Universität Erfurt
Martin-Luther-Institut
Magisterarbeit
zum Thema:
,,Möglichkeiten und Grenzen interreligiösen
Lernens durch den Einsatz von
Religionslehrbüchern im evangelischen
Religionsunterricht der Regelschule"
Verfasst von:
Ranja Fehlhauer
Abgabedatum:
1. Dezember 2009
2
Inhaltsverzeichnis
1.
Einführung
3
2.
Theoretische Grundlagen des interreligiösen Lernens
4
2.1.
Voraussetzungen interreligiösen Lernens
4
2.2.
Ziele des interreligiösen Lernens
5
2.3.
Interreligiöses Lernen begriffliche Annäherungen
5
2.4.
Grundfragen zum interreligiösen Lernen
8
2.5.
Interreligiöses Lernen als Prozess
10
2.6.
Lehrbücher und interreligiöses Lernen
13
2.6.1.
Allgemeines
13
2.6.2.
Die Vorgaben des Thüringer Lehrplanes
14
2.6.3.
Fachwissenschaftliche Aspekte
15
2.6.4.
Fachdidaktische Aspekte
15
2.6.5.
Gesellschaftliche Aspekte
16
3.
Praxis des interreligiösen Lernens (Lehrbuchanalyse)
16
3.1.
Kriterien zur Lehrbuchanalyse
16
3.1.1.
Fachwissenschaftliche Kriterien
16
3.1.2.
Fachdidaktische Kriterien
18
3.1.3.
Gesellschaftliche Kriterien
18
3.2.
Ausgewählte Lehrbücher und deren ,,interreligiöser" Befund
19
3.2.1.
,,Kursbuch Religion elementar"
19
3.2.1.1.
Fachwissenschaftliche Aspekte
19
3.2.1.2.
Fachdidaktische Aspekte
22
3.2.1.3.
Gesellschaftliche Aspekte
24
3.2.2.
,,Religion entdecken verstehen gestalten"
25
3.2.2.1.
Fachwissenschaftliche Aspekte
25
3.2.2.2.
Fachdidaktische Aspekte
29
3.2.2.3.
Gesellschaftliche Aspekte
31
3.2.3.
,,RELi+wir"
32
3.2.3.1.
Fachwissenschaftliche Aspekte
32
3.2.3.2.
Fachdidaktische Aspekte
35
3.2.3.3.
Gesellschaftliche Aspekte
37
3.3.
Ausgewählte Lehrbücher und deren ,,interreligiöse" Analyse
38
3.3.1.
Möglichkeiten des interreligiösen Lernens mithilfe von
Lehrbüchern
38
3.3.2.
Grenzen des interreligiösen Lernens mithilfe von
Lehrbüchern
40
3.4.
Konsequenzen für die Gestaltung des evangelischen
Religionsunterrichtes
41
4.
Fazit
43
5.
Literaturverzeichnis
45
3
1. Einführung
Im Rahmen erster eigener Unterrichtsversuche im Fach Evangelische Religionslehre,
die in einer 5. bis 7. Klasse einer Erfurter Regelschule zum Thema Islam absolviert
wurden, stellte ich mit Erstaunen fest, dass in den relativ alten Lehrbüchern, die in der
Schule zur Verfügung standen, der Islam kaum thematisiert wird. Deshalb konnte ich
bei der Gestaltung der Unterrichtseinheit nicht auf diese Schulbücher zurückgreifen. Die
Schülerinnen und Schüler begegneten dem Islam in meinem Unterricht daher mithilfe
von Arbeitsblättern, Videos, Bildern und Anschauungsmaterialien, wie z.B. Koran,
Gebetsteppich und Gebetskette. Anschließend stellte sich mir natürlich die Frage, ob es
Kindern und Jugendlichen generell nicht möglich ist, anderen Religionen in
Lehrbüchern zu begegnen, oder ob das nur bei den relativ alten Lehrwerken der Schule,
in der ich unterrichtete, der Fall ist. Diese Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen
interreligiösen Lernens durch den Einsatz von Religionslehrbüchern im evangelischen
Religionsunterricht der Regelschule zu ergründen, ist das Ziel der vorliegenden
Magisterarbeit.
Die für eine Religionsbuchanalyse notwendigen theoretischen Grundlagen des Begriffes
,,interreligiöses Lernen", der aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen von zentraler
Bedeutung für den evangelischen Religionsunterricht ist, sollen daher zunächst
dargelegt werden. Neben Voraussetzungen, Zielen, begrifflichen Annäherungen und
Grundfragen soll dabei auch auf interreligiöses Lernen als Prozess eingegangen werden.
Außerdem wird die Rolle der Lehrbücher in Bezug auf interreligiöses Lernen
beleuchtet.
Die sich anschließende Religionsbuchanalyse soll eine Querschnittanalyse von drei
möglichst neuen Lehrbüchern sein, um zu zeigen, dass interreligiöses Lernen mithilfe
neuerer Religionslehrbücher durchaus möglich ist. Die Analyse bezieht sich ferner nur
auf Lehrwerke unterer Klassenstufen der Regelschule, da Schülerinnen und Schüler
möglichst früh anderen Religionen begegnen sollen, was durch die Lehrpläne, an denen
sich die Autorinnen und Autoren von Schulbüchern orientieren müssen, berücksichtigt
ist.
1
Demzufolge beschränkt sich die Auswahl der Lehrbücher für die Analyse auf
,,Kursbuch Religion elementar", ,,Religion entdecken verstehen gestalten" für die 5.
1
Die Lehrpläne der Bundesländer, auf die im Internet zugegriffen werden kann, sehen alle Christentum,
Judentum und Islam als Themen für die Klassen 5 bis 7 vor.
4
und 6. Klasse und ,,RELi+wir" für die 5. bis 7. Klasse. Das Augenmerk wird dabei auf
das Medium Religionsbuch gelegt, nicht auf eventuell vorhandene Lehrerhandbücher.
Anhand selbst entwickelter Kriterien wird ein Befund zum interreligiösen Lernen
mithilfe der ausgewählten Lehrbücher erstellt. Anschließend werden Möglichkeiten und
Grenzen interreligiösen Lernens, die sich durch den Einsatz der Religionsbücher
ergeben, aufgezeigt. Die resultierenden Konsequenzen für die Gestaltung des
evangelischen Religionsunterrichtes sollen in einem abschließenden Punkt Beachtung
finden.
2. Theoretische Grundlagen des interreligiösen Lernens
2.1. Voraussetzungen interreligiösen Lernens
In den vergangenen Jahren war Deutschland einem gesellschaftlichen und kulturellen
Wandel unterworfen. Durch den fortschreitenden Globalisierungsprozess entstand ein
alltägliches Zusammensein verschiedener Kulturen.
2
Menschen unterschiedlichster
Herkunft leben und arbeiten nun in Deutschland. Mit dieser kulturellen Pluralität geht
ebenso religiöse Vielfalt einher. Neben der traditionell westlichen Religion, dem
Christentum, sind Anhänger der verschiedensten religiösen Traditionen ansässig. Dabei
stellt der Islam die größte der neu in Deutschland vertretenen Religionen dar.
3
Aber
auch immer mehr Buddhisten, Hindus und Mitglieder anderer religiöser Bewegungen,
wie zum Beispiel Freimaurer, Rosenkreuzer und Sikhs, siedeln sich in Deutschland an.
4
Das Zusammenleben einer solchen Vielzahl religiöser Gruppen gestaltet sich schwierig.
Die heutige pluralistische Gesellschaft spiegelt sich in der Schule wieder. Hier treffen
die Kinder und Jugendlichen verschiedener Kulturen, die durch ihre religiöse
Orientierung bestimmt werden, aufeinander und müssen gemeinsam lernen. Dies
gestaltet sich nicht einfach und oft kommt es zu Konflikten und Auseinandersetzungen,
da die Kinder und Jugendlichen aus vielen verschiedenen Gründen kaum etwas von den
2
vgl. Fritsch-Oppermann, Sybille C.: Globalisierung als Bedingung interreligiösen Lernens. In:
Schreiner, Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast, Volker (Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh
2005, 19.
3
vgl. Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst: Religionsgemeinschaften in
Deutschland. In: .
4
Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst: Religionen in Deutschland:
Mitgliederzahlen. In: .
5
anderen kulturellen und religiösen Traditionen wissen oder vorurteilsbehaftet sind.
Infolgedessen ist es sinnvoll, dass schulisches Lehren und Lernen sich den veränderten
Bedingungen anpasst. Interkulturelle und interreligiöse Bildung in den Schulen sind
dabei die logische Schlussfolgerung auf die Situation.
2.2. Ziele des interreligiösen Lernens
Um ein friedliches Miteinander und nicht Gegeneinander oder Nebeneinander in
einer pluralistischen Gesellschaft, sei es innerhalb oder außerhalb des schulischen
Kontextes, zu erreichen, ist interreligiöses Lernen unumgänglich. Es bringt die
Menschen einer Gesellschaft näher zusammen und führt zu mehr Toleranz, Verständnis
und Verständigung untereinander.
5
Somit kann der Einzelne durch interreligiöses
Lernen soziale Verantwortung entwickeln, welche als Voraussetzung für Gerechtigkeit,
Nachhaltigkeit und Weltfrieden gilt.
6
2.3. Interreligiöses Lernen begriffliche Annäherungen
Aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen hin zum Pluralismus etablierte sich der
Begriff des ,,interreligiösen Lernens" zu Beginn der 1990er-Jahre.
7
Dennoch gibt es
keine allgemein akzeptierte Definition von ,,interreligiösem Lernen", die sich
durchsetzen konnte, sondern lediglich Annäherungen zu dem, was ,,interreligiöses
Lernen" sein kann.
Zunächst wird davon ausgegangen, dass durch interreligiöses Lernen Fremdheit
erfahren werden muss. ,,Fremdheit und fremde Menschen bringen in der Regel eine
Unterbrechung in unser Denken, Fühlen und Handeln."
8
Im religionspädagogischen
Kontext bedeutet das, den Schülerinnen und Schülern die religiöse Pluralität und das
5
vgl. Schweitzer, Friedrich/Biesinger, Albert/Conrad, Jörg/Gronover, Matthias: Dialogischer
Religionsunterricht. Analyse und Praxis konfessionell-kooperativen Religionsunterricht im Jugendalter.
Freiburg im Breisgau 2006, 176.
6
vgl. Fritsch-Oppermann, Sybille C.: Globalisierung als Bedingung interreligiösen Lernens. In:
Schreiner, Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast, Volker (Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh
2005, 23.
7
Nipkow, Karl Ernst: Ziele interreligiösen Lernens als mehrdimensionales Problem. In: Schreiner,
Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast, Volker (Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh 2005, 362.
8
Leimgruber, Stephan: Interreligiöses Lernen. München 1995, 51.
6
Grundrecht auf Religionsfreiheit erfahrbar zu machen.
9
Diese Erfahrung von Fremdheit
kann einerseits Irritation und Erstaunen, Wissbegier und Neugier auslösen. Andererseits
kann Fremdheit auch Angst und Aggression wecken. Deshalb kann als Ziel des
interreligiösen Lernens die ,,Kultivierung von Fremdheit" gesehen werden.
10
Zur
,,Kultivierung von Fremdheit" im Religionsunterricht gehört nicht nur, die
Gemeinsamkeiten von Religionen aufzuzeigen, wie es z.B. 60% der
Religionslehrerinnen und Religionslehrer in Niedersachsen als Ziel ihres Unterrichts
gesetzt haben. Mindestens genauso wichtig ist es, die bestehenden Unterschiede
zwischen Religionen aufzuzeigen.
11
Fremdheit darf keinesfalls minimiert oder sogar
ignoriert werden. Kindern und Jugendlichen soll die Möglichkeit gegeben werden,
vorurteilsarme Religionsvergleiche vorzunehmen, um Toleranz aufbauen zu können.
Dies kann vor allem durch Arbeit an Texten, Diskussionsrunden oder Geschichten
bewirkt werden.
12
Einen zentralen Punkt beim interreligiösen Lernen stellt die Begegnung dar. ,,Besuche
in Kirchen, Moscheen, Synagogen, Cem-Häusern und anderen religiösen Zentren und
besonders die authentische Information von Angehörigen der verschiedenen
Religionsgemeinschaften und der Dialog mit ihnen sind Bausteine für aktive Toleranz
und wechselseitigen Austausch."
13
Die Begegnung mit Anhängern verschiedener
Religionen innerhalb und außerhalb der Schule sollte daher im Religionsunterricht
unbedingt Berücksichtigung finden. Die originale Begegnung sollte so oft wie möglich
gesucht werden.
Im Rahmen des Ansatzes der Begegnung ist die Einbindung interreligiöser
Lernperspektiven in den Unterricht möglich. Die Pluralität in der Schule zeigt sich auch
im evangelischen Religionsunterricht. Hier mischen sich evangelische Schülerinnen und
Schüler mit freikirchlichen, katholischen, konfessionslosen, andersreligiösen und vor
allem muslimischen, da alle Schülerinnen und Schüler im Gegensatz zum katholischen
9
vgl. Dressler, Bernhard: Religiöse Bildung und Schule. In: Schreiner, Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast,
Volker (Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh 2005, 96.
10
vgl. Streib, Heinz: Wie finden interreligiöse Lernprozesse bei Kindern und Jugendlichen statt? Skizze
einer xenosophischen Religionsdidaktik. In: Schreiner, Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast, Volker (Hrsg.):
Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh 2005, 231.
11
vgl. a.a.O. 230.
12
vgl. a.a.O. 240.
13
Micksch, Jürgen: Interreligiöses Lernen und Institutionen. In: Schreiner, Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast,
Volker (Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh 2005, 248.
7
Religionsunterricht am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen können.
14
Dies
hat zur Folge, dass Kinder und Jugendliche mit verschiedensten religiösen Haltungen
den Unterricht besuchen. Somit besteht die Möglichkeit, die Schülerinnen und Schüler
in Diskussionen über ihre religiösen Orientierungen sprechen zu lassen. Jede Schülerin
und jeder Schüler wird folglich zum Experten seiner Religion. Die Kinder und
Jugendlichen profitieren infolgedessen von den authentischen Erfahrungen ihrer
Mitschülerinnen und Mitschüler. Allerdings muss hier beachtet werden, dass gerade das
Christentum für viele zur ,,Fremdreligion" geworden ist. Es kann nicht davon
ausgegangen werden, dass Schülerinnen und Schüler Experten für ihre Religion sind.
15
Deshalb sollten sie auch nicht in diese Situation gedrängt werden. Außerdem können
Kinder und Jugendliche, die keiner Religion angehören, zu diesen Diskussionen kaum
etwas beitragen.
Neben Erfahrung und Begegnung fremder Religionen ist es bedeutend, diese auch zu
verstehen. Dazu ist es notwendig, im Religionsunterricht die Möglichkeit für eine
längerfristige Beschäftigung mit anderen Religionen zu bieten. Erfahrung, Begegnung
und Dialog können den Prozess des Verstehens anregen, allerdings nur, wenn bei den
Schülerinnen und Schülern die Bereitschaft dazu vorhanden ist.
16
Dennoch warnt
Bernhard Dressler beim interreligiösen Lernen vor der ,,Wut des Verstehens".
,,Verstehen und Verständigung sind nicht das Gleiche. Man kann und muss sich
verständigen, ohne sich vollständig zu verstehen."
17
Verständigung ist demzufolge
bedeutsamer als Verstehen.
Um dieses Kapitel zur begrifflichen Annäherung abzuschließen, sollen nun zwei
Definitionen interreligiösen Lernens aufgeführt werden, welche die vorherigen
Ausführungen zusammenfassen. Eine recht schlichte aber treffende Variante liefert
Stephan Leimgruber: ,,Interreligiöses Lernen ist Lernen aus Betroffenheit, ein Lernen in
der Begegnung, ein Lernen durch den gelebten Dialog."
18
Eine weitaus komplexere
14
vgl. Nipkow, Karl Ernst: Christliche Pädagogik und Interreligiöses Lernen, Friedenserziehung,
Religionsunterricht und Ethikunterricht. Band 2 Pädagogik und Religionspädagogik zum neuen
Jahrhundert. Gütersloh 2005, 335.
15
vgl. Dressler, Bernhard: Religiöse Bildung und Schule. In: Schreiner, Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast,
Volker (Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh 2005, 96.
16
vgl. Tautz, Monika: Interreligiöses Lernen im Religionsunterricht. Menschen und Ethos im Islam und
Christentum. Band 90 Praktische Theologie heute. Stuttgart 2007, 61.
17
Dressler, Bernhard: Religiöse Bildung und Schule. In: Schreiner, Peter/Sieg, Ursula/Elsenbast, Volker
(Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen. Gütersloh 2005, 96.
18
Leimgruber, Stephan: Interreligiöses Lernen. München 1995, 13.
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