Sport- und Bewegungswissenschaften
Universität Erfurt
Masterarbeit
250 Jahre Johann Christoph Friedrich GutsMuths.
Zur Bedeutung und Aktualität der ,,Gymnastik für die Jugend"
im Schulsportunterricht von heute
eingereicht von
Yvonne Babock
Matrikelnummer: 20492
Abgabe: 01.12.2009
,,Kräfte, die längst in den mütterlichen Boden zurückkehrten, helfen
uns so wenig als Ahnen, wenn wir uns nicht bestreben, ihnen noch
jetzt Ehre zu machen."
(GutsMuths 1793, S. 72
)
Vorwort
1
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Vorwort
,,GuthsMuths gut tut's!" - Der Slogan des Jubiläumsjahres zum 250. Geburtstag von
Johann Christoph Friedrich GutsMuths sollte den Ideen GutsMuths' wieder neues Leben
einhauchen. Denn anlässlich des Festaktes ,,250 Jahre GutsMuths" am 9. August 2009 in
Schnepfenthal, schien der bedeutende Reformpädagoge aktueller denn je. Das Leben und
Wirken von J. Chr. F. GutsMuths geriet zwar im 19. und 20. Jahrhundert nicht in
Vergessenheit, aber viel mehr Achtung und Würdigung galten dem Verdienst von Friedrich
Ludwig Jahn, dem die unmittelbaren Einführung des Turnens zugesprochen wurde. Umso
sonderbarer schien die Nachricht des Landessportbundes Thüringens: ,,Thüringen hat ab
sofort ein Copyright mehr. Der wahre Turnvater kommt aus Thüringen!" (Vgl. Juli/August
2009, 3). Sowohl GutsMuths als auch Jahn sollte laut Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper,
Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Ehrentitel anerkannt werden.
Warum diese Erkenntnis 250 Jahre dauern musste, soll nicht Gegenstand meiner Arbeit sein.
Viel wichtiger scheint mir, dass wir nach 250 Jahren, insbesondere in diesem Jahr, einem
Deutschen gedenken, dem für seine richtungweisenden Impulse in der Schulsportentwicklung
Würde gebührt. Auch ich nehme dieses Jubiläum zum Anlass, das Gedankengut, die Lehren
und Ansichten von J. Ch. F. GutsMuths in Erinnerung zu rufen und dessen Verdienste im
Hinblick auf unseren heutigen Schulsportunterricht auf Aktualität zu hinterfragen.
Zu Beginn meiner Arbeit bot sich mir ein umfangreiches Rechercherepertoire, angefangen bei
den zahlreichen Bibliographien zur GutsMuths-Forschung bis hin zur aktuellen
Sportpädagogikliteratur. Ich ging entlang den Spuren der Zöglinge und erforschte ein Stück
meiner Heimat aus einer anderen Perspektive. Mit dem Abschluss der vorliegenden Arbeit
kann ich sagen, dass ich nun mehr ein halbes Jahr in der Sportgeschichte versunken war und
mich dennoch ein Stück weit in der Gegenwart befunden habe.
1 Einführung
2
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1 Einführung
Die Bedeutung von Johann Christoph Friedrich GutsMuths wird in Veröffentlichungen zur
Leibeserziehung und Sportgeschichte mit Attributen wie ,,Wegbereiter des deutschen
Volksturnens" (Müller 1939, in Einband), ,,Groß- und Erzvater der deutschen Turnkunst"
(Gasch in Krüger 1993, 28) oder ,,Wegbereiter der neuzeitlichen deutschen Körperkultur"
(Schröder in Geßmann/Lämmer 1998, 15) hervorgehoben. Setzt man GutsMuths mit
derartigen Titeln gleich, wird in diesem Zusammenhang auch die erste theoretisch fundierte
,,Körperbildung" gepriesen. Die 1793 von GutsMuths veröffentlichte ,,Gymnastik für die
Jugend" ist das ,,erste Lehrbuch der körperlichen Erziehung [...] Mit diesem Buch erreicht
die Theoriebildung eine neue Stufe" (Bernett in: Ueberhorst 1980, S. 205). Bernett spricht
damit die anthropologische Begründung der ,,Gymnastik" und der damit verbundenen
fundamentalen menschlichen Bildung an.
Auf dem Weg bis zu seinem Wirken als Pädagoge und Leibeserzieher wird er geprägt von
Gedanken der aufgekommenen Aufklärung. Er schließt sich den Ideen der
,,Menschenfreunde", den Philanthropen an. GutsMuths Maxime, die stark an Rousseau
erinnert ,,[...] daß eine gesunde Seele im starken, gesunden Körper sei." (GutsMuths, S. 23)
1
,
deutet bereits auf seine Gewichtung der Leibeserziehung im Rahmen jugendlicher Bildung
hin. Sein Streben als Lehrer am Philanthropin Schnepfenthal war es, die gymnastische
Ausbildung als Teil der Bildung junger Menschen national einzuführen. Abgrenzen will er
sich von seinen philanthropischen Gleichgesinnten, indem er den Wandel in der körperlichen
Erziehung nur in der Umsetzung der theoretischen Grundsätze sieht. ,,Daher steht der bei
weitem größte Teil der Vorschläge jener Männer nur in gedruckten Buchstaben, aber nicht in
der Ausführung da, so daß eine gänzliche Reform der körperlichen Erziehung erst noch
bevorstehen muss." (GutsMuths, S. 75). An dieser Reform wird sich GutsMuths beteiligen,
auch wenn sein Appell damals nicht die ganze Nation erreichte.
Die vorliegende Arbeit mit dem Thema ,,250 Jahre Johann Christoph Friedrich GutsMuths.
Zur Bedeutung und Aktualität der ,,Gymnastik für die Jugend" im Schulsportunterricht von
heute" soll zunächst GutsMuths selbst mit seinem ersten pädagogischen Werk von 1793
vorstellen. Welche Umstände und welche Stationen im Leben GutsMuths' dazu führten, dass
wir ihn heute mit oben genannten Titeln rühmen, soll im ersten Abschnitt thematisiert werden.
Im Hinblick auf die Ideen und das Wirken GutsMuths' soll anschließend der Versuch
unternommen werden, eine Brücke zu schließen zwischen den anfänglichen pädagogischen
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In Klammern erscheinende Seitenangaben beziehen sich bei GutsMuths-Zitaten auf die 1. Auflage der
,,Gymnastik für die Jugend", nach dem Neudruck 1957. Wird nach der 2. Auflage der ,,Gymnastik für
die Jugend" zitiert, so erscheint zusätzlich die Jahresangabe 1804.
1 Einführung
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Ideen GutsMuths und dem Schulportunterricht, wie wir ihn heute kennen. Vordergründig
geht es mir daher um die Beantwortung der Fragen - Warum eigentlich beschäftigen wir uns
in der heutigen Zeit noch mit Johann Christoph Friedrich GutsMuths und seinen Lehren? Was
hat GutsMuths vollbracht, dass man ihn heute noch ehrt? Und - Sind seine Lehren heute noch
aktuell? Welche Bedeutung können den individuellen, gesellschaftlichen und politischen
Verhältnissen zugesprochen werden, wenn man die Ausrichtung der Sportpädagogik
betrachtet?
Aufbauend auf meinen theoretischen Grundlagen beinhaltet diese Arbeit Auswertungen einer
praktischen Untersuchung, die im Sportunterricht an der Grundschule durchgeführt wurde.
Ziel der Unterrichtsversuche sollte es sein, meine bisherigen Erkenntnisse zu stützen. Dazu
ließ ich von Schülern gymnastische Übungen und Spiele im Sinne von GutsMuths
durchführen. Als empirisches Faktotum dienten mir Fragebögen, die mir aufschlussreiche
Rückmeldungen im Hinblick auf die aktuelle Rezeption der Übungen, aber auch zum
Bewegungsverhalten der Schüler geben sollten.
2 Leben und Wirken des Philanthropen J. Chr. F. GutsMuths
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Abb. 1 Porträt GutsMuths' aus: ,,Gymnastik
für die Jugend" (1793) in der
Neuauflage von 1957, S. XVI
2 Leben und Wirken des Philanthropen J. Chr. F. GutsMuths
GutsMuths wurde am 9. August 1759 als Sohn
eines Rotgerbers in Quedlinburg geboren. Er war
das einzige Kind seiner Eltern und wuchs in einem
wohlhabenden Umfeld auf. Im Sinne des
Pietismus' wurde er als Junge streng zur
Genügsamkeit und Selbstdisziplin erzogen, wozu
unter anderem der aufgezwungene Verzicht auf
Spielgefährten gehörte (Vgl. Schröder 1996). Die
gewerblichen Einkünfte des Vaters ermöglichten
GutsMuths eine gute Schulbildung. Er besuchte
zunächst eine privat organisierte Winkelschule
bevor er mit elf Jahren auf das Gymnasium seiner
Heimatstadt wechselte. Müller schreibt in seiner
Schrift zum Gedenken an GutsMuths, dass bereits
in diesem Lebensabschnitt des späteren
Philanthropen entscheidende Grundlagen
hinsichtlich seines Schaffens gesehen werden
können. Am Gymnasium wurde GutsMuths mit schriftlichen Quellen vertraut gemacht, die
ihm ,,das wissenschaftliche Nützzeug mitgaben". ,,Es ist bezeichnend, dass GutsMuths erste
Bücher die ,Acerra philogica' mit ihren Schilderungen der Gymnastik der Perser und
Griechen und ein altes geographisches Buch waren." (Müller 1939, S. 1).
Der Tod seines Vaters war ein einschneidendes Ereignis in GutsMuths' Leben. Mit nun
vierzehn Jahren konnte er das Gymnasium nur weiter besuchen, wenn ihm finanzielle Mittel
zur Verfügung stünden. Die Lösung aus der Not wurde ermöglicht, als ihm sein Lehrer Hergt
eine Hauslehrerstelle in dem Hause von Dr. Ritter verschaffte. Die Hinwendung zum
Erzieherberuf ergab sich daher für GutsMuths schon frühzeitig, denn im Hause Ritter fand er
sein erstes pädagogisches Versuchsfeld. Auch sein späterer Hang zur Medizin und den
Naturwissenschaften, insbesondere der Anatomie und Physiologie des Menschen basiert auf
der Beziehung zu Friedrich Wilhelm Ritter, der als Arzt ein hoch angesehener Bürger
Quedlinburgs war. Anfangs unterrichtete GutsMuths zwei Söhne des Dr. Ritters und nahm
später noch einen Nachbarsjungen hinzu. In dieser Zeit bereitete er sich anhand der neuesten
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pädagogischen Literatur, besonders derer von Rousseau
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und Basedow
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, auf seine
Erziehungstätigkeit vor (Vgl. Schröder 1996). Da ihm nach seinem Schulabschluss 1778
keine finanziellen Mittel zur Verfügung standen und trotz Empfehlung des Schulrektors ein
Stipendium zum Studium von den Quedlinburger Stadtvätern nicht bewilligt wurde, blieb er
noch ein weiteres Jahr Hauslehrer im Hause der Ritter. Die Zeit nutzte er für sein
Selbststudium und versuchte sich unter anderem im Zeichnen.
Im Jahre 1779 zog GutsMuths schließlich nach Halle, um sein Theologiestudium zu beginnen.
Das war der übliche Bildungsweg für eine spätere Lehrtätigkeit, denn eine spezifische
Lehrerausbildung gab es noch nicht. Schröder nimmt an, dass zur damaligen Zeit Dr. Ritter
seinem Hauslehrer mit Geld für das Studium aushalf, unter der Bedingung, dass GutsMuths
nach dem Abschluss wieder im Haus der Ritters unterrichte (Vgl. Schröder 1996). Aufgrund
seiner geplanten Lehrtätigkeit nutzte der junge Student die Möglichkeiten an der Universität,
sich neben seinen Pflichtvorlesungen mit einem breiten Fächerkanon zu beschäftigen. Er
besuchte Vorlesungen in den Fächern Geschichte, neuere Sprachen, Mathematik, Physik und
Pädagogik. Besonders aus den Schriften der Philanthropen empfing GutsMuths Anregungen
für seine eigene pädagogische Arbeit. Dazu gehörte auch der Besuch der
Pädagogikvorlesungen des Professors Trapp, der auf der Grundlage seiner praktischen
Tätigkeit am Dessauer Philanthropin seine Erziehungsprinzipien in Halle vermittelte.
Nach insgesamt sechs Semestern (1779-1782), die GutsMuths in Halle studierte, nahm er
seine Erziehertätigkeit bei der Familie Ritter in Quedlinburg wieder auf. Er war um die
Erziehung von fünf Jungen und einem Mädchen bemüht und hätte die Verantwortung auch
weiter übernommen, wenn nicht 1784 Dr. Ritter verstorben wäre. Diese Umstände führten zu
einem Wandel im Leben des 25-jährigen GutsMuths, die Müller folgend huldigt
,,GutsMuths aber blieb den Ritters treu, und dieser Treue verdanken wir die künftige
Gestaltung seines Lebens, verdanken wir die Entstehung des Schulturnens." (Müller 1939,
S. 2). Der Besuch von J. Ch. F. GutsMuths mit seinen beiden Zöglingen Johannes und Carl
Ritter am 1784 gegründeten Philanthropin Schnepfenthal im Herzogtum Sachsen-Gotha
führte zum Wendepunkt im Leben von GutsMuths und der Familie Ritter. Christian Gotthilf
Salzmann, der Gründer dieser Erziehungsanstalt, bot Frau Ritter wegen ihrer Notlage eine
Freistelle für einen ihrer Söhne an. Als sie im Frühjahr 1785 in Schnepfenthal eintrafen und
Salzmann die Kinder an der Seite ihres Erziehers kennen lernte, war er von deren
1
wie der Erziehungsroman Emile, zu dem GutsMuths auch in seiner ,,Gymnastik für die Jugend"
mehrfachen Bezug nimmt
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z.B. ,,Das Methodenbuch für Väter und Mütter" von 1770
2 Leben und Wirken des Philanthropen J. Chr. F. GutsMuths
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Abb. 3 - Wohnhaus GutsMuths' in Ibenhain (Ortsteil
Waltershausen) heute; privatisiert
Quelle: Babock, 2009
Abb. 2 In diesem Gebäude gründete C. G. Salzmann
1784 seine Erziehungsanstalt
Quelle: Babock, 2009
Wissensstand und dem Auftreten ihres Lehrers sehr beeindruckt. Daher bot er sowohl den
beiden Zöglingen als auch GutsMuths an, gemeinsam an seiner Anstalt zu bleiben.
Am 1. Juni 1785 nimmt GutsMuths seine Tätigkeit als Erzieher an der philanthropischen
Einrichtung auf.
J. Chr. F. GutsMuths wohnte in
Schnepfenthal vorerst im
Druckereigebäude, später in einem
Nebenhaus der Anstalt mit Internats-
und Lehrerwohnraum. Er lebte sich
schnell ein und nutzte seine
verbleibende Zeit zum Malen,
Klavierspielen, Botanisieren und für
Arbeiten in der anstaltseigenen
Werkstatt. Der junge Lehrer
unterrichtete anfangs in den Fächern
Deutsch, Geschichte, Französisch und
Geographie. Da am Philanthropin zunächst Lehrermangel herrschte, wurde von GutsMuths
vielseitiger Einsatz in der Erziehertätigkeit gefordert. Seinen Tagesablauf an der Anstalt
beschreibt er in einem Brief an Frau Ritter wie folgt ,,[...] Ich muß Ihnen doch etwas von
meiner äußerlichen Lage mitteilen.
Bis 6 Uhr Gartenarbeit, dann
Gesang, Morgenbrot bis 7. Dann
genießen die Kinder Unterricht bis
11. Bis 12 körperliche Übung. Von
12-2 Freiheit. Von 2-3 Musik,
Buchbinden. Von 3-8 abwechselnder
Unterricht, dann Abendbrot und
Schlaf [...]" (GutsMuths am 10. Juli
1785 in Ulbricht, 1959). Im Jahre
1797 heiratet GutsMuths die
Pfarrerstochter Sophie Eckardt aus
Bindersleben. Aus der Ehe gehen
2 Leben und Wirken des Philanthropen J. Chr. F. GutsMuths
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acht Kinder hervor. Die Familie wohnte zunächst im alten Schnepfenthaler Gutshaus und
bezog später ein eigenes Haus in Ibenhain (Abb.2).
GutsMuths Erfahrungen und Erkenntnisse, die er im Laufe seiner Tätigkeit in Schnepfenthal
gesammelt hatte, schrieb er 1793 in seiner ,,Gymnastik für die Jugend" nieder. Er ergänzte
1796 dieses übergreifende Lehrbuch für Körpererziehung mit dem ersten pädagogischen
Spielebuch ,,Spiele zur Erholung des Körpers und des Geistes für die Jugend" und 1798 mit
dem ,,Kleine[n] Lehrbuch der Schwimmkunst". Drei Jahre später begann er mit der
Veröffentlichung seiner Reihe ,,Bibliothek der pädagogischen Literatur, die 20 Jahre lang
regelmäßig erschien. Im Jahre 1804 erschien seine gänzlich überarbeitete Fassung der
,,Gymnastik für die Jugend", die er als ,,durchweg methodischer und systematischer
eingerichtet" (GutsMuths 1804, XVI) bezeichnet. In Schnepfenthal widmete er sich neben
seinen pädagogischen Arbeiten auch der Geographie. Einige bedeutsame Werke veröffentlicht
er auf diesem Gebiet der Wissenschaft. Er beschäftigte sich neben seiner Lehrertätigkeit mit
Hauswirtschaft sowie gärtnerischen und handwerklichen Tätigkeiten.
Nach 54 Jahren Schaffen am Schnepfenthaler Philanthropin verstarb J. Chr. F. GutsMuths im
Alter von fast achtzig Jahren. Sein Wunsch, in der freien Natur die letzte Ruhe zu finden,
wurde ihm gewährt. Auf der Schnepfenthaler Hardt, unweit vom Gymnastikplatz und dem
Grab Salzmanns, liegt er begraben.
3 Die ,,Gymnastik" der Philanthropen
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3 Die ,,Gymnastik" der Philanthropen
Um das Wesen der körperlichen Erziehung in Schnepfenthal zu betrachten, bedarf es zunächst
einen kleinen Diskurs um die zeitgenössischen Gedanken und Ideen.
Die Leibesübungen bezeichneten die Philanthropen als ,,Gymnastik", um zu verdeutlichen,
dass die Gymnastik in der Tradition der als vorbildlich erachteten griechischen Antiken
stehen soll. GutsMuths würdigt das klassische Altertum mit Worten wie - ,,Zwei große
Nationen [...] geben den gymnastischen Übungen ein Gewicht [...] Es waren die Römer und
besonders die Griechen. Vortreffliches Volk." (GutsMuths, S. 89). Die Antike galt im
19. Jahrhundert nicht nur für die körperliche Erziehung als Vorbild, sondern generell für
Bildung und Kultur und genoss hohes Ansehen bei den gebildeten und einflussreichsten
Schichten in Deutschland (Vgl. Grupe/Krüger 2007). Diese Bezeichnung erleichterte die
Anerkennung der ,,menschenfreundlichen" Erziehung im Sinne der Philanthropen. Deren
Auffassung war es, Menschen mit Hilfe und über körperliche Übungen und Spiele zu
erziehen. Anlehnend an die Ideen der Aufklärung bestand der Kern des philanthropischen
Erziehungskonzepts in der Vorstellung, dass die Erziehung ,,vernünftig" und ,,natürlich" sein
müsste. Es ist bezeichnend, dass die Philanthropen, so auch GutsMuths, wichtige
Bezugspunkte von Rousseau (1672-1747) übernahmen. Nach Auffassungen heutiger
Sportwissenschaftler, wie Krüger und Prohl, missverstanden die Reformpädagogen die
eigentlichen Absichten Rousseaus jedoch, indem sie die ,,rousseauistische natürliche
Individualerziehung" durch eine ,,vernünftig-natürliche Volkserziehung" für eine
Bürgergesellschaft versuchten umzusetzen (Vgl. 2004, 128f. & 2006, 29f.). Das Interesse der
philanthropischen Erziehung lag daher vorrangig in der Ausbildung und dem Erwerb von
nützlichen und lebenspraktischen Fertigkeiten. Ferner stand das philanthropische
Erziehungskonzept für praxisorientierte Umsetzung und gleichzeitig für die theoretische
Verbreitung in Wort und Schrift. Die Gymnastik sollte ein ganzheitliches, am Körper
ansetzendes Erziehungsprogramm beinhalten, dass sich auf die Ausbildung körperlicher
Fähigkeiten und Fertigkeiten bezieht. Erreichen wollten die Philanthropen damit, eine
Erziehung des ganzen Menschen einschließlich seiner charakterlichen Bildung. Parallel
verfolgte GutsMuths neben diesen materialen Erziehungszielen, wie Fertigkeitsvermittlung
und Berufsvorbereitung, auch formale Erziehungsaufgaben wie ,,körperliche
Geschicklichkeit, verbunden mit Mut und Unerschrockenheit" (GutsMuths, S. 111). Damit
orientiert sich GutsMuths auch an Zielen zur Entfaltung menschlicher, personaler Kräfte, die
ein gewisses ,,Selbstvertrauen" bewirken, um ,,sich bei Beleidigungen selbst zu helfen."
3 Die ,,Gymnastik" der Philanthropen
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(ebenda). Der Typ der schulischen Gymnastik wird daher von GutsMuths definiert als ,,Arbeit
im Gewande jugendlicher Freude" (GutsMuths, S. 160).
3.1 Die Gesundheitserziehung in Schnepfenthal
Salzmann war fest davon überzeugt, dass die ,,Seelen" seiner Zöglinge nur stark sein können,
wenn ihr Körper gesund, gekräftigt, gefestigt und geschickt ist. Er war gleichfalls bestrebt,
dass die Gesundheit der Zöglinge seiner Anstalt höchste Priorität einnimmt. Die geeigneten
Mittel zur Gesunderhaltung der Kinder sah er in einfacher Kost, gesunder Luft und reinem
Trinkwasser, in spartanischer Abhärtung sowie im Wechsel von geistiger Anspannung im
Unterricht und aktiver Erholung in der Freizeit (Vgl. Schröder 1996). Die laut GutsMuths
,,allmähliche Abhärtung des verweichlichten Leibes" (GutsMuths, S. 52) als Grundlage der
Persönlichkeitsbildung sollte mit körperlicher Erziehung kombiniert werden. Medizinische
Stütze und Empfehlungen erhielten Salzmann und GutsMuths von Johann Peter Frank oder
Christoph Wilhelm Hufeland, deren Worte sie in ihren Veröffentlichungen wiederholend
zitierten.
3.2 Die Gymnastik in Schnepfenthal
Als Lehrer bei Johann Bernhard Basedow
1
hatte Chr. G. Salzmann die Anfänge der
neuzeitlichen Gymnastik verfolgt und übernahm diese auch in seiner Erziehungsanstalt. Über
seine ersten Eindrücke der körperliche Erziehung am Philanthropin Schnepfenthal reflektiert
GutsMuths wie folgt:
,,Im Jahre 1785 betrat ich als Jüngling Schnepfenthal, da führte mich Salzmann auf einen
hübschen Platz mit den Worten: ,Hier ist unsere Gymnastik'. Auf diesem Plätzchen, am
Rande eines Eichenwäldchens, entwickelte sich nach und nach die deutsche Gymnastik. Hier
belustigten wir uns täglich mit fünf Übungen in ihren ersten ungeregelten Anfängen. Diese
stammten von Dessau, wo Salzmann zuvor gewesen [...]Ihre Bedeutung kannte ich."
(GutsMuths 1817, S. 7f.)
1
Gründer des Philanthropin in Dessau
3 Die ,,Gymnastik" der Philanthropen
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An der philanthropischen Anstalt in Schnepfenthal übernahm man folglich das Dessauer
Pentathlon
2
, bestehend aus Laufen, Springen, Werfen, Tragen sowie Balancieren und
Klettern. Körperübungen und Gesundheitserziehung nahmen bei Salzmann seit Bestehen
seiner Anstalt einen festen Platz im Tagesablauf der Schnepfenthaler Zöglinge ein. Die
Inhalte der gymnastischen Praxis bezeichnet Bernett als ,,merkwürdige Mischung aus
ritterlichen Exerzitien, bürgerlichen Fertigkeiten und nachgeahmten Übungen der
griechischen Gymnastik." (Bernett 1980, S. 199f.).
Die Anstalt in Schnepfenthal unterschied sich zu jener in Dessau insofern, dass sie mitten in
der Natur lag und somit bessere Möglichkeiten zum Betreiben von Körperübungen möglich
waren. Man nutzte folglich die Natur für Wanderungen und Läufe. Als Übungsplatz diente ein
mit Eichen bestandener Hügel. Der Gymnastik- und Turnplatz war 1786 mit Geräten wie dem
Voltigierbalken und den Hochsprungständern ausgestattet.
Ein wichtiger Aspekt bei der Erziehung der Zöglinge war der familiäre Charakter unter den
Lehrern und Zöglingen sowie der Grundsatz, dass Standesunterschiede keine Rolle spielen
durften. Dieses Prinzip verdeutlicht Salzmann mit der Auswahl seiner Zöglinge, die er in
seine Anstalt aufnahm. Durch ein gestaffeltes System wurde nach einer Prüfung das zu
bezahlende Schulgeld individuell an die Vermögensverhältnisse der Eltern angepasst.
Salzmanns Erziehungsanstalt nahm anfänglich sechs Zöglinge auf, die sich bereits 1791 auf
eine Anzahl von 64 Zöglingen vermehrten. Der Großteil der Jungen besuchte die Anstalt vier
Jahre lang im Alter zwischen 10 und 12 Jahren (Vgl. Lindner 2006). Unterrichtet wurde in
kleineren Gruppen, die nach dem Alter gestaffelt wurden. Ähnlich verlief auch die
Organisation des Gymnastikunterrichts. Alle Zöglinge übten zur gleichen Zeit in
altersgerechten Kleingruppen unter der Leitung des Erziehers.
Im Jahre 1786 übertrug Salzmann die körperliche Erziehung in Schnepfenthal J. Chr. F.
GutsMuths.
3.3 GutsMuths als Leibeserzieher in Schnepfenthal
Mit dem Wirken GutsMuths an der Erziehungsanstalt nahm die Gymnastik immer breiteren
Raum ein; sie wurde zur ,,Institution" (Vgl. Bernett 1993). Von nun an entstand in
Schnepfenthal ein Gymnastiksystem, ein Komplex von Körperübungen zur täglichen
Ertüchtigung. Die Leibesübungen waren fest im Stundenplan verankert und wurden täglich
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Fünf gymnastische Übungen - in Abwandlung des antiken Vorbildes
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