen wurde. 46 Auch Ulrich Menzel schloss sich dieser Strategie der selektiven Dissoziation an. Senghaas und Menzel wiesen eindeutig daraufhin, dass sich ihr Modell nicht im Sinne einer langfristigen, vollkommenen Abkoppelung verstand, sondern als vorübergehendes Mittel zur Möglichkeit der eigenständigen Entwicklung. Dissoziation und Autozentrismus verstanden sie quasi als Zwischenstufe des Entwicklungsprozesses und nicht als erwünschtes Ziel. 47
1.8. Das Scheitern der „großen Theorien“
Trotz der umfassenden entwicklungspolitischen Bemühungen, Strategien und Empfehlungen kam es, abgesehen von einigen wenigen Ländern in Südostasien, nicht zu einer Verbesserung der Wohlstandsindikatoren. Mit diesem Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklungspolitik scheiterten die Modernisierungstheorien. Aber auch die Dependenztheorien wurden für hinfällig erklärt, da Länder, die einen erfolgreichen Prozess der nachholenden Entwicklung hinter sich hatten, weltmarktintegrative Entwicklungsstrategien angewandt hatten. In der Debatte über das Scheitern der großen beiden Theorien stellte sich vor allem heraus, dass es beiden Theorien an Differenzierungsvermögen mangelte. Die Homogenität der jeweiligen Zielvorstellungen und damit verbundenen Entwicklungsstrategien ließ sich nicht auf alle Länder mit ihren jeweils verschiedenen soziokulturellen Erscheinungsformen anwenden. Zwischen aufsteigenden Exportländern wie den vier südostasiatischen Tigern, stagnierenden Erdölförderländern und absteigend agrarisch geprägten Staaten in Afrika bestehen derartig weitreichende Unterschiede in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht, dass kaum von einer einheitlichen "Dritten Welt" gesprochen werden kann. Ulrich Menzel sprach daher vom „Ende der Dritten Welt“, weil sie sich nicht mehr als Subjekt einer Großtheorie eignete, und das „Ende der Entwicklungstheorien“ 48 einläutete, und diese gescheitert seien. Aber auch wenn die beiden „Großen Theorien“ mit ihren einseitigen Zielvorstellungen und
46 Nohlen, D. (2002): S.88
47 Menzel, U./ Senghaas, D. (1983), S.79
48 Nohlen, D. (2002), S.261
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Christiane Biederlack, 2003, Chancen und Probleme der Dritte-Welt-Länder im Zuge der ökonomischen Globalisierung, unter besonderer Berücksichtigung Ägyptens, München, GRIN Verlag GmbH
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