Inhaltsübersicht
Einleitender Teil
In der vorliegenden Diplomarbeit beschäftigt sich der Autor mit der Situation hilfe- und pflegebedürftiger alter Menschen in der häuslichen Umgebung. Es sollen Bedingungen und Ressourcen aufgezeigt werden, unter denen ein Heimaufenthalt bei Hilfe und Pflegebedürftigkeit vermeidbar ist. Dazu wurden im Einzelnen u. a. Regelungen des Pflegeversicherungsgesetzes, die Wohnsituation alter Menschen, Helfernetzwerke und mögliche Heimeintrittsgründe genauer betrachtet.
Empirische Untersuchung
Für die entsprechende Datengewinnung wurden neun Interviews mit hilfe- und pflegebedürftigen Menschen geführt. Ein halbstandardisierter Interviewleitfaden fand Verwendung. Auswahlkriterium waren neben einem Alter von mindestens 80 Jahren der Erhalt von Leistungen der Pflegeversicherung. Vier der Interviewpartner lebten zum Zeitpunkt des Interviews im häuslichen Bereich, fünf in vollstationären Pflegeeinrichtungen.
Die Datenauswertung wurde mit Hilfe des Codierverfahrens von Glaser und Strauss durchgeführt.
Ergebnisse
Im Ergebnisteil der empirischen Untersuchung lassen sich erste Gründe benennen, die bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit Einfluss auf den Verbleib im häuslichen Umfeld nehmen. Die Betrachtung im Diskussionsteil stellt im Folgenden einen Theorie- Praxis- Vergleich dar. Sie erläutert weitere relevante Themenbereiche und zeigt erste Änderungsnotwendigkeiten und Möglichkeiten für den gesetzlich geforderten Anspruch „Ambulant vor Stationär“ auf.
Gemeinsam mit den gegebenen Handlungsempfehlungen wird ein Ausschnitt eines möglichen Rahmens aufgezeigt, durch den ein ungewollter Heimaufenthalt vermieden werden kann. Mit dem Ausblick wagt der Autor einen Blick in die Zukunft.
Nachtrag März 2010
Als Leserkreis angesprochen sind betroffene, pflegende und beratende Personen. Die Diplomarbeit wurde im Oktober 2008 mit dem Willi Abs Preis ausgezeichnet. Mit ihm werden wissenschaftliche Arbeiten prämiert, die sich mit der Förderung eines selbstbestimmten Lebens noch in ihrem häuslichen Umfeld wohnender älterer Menschen befassen.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 7
1.1 Problemstellung 7
1.2 Ziel der Arbeit. 8
1.3 Aufbau der Arbeit 8
1.4 Recherche. 9
1.5 Persönliche Erfahrungen 9
2 Relevanz der Thematik. 11
3 Die Versorgungssituation alter Menschen. 15
3.1 Das Alter 15
3.2 Das Pflegeversicherungsgesetz 16
3.3 Pflegebedürftigkeit und Leistungsempfang 17
3.4 Die Wohnsituation alter Menschen in Deutschland. 18
3.5 Hilfenetzwerke 21
3.5.1 Informelle Hilfe. 22
3.5.2 Formelle Hilfe 23
3.6 Finanzielle Situation 25
3.7 Autonomie. 26
3.8 Heimeintrittsgründe 28
3.9 Zusammenfassung. 30
4 Die Empirische Untersuchung 31
4.1 Methodenauswahl 31
4.2 Fragestellung. 32
4.3 Der Untersuchungsplan. 32
4.4 Die Interviews 33
4.5 Feldzugang/ Datenerhebung 33
4.5.1 Kontaktaufnahme und Vorgespräch. 34
4.5.2 Interviewleitfaden und Kontextprotokoll. 35
4.5.3 Interviewdurchführung. 36
4.6 Datenaufbereitung. 38
4.7 Datenauswertung. 38
4.8 Auswertung 40
4.9 Kategorienbildung. 45
5 Ergebnisse. 49
5.1 Hilfe - und Pflegebedarf. 49
5.2 Häuslicher Alltag 50
5.3 Vorsorge und Notfall 53
5.4 Privates Netzwerk 55
5.5 Professionelle Hilfe. 59
5.6 Kompetenz 60
3
5.7 Verändertes Wohnen. 63
5.8 Fallbetrachtung. 66
5.9 Zusammenfassung. 68
6 Diskussion 72
6.1 Wohnraumsituation. 72
6.2 Das holländische Beispiel 73
6.3 Beratungsbedarf und Informationsdefizite. 75
6.4 Verantwortung und Möglichkeiten des Gesetzgebers 79
6.5 Ehrenamtliches Engagement. 80
6.6 Vernachlässigte Prävention. 81
6.7 Ambulant vor Stationär. 82
7 Handlungsempfehlungen. 85
7.1 Wohnraumumfeld 85
7.2 Schwierige Entscheidung. 85
7.3 Wohnraumberatung. 86
7.4 Wohnraumanpassung 87
7.5 Alltagskompetenz. 87
7.5.1 Soziale Partizipation 88
7.5.2 Der Alltag. 88
7.5.3 Mobilität. 88
7.5.4 Hauswirtschaftliche Versorgung. 89
7.5.5 Hilfe- und Mobilitätsdienste 89
7.6 Das Hilfenetzwerk. 89
7.6.1 Die Hauptpflegeperson 90
7.6.2 Die Familie. 90
7.6.3 Professionelle Hilfe. 91
7.6.4 Ärztliche Versorgung. 91
7.7 Hilfsmittel 92
7.7.1 Notfallsituation und Übergangslösungen. 92
8 Ausblick 94
Literaturverzeichnis 96
Anhang 101
4
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Alterspyramide (Quelle: Statistisches Bundesamt 2003) 11
5
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1:Vorstellungen vom Wohnen im Alter. 14
Tabelle 2:Zusammenfassung der Kategorien und Vorkommen in den Interviews. 46
Tabelle 3 (a-g): Hauptkategorienbildung. 47
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1 Einleitung
Zu vermuten ist, dass es als optimale Situation gilt, den Lebensabend in seinem gewohnten Lebensumfeld verbringen zu können, idealerweise umsorgt von der Familie. Die wenigsten Menschen können sich in der Blüte ihres Lebens vorstellen, pflegebedürftig zu werden und die Hilfe anderer zu beanspruchen. Den Wunsch, im Alter nicht in einem Pflegeheim leben zu müssen, haben viele.
Er geht einher mit dem gesetzlichen Vorrang, die häusliche Versorgung bei Pflegebedürftigkeit zu unterstützen 1 , Heimaufenthalte zu vermeiden.
Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, unter welchen Bedingungen ein Heimaufenthalt bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit vermeidbar ist.
1.1 Problemstellung
Der sich momentan abzeichnende demografische Wandel in Deutschland hat verschiedenste Auswirkungen. Einerseits führt er auf individueller Ebene zu einer höheren Lebenserwartung und auf der gesellschaftlichen Ebene zu einem Zuwachs alter und sehr alter Menschen in der Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass viele Menschen eine lange Phase des Altseins erleben. Diese ist zum Teil einhergehend mit reduzierten Alltagskompetenzen, der Zunahme von gesundheitlichen Problemen und dem erhöhten Risiko von Hilfe- und Pflegebedürftigkeit. Gerade aber gesundheitliche Voraussetzungen und persönliche Alltagskompetenzen sind maßgeblich entscheidend für eine selbstbestimmte häusliche Lebensführung im Alter. Um dem häufig auftretenden Wunsch alter Menschen gerecht zu werden, auch bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit in der vertrauten Wohnung zu bleiben, gilt es Wege für die Versorgung dieser Personengruppe zu finden.
Aber alte und pflegebedürftige Menschen sind so unterschiedlich und leben so verschiedenartig wie Menschen anderer Altersgruppen auch. Das Alter mit seinen Einschränkungen bietet somit kein einheitliches Bild. Es bestehen große Unterschiede hinsichtlich der Steuerungsmöglichkeiten, der psychischen und der körperlichen Gesundheit, einem möglichen Hilfearrangement, dem entstammenden Milieu und weiterer Faktoren, die den Alltag und das Leben im Alter beeinflussen können. Diese Verschiedenheiten machen es so komplex wie schwierig, gewünschte und effektive Angebote an Alltags- und Versorgungskonzepten für die häusliche Versorgung bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit bereitzustellen.
1 vgl. § 3 SGB XI
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1.2 Ziel der Arbeit
Es werden die Lebenssituationen alter, pflegebedürftiger Menschen im häuslichen Umfeld untersucht und erarbeitet, welche Ressourcen und Bedingungen gegeben sein sollten, um ungewollte Heimaufenthalte zu vermeiden.
Dabei geht es keinesfalls um das „Infragestellen“ der Notwendigkeit von Pflegeheimen. Es gibt es Versorgungssituationen, die im häuslichen Umfeld nicht zu bewältigen sind. Nicht alle Menschen haben die Voraussetzungen, sich im häuslichen Umfeld bei Hilfe und Pflegebedürftigkeit versorgen zu lassen. Kleine oder keine Netzwerke, gesundheitliche Grenzen (hierbei sei vor allem eine fortgeschrittene Demenz zu nennen), der Wunsch nach einem Leben im Pflegeheim und andere Gründe sprechen für vollstationäre Pflegeeinrichtungen.
1.3 Aufbau der Arbeit
Im Zentrum steht die Betrachtung der wesentlichen Einflussfaktoren, unter denen sich ein Heimeinzug vermeiden lässt. Hierzu werden im ersten Teil der Arbeit Aspekte betrachtet, die vermutlich Einfluss auf den Verbleib im häuslichen Umfeld haben. Dazu gehören die Wohnsituation, die Hilfe- und Pflegebedürftigkeit, der Leistungsumfang der sozialen Pflegeversicherung, das Hilfenetzwerk, das Selbstbestimmungsrecht alter Menschen und ihre finanzielle Situation.
Der zweite Teil dokumentiert Methodik und Ergebnisse der empirischen Erhebung. Daten aus neun Interviews wurden analysiert und ausgewertet. Im Detail ging es um die Erfahrungen Pflegebedürftiger, die im häuslichen Umfeld leben oder nach der Zunahme unlösbarer Probleme, in ein Pflegeheim gezogen sind. Es wurden dazu Situationen aufgegriffen und näher betrachtet, die ein Leben mit Pflege- und Hilfebedürftigkeit im häuslichen Umfeld ermöglicht oder verhindert haben. Im dritten Teil der Arbeit werden Themengebiete diskutiert, die sich aus Erkenntnissen des Theorieteils und der empirischen Erhebung ergeben haben und eine Rolle bei der Umsetzung der Ergebnisse des empirischen Anteils der Arbeit spielen können. Abschließend werden Handlungsempfehlungen gegeben, welcher Rahmen bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit für den Verbleib im häuslichen Umfeld geschaffen sein sollte. Sie basieren auf Ergebnissen des theoretischen Teils der vorliegenden Arbeit und Erkenntnissen der empirischen Erhebung. Punktuell finden sie durch Themenbereiche der Diskussion Ergänzung.
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1.4 Recherche
Bei der Themenbearbeitung fanden fast ausschließlich Quellen Berücksichtigung (Literatur, Studien, sonstige Veröffentlichungen), die nicht älter als sieben Jahre waren 2 . Sie garantieren die Aktualität der Daten bzw. der gegebenen Situation in der Gesellschaft und den Stand der Forschung. Hervorzuheben sind hierbei die Ergebnisse der MuG- Studien (Möglichkeiten und Grenzen selbstständiger Lebensführung). Mit ihnen wurden zum ersten Mal in Deutschland repräsentative Daten zu Hilfe und Pflegebedürftigkeit in Privathaushalten sowie vertiefende Untersuchungen zu den Bedingungen und Konsequenzen von Hilfe und Pflegebedürftigkeit erhoben. Im Rahmen des Folgeprojektes MuG III wurden 2002 durch Infratest Sozialforschung München unter der Leitung von Ulrich Schneekloth vertiefende Zusatzstudien durchgeführt und Daten erhoben.
Zur ersten Recherche war die Publikation: „Altenpflege in Deutschland, Bestandsaufnahme und Perspektiven“ des Informationszentrums Sozialwissenschaften, sehr hilfreich. Da viele Studien zur Thematik im Internet (World Wide Web) veröffentlicht werden, begann die Recherche in diesem Medium. Verwendet wurden Datenbanken wie GeroLit, WISE und DIMDI. Schlagworte waren: Wohnen im Alter, Selbstbestimmung und Autonomie, Informationsstand und Informationsdefizit alter Menschen, Hilfebedarf, soziale Netzwerke formelle und informelle Hilfe und andere. Eine umfassende Literaturrecherche wurde in den Beständen der Bibliothek an der Alice Salomon -Fachhochschule durchgeführt. Veröffentlichungen verschiedener Bundesministerien sowie Zahlen des Statistischen Bundesamtes stützen die gemachten Aussagen.
1.5 Persönliche Erfahrungen
Seit sieben Jahren ist der Autor ehrenamtlich für das Bezirksamt Pankow von Berlin tätig. In diesem Rahmen werden von ihm Senioren ab 80 Jahre im häuslichen Umfeld besucht. Sie erhalten Gratulationen zu Geburtstagen oder Ehejubiläen.
Im Laufe der Jahre konnte er einige der Besuchten näher kennen lernen. Persönliche Gespräche und Kontakt zu Familienangehörigen wurden dann die Regel. Den Wunsch, ihren Lebensabend im gewohnten Umfeld zu verbringen, haben fast alle Senioren.
Als examinierter Altenpfleger hat der Autor in seiner beruflichen Tätigkeit in einer vollstationären Pflegeeinrichtung einige pflegebedürftige Menschen kennen gelernt, die ungewollt im Heim leben. Sie kamen häufig nach gravierenden gesundheitlichen Ereignissen, haben sich häufig schnell erholt, und leben dann neben den schwerst-pflegebedürftigen und nicht selten hochgradig dementen
2 Im Rahmen des Grundlagenstudiums für die vorliegende Arbeit fand auch Literatur älteren Datums Berücksichtigung, da sie das „Basismaterial“ darstellt und Grundlagenwissen vermittelt.
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Mitbewohnern als „normales Bewohnerklientel“ im Pflegeheim. Sie sind sich häufig ihrer Situation bewusst und wünschen eine Trennung von den (jährlich zunehmenden) pflege- und betreuungsintensiven Bewohnern. Durch gesonderte Wohnbereiche, Wohngruppen, Wohnzimmer oder Sitzplatzkonstellationen am Tisch, wird im Pflegeheimalltag versucht, dieser Situation zu begegnen.
Im Rahmen seines studienbegleitenden Praktikums beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) war der Autor im April 2006 stiller Beobachter bei ca. 60 Begutachtungsverfahren zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit (§18 SGB XI). Ihn überraschte dabei der große Anteil von Antragstellern, die Hilfebedarf hatten, der sich aber nicht überwiegend auf die Pflege bezog. Die Begutachteten gaben häufig Bedarf und Defizite im Rahmen der Mobilität und der hauswirtschaftlichen Versorgung an.
Die Wohnung reinigen, eine Begleitung beim Einkauf, Hilfe bei der Beantwortung von Ämterpost, das Stellen von Anträgen und Probleme bei der ärztlichen Versorgung wurden u. a. thematisiert.
Hohe Zahlen zur Ablehnung einer Pflegestufe bestätigten die gemachten Beobachtungen. Von 674.101 durchgeführten Erstbegutachtungsverfahren 2005 wurden 29,3 % der Anträge abgelehnt. 3 Das bedeutete 197 511 Antragsteller hatten einen Hilfe- oder Pflegebedarf, erfüllten aber nicht die unter § 14 SGB XI 4 definierten Voraussetzungen zum Erhalt von Leistungen nach SGB XI.
Für eine Projektarbeit an der Alice Salomon Hochschule wurden vom Autor vier pflegebedürftige Menschen interviewt. Eine Person lebt nach einem viermonatigen Heimaufenthalt wieder in ihrer Wohnung, die drei anderen wohnen in vollstationären Pflegeeinrichtungen. Nur eine der vier Personen ist freiwillig in ein Pflegeheim gezogen.
Für die vorliegende Arbeit wurden weitere fünf pflegebedürftige Menschen interviewt. Keiner der Interviewten hätte sich in der Vergangenheit vorstellen können, im Pflegeheim zu leben. Zwei leben nun dort.
Diese Untersuchung hat nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Sie repräsentiert den erfahrenen und analysierten Ausschnitt einer erlebten Wirklichkeit.
3 vgl. Brucker; Pflegebericht des Medizinischen Dienstes 2005: 2007; S.8
4 Pflegebedürftig im Sinne SGB XI sind Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedürfen.
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2 Relevanz der Thematik
In den kommenden Jahrzehnten wird es zu einer Zunahme alter und hochbetagter Menschen in unserer Gesellschaft kommen (siehe Abbildung 1: Alterspyramide).
Auf der Grundlage der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung ist ein Anstieg der Anzahl von Personen, die über 60 Jahre alt sein werden, von 2005 bis zum Jahr 2030 um 8 Millionen Menschen zu erwarten. Das entspricht bei einer durchschnittlichen Gesamtbevölkerungszahl von 80 Millionen Einwohnern einem Anstieg von derzeit 25 % auf rund 36 % der Bevölkerung, von 20,5 auf 28,5 Millionen Einwohner.
Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der Pflegebedürftigkeit zu. Sie tritt als Risiko für Hochbetagte in Erscheinung und lässt sich als Zusammenspiel von Krankheit, Funktionseinbußen und Hilfebedürftigkeit erklären. Die Prognosen zur Entwicklung der Pflegebedürftigkeit beruhen auf demografischen Prämissen und Annahmen über lebensaltersbedingte
Pflegewahrscheinlichkeiten. Vor allem Letztere haben einen großen Einfluss auf das quantitative Ausmaß der Pflegebedürftigkeit. Nach einer Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Pflegebedürftigen (nach § 14 SGB XI) von heute etwa 2,14 Millionen auf 2,83 Millionen im Jahr 2020 ansteigen 5 . Das entspricht einem Zuwachs von knapp 40 %. Für die
5 vgl. Angaben des Statistisches Bundesamtes 2003; Vorausberechnung Bevölkerung.
11
folgenden Zeiträume werden die Prognosen immer unsicherer; dementsprechend schwankt die Zahl der erwarteten Pflegebedürftigen für das Jahr 2050 zwischen 3,2 und 5,9 Millionen. 6
Eine gesündere Lebensweise, gute medizinische Versorgung, Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen sind u. a. Gründe dafür, dass die durchschnittliche Lebenserwartung steigt, aber mit ihr auch das Risiko für Pflegebedürftigkeit. In Deutschland beträgt die Lebenserwartung (Sterbetafel 2004/2005) derzeit für: 7 Einen neugeborenen Jungen: 75,9 Jahre Ein neugeborenes Mädchen: 81,5 Jahre Einen 60 jährigen Mann: 20,0 Jahre Eine 60 jährige Frau: 24,1 Jahre
Damit einhergehend liegt das Risiko für Pflegebedürftigkeit des Einzelnen: 8 vor dem 60. Lebensjahr: bei rund 0,6 %
zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr: bei rund 3,9 % nach dem 80. Lebensjahr: bei rund 28,3 %
In Deutschland sind derzeit über zwei Millionen Menschen pflegebedürftig. Mehr als zwei Drittel, also ca 70 % der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt.
Zirka eine Million Pflegebedürftige erhalten Pflegegeld, das bedeutet, sie werden im häuslichen Bereich durch Angehörige gepflegt. Weitere 450.000 Pflegebedürftige leben ebenfalls in Privathaushalten. Bei ihnen erfolgte die Pflege und Betreuung jedoch zum Teil oder vollständig durch Sozialstationen.
Zirka 30 %, das entspricht etwa 640.000 Leistungsempfänger, werden in stationären Pflegeeinrichtungen versorgt. 9
Die überwiegende Mehrheit der heutigen Rentnergeneration ist mit ihrer Wohnsituation überaus zufrieden und will langfristig „in den eigenen vier Wänden bleiben“. Zu diesem Ergebnis kommt eine volkswirtschaftliche Studie der Allianz 10 zum Thema: „Wohnen im Alter“. Darin heißt es: „Die klare Präferenz geht dann hin zu einem eigenständigen Verbleib in der eigenen Wohnung, gegebenenfalls unter Zukauf von Dienstleistungen oder dem altersgerechten Umbau“. 11
6 vgl. Enquete- Kommission Demografischer Wandel; 2002.
7 vgl. Grundlage: 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung; Statistisches Bundesamt; 2006
8 vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Statistiken Pflege; Zahlen und Fakten zur Pflegevers.; 2007
9 vgl. Statistisches Bundesamt: Bericht: Pflegestatistik 2003 (veröffentlicht 2005)
10 Die Allianz ist ein großes Versicherungsunternehmen aus Deutschland.
11 Milleker; 2006, S.11
12
Am 31.12.2006 waren 19,1 % der Bevölkerung von Berlin und Brandenburg älter als 65 Jahre. 12 Das bedeutet, dass bei einer Gesamtbevölkerung von fast 6 Millionen Einwohnern, 1,1 Millionen Menschen in den kommenden 20 Jahren das altersbedingte Risiko für Pflegebedürftigkeit anhaftet.
In einer von Infratest Sozialforschung München 2002 betriebenen Umfrage sagten 39 % der befragten Angehörigen von Pflegebedürftigen aus, dass sie einen Umzug ihrer Angehörigen in ein Pflegeheim für unwahrscheinlich halten. 48 % gaben an, dass ein Umzug ins Heim für sie auf keinen Fall infrage käme. Pflegebedürftige selber gaben zu 43 % zu verstehen, dass sie es für unwahrscheinlich halten in ein Pflegeheim zu ziehen, 38 % äußerten, dass es für sie auf keinen Fall infrage käme, in ein Heim zu ziehen. Weder 81 % der Pflegebedürftigen noch 87 % deren Angehöriger halten es demzufolge für sinnvoll oder akzeptabel, bei Pflegebedürftigkeit in einem Pflegeheim zu leben.
Im Rahmen der Studie: Deutscher Altenpflege-Monitor 2005, Repräsentative Studie zu Einstellungen und Erwartungen an die Altenpflege in Deutschland wurden 1.111 Personen (1.000 Personen netto) der Altersgruppe 50+ telefonisch befragt. Sie hatten 10 Antwortmöglichkeiten für ihre Vorstellungen, wie sie sich im Rahmen von Pflegebedürftigkeit versorgen lassen würden (Mehrfachnennungen waren möglich).
Pflege zu Hause durch ambulante Pflegedienste 43 %
Pflege zu Hause durch Angehörige oder Kinder 40 %
Pflege im betreuten Wohnen/Servicewohnen 33 % Generationenwohnen 16 %
selbst organisierte Wohngemeinschaft 5 %
Pflege in der stationären Altenpflege 13 %
Pflege zu Hause durch Personal aus dem Ausland 12 %
Pflege im Ausland (z.B. Spanien) 3 % Etwas ganz anderes 2 % Keine davon 4 %
12 vgl. Angaben des Amtes für Statistik Berlin Brandenburg: Bevölkerungsstand; 2007
13
93 % der älteren Menschen leben in Wohnungen und möchten auch möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Zu dieser Aussage kommt das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), die sich schon lange mit dem Thema „Wohnen im Alter“ beschäftigen. 13 Ähnliche Ergebnisse liefert das Kuratorium Wohnen im Alter: Wenn es die gesundheitliche Situation zulässt, möchten „90 % der älteren Menschen“ in den eigenen vier Wänden, ausgestattet mit den Dienstleistungen, die das Alter benötigt, leben. 14
Die Kommune Schauenburg in Hessen hat 2004 eine Bürgerbefragung zur Vorstellung der Bevölkerung zum Leben und Zusammenleben im Alter in Auftrag gegeben. An der Universität Kassel wurde dieser Fragestellung nachgegangen (eine Mehrfachnennung war möglich). Als ein für das Thema relevantes Ergebnis wurde ausgewählt, wie sich die persönlichen Vorstellungen, das Wohnen betreffend, für das Leben im Alter verteilen: 15
Weniger als 8 % der Befragten können sich vorstellen, im Alter in einem Pflegeheim zu leben. Fast 80 % der Befragten sprechen sich für einen Verbleib in der bisherigen Wohnung aus (vgl. Tabelle 1: Vorstellungen vom Wohnen im Alter).
Am Institut für Rechtsmedizin der Charité hat eine Forschungsgruppe 2004 in einer Studie die Suizidmotive der 65 bis 95-Jährigen untersucht. Dabei wurden 130 Suizidfälle in der Zeit von 1995 - 2003 analysiert. Fazit: „In den meisten Fällen hätten sich die Menschen aus Angst vor schlechter Behandlung in Pflegeheimen das Leben genommen, sagte Studienleiter P. K. dem Tagesspiegel“. 16
Das Leben in der vertrauten Wohnung ist im Alter ein weit verbreitetes Grundbedürfnis. Es gilt Wege zu finden, diesem Grundbedürfnis bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit zu entsprechen.
13 vgl. Kuratorium Deutsche Altershilfe; 2004
14 vgl. Braun; 2006
15 vgl. Karl; Universität Kassel; Studie: „Älter werden in Schaumburg“; 2006
16 Jacobs; Der Tagesspiegel; 24.09.2004
14
3 Die Versorgungssituation alter Menschen
3.1 Das Alter
Wenn der Begriff „das Alter“ verwendet wird, stehen ältere Menschen und
das Resultat des Altwerdens im Vordergrund. Das Alter als Lebensperiode und „die Alten“ als Bestandteil der Gesellschaft finden Beachtung. 17
Eine allgemein verbindliche Definition für das Alter gibt es nicht. Alterseinteilungen werden beispielsweise nach natur- oder sozialwissenschaftlichen Maßgaben vorgenommen. Am häufigsten wird „alt sein“ oder „alt werden“ mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben in Verbindung gebracht.
Alterseinteilungen werden z. B. wie folgt vorgenommen:
In der Gerontologie: drittes Lebensalter 60- 75 Jahre Viertes Lebensalter ab 75 Jahre
Das Altern ist ein biologischer Prozess, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Es verläuft individuell. Das Alter als Lebensalterszahl eines Menschen sagt allein betrachtet wenig aus, hinsichtlich seiner Fähigkeiten und Einschränkungen in der jeweiligen Lebensphase. Altern ist gesellschaftlich definiert und normiert, z. B. in Hinsicht auf gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge sowie dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Altersprozesse verlaufen je nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (z. B. verschiedene Kulturkreise, Traditionen, Milieus) unterschiedlich geprägt. Technische Entwicklungen beeinflussen dabei nicht nur das Leben im Alter (Hilfsmittel etc.), sondern auch die Art und Nebenerscheinungen des individuellen Alterns selbst (Arbeitswelt, Freizeit, Wohnen, etc.). Weiterhin bestimmen Bildung und wirtschaftliche Bedingungen individuelle Entwicklungschancen im Lebenslauf, und damit die Ressourcen, aber auch die Versorgung im Alter. 18
Mit zunehmenden Alter steigt die Wahrscheinlichkeit von Krankheit und damit verbunden, von körperlichen und geistigen Einschränkungen betroffen zu sein, pflegebedürftig zu werden.
17 vgl. Baltes; 1994
18 vgl. Backes/Clemens; 1998
15
3.2 Das Pflegeversicherungsgesetz
Da Pflegebedürftigkeit zu einem allgemeinen, vorsorgefähigen Lebensrisiko wie Krankheit, Invalidität oder Alter geworden war, sollte auch für dieses Risiko eine sozialversicherungsrechtliche Absicherung geschaffen werden. Im April 1994 wurde nach einer fast zwei Jahrzehnte dauernden Diskussion und heftigen Kontroversen aller beteiligten Parteien, Verbände und Organisationen das Gesetz über die Pflegeversicherung verabschiedet. Das Pflegeversicherungsgesetz (PfegeVG) trat am 1.1.1995 in Kraft und wurde als fünfter Zweig der gesetzlichen Sozialversicherung verabschiedet und als elftes Buch in das Sozialgesetzbuch (SGB XI) integriert. Mit dem Inkrafttreten des Pflegeversicherungsgesetztes wurden die Mitglieder der Pflegeversicherung gegen das Risiko der Pflegebedürftigkeit versichert. Die pflegerische Versorgung wurde als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ definiert. 19 „Die Leistungen der Pflegeversicherung sollen den Pflegebedürftigen helfen, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen“. Die Versicherten wurden verpflichtet in Eigenverantwortung, „durch gesundheitsbewusste Lebensführung, durch frühzeitige Beteiligung an Vorsorgemaßnahmen und durch aktive Mitwirkung an Krankenbehandlung ....“ dazu beizutragen, Pflegebedürftigkeit zu verhindern. Die Pflegeversicherung mit ihren Leistungen soll „vorrangig die häusliche Pflege und die Pflegebereitschaft der Angehörigen und Nachbarn unterstützen, damit die Pflegebedürftigen möglichst lange in ihrer häuslichen Umgebung bleiben können“. 20 Die Pflegeversicherung ist von ihrer Konzeption als eine Grundsicherung angelegt. Neben den Leistungen der Pflegeversicherung sind durch den Bedürftigen 21 bzw. die Angehörigen Leistungen zu erbringen. Ist der Pflegebedürftige oder sind die nahen Angehörigen dazu nicht in der Lage, treten subsidiäre Leistungen der Sozialhilfe für die Bedarfsdeckung ein. Somit wurde eine Hierarchie zu Art und Umfang der Leistungsgewährung definiert.
Getragen werden die Regelungen des Pflegeversicherungsgesetzes von der Maßgabe, dass sich Kosten und Qualität der Versorgung durch gesetzliche Vorgaben und den Markt regeln. Rahmenbedingungen für einen Pflegemarkt wurden geschaffen und werden ständig weiter entwickelt. Pflegebedürftigen wird zunehmend die Rolle eines Kunden zugedacht, durch deren Kaufkraft Leistungen entwickelt und angepasst aber auch wieder verworfen werden. 22 Die pflegerische Versorgung alter Menschen wurde als gesellschaftspolitische Notwendigkeit und Problematik durch die Einführung der Pflegeversicherung zunehmend in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.
19 vgl. § 8 SGB XI ff
20 § 3 SGB XI (vom Autor modifiziert)
21 vgl. § 6 SGB XI sowie der Einsatz des eigenen Vermögens
22 Beispielhaft wären hier das personengebundene Pflegebudget sowie die Entwicklung von neuen Wohn- und Versorgungskonzepten für Pflegebedürftige zu benennen.
16
3.3 Pflegebedürftigkeit und Leistungsempfang
Im Pschyrembel®, dem klinischen Wörterbuch für Pflege, findet man unter dem Begriff der Pflegebedürftigkeit die im SGB XI § 14 formulierte Definition: Zustand einer Person, „die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich mindestens 6 Monate, in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedarf“. Die Definition von Pflegebedürftigkeit ist zentral auf die Grundpflege, also die Körperpflege, Ernährung und Mobilität und damit auf körperlicher Einschränkungen abgestellt. Der Hilfebedarf bei der hauswirtschaftlichen Versorgung findet anteilig Berücksichtigung. Der Bedarf an weiter gehenden Hilfen ist im Sinne einer allgemeinen Beaufsichtigung und Betreuung nicht relevant.. Im hohen Alter ist Pflegebedürftigkeit selten nur auf eine Ursache zurückzuführen. Sie ergibt sich häufig aus dem Zusammenkommen von körperlichen, sensorischen und hirnorganischen Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität). Demenzielle Erkrankungen (hier vor allem die Alzheimer Krankheit) stellen die häufigste Ursache für von Pflegebedürftigkeit dar. In Deutschland leiden schätzungsweise zufolge mehr als 950.000 Menschen an mittelschwerer oder schwerer ausgeprägten Demenzerkrankungen. In der Gruppe der über 80-Jährigen lässt sich Pflegebedürftigkeit in über 35 % so begründen. 23 Erkrankungen, die im fortgeschrittenen Alter zu funktionellen Einschränkungen, Behinderung und Pflegebedürftigkeit führen sind weiterhin Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten des Skelett- und Muskelsystems, internistische Erkrankungen, Frakturfolgen nach Sturzgeschehen, die Parkinson- Krankheit, sowie Schlaganfallfolgen; Depression und rheumatische Beschwerden.
Für die Gewährung von Leistungen nach dem Pflegeversicherungsgesetz sind pflegebedürftige Personen einer von drei Pflegestufen zugeordnet.
Nach Angaben der Geschäftsstatistik der Pflegekasse gab es mit Stand 31.12.2005 1,31 Millionen ambulant versorgt Pflegebedürftige (Leistungsempfänger) in der sozialen Pflegeversicherung. 24 Davon waren in der: Pflegestufe I erheblich Pflegebedürftige 759.114 (58 %) Pflegestufe II Schwerpflegebedürftige 425.843 (32,5 %) Pflegestufe III Schwerstpflegebedürftige 124.549 (9,5 %)
Seit 2002 werden für Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz zusätzliche Leistungen gewährt, wenn sie pflegebedürftig sind und zu Hause gepflegt werden.
23 vgl. Robert Koch Institut; Statistisches Bundesamt., S.14 ff.
24 vgl. Bundesministerium für Gesundheit; Zahlen und Fakten zur Pflegeversicherung (01/07).
17
Vor allem hauswirtschaftlichen Verrichtungen unterhalb der Schwelle des von der Pflegeversicherung anerkannten Pflegebedarfs erhielten weitere knapp 3 Millionen hilfebedürftige Menschen in Privathaushalten. Ordnet man diesen Personen, mit vorrangig hauswirtschaftlichem Hilfebedarf Häufigkeiten zu, in denen der Unterstützungsbedarf nach Auskunft des Haushaltes anfällt, so benötigen 46 % täglich, 36 % ein- oder mehrfach im Verlauf der Woche und 19 % eher seltener und damit nur gelegentlich Hilfe oder Unterstützung bei der Alltagsbewältigung. In der Differenzierung kann festgestellt werden: Bei den 65- bis 79-Jährigen, die deutschlandweit in Privathaushalten leben, sind es nicht mehr als 4 % Betroffene, die auf Leistungen der Pflegeversicherung angewiesen sind. Weitere 9 % der Männer sowie 12 % der Frauen benötigen vorrangig hauswirtschaftliche Hilfe, ohne bereits zu den Leistungsempfängern der Pflegeversicherung zu gehören. „… bei den 80-Jährigen und Älteren sind es 15 % der Männer und 21 % der Frauen, die in Privathaushalten Leistungen der Pflegeversicherung beziehen. Weitere 22 % der Männer und 27 % der Frauen zählen hier zu den vorrangig hauswirtschaftlich hilfebedürftigen Personen“. 25
Im Alter ab 80 Jahren können über 40 % der Menschen selbstständig und ohne Bedarf an fremder Hilfe wohnen und leben. Pflegebedürftig im engeren Sinne sind nach dieser Rechnung ca.30 % der über 80-Jährigen, während weitere ca. 30% vorrangig auf hauswirtschaftliche Hilfen angewiesen sind.
3.4 Die Wohnsituation alter Menschen in Deutschland
Wohnungen und die Wohnumgebung haben im höheren Lebensalter eine stärkere Bedeutung als in vorangegangenen Lebensabschnitten. 26 Ein Grund ist der Austritt aus dem aktiven Berufsalltag, die Arbeitswelt tritt in den Hintergrund. Der Wohnraum wird als Mittelpunkt der Lebenswelt und hauptsächlicher Erfahrungsort wichtiger. Der Anteil der Freizeit im Tagesverlauf steigt an, Hobbys werden im häuslichen Umfeld gepflegt. Verwandte und Bekannte besuchen sich, soziale Kontakte werden im häuslichen Umfeld gepflegt. Mit zunehmendem Alter zwingen Gesundheitsprobleme und Mobilitätseinschränkungen, häufig ungewollt, zum Aufenthalt in der Wohnung. Über 21 Stunden des Tages werden durchschnittlich von Hochbetagten dort verbracht. 27 Zum anderen ergibt sich im Alter eine engere Verbundenheit mit der Wohnung, ihrer gewohnten Einrichtung, der Wohngegend, dem Umfeld und den persönlichen Bedürfnissen. Vor allem ältere Menschen fühlen sich mit ihrer Wohnung, ihrer Wohnumgebung stark verbunden. Lebensgeschichtliche Erinnerungen haften dem Angestammten an.
25 Schneekloth, Infratest Sozialforschung; 2003, S.10
26 vgl. Brandenburg; 1996
27 Motel et al; 2000, S.148
18
Studien weisen nach, dass bei älteren Menschen 5 Wohnelemente wichtig sind: 28 1. Räumlich- dingliche Wohnelemente: Zu verstehen sind darunter das Erleben der Wohnlage und die Anbindung und Ausstattung einer Wohnung.
2. Verhaltensbezogene Wohnelemente: das Erleben von Autonomie, z. B. als Bereich der Selbstgestaltung von Einrichtung und Selbstverwirklichung sowie, die mit der Wohnung verbundenen Anregungsmöglichkeiten des Alltages.
3. Kognitive Wohnelemente: das Erleben von Vertrautheit in der eigenen Wohnung. Vertrautes Wohnen hat etwas mit Gewöhnung zu tun. Wer lange in einer Wohngegend gelebt hat, identifiziert sich mit dem Umfeld.
4. Emotionale Wohnelemente: Die Zufriedenheit mit der Wohnung und dem Wohnumfeld hat vor allem im Alter viel mit persönlichem Wohlbefinden zu tun und ist somit ein wichtiges Element der Lebenszufriedenheit. Die Wohnung bietet Geborgenheit und private Freiräume. 5. Soziales Wohnelement: eine angepasste Wohnsituation erleichtert das Erleben von sozialen Beziehungen und Kontakten zu Familie, Freunden und Helfern.
Je mehr positive Erinnerungen mit der Wohnung verbunden sind, desto schwerer gestalten sich Veränderungen in der Wohnung oder ein Umzug, selbst wenn der neue Wohnraum objektiv bessere Bedingungen bietet.
Im Zusammenhang des selbstständigen Wohnens in der vertrauten Wohnung ist zu vermuten, dass ältere Menschen teilweise ihre Wohnsituation anders einschätzen als neutral Außenstehende, weil sie sich an objektive Wohnprobleme wie Wohnungsgröße, Stockwerk, Ausstattung und Einrichtung angepasst haben. So konnte in verschiedenen Untersuchungen festgestellt werden, dass die Zufriedenheit mit der Wohnung und dem Wohnumfeld bei älteren Menschen trotz der objektiv vorhandenen und auch subjektiv wahrgenommenen Mängel recht hoch ist. Dies wird u. a. durch „Gewöhnungs- und Anpassungseffekte, durch das Bemühen um Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes, durch Prozesse der Anspruchnivellierung, sowie auch durch alterspezifische Bewertungskriterien und Antworttendenzen erklärt“. 29 Die Wahrnehmung und Anerkennung verschiedener Wohnprobleme setzt die Anerkennung eigener altersbedingter körperlicher und geistiger Einschränkungen voraus. Wer aber zugibt, dass seine Wohnung altersbedingte Probleme aufwirft, gibt indirekt zu, dass er alt geworden ist und in seinem angestammten Wohnraum nicht mehr uneingeschränkt zurechtkommt. Ein möglicher Umzug in eine kleinere, barrierefrei zu erreichende und seniorengerecht ausgestattete Wohnung oder
28 vgl. Höpflinger; Age Report 2004, S.10
29 vgl. Motel et al; 2000, S.125 ff
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Wohnraumanpassungsmaßnahmen in der vertrauten Wohnung setzen die Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter und den daraus resultierenden Einschränkungen voraus. Selbst kleine, oft sehr sinnvolle Wohnraumanpassungen bleiben im Alter deshalb z. B. aus, weil durch einen Haltegriff im Badezimmer die altersspezifische Gehbehinderung nach außen sichtbar gemacht wird. Solche Prozesse der Gewöhnung und Anpassung können dazu beitragen, dass Wohnprobleme von älteren Menschen unterschätzt werden. 30
Die Zunahme der Hochaltrigkeit ist im Hinblick auf Wohnverhältnisse von besonderer Bedeutung, weil die gesundheitliche Verfassung von Menschen mit den Anforderungen an Wohnraum und Wohnumfeld in einem engen Zusammenhang steht. „Im Extremfall verhindert eine mangelhafte Wohnung die Selbst- und Fremdversorgung im häuslichen Rahmen: Je schlechter die Wohnsituation ist, desto wahrscheinlicher ist der Heimübergang im Falle der Hilfe- und Pflegebedürftigkeit“. 31
Im Rahmen der Wohnraumumfrage 2003 der Arge Stiftung wurden ältere Bürger befragt, ob sie auch mit einer Behinderung in ihrer Wohnung wohnen bleiben können. 32 Immerhin 51 % der Befragten betrachten ihre Wohnung im Fall einer Behinderung als ungeeignet. Nur 17 % erachten ihre Wohnung als uneingeschränkt geeignet 33 . Der o. g. Studie nach wird mit zunehmendem Alter die Wahrnehmung der Wohnung leicht kritischer. Vor allem die „jungen Alten“, Menschen in der dritten Lebenshälfte, stehen der altersgerechten Gestaltung der aktuellen Wohnsituation mehr oder weniger skeptisch gegenüber.
Der Anteil von Pflegebedürftigen, die allein in einem Einpersonenhaushalt (Singularisierung) leben, ist mit 31 % recht hoch. Weitere 41 % leben häufig mit dem Ehepartner in einem Zweipersonenhaushalt. Die verbleibenden 28 % der Pflegebedürftigen werden in einem größeren Haushalt betreut und gepflegt. „Insgesamt entspricht dieses Ergebnis der typischen Lebensform von älteren Menschen in Privathaushalten. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung leben 31 % der Personen ab 60 Jahren und sogar 59 % der Personen im Alter ab 80 Jahren allein in einem Einpersonenhaushalt“. 34
Angebote und Gestaltung des Wohnens, der Nahversorgung und des öffentlichen Raumes können den Aufbau und Erhalt von sozialen Netzen fördern.
30 Höpflinger; Age Report; 2004, S.62
31 Motel; 2000, S. 124
32 Es wurde namentlich der Hinweis auf einen Rollstuhl gegeben. Eine etwaige Sturzgefahr durch Stolperfallen oder ungünstige Lichtverhältnisse wurde z. B. nicht thematisiert.
33 vgl. Höpflinger; Age Report; 2004, S.81
34 Schneekloth; Infratest Sozialforschung; 2003, S.10
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3.5 Hilfenetzwerke
Fast jeder Mensch wird in eine Familie geboren. Sie gehört zur ältesten sozialen Institution der Menschheit. Die Beziehungen zu Familienangehörigen sind in der Regel die stabilsten Verbindungen der Menschen untereinander. Sie bestehen häufig ein Leben lang. In soziale Netzwerke eingebettet erfolgt die Sozialisierung. Geprägt durch den großen Teil der Zeit, die man in der Familie verbringt, gepaart mit gemeinsamer Erinnerung und Erfahrung, entsteht das Zusammengehörigkeitsgefühl und Verantwortungsbewusstsein der Familienmitglieder
untereinander. Die erlebte Unterstützung manifestiert sich und wirkt durch fortgesetzte wechselseitige Interaktion und Kommunikation verbindend.
Hilfenetzwerke 35 im Alter sind somit in hohem Maße familienzentriert. In der Regel erfolgen Bemühungen, Hilfe im Rahmen des eigenen Haushalts zu erhalten. Hauptpflegeperson 36 ist somit der Ehepartner. Ihm folgen die engsten Verwandten. Häufig sind es die Kinder beziehungsweise die Schwiegerkinder, die um Hilfe gebeten werden. Erst wenn die Aufgaben im engsten Kreis nicht gelöst werden können, wird auch an Unterstützung von anderen gedacht. Hierzu können entfernte Verwandte zählen, aber auch Freunde, Bekannte oder Nachbarn. An wen sich konkret gewandt wird, ist unter anderem von der Art der benötigten Unterstützung und der Verfügbarkeit möglicher Netzwerkpartner abhängig. 37
Derzeit wird eine Entwicklung in ihren Auswirkungen sichtbar, die familiäre Hilfepotenziale infrage stellt. Es gibt eine starke Zunahme von Haushalten alleinlebender Menschen durch pluralisierte Lebensformen, veränderte Heirat -und Scheidungshäufigkeiten, Geburtenrückgänge oder Kinderlosigkeit, Vollbeschäftigung und räumlich, zum Teil stark getrennte Familienbande. Angesichts der Häufung verschiedener demografischer Entwicklungen muss von einem relevanten Strukturwandel der Familie gesprochen werden. 38
Ergänzt werden private Hilfenetzwerke häufig durch professionelle Hilfeleistungen von Sozialstationen.
Nachbarschaftshilfen sind verbreitet, aber in ihrem Umfang begrenzt. Neben reinen Kontakten wird Hilfe durch Nachbarn im Rahmen kleiner Gefälligkeiten geleistet. Das Spektrum nachbarschaftlicher Hilfen ist vor allem begrenzt durch fehlende Kontakte, infolge häufiger Wechsel der Mitbewohner in einem Haus oder des Wohnumfeldes. Feste Mieterstrukturen werden
35 Das Geflecht an Beziehungen, die ein Mensch hat, wird als Netzwerk bezeichnet. vgl. Hollstein; 2006. Im Hilfenetzwerk sind entsprechend Personen oder Institutionen vereint, die Hilfeleistungen erbringen.
36 Als Hauptpflegeperson wird im Zusammenhang dieser Arbeit die Person bezeichnet, die sich mehr als die anderen Helferpersonen mit Hilfe- und Pflegeleistungen befasst.
37 vgl. Schumacher; 2000, S.6
38 vgl. Hoff; 2006, S.231 ff
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zunehmend seltener. Nachbarschaftliche Hilfen sind somit vor allem kleinere Aushilfen und Hilfen in Notsituationen.
Private Personen in Helfernetzwerken erbringen Unterstützungsleistungen, mehr oder weniger stark differenziert, in vier verschiedenen Bereichen: 1. kognitive Unterstützung 2. emotionale Unterstützung 3. instrumentelle Unterstützung 4. finanzielle Unterstützung
Prinzipiell lässt sich vermuten, dass die Bereitschaft des privaten Helfernetzwerkes Hilfe- und Pflegeaufgaben zu übernehmen und dauerhaft fortzuführen, von vielen Faktoren abhängt. Neben dem Verhältnis zum Hilfebedürftigen spielt die Qualität der Beziehung eine bedeutende Rolle. Nicht unerheblich ist weiterhin die spürbare Zunahme und Auswirkung der Bedürftigkeit. Können sich Helfer auf Situationen einrichten, ist das mögliche Belastungs- oder Überforderungsrisiko geringer, als wenn eine akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Hilfebedürftigen ad hoc eintritt und umfangreicher Hilfebedarf sich schlagartig bemerkbar macht. Die Wahrung ethischer und ästhetischer Normen im Umgang miteinander können die Art und Weise und die Dauer der Hilfe- und Pflegebeziehung beeinflussen. Finanzielle Aspekte, Verpflichtungen oder Krankheit der Helferperson, Gratifikationsprozedere und das Verhalten in Krisensituationen wirken weiterhin Einfluss nehmend auf vorhandene Versorgungsstrukturen.
3.5.1 Informelle Hilfe
An der Tatsache, dass derzeit etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Privathaushalten ohne Rückgriff auf professionelle Pflegeleistung betreut werden, hat sich im Vergleich zur Situation zur Einführung der Pflegeversicherung nichts Grundlegendes verändert. Im Rahmen der familiären Hilfeleistung erhalten in der Regel 92 % der Pflegebedürftigen von ihren nächsten Angehörigen regelmäßig Hilfe und Unterstützung bei der Alltagsbewältigung. 60 % der Hauptpflegepersonen sind mindestens 55 Jahre alt. Es sind also vor allem Menschen in der dritten Lebensphase, die im häuslichen Umfeld private Hilfe leisten.
Auftretende Überlastungssituationen sind dabei eine, nicht selten anzutreffende Nebenerscheinung familiär erbrachter Hilfeleistung 39 .
Zahlen der Infratest Repräsentativerhebung 2002 belegen, dass im Durchschnitt 36,7 Stunden pro Woche durch die Hauptperson für die Betreuung und Versorgung von Pflegebedürftigen aufgewendet werden.
39 vgl. Holz; 2000, S. 253ff
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Nach Pflegestufen aufgeschlüsselt bedeutet das, dass der geschätzte wöchentliche Aufwand bei Pflegebedürftigen der Pflegestufe I: 29,4 Stunden Pflegestufe II: 42,2 Stunden Pflegestufe III: 54,2 Stunden beträgt.
14,7 Stunden werden für den Aufwand bei Hilfebedürftigen veranschlagt, die keinen Leistungsanspruch im Rahmen des SGB XI haben, der Hilfe aber dennoch bedürfen.
Die Versorgung eines Pflegebedürftigen ist für die Hautpflegeperson ein Vollzeitjob. Für 64 % von ihnen gilt, dass sie im Prinzip rund um die Uhr zur Verfügung stehen müssen. Ca. 28 % der Hautpflegepersonen leben nicht im Haushalt des Pflegebedürftigen, sind aber täglich stundenweise verfügbar. 40 Hilfe- und Pflegebedürftigkeit sind im Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen in der Regel keine kurzweiligen Episoden. Mit Beginn des ersten Auftretens erhalten Hilfebedürftige fast 10 Jahre und pflegebedürftige Menschen acht Jahre Unterstützung. 41 Die häusliche Hilfeleistung endete häufig mit dem Umzug in ein Pflegeheim oder mit dem Tod. Zunehmend enden Hilfe-, Betreuung- und Pflegeleistungen auch, wenn Hilfe- und Pflegebedürftige in betreute Wohnprojekte ziehen.
In Anbetracht des Umfanges an Hilfe und Pflegeleistungen und durch die damit einhergehende Belastung fühlen sich 42 % der Hauptpflegepersonen stark, rund 41 % sogar sehr stark belastet. 42 Da die Leistung der Pflegeversicherung nicht bedarfsdeckend konzipiert ist, muss der Hilfebedarf, der durch familiäre Netzwerke oder Sozialstationen nicht gedeckt wird, anderweitig ausgeglichen werden. 24 % der Pflegebedürftigen und 13 % der Hilfebedürftigen ohne Leistungsanspruch aus dem SGB XI nehmen selbst finanzierte Hilfeleistungen in Anspruch. In 39 % der Fälle wird damit eine hauswirtschaftliche Hilfe ins Haus geholt und finanziert. 43
3.5.2 Formelle Hilfe
Zur Ergänzung der schwerpunktmäßig familiär getragenen Hilfeleistung erhalten Pflegebedürftige Leistungen nach SGB XI. Sie haben die Wahl zwischen Pflegesachleistungen, Pflegegeld für selbst beschaffte Pflegehilfen und einer Kombination von Geldleistung und Sachleistung. Die Pflegeversicherung gewährt darüber hinaus eine Urlaubsvertretung bei häuslicher Pflege, Tages -und Nachtpflege sowie Kurzzeitpflege.
40 vgl. Schneekloth; Infratest Sozialforschung; 2003, S.22
41 vgl. ebd. S.25
42 vgl. ebd. S.23
43 vgl. ebd. S.27
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Arbeit zitieren:
Andre Scholz, 2007, Im Alter zu Hause leben - Wege zur Vermeidung von Heimaufenthalt, München, GRIN Verlag GmbH
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