2
Bedingt durch seine kulturell tradierte Misogynie sind die Mittel, die er wählt, um der Frau seinen Willen aufzuzwingen, prinzipiell gewalttätig. Sie kulminieren im Gebrauch sexueller Gewalt bzw. in einer Vergewaltigung, deren Folgen für die betroffene Frau gravierend sind.
1. Brünhilds Verteidigung ihrer Integrität
Ez was ein küneginne gesezzen über sê,
ir geliche enheine man wesse ninder mê. Diu was unmâzen schoene, vil michel was ir kraft. Si schôz mit snellen degenen umbe mínné den schaft. 6
Brünhild ist kein adliges Fräulein, wie wir es aus der Beschreibung anderer weiblicher Figuren im Nibelungenlied kennen. Sie wird zwar ebenfalls als unermeßlich schön beschrieben („unmâzen schoene“), ist aber im Gegensatz zu Kriemhild und Gotelind kein Mündel eines männlichen Verwandten, sondern selbst Herrscherin („küneginne“) in Island 7 . Warum eine Frau in Isenstein regiert, ist nicht bekannt. Es ist jedoch zweifelhaft, dass auf Isenstein generell die weibliche Erbfolge oder eine matriarchale Herrschaftsform besteht, denn nach Brünhilds Weggang werden die Regierungsgeschäfte vorläufig einem Onkel („ er was ir muoter bruoder“ 8 ) übergeben. Sie ist in dieser Hinsicht also tatsächlich einzigartig (ir geliche enheine man wesse ninder mê 9 ) und nicht Repräsentantin einer matriarchalen Enklave am Rande der Zivilisation.
Über die Königin von Island weiß man in Worms, dass:
swer ir minne gerte, der muose âne wanc
driu spil an gewinnen der frouwen wol geborn. gebrast im an dem einen, er hete daz houbet sîn verlorn. 10
Dieser Wettkampf ist keineswegs eine archaische Methode einen ebenbürtigen Mann zu finden, denn in diesem Fall würde keine Notwendigkeit bestehen, alle unterlegenen Bewerber umzubringen. Es muß also andere Gründe dafür geben:
6 „Jenseits des Meeres hatte eine Königin ihre Burg, der - jedenfalls soweit man wußte - überhaupt keine andere gleichkam: sie war unermeßlich schön, aber außerdem besaß sie noch ungeheure Stärke. Wenn ein tapferer Held ihre Liebe gewinnen wollte, dann maß sie sich mit ihm im Speerwurf.“ (Alle Übersetzungen sind, soweit nicht anders gekennzeichnet, aus der in Fußnote 1 genannten Ausgabe entnommen.) Nibelungenlied 1, Strophe 326.
7 ebd.
8 „Er war der Bruder ihrer Mutter“ (meine Übersetzung) ebd., Strophe 523,2.
9 „Ihr glich, jedenfalls so weit man wußte, keine andere“ (meine Übersetzung) ebd., Strophe 326,2.
10 „Wer immer um ihre Liebe warb, der mußte in drei Wettkämpfen über die edle Frau siegen. Versagte er auch nur in einem, dann hatte er sein Leben verwirkt.“ ebd., Strophe 327,2-4.
3
Zu den Funktionen eines Regenten gehört es, sein Land vor Aggression und Fremdherrschaft zu schützen, um stabile Verhältnisse zu gewährleisten. Da in einer mittelalterlichen Ehe das Prinzip „Uxor regitur, et vir regit.“ 11 gilt, kann Brünhild nur allein herrschen, d.h. ihre Pflichten als Königin von Island erfüllen, solange sie unverheiratet ist. Eine Regina regens kann zwar nicht mehr von einem Vormund zur Heirat gezwungen werden, es bestünde jedoch die Möglichkeit, eine alleinstehende Frau mit Gewalt zur Einwilligung in die Ehe zu nötigen. Dies ist in Brünhilds Fall jedoch schwierig, denn „vil michel was ir kraft“ 12 .
Wenn die Königin von Isenstein annimmt, jemand sei „komen in diz lant / durch willen mîner minne“ 13 , so ist ihre erste Reaktion darauf: „ez gât im an den lîp. / Ich fürhte in niht sô sêre daz ich wérdé sîn wîp.“ 14 Sie plant also sofort denjenigen zu töten und beteuert ihre Furchtlosigkeit.
Dies entspricht Gernots Verhalten, als er von der Kriegserklärung der Sachsen und Dänen erfährt 15 und tatsächlich handelt es sich in beiden Fällen um Angriffe auf die Souveränität eines Herrschers. Es ist demnach im Kontext des Nibelungenlieds weder verwunderlich, noch übertrieben von Brünhild, dem jeweiligen Aggressor mit dem Tod zu drohen. Die „spil diu starken“ 16 sind also, wie auch die Teilung in drei Disziplinen nahelegt, eine reglementierte d.h. höfische Form der Verteidigung gegen Angriffe auf die Integrität der Regentin, die diese bewahren will.
2. Gunthers machtpolitische Beweggründe
Gunther hat kaum von Brünhild gehört, da will er schon „durch ir minne wâgen [s]înen lîp“ 17 . Brackert übersetzt diese Passage mit „Aus Liebe zu ihr will ich mein Leben aufs Spiel setzen“ 18 , doch ist Liebe ein moderner Begriff, der nach heutigem Verständnis kaum auf die Gefühle eines Mannes zu einer Frau, die er nie gesehen hat und nur vom Hörensagen kennt, anwendbar ist.
11 „Die Frau wird regiert, der Mann regiert.“ Summa theologiae, Teil III, Supplementum, Quaestio 64, Articulus 5 (Zitiert nach: Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 9. Auflage. München 1999, S. 457).
12 „außerdem besaß sie noch ungeheure Stärke“ Nibelungenlied 1, Strophe 326,3.
13 „in mein Land gekommen ist und um meine Liebe wirbt“ ebd., Strophe 416, 2.
14 „dann geht es ihm schlecht. Denn ich fürchte ihn nicht so sehr, daß ich ohne weiteres seine Frau würde“ ebd., Strophe 416, 3-4.
15 ebd., Strophe 150.
16 „heiklen Kampfspiele“ ebd., Strophe 424, 2.
17 „um ihrer Minne willen sein Leben aufs Spiel setzen“ (meine Übersetzung) ebd., Strophe 329,3.
18 ebd., Strophe 329 (der neuhochdeutschen Übersetzung).
4
Es geht ihm einzig darum, eine passende Gattin zu finden, „denn der Erwerb des adäquaten weiblichen Körpers macht ihn zum verlängerten eigenen Leib“ 19 . Brünhild ist, wie gesagt, sehr schön und entstammt einem Königsgeschlecht. Das reicht schon aus, um sie zu einer geeigneten Heiratskandidatin zu machen. Gunther will Brünhilds mächtigen Körper als Verlängerung seiner eigenen Macht, deshalb muß er sie sich aggressiv unterwerfen und da sie eine Frau ist, wird als Mittel dazu die Ehe gewählt.
Neben Brünhild ist Siegfried ein weiteres Beispiel für die Vergrößerung der Macht Gunthers durch die Bindung eines mächtigen Körpers an den Hof. Jener herrscht zwar in Worms, „die überlegene Gewaltsamkeit dieser Könige (5,2) aber beruht nicht auf ihrer eigenen körperlichen Stärke, sondern auf der Verfügung über eine Mannschaft.“ 20 Der Wert dieser Gefolgschaft wird bestimmt durch die Qualität ihrer Mitglieder, deshalb bedeutet „der starke Sîvrit, der helt von Niderlant!“ 21 , dessen Ruhm so groß ist, dass seine Vorstellung und ein Überblick über seine Abenteuer durch Hagen 15 Strophen 22 füllen, eine nicht nur symbolische Aufwertung, sondern auch einen rein praktischen Vorteil. Als nämlich die Sachsen und Dänen Worms den Krieg erklären, und Hagen feststellen muß, dass „wir mugen uns niht besenden in sô kurzen tagen“ 23 , ist es Siegfried, der, ohne eine direkte Gegenleistung zu verlangen, seine Hilfe anbietet:
„Daz lât iuch ahten ringe“, sprach dô Sîfrît,
„unt senftet íuwerem múote. Tout des ich iuch bit! lât mich iu erwerben êre unde frumen und bitet iuwer degene daz si iu ouch ze helfe kumen. 24
Siegfried ist durch Minne an den Wormser Hof gebunden, denn „er truoc in sîme sinne ein minneclîche meit“ 25 . Gunther will auch Brünhild durch Minne, bzw. Ehe an sich binden. Da Siegfried sich seine zukünftige Gattin jedoch selbst ausgesucht hat, beruht seine Bindung auf Freiwilligkeit. Brünhild hat keine solche Wahl getroffen, deshalb muß Gunther sie zwingen.
19
Czerwinski, Peter: Das Nibelungenlied. Widersprüche höfischer Gewaltreglementierung. In: Einführung in die deutsche Literatur des 12. bis 16. Jahrhunderts. Hrg. v. Frey, Winfried u.a. Opladen 1985 (Adel und Hof - 12. /13. Jahrhundert, Bd. 1), S. 49 - 87. hier: S. 73.
20 Czerwinski, Seite 53.
21 „der starke Siegfried, der Held aus Niederland.“ Nibelungenlied 1, Strophe 90,3.
22 ebd., Strophen 86 - 100.
23 „In so kurzer Zeit können wir unser Heer nicht sammeln.“ ebd., Strophe 151,3.
24
„
25 „Er trug in seinem Herzen das Bild des lieblichen Mädchens“ ebd., Strophe 132,2.
Arbeit zitieren:
Anja Schmidt, 2004, Sexuelle Gewalt im Nibelungenlied als Mittel der Artikulation von Herrschaft über Frauen, München, GRIN Verlag GmbH
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