Regionalgeschichte des
Gerstunger Beckens,
unter besonderer Berücksichtigung des
Dorfes Herda
1
,
sein Umfeld und seine Entwicklung
2
.
Verfasst von:
Dr.-Ing. Adalbert Rabich, Dülmen
Fassung 27.02.2010
1
hier ist Herda bei Berka/Werra gemeint, zeitweilig Heerda geschrieben, gehört im Laufe der Geschichte zu den
Amtsbereichen Gerstungen, Berka/Werra und Hausbreitenbach (verwaltungs- und gerichtsmäßig) als
Ergebnis der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse. Unter der Herrschaft der Abtei Kloster Hersfeld wird in Ber-
ka eine Vogtei eingerichtet, die 1330 an Graf von Henneberg verkauft wird im Zuge der politisch-verwal-
tungsmäßigen Neuordnung. Heute gehört Herda als Ortsteil zu einer Verwaltungsgemeinschaft mit Sitz in
Berka. - 1818 zählen zum Justiz-Amt Gerstungen folgende Dörfer:
Apterode, Berka, Dankmarshausen, Dippach, Fernbreitenbach, Gasterode, Gerstungen, Hausbreitenbach,
Herda, Horschlitt, Neustadt, Großensee, Untersuhl, Vitzerode, Wünschensuhl und die Höfe Dietrichsberg,
Kratzerode. Frauensee, Gosperode und die Höfe Auenheim, Lindig, Rienau gehören zum Justizamt Creyen-
berg/Tiefenord. Nach Großherz. S-W-E-Hof- und -Staats-Handbuch. Weimar. 1819. S- 128
Das Justizamt leitet Amtmann Johann Philipp Elias Trautvetter mit einem Amts-Commisar, -Acteur und
Copist. Landrat auch für Gerstungen und Hausbreitenbach ist Carl Christian Jeremias Mey. Ebda. S. 112
2
S. auch: Geschichte der Siedlung Herda und des Geschlechtes Rabich [letzte Fassung]. PC: Siedl..
2
Inhaltsverzeichnis
Abschnitt
Nummer
Inhalt
Seite
00.
Abstract 7
0. Das
Problem der historischen Wahrheit
8
0.1
Die Problem-Grundlagen, Ermittlungsvoraussetzungen
Objektivität/Quellen 8 -
Frauendasein 12
Rechtshandhabung
15
-
Ethnologie
17
0.2
Die Untersuchung und Darstellung von geschichtlichen
Vorgängen
25
0.2.1
Die methodische Vorgehensweise bei Problemlösung
29
0.2.2
Die mündliche Überlieferung als Datenquelle
31
0.2.3
Die Anforderungen an eine Geschichtsschreibung
32
0.2.4
Ansätze zu einer repräsentativen Geschichtsdarstellung
32
0.3
Das Territorium als Grenzmaß der Geschichte
36
0.4
Geschichtsforschung und darstellung einer Region
40
0.5
Der Nachvollzug geschichtlicher Vorgänge einer Region
42
0.5.1
Die
Einschränkungen
0.6
Der
menschliche
Aspekt
45
0.6.1
Das Individuum für sich und in einer Gruppe
0.6.2
Macht über andere als Ziel menschlichen Willens und
Grundlage von Macht-Ordnungen
46
0.6.2.1
Allgemeines
0.6.2.2
Der Untertan als Beherrschter eines Systems
48
0.6.3
Eigentum/Vermögen und Handeln damit
51
0.6.4
Die Schenkung mit Auflagen und ethnisch-moralischen
Aspekten
54
0.6.5
Die Untertanen mit Unterschieden
56
1. Thüringen,
besonders
West-Thüringen in der Geschichte
57
1.1
Thüringen vor der Geschichtszeit
1.2
Das Geschichtsbild vom Werra-Bogen und von Herda
67
1.2.1
Das
Reich
Thüringen
75
1.2.2
Spezielle
Betrachtungen
77
1.3
Der
thüringische
Untertan
81
1.4
Das regionale Geschichtsbild
95
1.4.1
Der Beginn thüringischer Geschichte
Tabelle
108
119/120
1.4.2
Die
Eigenheiten
der
Region
121
1.4.3
Die
Regions-Bevölkerung
125
1.4.4
Die
Landesgrenzen
134
1.4.5
Der
Verkehr
und
Handel
137
1.4.5.1
Das
Straßenwesen
141
1.4.5.2
Die Kommunikation als Verkehrsinstrument
142
Auszug aus Luden, H. Geschichte des Teutschen Volkes
144
2. Herda als Besiedlungs- und Herrschaftsort
146
2.1
Die
Gemeinde
Herda
154
3
3. Herda im Verkehrsnetz
158
3.1
Allgemeines zu Transportnetzen/-mitteln
3.2
Herda
im
Fernwege-Netz
165
3.3
Das
dörfliche
Wegenetz
von
Herda
174
4. Das Dorf, Beispiel Herda im Gerstunger Becken
181
4.1
Die Menschen vom Dorf Herda
186
4.2
Das
bäuerliche
Dorf
191
5. Das Geschlecht Rabich = Teil der Dorfeinwohnerschaft
5.1
Die Gemeinschaft als Gesellschaft
198
5.2
Die Familie Rabich in der Ortsippe
200
5.3
Die Familie als Element der Gesellschaft
209
5.4
Gewerbe,
Handwerke
221
5.5
Nichtbäuerliche
Familien
223
5.6
Bodenständigkeit
(Rabich)
224
5.7
Mobilität
(Rabich)
229
6. Das soziale Gefüge der Dorfbewohner in Herda
231
6.1
Übersicht
6.2
Der
religiöse
Mensch
244
6.3
Der Einfluß von Kriegen auf das Werraland
247
6.4
Herda
und
die
Soldateska
253
6.5
Der Widerstand in der Bevölkerung
265
6.6
Napoleon auf dem Rückzug durch Herda
271
6.6.1
Das Vorspiel zu Napoleon
6.6.2
Das
Geschehen 272
6.6.3
Die
Familie
Rabich
dabei
278
7. Die
Lebensformen in Herda
278
7.1
Der
Alltag
280
7.2
Das
landwirtschaftliche
Arbeiten
283
7.3
Der Beruf Bauer bzw. Landwirt
289
7.4
Die Separation in Herda (Flur-Bereinigung)
291
7.5
Das
Umfeld
der
Bauern 294
7.5.1
Das
Geld
7.5.2
Die
Dienstleistung
296
7.5.3
Die
Ämter
in
Herda
297
7.6
Kultur und Technologie in der Region
297
7.6.1
Die
Christianisierung in Thüringen
299
7.6.1.1
Allgemeines
7.6.1.2
Missionierung in Thüringen
301
7.6.1.3
Der
Christianierungsprozeß
303
7.6.2
Der
Glaube
307
7.6.3
Die
Täufer und Bauernkrieg in Westthüringen
309
7.6.3.1
Sind Rabich rechtgläubig?
7.6.3.2
Sind
die
Rabich
gleichgesinnt
310
7.6.3.3
Religions-Einstellung,
Bauernaufstand 311
7.6.3.4
Der
Bauernkrieg
312
7.6.4
Die Täufer nach dem Bauernkrieg
314
4
7.6.5
historisches
Gesamtbild 318
8. Land-Adel
319
8.1
Die grundsätzliche Entwicklung des Adels
324
8.1.1
Entstehen von Adel
8.1.2
Adel
und
Bevölkerung
333
Tabelle
Rodelandzinser
335
8.1.3
Das
Geschlecht
Wigger 336
8.2
Die Schichtung Adel Bauer in Thüringen
338
8.3
Die
örtliche
Situation
340
8.4
Vergleich mit anderen Adelsgeschlechtern
343
8.4.1
Geschlecht derer von Herda
344
Tabelle
346
8.4.1.1
Probleme
des
Geschlechts
346
Tabelle
347
8.4.1.2
Problem fortlaufender Teilungen von Grund
8.4.1.3
Folgen
von
Besitz-Teilungen
350
8.4.1.4
Management derer von Herda
350
8.4.1.4.1 Wirtschaftskontrolle
351
8.4.1.4.2 Verpachtungs-Geschäft 354
8.4.1.4.3 Landwirtschaft
355
8.4.1.4.4 Abhängigkeitswirtschaft
357
8.4.1.4.5 Forst-
und
Jagdwirtschaft
359
8.4.1.4.6
Schulden derer von Herda
364
8.4.1.4.7 Verantwortlichkeit
als
Manager 368
8.4.1.4.8 Schloßgut
Herda
371
8.4.1.4.9 Das
verpachtete
Schloßgut
374
8.4.1.4.10
Schloßgut und Kratzerode, Management
377
8.4.1.5
Die Herrschaft derer von Herda
380
8.4.1.5.1 Der
Werra-Bogen-Bereich
8.4.1.5.2
Der (geographische) Gesamtbereich
383
8.4.1.6
Die
adlige
Wirtschaft
387
8.4.2
Vergleich mit von Boyneburg
393
8.4.3
von Reckrodt
394
8.5.
Niederadel
und
Ämter
396
Auszug aus Schweitzer, Öffentliches Recht. Unterthan
400/401
Tabelle
402/403
9.
Zusammenfassung
413
Schlussfolgerungen in Kernpunkten, siehe S. 6
420
10.
Bibliografie
428
11.
Stichwortverzeichnis
467
12.
Bildverzeichnis
-
Bilder 472
und
488
5
Tabellen-Verzeichnis.
Nr.
Bezeichnung
Seite
1 Eisenacher
Kreis,
Flächen.
Bevölkerung, Berufe
78
2
Temperaturen an Stationen in Thüringen
80
3
Klöster Fulda/Hersfeld, Zuordnung von Dörfern
103
4
Flur-, Forst- und Ortsnamen, Bedeutung
103/104
5
(Zeitliche) Erstnennungen von Orten , vgl. Nr. 8
104
6 Geschichtsdaten
Südwest-Thüringen
108-119
7
Eine Geschichtsfakten aus dem
Geschlecht
Rabich
120
8
Erstnennungen von Orten, Gerstunger Becken, vgl. Nr.5
128
9 Einwohner/Ort
Häuser,
Amtsbereich Gerstungen 19. Jahrhundert
128/129
10
Bahnhöfe Eisenbahn Eisenach-Gerstungen-Vacha
141
11
Entfernungen in Fußmarsch-Zeiteinheiten
zwischen
Orten
145
12
Flur-Gemeindegrenzen
von
Herda
157
13
Hochwasser
Werra
[in Fußnote], vgl. Nr. 43
158
14
Schächte für den Kalisalzabbau im Werra-Gebiet, Zeiten
162
15
Ort-Straßen
von
Herda
um
1200
178/179
16
Getreide-Mühlen
Gerstunger
Becken
183
17
Besitz-Größen in Herda
Adel/Gemeinde 19. Jahrhundert
191
18
Steuerschätzung ,,von Herda" 1890, verschiedene
Orte 192
19
Hausgesessene in Ortschaften Gerstunger Becken, 1585-1673
193
20
Feuerstätten/Einwohner 1610 u. später in Herda, vgl. Nr. 29
193/194
21
Steuer-Meßzahlen Gut Herda nach 30jährigem Krieg
195
22
Gemeindeakten Herda im Stadt-Archiv [in Fußnote]
200
23
Flur-, Forst- und Straßennamen im Bereich Herda
202-205
24
Herdaer
Familien
im
Gemeinderat
208
25
Geschlechter-Verbindung Rabich in Herda zu
anderen
Geschlechtern 209/210
26
Rangreihe in Steuerkraft in Herda 19. Jahrhundert
210
27
Alte Familiennamen in Herda 17. Jahrhundert
212/213
28
Familien-Namen in Herda 16./17. Jahrhundert inkl. Ehefrauen
213-216
29
Feuerstätten, Einwohner usw. 16. Jahrhundert
vgl. Nr. 19
217
30
Rabich
in
Herda
1937
218
31
Grundbesitzer in Herda 1880, darunter
Rabich 224
32
Grundbesitzer in Herda, Verteilung
n.
Größe 224
33
Rabich´s in Herda, 16. Jahrhundert
- Stammlinien
225/227
34
Stammhaus Rabich, Werte [in Fußnote]
225
35
Bevölkerungsentwicklung Herda 1827 1922
229/230
36 Sozial-Schichtungsentwicklung
der Einwohnerschaft Herda
240/241
37
Hexen-Verfolgung ab 1558 in Thüringen - Schöppenstuhl
250
38
Pfarrer in Herda
1465 19. Jahrhundert
251
39
Schulmeister in Herda 17. bis 19. Jahrhundert
252
40
Wüste
Höfe
in
Herda
1683
255/256
41
Polizeivergehen 19. Jahrhundert Eisenach
280
42 Mahlzeiten/Speisezettel
bei
,,von Herda" 1 Woche
281
43
Hochwasser Werra s. Nr. 13, Jahrhunderte-Verteilung
285
44
Grundbesitz Geschlecht Rabich in Herda
1879/1882
293/294
45
Rangreihe der Grundbesitzer in Herda
294/374
46
Täufer
im
Verhör
1533
315
47
Täufertum,
Zeittafel
319
6
48
Rodelandbesitzer
Herda
1651-1657
334/335
49
Rodeland-Bereich derer von Herda
(geografisch)
346
50
Besitz und Rechte derer von Herda
349
51
Verteilung des Waldes auf Verantwortliche
nach
Größe
359
52
Steuerschätzung ,,von Herda" in Ortschaften
365
53
Vermögen und Bankverbindungen ,,von Herda"
364
54
Ackergrößen
von
Herda
im
Vergleich
371/372
55
Waldertrag
1780
von
Herda
373
56
Abgaben an Schloßgut Herda 1838
373
57
Grundaufteilung Schloßgut Herda 1818
373
58 Brandschätzung
Schloßgut/Kratzerode
1812
379
59
Herdaischer Grundbesitz im Nahbereich von Herda
381/384ff
60
Haushalt/Jahresrechnungen
1840-1854 388
61
Militärische Ämter durch Mitglieder Geschlecht ,,von Herda"
99
62
Fürstentum
Eisenach
1743,
Einteilung
402
63
Regentenfolge für Gerstunger Becken/Eisenach
403-412
Das Bildverzeichnis ist mit Übersicht, Beschreibungen ab Seite 472 als auch in
Darstellungen im Bildanhang enthalten, ab Seite 488 bis 552.
Kernaussaguen aus den Schlussfolgerungen
Hier nur Stichworte, umrahmte Absätze
Seite
420
Elbgermanen Hermanduren; Eigenversorgung, Abgaben,
Frankenherrschaft Adel, Landgraf, Niederadel Vasall
421
Grund/Boden Wald Kondominat,
Recht Gerichtsbarkeit Rechtsempfinden
422
Christianisie4rung Hexenverfolgung, Wandel Dorfbauer Landwirt
423
Verteilung des Grundbesitzes Eigentum, Siedlungen Gerstungen/Herda
Umwelt, Ausbeutung von Wald Werra-Belastung
424
Arbeit Lohn Sozialordnung
425
Gesellschaft Abhängigkeit Rechtswirklichkeit Beamtenapparat
426
Sitte Moral Rechtssystem Kirche und Staat
427
Tradition Heiligtum Kunst - Kultur
7
00.
Abstract.
Regionalgeschichte soll der historischen Realität möglichst nahe kommen, weshalb Wissen
aus anderen Regionen nur bedingt benutzt und eingebaut werden kann. Änderungen der
begrifflichen Inhalte müssen beachtet werden; so kann eine Schenkung als Spende mit einem
anderen Zweckhintergrund aufgefasst werden. Gerade aus Schenkungen setzt sich aber das
Grund-Vermögen klösterlicher und kirchlicher Einheiten des Mittelalters zusammen, wobei
der Schenker historisch nicht mit dem Eigentumsbegriff von heute identifiziert werden kann.
Die Entwicklung der landbearbeitenden Bevölkerung tendiert im Mittelalter stark in ein
Abhängigkeitsverhältnis auch zu dem örtlichen Land-Adel. Deshalb begehrt der untertänige
Bauer über die Jahrhunderte immer wieder auf, ja führt sogar Kriege, begleitet zum Teil mit
einer Revolte gegen die behördlich vorgeschriebene Religions-Kultur.
Wir gehen auch heute noch davon aus, dass die Bevölkerung des Gerstunger Beckens an der
Werra begrifflich zu den Nachfahren eines germanischen Stammes gehört und faktisch am
Rande bis zum Ende des im 6. Jahrhundert untergegangenen Thüringer Reiches lebt, wobei es
zunächst nicht unmittelbar von den Machenschaften der fränkischen Besatzungsmacht
betroffen ist. Jedoch scheint unverkennbar der Wettbewerb der Klöster Fulda und Hersfeld
bzw. der hinter ihnen stehenden Mächtigen dieses Gebiet zu ergreifen, indem Höfe und
Grundbesitz einvernommen werden, weil sie zugleich einen fortlaufenden Zehnt-Ertrag und
Abgaben-Einnahmen darstellen. Von großem Einfluß ist die Aufteilung des Waldgebietes in
den königlichen Wildbann-Bereich, das mindestens zum Teil sich der Graf aus dem Hause
der Ludowinger aneignet. Zu seinen näheren Vasallen gehört mindestens ab 13. Jahrhundert
das Geschlecht derer von Herda, das vermutlich seinen Namen von dem Dorf bei
Berka/Werra ableitet. Die Kemenate im Ort wie auch das im 14. Jahrhundert erbaute zweite
Schloß am Nordausgang des Dorfes mit einem Verbindungs-Steinweg scheinen die adligen
Pole der Einwohnerschaft von dort zu sein, jedoch streckt das Geschlecht seine Eroberung
bzw. Einheirat in anderen Grundbesitz auch in die nähere und spätere weitere Umgebung aus.
Durch die Spaltung des Geschlechtes in verschiedene Linien geht die zentrale einheitliche
Verwaltungsordnung verloren, in der Reformationszeit spaltet es sich sogar in einen
katholischen und einen evangelischen Zweig, der zum Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach
untergeordnet ist.
Die Region ist über lange Zeit kommunikativ auf die Kontakte persönlicher Art über den
Fußmarsch oder besonders der Herrschaft über die Kutsche verbunden. Das spiegelt sich
auch in der sozialen Struktur und der Entwicklung von Heiratskreisen wieder. Gestört wird
die friedliche Entwicklung des Bauerntums durch kriegerische Ereignisse, die fast bis an die
Substanzvernichtung gehen. Die Region ist in der arbeitenden Bevölkerung ärmlich, die
Gemeinden kaum zu größeren Investitionen fähig. Im 19.Jahrhundert wird über eine
Flurbereinigung versucht, das Bauerntum auf festere wirtschaftliche Füße zu stellen, aber mit
nur sehr mäßigem Erfolg. Gegen Ende des 19.Jahrhundert schafft der Kalisalzbergbau eine
bessere Basis, aber der 1. Weltkrieg stoppt die Entwicklung, nicht jedoch zu einer Städte-
Konzentration Richtung Eisenach. Der zweite Weltkrieg bringt die Teilung und scharfe
Trennung ursprünglich gewachsener hessisch-thüringischer Bevölkerung mit der krassen
Prägung von militärisch überwachten Sperrzonen, einer Abtrennung vom Hinterland. Das
bleibt nicht ohne Wirkung auf das soziale Leben und Abwandern der jüngeren arbeitsfähigen
Bevölkerungsschicht. Das Heimatgefühl geht nach dem Ende der bäuerlich geprägten Dörfer
nunmehr endgültig zu Bruch. Die örtlichen Denkmale sind nur noch Erinnerungs-Mahnung.
8
0.
Das Problem der historischen Wahrheit:
Datenlücken, Daten-Falschheiten
.
0.1
Die Problem-Grundlagen, die Ermittlungs-Voraussetzungen.
Die Geschichte beschäftigt sich mit vergangenen Vorgängen und deren Beteiligte. Der
heutige Geschichtsforscher steht diesen Sachverhältnissen faktisch nur über Daten gegenüber
und er selbst befindet sich in einem den länger zurückliegenden Ereignissen eigenem und
möglicherweise fremden Kulturkreis. Er denkt und urteilt daher dem Grunde nach anders als
zu den zu untersuchenden Zeiten, kann sich daher in den früheren Zustand nur gedanklich
hinein begeben. Folgende Problemkreise hat er dabei zu bewältigen:
· Anwendung ,,gerecht" zugeordneter Begriffe
· Wertungsfreie Objektivierung
· Einbezug aller relevanten Bezugsgrößen
· Vertretung des Arbeitsergebnisses in der Öffentlichkeit.
Heutzutage fließen Begriffe wie ,,Multikultur" modegemäß recht munter von den Lippen,
aber in ihnen gäbe es vorausgesetzt man benutzt die gängige Interpretation einen Wider-
spruch, denn die ,,Kultur", d.h. der anthropogen verursachte Zeitgeist wird an sich auf eine
regionale Menschengruppe bezogen, die gleichermaßen in ihrer Umgebung lebt, würde diese
gleichzeitig auf verschiedene Menschengruppen dort bezogen, lebten diese nebeneinander.
Das ist weder bei den Neandertalern mit der nachfolgenden Kultur der Cromagnon-Menschen
anzunehmen, noch in moderner Zeit real, mindestens jedoch nicht konfliktfrei. Vergleichs-
weise kann man den Begriff ,,Zivilisation" hernehmen und ihn auf das Zeitalter der Kolo-
nisation anwenden: der Unzivilisierte war ein Barbar, also tiefer stehend in der Kultur, die als
Fortschrittsergebnis gesetzt wurde. Die Kultur-Umstülpung ist ein gewaltiger Prozess, wenn
er an die Tiefen der Kultur, z.B. der religiösen Vorstellung heranreicht. Das Wohl des Kindes
wird strittig, wenn in der Familie, unter den Eltern unterschiedliche Ansichten herrschen.
Welche Lehre soll zum Wohl des Kindes vermittelt werden? Hier beginnt bereits der Begriff
der Freiheit sichtbar zu werden!
Als zweites Beispiel sei der Begriff ,,Freiheit" genommen und dieser dem Begriff ,,Sklave"
gegenüber positioniert. Der ,,freie" Mensch konnte über sich manchmal zumindest in einer
kleineren Gemeinschaft ,,verfügen", d.h. er bestimmte sein Handeln selbst. Der menschliche
Sklave führte nur aus, was ihm sein ,,Herr" vorgab. Es ist aus den Erkenntnissen der Verhal-
tenslehre anzunehmen, dass der Mensch zunächst in seinem eigenen Existenzinteresse dem
folgte, der die Sachlage besser beurteilen konnte, also ,,führen". Logischerweise entstand so
im Laufe der Zeit eine breites Band zwischen völliger Unfreiheit und teilweisen Varianten
von ,,Freiheit". Dass die aus der Antike vielfachen Fälle von Sklaverei oder menschlichen
Maschinen nicht immer freiwillig entstanden oder man durch einen Widerstand nicht unbe-
dingt zu einer Freiheit gelangen konnte, ist evident. Was die Sklaven dachten, vermeint man
sich denken zu können, erfahren kann man es nicht, die Sklaven berichten über ihr Schicksal
kaum. Der Begriff Freiheit wird in den Zeitläufen der Geschichte den Menschen unter-
schiedlich stark bewusst, weil sie vielleicht meinen, die Unterschiede in der Gemeinschaft
seien als natürlich, zuweilen als gott-bestimmt hinzunehmen. Die Protest-Bewegung in Frank-
reich im 18. Jahrhundert bringt ein brausendes Erwachen unter die sich ,,unterdrückt, unter-
bewertet" fühlenden Massen. Die Feudalherrschaft reagiert durch eine flexible und ausdehn-
bare Verfassung, lässt die ,,Freyheit" in ihrer konkreten Umsetzung offen, bringt aber mit der
Einführung des Begriffes Ehre die Anerkennung der menschlichen und bürgerlichen Werte zu
einem Verfassungsinstitut und mit dem Eigentum eine rechtliche Sicherheit zum ,,freyen, un-
9
umschränkten Gebrauch dessen, was er sein eigen nennen darf, in dem Umfange, in welchem
er dies darf.
3
Das ist jedoch nach wie vor Fremdbestimmung.
Eine dritte Gruppe kann beispielhaft beleuchtet werden: Blutsverwandtschaft, Stamm und
Volk. Es scheint naheliegend, dass die enge Beziehung zwischen Verwandten (Geschwistern),
d.h. den Abkömmlingen eines Elterpaares naturgemäß ist und diese genealogische Abstam-
mung auch sich im Verhaltensmuster (allgemein) bindet. So meint man, sind die ,,Stämme"
der Germanen zu deuten, wenn auch zunehmend erweitert durch die Vorgabe der Zeugung
unter den Paaren. Genealogisch kann man das heute analytisch nachvollziehen, aber die Ver-
wandtschaften der früheren Stämme sind praktisch nicht mehr rekonstruierbar. Man unterstellt
bei den archäologischen Funden zumeist, dass beieinander liegendes ,,verwandt" ist im Sinne
einer Kulturgruppe und zieht dazu auch die Grabbeigaben heran. Die Historiker des 19.
Jahrhunderts beziehen sich in den Stammesdeutungen der Brukterer und Hermanduren auf die
Gruppierungen der lateinischen Schriftsteller vor zweitausend Jahren und sehen dies entweder
aus gleicher Haartracht, Bekleidung, Gebrauch von Gegenständen oder aus der Sprachver-
wandtschaft bestätigt. Allerdings sind die Merkmalsvergleiche getrübt durch die Vermittlung
der Informanden und die unterschiedlichen Maßstäbe. Die Folge sind Schwierigkeiten der
Historiker, die Brukterer-Sachsen oder die Hermanduren-Thüringer als Vorfahren einer Re-
gion zu bestimmen
4
. Dabei ist die Sesshaftigkeit eine Voraussetzung für Standorttreue und die
Zuwandererbegrenzung eine für geringe Vermischung, d.h. niedere genetische Spannweite.
Um über die Vergangenheit wissenschaftlich abgesicherte wahre Aussagen treffen zu können,
muss man relevante Informationen gewinnen, z.B. aus mündlichen Überlieferungen oder aus
Dokumenten, z.B. schriftlichen, die eine identifizierbare Autorschaft haben. Man kann also
das einstige Geschehen nur indirekt erschließen, z.B. über sogenannte ,,Quellen", deren Qua-
lität man nicht kennt
5
und deren Inhalte möglicherweise erst vom Historiker interpretiert
werden müssen, also dann doch irgendwie subjektiv sind, wenn sie auch inhaltlich wahr sein
können. Auf jeden Fall muss man sich ernsthaft darum bemühen, die historische Wahrheit zu
suchen und wissenschaftlich methodisch abzusichern. Dabei stößt diese Suche an ihre Gren-
zen, wenn Historiker versuchen, wahre Feststellungen über Ereignisse aus ihrer eigenen Ver-
gangenheit zu machen oder wahre Beschreibungen davon zu geben, die nicht zur logischen
Voraussetzung haben, dass sie wahre und zeit-abhängige Feststellungen über Ereignisse ih-
rer Zukunft treffen oder sie beschreiben.
6
Die Quellen für den Rückschluss auf gewisse Handlungsabläufe sind sachlicher und schriftli-
cher Art
7
, vornehmlich in der Art von Urkunden. Diese sind einerseits urheberbezogen, ande-
3
Schweitzer, Christian Wilhelm Öffentliches Recht des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, 1. Teil.
Weimar: Wilhelm Hoffmann. 1825, S. 52 (§ 35). Das GHT war eine Folge der Wittenberger Kapitulation von
1547 und der kaiserlichen Restitution von 1552 mit Kurfürst Johann Friedrich: Hier gültig auch für Amt
Gerstungen und Haus Breitenbach.
4
Darüber äußert sich Springer, Matthias. Zwischen Hermanduren und Thüringern besteht kein Zusammenhang,
n: Geuenich, 2009, S. 135ff. S. 137:Die Gleichsetzer standen im Bann einer vorgefaßten Meinung, was leicht
dazu führt, dass Scheingründe als Gründe angesehen werden.
5
Über die Fragwürdigkeit mittelalterlicher Quellen: Kölzer, Theo. Merowingerstudien, 2. Bd. Hannover. 1998/
99. Hier ,,karolingische Urkunden". Urkunden erfüllen einen Zweck und danach sind sie zu beurteilen. Das
Rechtsverständnis des Mittelalters ist ein grundverschiedenes unserer heutigen Zeit.
6
Danto, Arthur Coleman. Analytische Philosophie der Geschichte. Ffm. Suhrkamp, 1974, S. 49. Zitiert in:
Jansen, Ludger. Die Wahrheit der Geschichte und die Tugenden des Historikers.
http://home.arcor.de/metaphysidcus/Texte/geschichte&wahrheit11.pdf
. S.4, Fußnote 4.
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Schriftlichkeit war im Frühmittelalter als Kommunikationsstandard unbekannt, vieles lief mündlich ab, von
dem wir nichts wissen. Kleinschmidt, Harald. Wege und Ziele zur Geschichte des Handelns im Mittelalter.
http://park.ecc.u-tokyo.ac.jp/desk/download/es_3_Kleinschmidt.pdf. S.3, S. 10 Fußnote 39.
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rerseits sagen sie nichts über das Zustandekommen und das praktizierte Handeln aus, insbe-
sondere im Frühmittelalter. Sie geben auch keinen Einblick in die begleitenden Begeben-
heiten, womit eine Ganzheitsbetrachtung unabhängig von den ansonsten bestehenden Da-
tenlücken - erschwert wird. Ist gar die Qualität der Urkunde als abschließender Rechtsakt im-
mer gleich? Offenbar nicht, denn es sind Zweifel über die Rechtmäßigkeit des Eigentums
bzw. Anspruches auf Land z.B. bei einer Schenkung angebracht, da es weder eine eindeutige
Begrenzung noch einen klaren Mindestumfang in der Beschreibung gab. Auch die Formel pro
remedio animae meae als Einleitung zum eigentlichen Text (in einer Urkunde) ist mehr eine
allgemeine Formulierung einer Motivation, die man dem Schenker unterstellt, in dem die
Schenkung mit dem Wunsch der Schenker verknüpft wird, diese Handlung möchte zum Heil
der Seelen nach dem Tode beitragen. Ist dieser Wunsch auch im Einzelfall echt?
Der Verfasser lernte schon in der Schule, als Maßstab bei der Suche nach der Wahrheit einer
Geschichte das Wort von L. Cassius ,,Cui bono?"
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zu nehmen. Als Beispiel für eine zweckge-
rechte Redigierung sei hier das Telegramm von Geheimrat Heinrich Abbehken an den Bun-
deskanzler Graf von Bismarck vom 13.07.1870 genannt, berühmt als Emser Depesche, die
mit Ursache für den deutsch-französischen Krieg war. Später zwang die Berufsausübung den
Verfasser häufig, die für eine Aussage notwendigen Nachrichten auf ihren Zweck hin unter
die Lupe zu nehmen und nach den Motiven der Sender zu suchen. Sicher hat sich der Sender
jeweils eine bestimmte Wirkung beim Empfänger nicht nur vorgestellt, sondern erwartet auch
ein für ihn günstiges Ergebnis. Martin Luther wollte einst die Vernunft, die den zweckge-
bundenen Text dirigiert, als Teufelswerk gesehen haben
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, heute wollen einige so auch Poli-
tiker und Historiker die Zivilcourage zur unbequemen Wahrheit und eine Kritik einge-
schränkt sehen, warum wohl?
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Eine Bereinigung von Daten-Ballast oder Unrichtigkeiten
scheint, je weiter die Ereignisse in der Zeit zurück liegen, desto schwieriger scheint eine Re-
habilitation z.B. verleumdeter Personen oder verfolgter Menschen zu sein.. Welche Hexe wur-
de ,,amtlich" von dem Vorwurf einer Missetat befreit? Wer von den Beleidigern ganzer Per-
sonengruppen wie z.B. der Germanen schlechthin als Unzivilisierte wurde schon gebrand-
markt?
Heute gehört es wohl zum allgemeinen Wissensstand des Geschichtsforschers und Sachver-
haltsermittlers, dass er die ihm vorliegenden ,,Dokumente" (Urkunden) nach allen Seiten hin
nicht nur quellenkritisch - sorgfältig prüft, ehe er Überliefertes als wahre Begebenheit über-
nimmt und weitergibt. Leider sind die Methodiken der wissenschaftlichen Historiker in Quel-
lenkritik, Vergleichen und Plausibilitätsprüfungen uneinheitlich und sie gewährleisten allein
keine sichere Aussage-Grundlage, weil ihre Arbeit nicht immer frei von Zwecken und Mo-
tiven, ja zuweilen ist Lüge und Fälschung dicht benachbart
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. Die Interpretation geschichtli-
cher Sachverhalte erfüllt den Zweck, moralische Wertvorstellungen zu beeinflussen
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. Ob das
selbst moralisch ist, sei dahingestellt. Manchmal scheint es an sich aber äußerst schwierig,
,,echte" Zeugnisse von weniger wahrheitsgemäßen zu trennen und ein wirklich abbildungs-
treues Bild der Vergangenheit zu gewinnen, was faktisch nicht nachprüfbar ist.
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Von Cicero (106-43 v.u.Zr.) zitiert als äußerste Strenge bei Untersuchungen nachzuforschen, wem nützt es?
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Sie stand dem Glauben entgegen. Er bezeichnete sie am 17.01.1546 in Wittenberg als ,,des Teufels Braut", ,,die
höchste Buhle, die der Teufel hat", s. Luthers Sämtl. Werke, Ausgabe von Plochmann und Irmischer, 1826,
fg. XVI, 142 fg. Zitiert von J. Scherr, Neues Historienbuch, 2. Aufl. Leipzig: Max Hesse, in der Abhandlung
,,Der Teufel" S. 374, Fußnote 1.
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Manche verklären Geschichten, s. Felix Dahn (* 1834) im Gesang der Legionen: ,,Denn uns ist aus Orakel-
mund das Schicksalswort verkündet: so ewig steht im Erdenrund das Römerreich gegründet. So ewig ziehn
von Pol zu Pol die römischen Legionen als am bethürmten Capitol die ew´gen Götter thronen."
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Tillmann Bendikowski Arnd Hoffmann Diethard Sawicki. Geschichtslügen, vom Lügen und Fälschen im
Umgang mit der Vergangenheit. Münster: Westfälisches Dampfboot. 2001, Hoffmann, S. 25.
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Monyk, Elisabeth. Zwischen Barbarenklischee und Germanenmythos. Berlin - : LIT. 2006, S. 291
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